Die Deutsch-Schweizer-Freundschaft

Zwei hinreißend verdorbene Schurken – Kay Shanghai vs. Dagobert

Von wegen der Popbetrieb sei bloß eine voraussagbare Produktmaschine. Hier sind Dagobert, der dreamy Schweizer, der eine neue Form von Sehnsuchtsschlagern erfunden hat und der singende Clubbetreiber Kay, dessen spätes Musikerdebüt aufgrund sexueller Präferenzen das Rap-Game zum „Rap-Gayme“ umdeutet. Linus Volkmann traf die beiden glamourösen Exzentriker in Dortmund neben der Ausstellung „House Of Mirrors“ im Hartware Medienkunstverein. Fotos: China Hopson.

Kay Shanghai // Foto: China Hopson

Irgendwo in Dortmund, fußläufig zum Bahnhof: Gleich werden hier Kay Shanghai und Dagobert auftreten. Also ein paar Etagen tiefer. Denn wir befinden uns gerade beim HMKV und der liegt ein paar Rolltreppen über dem Auftrittssaal des Dortmunder U, das wiederum einen Hot Spot für Kunst im Ruhrgebiet darstellt.
Für beide Musiker ist zuletzt wieder ein großes Stück Regelbetrieb zurückgekehrt. Was soviel heißt wie: Mit der Bahn zu einem Konzert zu fahren – und dabei heillos verspätet werden auf der Schiene. Ach, wie hat man das alles vermisst, oder? Dennoch sind beide noch entspannt, wir sitzen um einen Glastisch, anwesend ist auch Mathias Meis vom HMKV, dessen Team die beiden eingeladen hat – und den ihr hier auch zu Anfang gleich lesen werdet. Viel Spaß!

Wir befinden uns vor eurem gemeinsamen Konzert in diesem mehrstöckigen Arthouse des Dortmunder U. Ziemlich beeindruckend. Aber Kunst und ein, no offense, Unort wie Dortmund – wie bringt ihr das zusammen?

MATHIAS MEIS (HMKV): Wenn man von oben auf die große Karte schaut, dann siehst du vielleicht Dortmund, Essen oder auch die Schweizer Peripherie und meinst, es hier eher mit kulturellen Nicht-Orten zu tun zu haben, das ist richtig. Doch wenn man davon wegkommt, nur das Große und Populäre zu betrachten, entdeckt man gerade hier viele Nischen, in denen spannende Dinge stattfinden können. Es mag gerade en vogue sein, immer und überall heute von „künstlerischen Nischen“ zu sprechen, aber sowohl Dagobert als auch Kay, machen mit ihrer Kunst Dinge, die auf den ersten Blick irritieren. Da sehe ich die Gemeinsamkeit zu dem, was wir hier im HMKV machen. Es geht nicht darum, die Leute an die Hand zu nehmen sondern an ihnen zu rütteln. Deshalb passt es gut, den beiden heute ein Forum zu bieten.

Weil wir fast mittendrin sitzen, möchte ich noch gern nach der aktuellen Ausstellung fragen. Was ist das hier eigentlich um uns herum?

MATHIAS MEIS Die Ausstellung „House Of Mirrors“ beschäftigt sich mit der Frage, ob es künstliche Intelligenz überhaupt gibt. Es ist ein kritischer Blick darauf. Wir sagen, es gibt sie nicht. Wir sehen am Ende doch nur das, was wir in diese Prozesse selbst hineinwerfen. Es geht also viel eher um maschinelles Lernen bei dem Begriff. Dazu haben wir hier eine Gruppenausstellung mit über 20 internationalen Künstler*innen aufgestellt.

Die läuft ja auch noch bis Ende Juli – das sei natürlich erwähnt für alle, die in der Nähe leben oder aus anderen Gründe gerade durchs Ruhrgebiet pflügen. Jetzt aber mal zum Interview, wer hatte es während der Pandemie eigentlich schwerer, der Club-Betreiber oder der Künstler?

DAGOBERT Beide hatten es doch gleichermaßen leicht. Clubs waren geschlossen, musste also keiner dort was tun – und die Künstler, die hatten mal Zeit und konnten in Ruhe ihre Songs schreiben und nicht zwischendurch. Also für mich war das super.

KAY [der neben der Musik auch den Club „Hotel Shanghai“ in Essen betreibt]: Ja, endlich Pause! Ich führe den Club seit 18 Jahren. Da helfen dir auch die Sommerpausen nichts, weil ich bin schnell schon wieder mit den Vorbereitungen fürs Re-Opening beschäftigt. In der Pandemie erlebte ich dann zum ersten Mal seit langer Zeit das Gefühl, losgelöst vom Job zu sein. Gelangweilt habe ich mich trotzdem nicht.

Das klingt sehr positiv, aber da kommt doch auch der wirtschaftliche Aspekt hinein. Kamt ihr denn ökonomisch nicht in Schieflage?

DAGOBERT Dieser Aspekt war für mich eigentlich noch leichter, ich hatte ein paar kleine Hilfsgelder erhalten, habe keine Fixkosten und lebe sehr bescheiden. So bleib mir mehr als sonst eigentlich.

Deine Musik kostet dich eher, als dass sie dich finanziert?

DAGOBERT Das ist wirklich so. Ich muss jedes Album so organisieren, dass ich mir Geld leihe, um Platten zu pressen. Aber was verdienen damit? [lacht] Soweit kam’s noch nie, ist Liebhaberei.

Das hätte man jetzt gar nicht gedacht. Aber Kay, Du als Clubbetreiber – so ein Laden, der wirft doch wenigstens was ab?

KAY Selbstverständlich! Die Millionen habe ich irgendwo in den Wänden eingemauert und nur vergessen wo… Nee, eigentlich war es auch für mich sehr entspannt. Wir wurden vom Staat ein großes Stück weit aufgefangen und ich war plötzlich die Angst los, wenn ich im Supermarkt an der Kasse stand, dass meine Karte möglicherweise gesperrt ist, weil das Steueramt gerade etwas von mir möchte. Für mich war die Krise ein Flashback, ich habe mich gefühlt, wie damals als ich noch völlig unbeleckt durch die Welt gelaufen bin. Und dadurch war ich in der Phase einfach auch näher an mir selbst.

Dann ist nicht die Pandemie sondern der Alltag der Struggle?

KAY Ja, vielleicht. In meinem Fall ist es so, dass einen Club zu führen, das verändert dich. Jetzt konnte ich den Arschloch-Part ablegen – und mal wieder soft sein.

Arschloch-Part, was meint das? Dass du sonst Leute befehligst und gucken musst, dass nicht jemand, der an der Garderobe arbeitet, schon besoffen heimgegangen ist?

KAY Genau. Ich bin dahingehend einfach nicht so gut temperiert. Auch da konnte ich mich entspannen. Aber man fühlt sich natürlich schlecht, wenn man das so sagt. Ich weiß, für viele war diese Zeit einfach grauenhaft. Aber eben nicht für mich. Dagobert und ich hatten sogar das Privileg, schon letztes Jahr zusammen auf Tour gewesen zu sein.

Guter Punkt, denn das führt zu der ohnehin drängenden Frage: Wo habt ihr beide euch überhaupt kennengelernt?

DAGOBERT Kay hatte seinen Geburtstag gefeiert und diesen, wie es seine Art ist, legendär gefeiert. Ich war eingeladen, dort zu spielen – das muss 2014 gewesen sein.

KAY An dem Abend hatte ich mir auch noch einen DJ-Gig von Honey Dijon geschenkt – und ich glaube, die ist ein bisschen zu kurz gekommen, weil ich da schon nur Augen für Dagobert hatte.

DAGOBERT [lacht]

KAY Von da an ging es los. Aus sowas ergeben sich natürlich keine Freundschaften, bei denen man sich ständig verabredet. Es ist eher so, dass man sich bei Events begegnet. Aber als ich dann in Berlin Clubveranstaltungen gemacht hatte, kam Dagobert vorbei – und konnte es überhaupt nicht begreifen, dass ich in einem Hotel wohnen würde und nicht bei ihm Zuhause. Und so kam es, dass wir zwei Monate oder so, zusammen in seiner Wohnung gelebt haben.

DAGOBERT Man muss noch ergänzen, es handelte sich um eine Einzimmerwohnung. Kay war nachts die ganze Zeit in seinem Club und wenn er morgens nach Hause kam, bin ich ins Studio gegangen. Wir haben uns mit dem Schlafen quasi abgewechselt.

KAY Es gab auch nur einen Schlüssel.

Das sind ja Zustände wie zu Zeiten der Industrialisierung. Da teilten sich Menschen von Tag- und Nachtschicht mitunter ein Bett. Klingt gewöhnungsbedürftig. Aber zu Dagoberts Legende gehört, dass ihn feste Wohnsitze nie so interessiert haben und er selbst auch auf vielen fremden Couchs schlief. Dennoch: Eine Einzimmerwohnung zu teilen, das ist selbst für dich was Besonderes?

DAGOBERT Klar, sowas biete ich nicht jedem an. Besuch habe ich allerdings sehr häufig. In der Coronazeit waren auch ganz viele Pandemieflüchtlinge bei mir in meinem Bergdomizil in der Schweiz – die Hütte war stets voll. Klar, alle mussten sich testen lassen, aber unter’m Strich hatte ich dort zwei Jahre lang Après-Ski statt Pandemie.

Bergdomizil?

DAGOBERT Im Berner Oberland habe ich ein Haus besetzt.

Besetzt?

DAGOBERT Irgendwer kannte irgendwen, der da was geerbt hatte.

KAY Wenn man dort auf dem Klo sitzt, kann man die Gondel an sich vorüberfahren sehen – und Augenkontakt mit den Insassen aufnehmen. Wenn man möchte.

Dagobert // Foto: China Hopson

Eure Beziehung klingt nach einer richtig beneidenswerten Bromance. Gibt es auch einen musikalischen Austausch zwischen euch?

DAGOBERT Wir schicken uns unsere Tracks schon hin- und her und reden drüber. Jetzt haben wir gerade auch einen Song zusammen gemacht, der heißt „Weihnachten zu zweit“. Der wird allerdings erst noch erscheinen.

KAY Dass Dagobert mich mit auf Tour genommen hat, war für mich ein sehr großer Beweis, dass er auch meine Musik schätzt – und ich hole mir auch Tipps von ihm. Als wir zusammen getourt sind, da hatte ich die Idee, mit meinen Grillz zu performen und er meinte, das sei ja wohl kein guter Einfall, das würde sich scheiße anhören, damit zu singen. Da habe ich es gelassen.

DAGOBERT Gern geschehen!

KAY Ansonsten hole ich mir von ihm eher Beziehungs- als Musiktipps. Da muss er mir oft den Kopf geraderücken.

Habt ihr eigentlich eine professionelle Routine, wenn ihr zusammen auf Tour geht, oder ist jedes Mal sofort Klassenfahrt und nach zwei Tagen muss man mühsam verkatert in einen Rhythmus finden?

DAGOBERT Ich habe mir irgendwann abgewöhnt, beim Touren zu saufen. Bin vielleicht einfach zu alt, oder so, aber Beides würde ich nicht mehr hinkriegen gleichzeitig. Mir macht es keinen Spaß, wenn die Stimme den Bach runtergeht. Dann kann man immer noch irgendwie durchkommen, klar, das habe ich auch lange so betrieben. Aber heute ist mein Anspruch an mich selbst gestiegen: Ich will einfach schöner singen. Und damit das funktionieren kann, muss ich abends irgendwann schlafen gehen. Kay hat dagegen immer noch weitergemacht.

KAY Geht so. Ich habe mich da an dich gehalten. Wenn du von der Bar verschwunden bist, bin ich auch nicht mehr lange geblieben.

Dagobert hat mit seiner Art scheinbar viel Einfluss auf uns Menschen. Du hast auch Mille von Kreator dazu gebracht, dass er den Song „Satan Is Real“ schrieb. Damit hast du ihm den meist gestreamten Song seiner Band geschenkt, bei Spotify kommt das Stück auf 13 Millionen Plays.

DAGOBERT Mille habe ich an dem selben Abend 2014 kennengelernt wie Kay und bin sofort Hardcore-Fan geworden. Ich habe in jenem Jahr tatsächlich täglich sechs Stunden Kreator gehört und wurde so ein krasser Experte, dass ich genau zu wissen glaubte, was als nächstes kommen müsste. Und zwar eben dieser Song, ich habe ihm auch einen Text dazu geschrieben. Letztlich hat Mille dann aber einen eigenen gemacht und auch die Musik ist von ihm – aber die Grundidee stammt tatsächlich von mir.

KAY [an Dagobert gewandt]: Verspricht dir Mille eigentlich auch immer Merch und du bekommst den dann nie? Jetzt ist gerade ein Kreator-Skateboard rausgekommen und ich wollte mir das gern an die Wand hängen, Mille meinte „Kriegst Du, kriegst Du“. Nie gesehen allerdings.

DAGOBERT Nee, ich kaufe mir solche Sachen immer. Ich unterstütze die Künstler!

Kay, noch mal eine Frage zu deiner Musikerkarriere. War das einfach nur aus Bock ein One-Off, oder siehst du dich heute als Albumkünstler und wirst noch mehr rausbringen?

KAY Ein bisschen was gibt es noch, das hängt aber auch von meinen Produzenten ab. Wir haben noch alte Stücke, die wir fertig machen wollten und noch was Neues – und dann schauen wir mal. Demnächst habe ich in Frankfurt in der Kunsthalle Schirn auch noch einen Gig.

Vornehm.

KAY Take the money and run. Das ist mein Motto.

Was euch beide ebenfalls eint, ist der Hang zu unpraktischen Albumtiteln. Kays Platte liebe ich für diesen ausformulierten Gay-Faktor sehr. Aber sie heißt „Haram“, das klingt natürlich nach „Kanak Sprak“ und führte – zumindest mich – erstmal auf eine falsche Fährte.

KAY Nun, viele meiner Freunde sind Kanaks, daher ist das Wort für mich auch keine Persiflage, das ist einfach der Sprachgebrauch. Und dass soviele dieser Jungs das gut finden, hat mir natürlich viel bedeutet. Ich komme aus Mülheim an der Ruhr und wenn meine Musik von den Kanaks und den Autonomen gut gefunden wird, dann ist für mich viel gewonnen.

Kulturelle Aneignung wurde dir also nicht vorgeworfen?

KAY Ich habe Teile meines Lebens in arabischen Ländern verbracht, die Kultur ist so auch meines Fühlens geworden. Haram ist halt, was viele Leute über mich denken. Inwieweit das jetzt eine Aneignung ist… Mir ist wichtig, dass das von den richtigen Leute niemand missverstanden hat.

Die neue Platte von Dagobert wird heißen „Bonn Park“. Das ist der Name eines Theaterregisseurs, mit dem du auch mal zusammengearbeitet hast. Was hat es damit auf sich?

DAGOBERT Nichts. Ich finde den Namen schön und ich mag den Typen. Ich wollte einen Titel finden, der keinen Sinn macht. Es gibt kein Konzept bei den Stücken, warum soll der Titel dann so tun als ob?

Das Interview führte: Linus Volkmann

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„House of Mirrors: Künstliche Intelligenz als Phantasma“
Zu sehen noch bis 31. Juli 2022 // Dortmunder U, Ebene 3

 

 

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