Freitag, 20.09.2019
Kaput Revisited – Phillip Sollmann (aka Efdemin) über eine New York Reise der besonderen Art

We Are Family? Timbaland and Magoo


Oder: Wie soll man in Zeiten des Krieges über Hiphop schreiben?
In unserer “Kaput Revisited”-Reihe präsentieren wir heute einen Beitrag von Phillip Sollmann, der ursprünglich 2001 in der Musikzeitung Intro publiziert wurde.

 

Seit Montag, 8. Oktober 2001, 18.27h, herrscht Krieg. Bomben und Food-Kits werden über einem der ärmsten Länder der Welt abgeworfen. Ein “feiger Akt” wird mit feigen Angriffen bei Nacht beantwortet. Die Empörung über die Verbrechen, die am 11. September in New York und Washington verübt wurden, wird benutzt, um nun selbst neue Verbrechen zu begehen. Opfer der Zivilbevölkerung Afghanistans und der weiteren Ziele werden, wie neuerdings so beliebt, am Ende als Kollateralschäden ausgewiesen. Kanzler Schröder spricht von der völligen Solidarität der Deutschen.

We are family, oder was? Das imperialistische Amerika und seine Handlanger in Europa und dem Nahen Osten haben sich für die Fortsetzung ihrer bisherigen Politik, die mit medialer Propaganda auf allen Kanälen inszeniert wird, entschieden. Ein Nachdenken über die Rolle, die diese Supermacht wirtschaftlich und militärisch spielt, ist unmöglich geworden. Die Spirale der Gewalt dreht sich nun noch ein wenig schneller. Während draußen gebombt wird, flimmert drinnen der grüne Screen, der in seiner Schönheit eher an eine Videoinstallation denn an Bomben über Kabul denken lässt. Tote, die es eigentlich gar nicht geben soll, sind stumme Zahlen, keine Bilder. In unserem schönen Deutschland sieht es auch nicht besser aus. Während sich Schröder, Scharping und Fischer außenpolitisch outen, bricht staatsintern der Überwachungsstaat über uns herein. Schily und Schill rufen das schärfste Sicherheitsprogramm seit dem “Deutschen Herbst” aus.

Wovor fürchten wir uns in Zukunft mehr: vor staatlicher Repression oder vor terroristischen Attacken? Der vermeintliche Drahtzieher der Anschläge Bin Laden kündigt in seinem bei Kriegsbeginn ausgestrahlten Video an, die USA könnten von Sicherheit von nun an nur noch träumen. Wir auch? Die Welt scheint in einen Kreislauf aus Angst, Hass, Aggression und Finanzkrise zu stürzen. Die Realität scheint unter einem Schleier zu liegen.

Die Welt fällt in eine archaische Periode zurück. George W. Bush spricht von Vergeltung und Rache der “zivilisierten Welt”, während er unter dem Tisch Todesurteile unterzeichnet. “Brot und Bomben” titelt das Abendblatt, und man fühlt sich an “Gewehr und Bibel” erinnert. Wie schon im Kosovo-Krieg scheint die Nato diese Chance zum Einsatz freudig zu begrüßen, schließlich kann man sich so nach dem Wegfall der eigentlichen Aufgabe mit Ende des Kalten Krieges erneut als Weltpolizei legitimieren. Außer der PDS, die als Bundestagspartei von der Information schon teilweise ausgeschlossen wird, übt keine politische Kraft daran Kritik.

Wie Slavoj Zizek so recht in der Zeit bemerkt, werfe der sogenannte Krieg “zwischen der ‘freien Welt’ und den Mächten der Finsternis” die Frage auf: “Wer gehört dann zur ‘unfreien’ Welt? Sind beispielsweise China oder Ägypten Teil dieser freien Welt? Die Botschaft ist natürlich, dass die alte Teilung zwischen den demokratischen Ländern des Westens und allen anderen erneuert wird.” Die Stigmatisierung und Brandmarkung des Islam hat an allen Fronten begonnen und geht auf, wenn nicht nur Afganisthan selbst in völliges Chaos, sondern auch die Nachbar-Staaten wie Pakistan, Usbekistan oder der Iran gestürzt werden.

In dieser Situation soll man also über ein HipHop-Album schreiben? Damn it. Angesichts der Ereignisse zwängt sich die Frage auf, wie die Protagonisten des HipHop in Amerika mit den Geschehnissen sowie deren außen- wie innenpolitischen Konsequenzen umgehen. Mögliche Kritik am Vorgehen der Regierung G.W. Bushs wird überlagert von der omnipräsenten Trauer in N.Y. und anderen Teilen der Staaten angesichts von 6000 Toten.

Wie zu erwarten, wirken sich die Anschläge stark auf das musikalische Geschehen aus. Konzerte US-amerikanischer Acts in Europa und dem Rest der Welt wurden vielfach gestrichen, Veröffentlichungstermine verschoben, Interviews abgesagt. Ob nun tatsächlich aus Betroffenheit oder aber marktstrategischen Überlegungen, der amerikanische Musikmarkt wird jedenfalls in den nächsten Wochen und Monaten von einer schier unübersehbaren Flut von Trauer- und Benefit-Songs überschwemmt werden.

Bisher mit dabei: Dr. Dre & Timbaland (“Chairman Of The Boards”) mitsamt Gefolgschaft, P. Diddy, Kurupt, Tha Liks, Tha Eastsidaz, Nate Dogg, Fredwreck, 7A3 feat. Bronxstyle Bob, Bas-1 und andere, Benefit-Shows werden unter anderen von Talib Kweli, Boots, The Coup, Michael Franti oder Dead Prez erwartet. Jay-Z verschob seine “Blueprint Lounge”-Tour und kündigte an, von jedem verkauften Ticket einen Dollar an die New Yorker Feuerwehr spenden zu wollen. Prompt wurde er von Snoop Dog, derzeit auf US- und neuerdings auch auf “Rote Kreuz”-Tour, mit zwei Dollar pro Ticket für ebenjene Organisation überboten, die bald auch in Afghanistan an die Arbeit gehen muss.

Von einer ganz anderen Seite nähert sich Dr. Dre den Problemen mit seiner angekündigten Anti-Bin-Laden-Hymne, in deren Produktion er bereits eine Million Dollar investiert haben will. Nach den im Netz zu findenden Aussagen wird der Song die Power ehemaliger NWA-Tage transportieren. Aus “Straight Outta Compton” wird so “Straight Outta America”, denn schon jetzt sieht man den Superproducer mit einem T-Shirt, das auf dem Hintergrund der amerikanischen Flagge die vielsagende Losung “America 4 Life” feilbietet. Der sollte sich mal mit Noam Chomsky treffen.

Er wird sich aber wohl eher, nachdem er sein Napster-Internet-Trauma überwunden hat, mit dem deutschen Web-Multi Kim Schmitz von Kimble.org zusammentun, der kürzlich zum großen “Yihat” ausrief. Der ehemalige Hacker setzt zehn Millionen Dollar zur Ergreifung Bin Ladens aus. Dres Song könnte zum freien Download auf dessen Seite angeboten werden, um die Hacker, die sich beim Lahmlegen der Taliban-Homepage gegenseitig blockieren, in Stimmung zu bringen. Mit Musik zieht es sich eben besser in den Krieg. Das hat sich wohl auch Geri Halliwell gedacht, die zur Motivation der Truppe erst mal halbnackt ein “Konzert” für die in Oman stationierten britischen Soldaten gab, die tapfer ihre Bomben abgeworfen hatten …

Back to HipHop: In direkter Opposition zur hegemonialen Haltung des ehemaligen Dissidenten Dre steht die Underground-Crew The Coup, die ihr bereits im Druck befindliches Cover der aktuellen LP “Party Music” auf dem Label 75Ark (u. a. Deltron, Dan The Automator) zurückziehen musste, weil es dummerweise das World Trade Center in einer nun real gewordenen Fiktion zeigte: zerbombt.

The Coup sind als anti-amerikanisch einzustufen und stellen einen verschwindend kleinen kritischen Pol innerhalb der Szene dar. Rapper Boots bemerkte zu den Anschlägen und den Aktionen der Regierung: “The Coup urges you to recognize all acts of terror, and to realize that bombing Afghanistan or any other country will not address the root of this problem. It will simply cause the loss of more innocent lives.” Und was Dres T-Shirt anbetrifft: “We do not support and have no respect for the American flag. It stands for oppression, exploitation, slavery and murder. Which means if you’re down with hiphop, don’t wave one. Hiphop represents people fighting for freedom and justice. The American flag does not.”

Was uns direkt zu Chuck D führt, der mit Public Enemy einst das CNN für Schwarze ins Leben rief und nach wie vor zu den wenigen reflektierten Köpfen im Business gehört. Mista Chuck verurteilt die Anschläge der Extremisten genauso scharf wie die Entscheidungen und die außenpolitische Ignoranz von Präsident Bush und dem Rest der 50Pluswhitemen der Regierung. Als heuchlerisch entlarvt er die neuerliche Solidarität der Amerikaner, die sich plötzlich in den Armen lägen, solange nur keiner darunter sei, der arabisch anmute. Des weiteren verweist er auf die Geschichte amerikanischer Politik in Zeiten der Rede von der “freien Welt”: “Ignoring calls for reparations, only endorses a past of slavery, KKK, Cointelpro, Japanese WW2 concentration camps etc. that have been hosted here in the same land of the free everyone’s talking about.”

Während auf der Trauerfeier im N.Y. Yankee Stadium vor kurzem zum ersten Mal die afroamerikanische National-Hymne angestimmt und via CNN ins ganze Land ausgestrahlt wurde, erschießen durch anti-islamische Propaganda aufgehetzte Vollidioten einen Inder und verwüsten islamische Einrichtungen. Nicht nur Chuck D ist sich der Tragweite der Ereignisse auf ethnischer Ebene bewusst. Spike Lee trommelte dieser Tage mehr als 100 Sänger, Tänzer und Schauspieler zusammen, um den Song “We Are Family” in großer Runde zu reinterpretieren. Im Gegensatz zur Masse von Benefit-Aktionen soll der Erlös aus den Einnahmen der Single laut Nachrichtenmagazin Spiegel jedoch nicht den Opfern der WTC-Katastrophe, sondern “Organisationen, die Minoritäten gegen rassistische Angriffe verteidigen”, zugute kommen.

Im belgischen Radio sind Anfang Oktober zwei Gründungsmitglieder des legendären Brooklyner HipHop-Stores Beat Street zu Gast. Auf die Frage des Moderators, wie sich die Anschläge in Manhattan auf das Leben in der HipHop-Welt ausgewirkt hätten, erklären sie, dass sich alles schlagartig verändert habe. Tatsächlich habe der Anschlag direkten Einfluss auf viele Projekte, die nun erst einmal auf Eis gelegt worden seien. Erstaunlich viele Firmen seien auf die ein oder andere Weise direkt mit dem WTC verknüpft gewesen.

Hoffnung auf einen kathartischen Effekt wird formuliert: Man hoffe, dass sich die Menschen jetzt auf die eigentlich wichtigen Dinge wie Freundschaft und Ehrlichkeit zurückbesinnen würden. Gerade habe ich am Telefon mit Ernie Isley von den Isley Brothers anlässlich ihres neuen Albums “Eternal” gesprochen. Auf die Frage, ob ein Krieg seiner Meinung nach eine adäquate Antwort auf die Anschläge darstelle, sagt er: “I mean, why should we be sittin’ in a park with our dog and our girlfriend, eatin’ an icecream and somebody’s blowin’ up the tree next to you? You know, that’s crazy. That has to stop and that shall be stopped.” No comment!

Wer hier also von einer europäischen kulturlinken Warte aus auf intellektuelle Opposition hofft, übersieht einerseits die doch weitläufig affirmative Haltung der afroamerikanischen Kultur-Industrie innerhalb des globalen Kapitalismus und muss zudem auch bedenken, wie sehr das Leben der New Yorker von der Fahrt in der Subway bis hin zum Todesfall der Nine-2-five-Angestellten im Restaurant über den Wolken betroffen ist. Welchen Einfluss die Geschehnisse auf den Musikmarkt in Zukunft haben werden, ist bisher nicht abzusehen. Wann werden im Rap die ersten Vergleiche und Aphorismen zum Anschlag folgen?

In einer anderen Zeit

N.Y. Mitte August. 35°C, 100% Luftfeuchtigkeit. Die Stadt schwitzt und lässt die Air-condition auf Hochtouren laufen. Die Abfertigung auf dem Flughafen geht rasch vonstatten. Das World Trade Center ist den Broadway runter in der Ferne zu erahnen. Aaliyah, Ziehkind Timbalands, hat gerade ihr drittes Album veröffentlicht, und niemand kann ahnen, dass diese vielversprechende R’n’B-Protagonistin schon bald bei einem Flugzeugunglück ums Leben kommen soll.

All das ist in einer anderen Zeit. Vor dem Schlag gegen das phallische Symbol des “freien Handels”. Vor der Rede von der “zivilisierten Welt”, vor der Legitimation der erschreckendsten innen- wie außenpolitischen Programme weltweit und vor dem Ausverkauf von Gasmasken und US-Flaggen. Hätte das Interview angesichts derartiger Ereignisse überhaupt noch stattgefunden?

Während ich völlig übermüdet auf meine 30 Minuten warte, herrscht ziemlich “heavy traffic” im Stockwerk. Eine Gruppe japanischer Fotografinnen und Stylistinnen zieht freudig vorüber, Timbalands Manager telefoniert unentwegt. Essen wird gebracht, Mobiltelefone klingeln, nicht einzuordnende Homies ziehen an mir vorbei, die Stimmung ist entspannt. Plötzlich wird die Tür zum Studio, die wie in alten Arztpraxen mit durch Nägel befestigtes Leder verziert ist, aufgerissen.

Magoo, Rapper an Timbalands Seite, stürzt heraus und schreit: “Ich höre auf zu rappen! Verdammt, hört euch das an. Dieser Bubba Sparxxx rappt wie Biggie [Notorious B.I.G]. Hört ihr das?” Aus dem Inneren des Studios pumpt ein Beat, der an “Get Your Freak On” erinnert. “Ich sag’ euch: was man rappt, ist eigentlich egal. Wenn die Stimme nicht Dope ist, kannst du es vergessen, und Bubbas Stimme ist definitiv Dope! Dabei ist er weiß! Erst kommt Eminem und jetzt der. Wenn das so weitergeht, können wir bald alle einpacken. Er klingt wie ein Brother. Wenn ich eine Plattenfirma hätte, würde ich den sofort signen.” Magoo läuft hektisch hin und her, gestikuliert, fasst sich an den Kopf und wütet freudig weiter: “Bubba ist der neue Countryside, white Biggie! Das musste ja so kommen. Ist ja auch klar: Es gibt eh mehr Weiße als Schwarze, und die kaufen auch die Platten. Wenn Rapper jetzt nach und nach weiß werden, würde mich das nicht wundern. Er ist erst der Anfang. Die sitzen doch alle in ihren Startlöchern. Und an Bubba sieht man, wie die Presse permanent dieses schwachsinnige Bild der Rassen inszeniert, nach dem nur Schwarze Soul haben und rappen können. They hype up race more than it is!”

Nach diesem Auftritt wird von nun an das gerade fertiggestellte Video Bubbas auf dem überdimensionalen TV-Schirm rotieren. Bubba Sparxxx im Limp-Bizkit-Look zwischen Timbalands Posse auf dem Land in Virginia. Ein Klamauk-Clip mit Schlammschlacht, Missy auf dem Traktor und Tanz auf dem Misthaufen. Sehr amüsant. Bubba Sparxxx macht seine Sache gut, wenngleich Magoo ein wenig übertrieben zu haben scheint. An Eminem kommt er bei weitem nicht heran.

https://www.youtube.com/watch?v=Z0JzhUINHBM

Als klar wird, dass sich das Interview noch weiter verzögert, entschließe ich mich, noch ein wenig durch die Stadt zu ziehen, um nicht einzuschlafen. Zwei Blocks weiter finde ich mich plötzlich inmitten einer Gruppe militanter Rastafaris wieder, die sich um drei als Krieger verkleidete Prediger versammelt haben. Binnen Sekunden bin ich als “white man” im Fokus der Gruppe, die gerade die Vernichtung des weißen Mannes ausruft. Gottesverachtung, Babylon, Atombombe, Vertreibung aus Afrika, Sklaverei. All das wird mir ins Gesicht geschleudert, und ich werde schuldig gesprochen. Ich weiß nicht, wie ich mich fühle. Zwischen Angst, Zustimmung und Entsetzen schwanken meine Gefühle. “We gonna put the white man in slavery!” Wieder einmal wird klar, wie unauslöschlich sich die Geschichte meiner Hautfarbe auch in mir eingeschrieben hat.

Während Magoo also noch vor wenigen Minuten die Künste des weißen Rappers Bubba Sparxxx feierte und von den rassistischen Konstruktionen der Presse sprach, stehe ich hier nun als Vertreter der “weißen Rasse” auf der Anklagebank. Das ist die Ambivalenz New Yorks, die sich, als ich die Flucht angetreten habe, zwei Blocks weiter in dem Bild der ein Taxi rufenden Gucci-Lady neben einem siechenden Obdachlosen zu ihren Füßen weiter verdeutlicht.

Zurück ins Studio. Timbaland: eine Erfolgsgeschichte sondergleichen. Aufgewachsen in Norfolk, Virginia macht er sich Mitte der 90er als Produzent in New York einen Namen. Nicht nur sein Sinn für exzentrische Beat-Konstruktionen, sondern vor allem auch sein kommerzieller Erfolg lassen ihn eine besondere Position im HipHop einnehmen. Die Arbeit für Missy Elliot, Alliyah, Ginuwine, Nas, Snoop Dogg und Jay-Z machten ihn zeitweilig zum teuersten Produzenten Amerikas. Timbaland kann ohne Zweifel als einflussreichster und innovativster Produzent des ausgehenden Jahrtausends betrachtet werden. Der Erfolg seiner Arbeit für andere wollte sich bisher allerdings für seine Solo-Projekte nicht einstellen. So floppte “Welcome To Our World” (1997), das er gemeinsam mit seinem Jugendfreund Magoo veröffentlichte, ebenso wie “Tim’s Bio” (1998). Das führte zur weitläufigen Einschätzung, Timbaland liefe nur hinter dem Pult und bei Produktionen für andere zur Höchstform auf. Um so mehr erstaunt es vielleicht, dass er es nun noch einmal versucht.

Und während sich der ehemalige Drum’n’Bass-Producer Adam F auf dem gerade erschienenen Album “Kaos” in der Kopie Timbalands abarbeitet und mit immenser Unterstützung der Cream des HipHop und einer schier unglaublichen Promotion-Maschine gechartet werden soll, zaubert Tim mal eben “Indiscent Proposal” aus dem Ärmel. Dieses Album entzieht allem Zweifel und jeder Kritik den Boden. Ein derartig dichtes, einnehmendes Werk, das vor Innovation und Spaß nur so strotzt. Dabei bewegt es sich von so etwas wie einem “klassischen” Timbaland-Sound weit weg und oszilliert zwischen derben Club-Anthems, Miami-Bass-Reminiszenzen, P-Funk-Tunes und R’n’B-Wolken.

Auf die Frage, wie die Arbeit an dem Album ausgesehen habe, antwortet er knapp: “Ach, das war einfach so ein Gefühl. Ich wollte ein Album wie ‘The Chronic’ machen, und dann kam es so zustande. Aber das Ganze liegt schon ein wenig zurück.” Genauer gesagt bereits ein Jahr. Aus welchen Gründen die Plattenfirma das Produkt verschimmeln lassen wollte, war nicht in Ehrfahrung zu bringen, erklärt allerdings die extreme Gelangweiltheit, die sich in Timbalands Gesicht auf die Fragen zum Album und seinem Stil breitmacht. Der Enthusiasmus, den die Musik auf “Indiscent Proposal” transportiert, hat sich irgendwo in der Vergangenheit verloren. “Das Album kommt auf Virgin [Blackground] heraus. Es ist ihre Sache, was sie damit machen”, sagt er unmissverständlich, während Virgins Promotion-Beauftragte durch die Tür lugt. “Es ist hot shit! Wir werden ein gutes Video machen, und Magoo ist mehr als startbereit. Pete Pablo, Twista, Jay-Z, Beck und Alliyah sind drauf, und es wird ein Hit! Aber ehrlich gesagt haut es mich nicht mehr so um wie das neue Zeug.”

Aus den Erfahrungen der letzten Jahre hat er seine Schlüsse gezogen und vor kurzem das Label Beat Club gegründet. Mit dem hauseigenen Imprint entzieht er sich der Kontrolle der Plattenfirma Virgin, und die Kohle geht direkt aufs eigene Konto. “Ich habe keine Lust mehr, anderen Labels das Geld in den Rachen zu schieben. Ich muss Geld für und mit meinem eigenen Label Beat Club machen.” Sein Manager hängt dementsprechend ohne Unterlass an der Strippe, wo er neben einigen Gesprächen mit verschiedensten Ladys auch Telefonate mit unter Vertrag genommenen Künstlern führt. Das hört sich dann im Fall von Bubba Sparxxx so an: “Hör mir zu, Mann, wenn du hier unter Vertrag stehst, dann heißt das, dass du zu deiner Crew halten musst. Wenn du keinen Bock drauf hast, lass es halt, aber die Vertragsstrafen willst du doch nicht zahlen, oder?” Was vorgefallen ist, lässt sich nur erahnen …

Die Künstler, die er in Zukunft auf Beat Club veröffentlichen will, stehen bereits in den Startlöchern. “Was mich inspiriert, ist eigentlich, aus No-Name-Artists bekannte Künstler zu machen. Du nimmst jemanden, der in den Augen der Industrie ein Nichts ist, und machst aus ihm jemanden, der größer als alle anderen ist! Das inspiriert mich. Aus diesem Grund interessiert mich die Arbeit mit Leuten wie Alliyah, Jay-Z oder Mystikal nicht, obwohl ich die sehr schätze. Doch wenn man ehrlich ist, brauchen die meine Hilfe nicht mehr, da sie ja schon Superstars sind. Mich interessiert es nicht, noch mehr No.1-Hits zu machen. Zwanzig liegen hinter mir. Das ist langweilig geworden. Lass das jemand anders machen. Ich werde von nun an nur noch Platten machen, die etwas bedeuten.”

Man kann Timbaland getrost als eingebildet bezeichnen. Er vergleicht sich ohne Umschweife mit Größen wie Berry Gordy, dem einst das Motown-Imperium unterstand. “Vergleich mich bitte nicht mit anderen Produzenten. Dre und all die Jungs machen tolle Tracks, aber sie sind eben Producer. Ich bin Komponist. Der Mozart des HipHop. Ich produziere nicht, ich arrangiere, leite und komponiere.” Und obwohl ein sehr sympathischer Mensch, werden im Laufe des Aufenthaltes im Studio die Hierarchien deutlich, der sich die Künstler unterzuordnen haben. So wirkt Magoo die meiste Zeit über wie ein Kind an Timbalands Seite, das dankbar ist, bei ihm sein zu dürfen.

Die Zukunft der Timbaland-Beats scheint, wenn man einem Interview, das er kürzlich VH-1 gab, glauben schenken kann, in Richtung N.E.R.D zu gehen: Nach dem Bubba-Sparxxx-Album im Herbst soll es ein Country-Album und anschließend eine Rock/Metal-Produktion geben. “Ich würde gerne mit Metallica arbeiten. Ich werde Metallica und Trent Reznor mal kontaktieren. Ich befinde mich in einem völlig neuen Zustand. Ich weiß, dass ich als nächstes die Metal-Welt nehmen und sie damit vermischen muss, was ich in R’n’B mache. Freak it!”

Gibt es also ein Rap-Metal-Revival? Steht der Paradigmen-Wechsel bevor? Timbaland hat HipHop schon einige Male wie kein anderer beeinflusst. Man sollte sich schon jetzt darauf vorbereiten, was da kommen mag. Bis dahin wird sich “Indicent Proposal” aber noch einige Male in guter “alter” HipHop-Manier auf den Plattentellern drehen. Erste Single-Auskopplung wird “I Am Music” sein. Ein Duett von Beck und der verstorbenen Alliyah, die damit die letzte Ehre erfahren soll.

G.W. Bush, get your freak on!

 

Der Beitrag erschien ursprünglich 2001 in der Musikzeitschrift Intro.
Betreuender Redakteur war damals Thomas Venker, das Lektorat wurde von Tina Engel verantwortet. 

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