„Poppstar“ Ikkimel läutet wieder dermaßen ein …da springt hoffentlich endlich jede:r aus den Federn

IKKIMEL – DIE FRAU SCHWINGT NACKT IN DER GLOCKE

Die österreichische Künstlerin Florentina Holzinger gestaltet bei der diesjährigen Biennale in Venedig den Pavillon ihres Heimatlandes. Erste Stimmen dazu waren relativ früh zu hören, besonders die Herren der Schöpfung ließen es sich nicht nehmen, „Holzingers Planschtheater“ und ihre „unnötige Nacktheit“, Steuergeldverschwendung und pubertäre Provokation“ in Kritiken und Netzeinschätzungen durchzunudeln.

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Man konnte ihren Angstschweiß förmlich riechen. Es wird nämlich ernst. Sind die Zeiten, in denen der männliche Großkünstler und ausschließlich seine genialen Ideen das Maß aller Dinge waren endgültig vorbei? Müssen sich die welkenden Kulturkritiker und die Poschardts dieser Welt warm anziehen, angesichts der positiven, begeisterten, überwältigenden und emotionalen Reaktionen WELTWEIT auf die genreübergreifenden Werke Holzingers und ihrer Wirkmacht? Schon kocht so manchem (und auch der ein oder anderen missgünstigen/misstrauischen Frau) die Tinte im Füller, wird alles daran gesetzt, den Hype zu brechen, den Lauf runterzuschreiben. So ist es immer, so war es schon immer. Aber diesmal gibt es Gegenwehr. Auch hier. In diesem Text. Und die bezieht sich nicht nur auf Holzinger.

Das „Netz“ hat einen Vorteil: Es ist möglich, mitzubekommen, wie die Typen WIRKLICH über Frauen denken, die sich nicht vom männlichen Blick abhängig machen. Der Nachteil: Man muss sich deren Gelabere, deren Drohgebärden und deren Sexismus ständig durchlesen, anschauen und anhören. Es gibt buchstäblich kein Entkommen, wenn man soziale Medien nutzen will.
Was man ja will. Macht ja auch Spaß.

Nun ist es so: Man bekommt das, was an misogynen Ideen, sexuellen Gewaltfantasien und Superioritätsannahmen von Generation zu Generation durch- und weitergereicht wurde nur schwer wieder weg. So manche Schwester belässt es daher aus Bequemlichkeitsgründen gerne beim Augenrollen. Ich habe das hier und da sicher auch getan.

Welche Möglichkeiten bleiben also, um dieses toxische Spiel zu unterbrechen? Was kann die Kunst entfalten, um Kraft zu spenden, zu empowern, Gegenrede und auch Gegenaggression anzustoßen? Holzinger zeigt, was ein nackter weiblicher Körper, der sich (im Fall ihrer aktuellen Werke in Venedig geht es nebenbei auch um nichts weniger als die Zerstörung unseres Planeten) in Scheiße wälzt, vermag, wenn er sich nicht gefällig und begehrbar zur Schau stellt, sondern kraftvoll, beschädigt, entsexualisiert und unbesiegbar. Er lässt bei Holzinger die Geilheit auf ihn nicht zu, entzieht sich jeder Grabsch- und Übergriffigkeit. Wie sich zeigt: Nicht jede:r hält das aus.

Richtungswechsel, Zeitenwende in Sicht? Trotzdem?

Umgekehrte Mittel funktionieren aber auch. Die Musikerin Ikkimel zeigt das spätestens seit ihrem Album „Fotze“ aus dem Jahr 2025. Ihr Ansatz ist ein anderer, aber er zahlt auf das gleiche Widerstandskonto ein.

Mit ihrem neuen Werk „Poppstar“ knüpft sie genau dort an, wo sie kurz aufgehört hat (ein Erholungsurlaub musste zwischendurch sein) und antwortet in mehreren Tracks auf die Reaktionen, die ihr Erstling in den Medien und bei den Bubis und Papis dieser Republik ausgelöst haben. Dabei setzt sie ihren Körper auf andere Weise ein als Holzinger. Sie weckt bewusst, unterstützt durch hottes Styling und ihre starke Anziehungskraft durch körperliche Schönheit,
Begehrlichkeiten, die sie zurückspielt und NICHT befriedigt. Die Message: Es mag ja sein, dass du mich geil findest, aber tritt doch mal kurz aus dir selbst heraus, betrachte dich von außen und frage dich, ob du zu diesem Buffet wirklich eingeladen bist. Zugreifen ist erst, wenn man dich an den Tisch bittet. Dafür musst du jemand sein, den ICH gut finde. Und vielleicht bekommst du hier auch heute nichts. Dann frage dich, warum, und ändere im Zweifel sowohl Verhalten als auch deine falsche Selbsteinschätzung. Ikkimels Jugend, ihre Auftakelung, ihre Hotness sind Macht und Spiegel zugleich. Sie muss ihren Körper nicht herausfordern oder ihm weh tun um die seelischen Wunden zu zeigen und zu heilen- sie als behauptete, sich selbst ermächtigende Figur ist ihr eigenes Pflaster, ihre eigene Wundsalbe.

Gehen wir einige Stücke des Albums doch mal durch.

1. WAS JETZT

Melina Gaby Strauß, aka Ikkimel, hat es wieder getan.
Sie flüchtet sich für das neue Album nicht in Selbstneuerfindung oder einen musikalischen Shift, sondern macht da weiter, wo sie vor einem Jahr mit „Fotze“ aufgehört hat. An den aufgerissenen Shitholes des Patriarchats nämlich, am Spiegelvorhalten, am Umdrehen jahrhunderteralter Pseudo-Gewissheiten und am aggressiven Ausagieren aufgestauter, glühender Wut auf Dudes aus der Hölle, auf ihr, auf unser aller normales Umfeld nämlich. Mitunter. Ich mache manchmal vielleicht ein zu großes Fass auf, das ahne ich natürlich. Aber: viel hilft viel!

In „Was jetzt“ geht Ikki direkt auf Abwertungskommentare, auch aus ihrem privaten Umfeld übrigens, ein. Etliche trauten ihr den Durchbruch nicht recht zu. Es kam anders. Hier wird Genugtuung zelebriert und genüßlich aufgezählt, was der Erfolg so mit sich bringt:„Modemagazine, fette Werbedeale. Geld schmeckt und ich werd noch ganz fett“. Naja …
Auch ihr Ex bekommt sein Fett weg: „Kein Happy End“. Und: „Das Internet vergisst nicht und glaub’ mir Bitch- ich auch nicht. Erst haben sie schlecht geredet und dann wollen sie zu meinem Auftritt!“.
Auch immer ungern genommen: Dass Väter von zwei oder mehr Kindern im Netz kommentieren, Ikkimel sei so häßlich, dass „da“ ja wohl jeder mal „randürfe“, ist in sich unlogisch und spricht für Kleinschwänzigkeit. Wenn Schniepelpapas das Maul aufreißen, kommt selten etwas Gescheites dabei rum. Auch davon erzählt dieser Track. Auch diese Form von verzweifleltem Hasskommentieren in nächtlichen Hobbykellern, während sich die Frau schon mal hingelegt hat, weil sie nachts stillen muss, wird textlich exponiert.

2. FACESITTING

„Facesitting doggy jetzt wird Arschloch geleckt. Schwing dein Hinterteil für mich cause I like sexy backs“.
Ikkimel geht all in. Sie lässt durchlaufen, kreiert ein Szenario von Unterwerfung und Unterwürfigkeit. Das Hinterteil diente speziell im US-HipHop, gerade auch an der Westküste in den 90ern, ja immer schon als Wunschkomponente feuchter Träume klunkerbehangener Baggyhosenträger. Vielleicht, weil es eine natürliche Scheu davor gab/gibt, das jeweilige Gesicht könne während des Aktes Bände sprechen? Brächte Emotionen zum Ausdruck, die der eigenen Lustwelle die Kraft nehmen könnten? Die dem Silberrücken aus dem Nichts heraus einen Moment der Verwirrung und Verblüffung bescherten? Der reine Körper, das sich Bücken…All das hat natürlich hier und da seinen Reiz, aber ohne Consent bleibt im Zweifel lediglich Abwertung und Objektifizierung übrig.
„Nimm dir ein Taschentuch und wichs rein. Mach mir meine Füße mit nem Bimsstein“. Hahaha.
Ikkis Reime sind Schweine.
Am besten: „Mach mir keinen auf Moralapostel, ich will oral im Hostel“.
Und zum Schluss: „Wenn du Nagellack trägst, ist das auch sehr schön für dich, aber für mich heißt das trotzdem, dass ich nicht mit dir fick’“.
Es hilft nichts. Fröhliche Dominanz ist hier einfach Queen. Sobald sich jemand ranwanzen, reintricksen will, lässt Ikki die Tür mit Karacho zufallen. Schuß mit der Verarsche.

3. SCHERE

Als logische Konsequenz aus all dem zu Beginn Erzählten, wäre lesbischer Sex eine Option. Ausprobiert. Für gut befunden, sagt Ikki. In diesem Track ist das natürlich nur eine Behauptung, aber in künstlerischer Hinsicht ein schlüssiges Gedankenspiel.
„Schere, Schere, Muschi reiben, Millionen Schwänze doch wir mögen keinen. Lecken, reiben, Nippeltwist- bisher haben wir kein Schwanz vermisst“.
Ikkimels Androhung, wenn sich die Dinge zwischen Heteros im Bereich „auf Augenhöhe“ nicht flugs verbesserten, kämen nur noch Scissor Sisters im Bett in Frage, ist allerdings etwas wackelig. Die sexuelle Präferenz nur aus Rachegründen zu ändern, ist sicher noch niemandem gelungen. Aber ist ja auch nur Spaß … Und sei’s drum. Möglichkeiten, Ideen werden durchgespielt, formuliert und beschrieben.
Dass sich der von dessen Trägern so hochverehrte Schwanz im besten Fall als entbehrlich für die weibliche Lust erweisen könnte, ist sicher eine Urangst stolz Erigierter. Jaja, natürlich- wenn man mal Kinder haben möchte… Will Ikki aber im Moment nicht. Wie bereits in „Facesitting“ formuliert:
„Ich sag, ich will keine Kinder, also komm in mein Mund. Will ich mich um jemand kümmern, hole ich mir nen Hund“.

4. NOT TODAY

„Die Tragen meine Taschen und deshalb die langen Wege“
Mal zeigen, wo der Hase mittlerweile langläuft.
Auch in Ikkis Metier gibt es Typen, die immer noch behaupten, ihr Erfolg sei auf Girlig- und Niedlichkeit zurückzuführen und habe daher keine Substanz. JA, musikalisch ist tatsächlich nichts wirklich innovativ an Ikki. Aber egal. Denn die Beats, die Soundflächen bilden für sie das gebutterte Backblech, auf dem die köstlichen Textkartoffelspalten vor sich hin rösten, bis sie knusprig sind. Und die Tracks gehen ab. Sie funktionieren life, ballern sich via Bass und Elektrokirmeshaftigkeit selber raus, ohne dabei dauernd Hyper, Hyper zu brüllen. Das hat etwas sehr Kraftvolles. So wollen wir das haben!

Arbeitet Ikki zu viel? Sollte sie sich schonen, damit wieder mehr Raum ist für was weiß ich wen?
Für Ski Aggu gar? Nö.
„Ich bin weit weg vom Burn Out, in 3 Jahren hab ich mehr geschafft als sie. Auf der Mauer, auf der Lauer liegt ne kleine Wanze- sie nennen mich Schlampe, ich nenn mich Genie!“

5. TIPPS VON MIR

Hier werden der nachfolgenden Generation und den weiblichen Fans allgemein Tipps an die Hand gegeben, wie man „eine Baddie wird“.
„Regel Nummer 1: Fotos immer editiert“.
„Sonnenbank und Gucci, Prada für den Flavour. Gut kommt auch ein Studium an der Universität“.
Dem ist nicht hinzuzufügen, Ikkimel weiß, wovon sie spricht. Sie ist Linguistin, arbeitete nach dem Bachelor ab 2018 im Labor für Gehirn- und Sprachforschung der Freien Universität Berlin. Ihren Master brach sie ab, weil ihre Karriere losging.

6. GIFTMORD

Femizide, ihre schiere Anzahl gerade auch in Deutschland, wird erst seit Kurzem ernsthaft thematisiert. Auch Gewalt in Beziehungen, die nunmal in erster Linie von Männern ausgeht.
Und die fühlen sich immer dann besonders sicher, wenn sie ahnen, dass ihre Partnerin aus Scham, wirtschaftlicher Angst, Sorge um die Kinder bleibt. Schweigt. Morde an Partnerinnen kommen oft durch ein unbearbeitetes Kränkungserleben zustande- sich zu trennen, kann ein Risiko ein, viele Frauen haben für diese Entscheidung bereits mit ihrem Leben bezahlt. Gerade auch Migrantinnen.

Ganz gut untersucht ist aber tatsächlich auch, wie Frauen morden. Ich will das nicht schönreden und immer nur bloße Notwehr unterstellen, aber die verbale herabwürdigende Gewalt gegen Frauen, die sich im deutschen und internationalen HipHop oft Bahn bricht, hat Ikki mit diesem Track genüsslich kommentiert und offengelegt. Und das Verbalisieren vom „an die Kandarre nehmen“ der Alten, die sich gefälligst mal zusammenreissen soll, hat in bestimmten Männerkreisen sicher etwas Uriges, Kumpeliges an sich. Vorsichtig formuliert. Dominanzwillen, in Wortbeton gegossen, kann aber unter Umständen zu unschönen Affekten führen …Erst das Wort, dann die Tat.

Mit „Giftmord“ stellt Ikki aufenzwinkernd, wie im Schlager der 20er Jahre, den leisen, unauffälligen Mord in den Mittelpunkt. Den stillen, weiblichen. Den mit Gift oder so.
„Ich bleib ruhig und merk mir seine Allergie, Babe. Dann misch ich ihm ne Erdnuss unter seinen Proteinshake“. Eine Entlastungsfantasie. Ein Cocktail aus Unsicherheit, Zweifel und Skepsis, von dem der Lebenspartner ruhig mal kosten sollte, bevor ihm die Hand ausrutscht.

7. COUNTRY GIRL

Ein Countrysong in Truck Stop-Manier zum Schluss.
„Ihr Kleid wehte im Wind, der Korn war frisch gebraut, die Luft roch nach Freiheit“.
Hier zeigt sich Ikkimel als Geschichtenerzählerin (und hervorragende Sängerin!).
Holly, eine blonde Schönheit wird in ihrem Dorf verehrt. Jeder ist in sie verknallt. Weil sie lustig und hübsch ist. Und gescheit. Aber was macht sie? Sie brüllt FREEDOM und haut ab. Keinen Bock auf Pampa. Ihr Leben soll mehr anbieten als Billy oder Joe und ein kleines Häuschen mit Kindern drin. Weg hier, bloß weg. Zurück bleiben traurige, jammernde Boys. Das Ganze erinnert mich an die nachvollziehbare Abwanderung ganzer Scharen gut ausgebildeter Frauen aus der ostdeutschen Provinz. Bloß, dass da dann Ronni und Rico, Maik und Sandro zurückbleiben. Die dann, jaja, nennt mich polemisch, AfD wählen, weil die Ausländer ihnen Frauen und Jobs klauen.

Ey, Ikkimel.
Du hast echt was richtig gemacht. Du stehst politisch auf der richtigen Seite.
Du kümmerst dich.
Mama Ikki. Ich will mal danke sagen. Für den frischen Wind. Die Fotzigkeit. Dafür, dass du so viel gut wegsteckst (hoffentlich) und weglächelst.
Wenn du in den nächsten Monaten mal in Venedig bist, schau doch bei Florentina vorbei.
Gib ein Konzert vorm Pavillon.
Fahre mit dem Speedboot darin herum.
Ich werde auch da sein.
Ich schwöre, dann steige ich nackt mit euch zusammen in den Pool aus Scheiße und wälze mich darin herum zu deinen Lines.
Ist mir egal, was die Leute sagen.
Und ich sage das als eine Frau, die ihre Mutter sein könnte.

 

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