K-HAND: Memento Mori – ein persönlicher Nachruf von Claus Bachor

K-Hand: „Music that never surrenders“

K-HAND, Köln, irgendwann in den 1990er Jahren (Photo: Claus Bachor)


Einen „Nachruf“ zu verfassen ist nie eine angenehme Sache. Wenn sich nun diese Aufgabe in Corona-Zeiten vermehrt für DJ-Kolleg:innen stellt, muss man sich noch mehr als sonst dazu überwinden und lässt es sich nicht vermeiden, dass diese von einem unterschwelligen Hang zur Morbidität geprägt sind. 

 

In den vergangenen, pandemisch lähmenden 16 Monaten sind viel zu viele, mir oft auch persönlich bekannte und bedeutende Protagonist:innen der elektronischen Musik verstorben, die Liste reicht von Andrew Weatherall über Gabi Delgado, Mike Huckaby, Pascal Feos, Mory Kante, Tony Allen, Someoneelse, Elbee Bad, Michel Baumann (Jackmate) bis zuletzt Paul Johnson – und auch außerhalb unserer Szene sind viele Musiker:innen direkt oder indirekt im Zusammenhang mit Covid-19 von uns gegangen sind, beispielsweise Chick Corea, Bill Withers, Hamilton Bohannon, Manu Dibango und Little Richard . Ein kleiner Trost: die meisten von ihnen lebten und „leben“ – frei nach Balzac–  intensiv in der Wirklichkeit, und leben nun in der Erinnerung ihrer Fans und Freunde „4vr and one day“ weiter.

In die Reihe der viel zu früh verstorbenen Musiker:innen hat sich tragischerweise am 3. August Kelli Maria Hand – besser bekannt als K-Hand – mit ihrem völlig unerwarteten Tod eingereiht – und dabei hinsichtlich ihrer Todesursache Fragezeichen der Erschütterung hinterlassen. Wobei das zum Wesen von Kelli passt, sie hat schon immer eine Aura des Geheimnisvollen umgeben. Gerade für uns, die wir nicht selbst am Ort des Geschehens in der Motor City Detroit lebten. Kelli gehörte mit Mike Banks, Robert Hood und Jeff Mills zu den wichtigsten Vertreter:innen der sogenannten „2nd wave“ Detroiter Techno Produzent:innen, die ab Beginn der Neunziger Jahre vehement auf die Club-Floore drängte.

Ich erinnere mich noch sehr lebhaft, wie ihr „Global Warning (theee Underground)“ Track das bis dahin eher Rock, Grunge, Gothic und Indie-pop lastige Bonner Ballhaus im Rahmen unserer Psycho Thrill Clubnacht in seinen Grundfesten erdbebengleich erschüttern ließ – während sich die tapferen Raverlein im üblich heftigen Stroboskop Gewitter trotz intensiver Nebelfluid Schwaden nach besten Kräften die E-fühlenden Seelen gleichzeitig aus Körper und Geist tanzten und schrien. Schon damals strahlte dieser Track – ebenso wie das nicht weniger düstere „Edgewater“ auf der Flipside der 12-Inch (WARP UK 1994) – eine gewisse Form an zwanghaft dystopischer Atmosphäre aus, die sich eher als unheilvolle Vorahnung denn als akut wirkende Kraft des Bösen zu erkennen geben wollte. Ein lang nachwirkendes Donnergrollen der besonderen Art, das nur wenigen Tracks zu eigen wird.

Zu diesem Zeitpunkt war K-Hand zwar schon keine Newcomerin mehr und bereits als Etat Solide und Rhythm Formation (mit Claude Young) über Detroit Labels wie UK House und Acacia auffällig geworden, doch wusste man nicht viel mehr über die Person hinter den Aliasen. Man darf nicht vergessen, in jenen Internet-losen Tagen konnte man die eigene Informationssehnsucht noch nicht in Sekunden-Klick-Bruchteilen befriedigen, es bedurfte noch intensiver Recherchen – in meiner Fall via die CUT-Magazin Redaktions-Kontakte und ein extrem teures transatlantisches Ferngespräch mit der ebenfalls viel zu früh verstorbenen Chicago Acid- und House-Legende Armando Gallop (Warehouse/ Muzique Rec.).
Die erste wichtige Erkenntnis: Bei K-Hand handelt es sich um eine Frau! Das war insofern bemerkenswert, als dass sie damit die erste weibliche Technoprotagonistin war – und gleich eine, die nicht nur produzierte und auflegte, sondern auch noch ein eigens Label betrieb und ihre Platten auf Vinyl bei Archers in Detroit pressen ließ, und so das Männer dominierte Techno Business aufzumischen begann.

Alle weiteren noch offenen Fragen an K-Hand konnte ich dann selbst klären, da sie mir Anfang 1996  über einen Berliner !K7-Label-Kontakt für ein CUT-Interview in Köln plus Gig bei unserem damals wöchentlich stattfindenden 42dp Club-Allnighter angeboten wurde. Mein Erstaunen als ich ihr beim obligatorischen Abendessen vor der Clubnacht in einem Restaurant am Kölner Hohenstaufenring „eye-2-eye“ gegenübersaß hätte nicht größer sein können, denn Kely Hunt, wie sie sich zu jener Zeit nannte, war von ihrem Auftreten her alles andere als die im Vorfeld erwartete, dominant beeindruckende DJ- und Producer-Persönlichkeit, sondern eine sehr mädchenhafte, jungendliche und äußerst schüchterne Person. Ihr verschmitzt-freundliches Lachen war ein echter Icebreaker, sie war „warm hearted“, wie man in den Staaten gerne sagt. Ein Prädikat, das man in unserem schnelllebigen Geschäft leider viel zu selten antrifft. Im Gespräch selbst drehte sich natürlich alles um House und Techno und Acid – und sehr zentral um die Frage, wo sie sich als junge Produzentin und Dj soundtechnisch verortet sieht. Denn an Referenzen und Bezugsorten kam bei Kelli damals trotz des jungen Alters schon viel zusammen. Ob Larry Levan in der Paradise Garage in New York oder Ron Hardy in der Music Box in Chicago oder eben in ihrer Hometown Detroit Ken Collier im Heaven, sie hatte sie alle, neben weiteren Ikonen wie Loleatta Holloway oder Grace Jones, bereits persönlich erlebt. Wofür wir sie an diesem Abend – ergriffen von soviel geballter Disco-Glory-Historie – im Stillen natürlich inbrünstig beneideten.

Ken Collier war für Kelli – wie für so viele andere Künstler:innen der ersten und zweiten „Techno Wave“ in Detroit – ein väterlichen Mentor. Er verhalf ihr früh zu einer DJ Residency im Zippers, brachte sie als Produzentin auf eine neue Spur – damals arbeite sie noch mit einem minimalistischen Setup aus Mixer, Synthesizer, Keyboard, Atari sowie ihrer geliebten Roland R-8 Drum-Maschine –und veranlasste sie mit UK House ihr erstes eigenes Label zu gründen. Was dazu führte, dass sie zwar gerne die Ratschläge von Mike Banks, Robert Hood, Jeff Mills und Mike „Agent X“ Clark bei der Produktion für ihren ersten Release „Think About It“ annahm, doch das darauf folgende Angebot, die Platte auf Underground Resistance zu veröffentlichen, mal eben höflich ausschlug. Es war ein Statement, dass sie ihr Debüt auf ihrem eigenen Imprint veröffentlichte, das zeugte von ihrer künstlerischen Eigenständigkeit – was sicherlich nicht allen in Detroit damals gefiel.

Aus UK House wurde nach zwei weiteren Etat Solide Releases (der Name ist zurückzuführen auf einen ihrer Spitznamen) ACACIA Records, benannt nach der Straße in Detroit, in der Kelli aufgewachsen war – und passenderweise mit dem Untertitel „Music From A well Known Place“ versehen. Weitere Releases wie „Not Giving Up“ und „Everybody“ sowie die frühen Code3 Produktion von Sean Deason sollte das Label schnell bei Underground Addicts nachhaltig bekannt machen. Es waren jedoch die Outer-Detroit Veröffentlichungen auf WARP Records und !K7, die Kelli als Künstlerin über den Dunstkreis ihrer Heimatstadt hinaus zum wirklichen Durchbruch verhalfen – auch das nicht ohne Zuhause in Detroit bei einigen Leuten Neidgefühle auszulösen, wie sie uns damals im Gespräch offenbarte.

„Dieser Neid“ war auch Jahre später – K-Hand war längst über weitere Releases auf Tresor, Loriz Sounds, Global Cuts, Ausfahrt, Loveslap, Radikal Fear und viele weitere wichtige Labels völlig im internationalen DJ-Zirkus etabliert – ein präsentes Thema in unserer Gesprächen. Ich erinnere mich sehr lebhaft an ein Abendessen Ende der 2000er Jahre in einem schicken Detroiter Yuppie-Burger-Diner, nicht weit entfernt von der mittlerweile leider nicht mehr existierenden Detroit-Club-Legende THE WORKS. Ein denkwürdiger Abend, an dem wir einmal ohne Zeitdruck und so nicht von vornherein geplant über Dinge sprechen konnten, die sonst im ewigen „rush and ride“ des DJ-Business viel zu häufig völlig untergehen, wo man sich in den kurzen Begegnungsmomenten zwischen Anreise, Gig, Abrechnung, Hotel und Abreise oft nur oberflächlich nah kommt.

Ihre jugendliche Unbefangenheit war zu diesem Zeitpunkt längst verblasst, das Technobiz hatte seine Spuren hinterlassen. Dass sie sich einen Schutzschild aufgebaut hatte, war, da machte sie keinen Hehl draus, auf die Nicklichkeiten im Tagesgeschäft von Kolleg:innen-Seite zurückzuführen. Sie benutze höflich die Zuschreibung „Behinderungen“ dafür und attestierte der Szene eine Neigung zur Doppel-Gesichtigkeit und fehlende Sensibilität für die Einzelschicksale der Künstler:innen. Was Kelli jedoch nicht davon abhielt, sich selbst treu zu bleiben, sie verbitterte nicht – und sie verzettelte sich auch nicht im eigenen Handeln, sondern setzte weiterhin und gegen alle Widerstände „step by step“ ihre Ziele konsequent um und generierte mit ihrem Label einen mächtigen Katalog, nicht zuletzt, da sie das Potential des digitalen Marktes früh erkannte und nutzte. Zu Recht recht trug Kelli den Titel „1st Lady Of Detroit“ und galt als a„Grand Dame des Techno“.

Wir sprachen an diesem Abend in Detroit auch über jene Art von Beschädigungen, die man ebenfalls unweigerlich im DJ-Dasein erleiden kann, die aber oft im Gespräch unter Kolleg:innen ausgeblendet werden, da sie als ein „Zeichen von Schwäche“ angesehen werden. Ich selber hatte beispielsweise zu jener Zeit zwei Burnouts hinter mir, dazu daraus ableitend eine mich bis heute verfolgende Autoimmun-Erkrankung. Kelli berichtete mir damals von ihrer  frisch diagnostizierte Diabetes im Zusammenhang mit einem metabolischen Syndrom. Gerade jetzt, im Angesicht ihres Todes, muss ich oft an diese bewegende Begegnung denken.

Der Detroiter Produzent und Soiree Rec.Int. Labelbetreiber Derrick Thompson nennt Kelli in seinem Nachruf zärtlich eine „SISTA from another mother“ und transportiert damit ein Gefühl, das Kelli bei vielen Menschen ausgelöst hat. „Kelli Hand, gone much too soon. But her music and legacy will reverberate through time and space. And she will forever remain a positive influence on the many she has touched through her spirit.“
„Memento Mori“. Wir alle werden älter und die sogenannten „Einschläge“ kommen zwangsläufig näher – auch unabhängig von Corona.

Während dieser Text entsteht, macht die News die Runde, dass laut Uno-Weltklimabericht die kritische Schwelle der Erderwärmung schon 2030 gerissen werden könnte. Da ist es wieder, dieses spezielle Gefühl: „This Is A Global Warning“.
Ich möchte meinen sehr persönlichen Nachruf aber mit zwei anderen K-Hand Club-Classiques ausklingen lassen:
„Candle Lights“ und „Remember When“, wie sagt man in Detroit so schön: „Music that never surrenders“.

 

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