„Es geht um die Beziehung zwischen menschlicher Präsenz, Körperlichkeit und Wahrnehmung auf der einen Seite und algorithmisch geprägten Systemen auf der anderen.“

Kaffe Matthews (Photo: Etta Gerdes)
Blaues Rauschen ist ein Ort für Gegenwarts-Sound, Performance und diskursive Praxis. Das Festival spannt den Bogen zwischen Klangkunst, Club-Affinität und interdisziplinären Formen. Räume, die oft außerhalb großer Budgets und etablierter Strukturen entstehen, werden hier sichtbar gemacht. Damit steht Blaues Rauschen exemplarisch für kulturelle Produktion unter Bedingungen der Knappheit.
Thomas Venker hat sich im Vorfeld des Festivals mit dem künstlerischen Leiter Karl-Heinz Blomann ausgetauscht.
Seit unserem letzten Blaues-Rauschen-Festival-Interview auf Kaput sind vier Jahre vergangen. Was würdet ihr sagen, was die markantesten künstlerischen und auch systemischen Veränderungen in diesem Zeitraum sind?

Karl-Heinz Bloman (Photo: Etta Gerdes)
Karl-Heinz Blomann: Blaues Rauschen hat sich seitdem sowohl künstlerisch als auch strukturell deutlich weiterentwickelt. Das Festival ist inzwischen in acht Städten und 12 Venues im Ruhrgebiet präsent. Allein diese regionale Ausdehnung verändert natürlich die Arbeitsweise und auch die Wahrnehmung des Festivals. Gleichzeitig sind viele Abläufe professioneller und stabiler geworden. Die Zusammenarbeit und Kommunikation mit den einzelnen Spielstätten läuft heute deutlich strukturierter als noch vor einigen Jahren. Dadurch entstehen auch stärkere lokale Verbindungen zwischen den Orten, dem austragenden Verein Open System e.V., den Künstler*innen und dem Publikum.
Künstlerisch hat sich das Festival noch stärker für hybride Formate zwischen Klangkunst, Performance, KI, audiovisuellen Arbeiten und experimenteller Musik geöffnet. Gleichzeitig ist die internationale Vernetzung wichtiger geworden, etwa durch neue Kooperationen und erste Perspektiven im europäischen Kontext.
Ich würde mir allerdings wünschen, dass das Festival in der politischen Wahrnehmung der Region noch einen anderen Stellenwert erhält. Mich würde freuen, wenn es irgendwann auch eine gemeinsame Konferenz oder stärkere kulturpolitische Kooperation der beteiligten Städte geben würde.
In der Pressekonferenz zum Blaues Rauschen 2026 klang es an: Die internationale Wahrnehmung des Festivals nimmt stetig zu, was sich unter anderem an Einladungen für euch zu anderen Festivals weltweit zeigt, aber auch am Interesse internationaler Künstler*innen, bei euch aufzutreten, und von Branchenleuten, das Festival zu besuchen. Gibt es spezifische Aspekte eurer Programmierung und Festivalpraxis, die ihr mit dieser Entwicklung verbindet?
Karl-Heinz Blomann: Ich glaube, dass sich über die Jahre eine sehr eigene Struktur und Identität von Blaues Rauschen entwickelt hat. Das Festival wird zwar zentral von Essen aus organisiert, bewegt sich aber bewusst durch unterschiedliche Städte, Spielorte und kulturelle Kontexte im Ruhrgebiet. Dabei arbeiten wir vor Ort mit lokalen Producerinnen zusammen, oft sind auch die jeweiligen Veranstaltungsorte selbst in diese Prozesse eingebunden. Genau diese Verbindung aus zentraler Organisation und dezentraler Struktur wird international oft als Besonderheit wahrgenommen.
Hinzu kommt, dass wir früh begonnen haben, Klangkunst, experimentelle Musik, Performance, Medienkunst, Lecture Talks und technologische Entwicklungen selbstverständlich zusammenzudenken, ohne uns zu stark an Genregrenzen zu orientieren. Viele internationale Künstlerinnen und Festivalleiter*innen interessieren sich heute genau für solche offenen Formate und für Festivals, die gesellschaftliche und technologische Fragen nicht nur theoretisch verhandeln, sondern räumlich und künstlerisch erfahrbar machen.
Besonders freuen wir uns auch über die langjährige Zusammenarbeit mit dem Westdeutschen Rundfunk. Blaues Rauschen gehört zu den wenigen Festivals, die nahezu komplett mitgeschnitten und anschließend in großen Teilen gesendet werden. Hervorzuheben sind dabei insbesondere die beiden dreistündigen Sendungen auf WDR 3 kurz nach dem Festival. Für ein so experimentelles Programm ist das wirklich außergewöhnlich und trägt natürlich auch zur internationalen Wahrnehmung des Festivals bei. Die nächste Sendung ist am 21.06.2026.

Workshop Ensemble (Photo: Etta Gerdes)
Welche internationalen Festivals beeindrucken euch denn am meisten? Welche seht ihr als klangverwandt?
Karl-Heinz Blomann: Mich beeindrucken besonders Rewire und Ars Electronica. Beides sind Festivals, die natürlich unter völlig anderen Bedingungen arbeiten als wir, allein schon, weil sie stark in einer Stadt verankert sind und über eine deutlich größere finanzielle und institutionelle Ausstattung verfügen, während Blaues Rauschen zurzeit in acht Städten der Region Ruhrgebiet stattfindet und unter schwierigen finanziellen Bedingungen arbeitet. Die Förderungen müssen jedes Jahr neu akquiriert werden.
Gerade an der Ars Electronica beeindruckt mich, dass die Stadt Linz bereits in den 1970er Jahren erkannt hat, welches Potenzial digitale Kunst und die damit verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen besitzen. Daraus ist über Jahrzehnte eine internationale Plattform entstanden, die Kunst, Technologie und gesellschaftliche Fragen kontinuierlich zusammenführt. Rewire beeindruckt mich dagegen vor allem durch seine kuratorische Offenheit. Dort werden experimentelle Musik, Klangkunst, Performance, Clubkultur und Diskurs sehr selbstverständlich miteinander verbunden.
Als klangverwandt empfinde ich auch kleinere Festivals wie Sonic Territories in Wien und Sonica in Ljubljana, die sich zwischen experimenteller Musik, Medienkunst, Klangkunst und gesellschaftlicher Reflexion bewegen. Generell sehe ich Festivals als klangverwandt, die nicht nur Konzerte präsentieren, sondern neue Formen des Hörens und Nachdenkens ermöglichen – also Festivals, die technologische Entwicklungen auch kulturell und gesellschaftlich reflektieren. Genau dieser Ansatz verbindet diese Festivals für mich auch mit Blaues Rauschen.
Lasst uns über das Programm 2026 sprechen. Gibt es ein größeres Leitthema?
Karl-Heinz Blomann: Eigentlich gibt es nicht das eine Leitthema, dem alles untergeordnet ist. Aber mit der Überschrift „Resonance in the Open Space Between Breath and Algorithm“ wollten wir einen Spannungsraum beschreiben, der viele Arbeiten des Festivals verbindet.
Dabei geht es um die Beziehung zwischen menschlicher Präsenz, Körperlichkeit und Wahrnehmung auf der einen Seite und algorithmisch geprägten Systemen auf der anderen. Uns interessiert, wie sich Resonanzen zwischen organischen Prozessen und technologischen Strukturen bilden und wie Künstler*innen diese erfahrbar machen.
Der „open space“ beschreibt dabei bewusst keinen festen theoretischen Rahmen, sondern eher einen offenen Zwischenraum für unterschiedliche künstlerische Positionen zwischen Klangkunst, experimenteller Musik, Performance und KI. Für uns ist das deshalb weniger ein klassisches Motto als vielmehr eine künstlerische Klammer für das Festival.

Playtronica (Photo: Etta Gerdes)
Was zeichnet die „Class of Blaues Rauschen 2026“ aus?
Karl-Heinz Blomann: „Class of 2026“ ist eigentlich ein etwas seltsamer Begriff für ein Festival. Wenn man damit aber eine gemeinsame künstlerische Haltung meint, dann zeichnet sich die diesjährige Ausgabe von Blaues Rauschen für mich durch eine große Selbstverständlichkeit im Umgang mit Technologie bei gleichzeitiger Konzentration auf Wahrnehmung, Körperlichkeit und Raum aus. Interessant ist dabei auch, wie sich diese Positionen im Ruhrgebiet entfalten – also in einer Region, die seit Jahrzehnten von Wandel geprägt ist. Vielleicht kann gerade ein Festival wie Blaues Rauschen dort eine besondere Aura des Wandels erzeugen.
Nach dem Festival ist vor dem Festival – insofern schon mal gefragt: Was steht als Nächstes an?
Karl-Heinz Blomann: Wir würden im nächsten Jahr gerne wieder einen Workshop realisieren. Gleichzeitig sollen Livecoding, Residenzen und erste Kooperationen im EU-Kontext künftig einen stärkeren Schwerpunkt bekommen und vielleicht auch neue Förderdimensionen eröffnen. Der Wunsch nach einer mehrjährigen Förderperspektive bleibt natürlich auch im neunten Jahr bestehen.








