Musik für junge Leute

Leicht depressiv, trostlos, aber gemütlich – Das große Sorry3000-Interview

Sind sie zu zweit, zu viert, oder doch sogar schon zu fünft? Und was soll das eigentlich, das mit Overthinking und Nasenspray?  Sorry3000 aus Halle werfen, wie alle relevanten Künstler, Fragen auf. Nicht nur in den Texten ihrer vielen kleinen Elektro-Pop-Hits – auch das ganze Drumherum hat die Band üppig ausgekleidet mit Zeichen und Verweisen, die zur Deutung oder zumindest zum Rätseln einladen. Ungeachtet der Wirren von 2020 erschien nun auch noch ihr Debüt-Album. Linus Volkmann hat sich mit Stefanie Heartmann und Frank Leiden von Sorry3000 zum Interview verabredet.

Idole einer neuen Generation – hier beim gemeinsamen Kaffeetrinken in der guten Stube

„Warum Overthinking dich zerstört“ – der Titel eures ersten Albums kokettiert ja mit dem Schnellschuss. Bloß nicht zu lange nachgrübeln – doch viele der Texte, Bilder, Clips, die man von euch wahrnimmt, wirken sehr gut durchdacht und absichtlich. Wie ist denn nun wirklich euer Verhältnis zu Overthinking?
STEFANIE HEARTMANN Für den Titel haben wir einfach dreist die Überschrift eines Eintrags von einem unangenehmen Life-Coaching-Blog geklaut. Wir fanden diese autoritäre Lebens-Verbesserungs-Ansprache darin irgendwie total anmaßend. Haben uns aber auch als alte Overthinker auf den Schlips getreten gefühlt. Wir denken total viel über unsere Inhalte nach. Aber ehrlich: Das endlose Zerdenken hat noch nie geholfen. Aber wir sind darin gefangen, so wie bestimmt viele andere. Was sollen wir tun? Kann jemand helfen? → vielleicht gehen wir doch gleich wieder auf den Blogeintrag!

2020 erscheint euer Debüt und es war das Jahr von Corona, habt ihr euch in den Arsch gebissen wegen dieser Gleichzeitigkeit – oder hat der Plan für Sorry3000 gar nicht so gelitten?
STEFANIE HEARTMANN Dass wir nicht live spielen können, ist schon schade. Davon wissen wir – im Gegensatz zum Album-Releasen – dass es sehr gut funktioniert. Ansonsten: Welchen Plan meinst du? Berühmt werden? Das wollen wir auf gar keinen Fall!

Okay, aber Du sagst es ja, was definitiv keinem Plan folgen dürfte, ist das Touren gerade. Was sind die Alternativen für euch, um die Platte vorzustellen?
FRANK LEIDEN Da wurde es jetzt für uns echt bitter. Auf Selbstausbeutungsbasis aller Beteiligten waren jetzt einige corona-konforme Termine vor kleinem Publikum angesetzt, die mussten wir jetzt aber auch wegen der steigenden Inzidenzrate aufs Frühjahr verschieben. Ansonsten bleibt uns nur das Internet! Das ist auch lustig, aber macht auf Dauer doof! Hast du vielleicht noch ne Idee?

Frech wie Oskar, aber auch hygienisch anspruchsvoll. Sorry3000 bei der gemeinsamen Körperpflege.

Im Audiolith-Videointerview mit Lars Lewerenz erfährt man schon einiges, aber so richtig klar ist es mir noch nicht: Wie hat sich die Band zusammengefunden und wie funktioniert ihr?
STEFANIE HEARTMANN Frank und Stefanie waren Freunde. Frank wollte schon immer in einer Band spielen und hat jahrelang versucht, Stefanie zu überreden. Irgendwann hat sie bei einem Treffen gesagt: „okay“ und dann ist nach 2 Stunden auch gleich schon „Nasenspray“ entstanden. Es hat also gefunkt! Stefanie und Frank schreiben zusammen die Texte – alleine hat keine(r) von uns beiden bisher was auf die Reihe gekriegt. Bianca, Fenge und Joni verantworten das Musikalische. Gleichzeitig haben sie aber einen ziemlich gutes Gefühl dafür, Schnapsideen, die total daneben gehen, zu verhindern! Fenge ist außerdem für die Produktion verantwortlich, Joni für die Pflege der Instrumente und Bianca für die Banddiplomatie!

Dass Audiolith euch veröffentlicht, ist natürlich ein sehr gutes Ding. Wie konntet ihr ein doch sehr einflussreiches Label auf euch aufmerksam machen? Ihr seid keine aktive Live-Band gewesen oder hattet eine Community im Netz mitgebracht. Ist es also wirklich noch so im Musikbetrieb, dass man einzig aufgrund seiner Musik gesigned wird? Ein hoffnungsspendendes Signal, wenn man mich fragt.
FRANK LEIDEN Ja, es war wie im Film! Obwohl möglicherweise mehr noch unser mit Sprechblasen und photogeshopptem Audiolithmerch ausgefülltes Foto überzeugt hat, das wir da hingeschickt haben, wie wir hinterher erfahren haben. Dann gab es eine längere Beschnupperungsphase, an deren Ende eine Mail mit dem Betreff „Gesigned 3000“ stand. Wir haben das lange nicht geglaubt. Das sind wirklich tolle Leute bei Audiolith. Und sie hören sich wohl wirklich wenigstens einen Song von jeder Initiativbewerbung an! Ein klitzekleines Bisschen waren wir in Halle ja schon berühmt, sie dachten wohl, dass kann auch anderswo funktionieren …

Lieber live zu „Lanz“ oder doch besser einen bandinternen Gesellschaftsspiele-Nachmittag abhalten? Sorry3000 sind auf dem Teppich geblieben und wählen natürlich letzteres.

Halle an der Saale – welche Rolle spielt die Stadt für Sorry3000? Es klingen ja durchaus Themen wie Gentrifizierung bei euch an und es gibt im Netz dieses ekstatische Wohnzimmerkonzert mit eurer Home-Crowd. Wie bringt sich da also Halle ein?
FRANK LEIDEN Stefanie meinte mal zu mir: „Stell dir vor, wir würden in Berlin leben, wie langweilig für unsere Musik“. Halle war total wichtig. Es gibt dieses Halle-Gefühl. Leicht depressiv, trostlos, aber gemütlich und vertraut. Hier trifft man nur wenig Leute, die mit breitem, ätzenden Selbstbewusstsein auftreten. Lieder wie Tarifgebiet oder Neustadt greifen das Umfeld hier ganz konkret auf. Aber auch in den anderen Songs ist diese beschriebene Stimmung vertreten. Die Zeile in Fitness: „London, Tokio, Manhatten und ich, London, Tokio, Manhatten, du nicht“ entspringt diesem Halle-Gefühl, dass man gerne auch mal am Metropolen-Feeling teilhaben will. Dazu kommt die Infrastruktur für Bands: billige Proberäume, niedrigschwellige, selbstorganisierte Konzerte und eine Hörerschaft, die einen schnell auf dem Zettel hat, unvoreingenommen und extrem nett ist.

Das (gefühlt ironische) Thema „Fitness“ durchdringt so einiges von euren Outfits bis hin zu dem Song und auch die Squash-Kulisse im „Du liebst mich nicht“-Clip. Wieso dieses Thema, was reizt euch an Fitness in Pop? Bachelor-Pop trifft Aerobic?
FRANK LEIDEN Wir sind selbst alle sportlich recht unfit. Der Schweiß im Fitness-Video ist echt, obwohl wir da kaum was gemacht haben. Trotzdem wollen wir ja auch irgendwie fit sein. Selbstoptimierung ist auch in der Linken, auch bei uns, ein Thema. Dieser Fitness-Quatsch bildet das ziemlich gut ab. Bei „Du liebst mich nicht“ fanden wir die Vorstellung klasse, dass Stefanie den Squash-Raum für eine Kate-Bush-artige Performance zweckentfremdet. Squash ist ja so ein neoliberaler Retro-Sport der Achtziger, auf seine Weise extrem schnöde und brutal. Der Beziehungskonflikt mit dem oder der Szenemacker*in ist dort perfekt aufgehoben.

Apropos: Nasenspray und Fitness – macht es euch Spaß, dem sonst ja eher ausagierten Spielfeld Poptexte noch neue Themen hinzuzufügen oder sind das wirklich Dinge, die euch beschäftigen?
STEFANIE HEARTMANN Wir wollen unbedingt etwas schaffen, was es vorher noch nicht gab und uns unsterblich macht! … Naja, nee, wir haben vorher keine Musik gemacht und kennen uns damit auch immer noch nicht aus, wüssten also gar nicht, wie wir das schaffen könnten! Aber wenn wir Musik hören, sind uns die Texte meist wichtig. Deshalb ist uns auch wichtig, dass unsere Texte nicht anöden! Und ja, es ist alles wahr! „Nasenspray“ handelt zum Beispiel vom distanzlosen Sich-Einmischen in die Privatsphäre des Partners, nur weil irgendwie nicht alles nach Plan läuft und der Erlösungsphantasie, dass mit einer Rezeptpflicht alles gut wäre.

Damit man mal abstecken kann, wo ihr selbst in Pop verortet seid: Welche deutschsprachigen Bands findet ihr eigentlich persönlich sehr gut – und welche eher schwach?
Gut finden wir: Die Sterne, Tocotronic, Heinz Strunk, Hildegard Knef, Fatoni, Antilopen, Oidorno, Stereo Total, Ostberlin Androgyn, Ideal, Malaria, DJ Hornhaut, Ebow, akne kid joe, Sorry3000, Die Goldenen Zitronen, Schnipo, Andreas Dorau, Helge Schneider, Marlene Dietrich und viele mehr.
Eher schwach sind: Alle, die auf Krampf versuchen poetisch zu sein; Leute, die sich was auf ihre Gitarrenspiel einbilden; Bands mit Indie-Mackern drin, bemüht lustige Bands (deshalb manchmal auch Sorry3000). Bands, sich für auf so ne moralisch-penetrante Art für die Durchblicker halten. Langweilig!

Eure Spekulation hinsichtlich 2021? Beruhigt sich alles, bleibt der Ausnahmezustand, gehen alle etablierten Acts pleite und die Stunde der Neuen schlägt? Nee, was erhofft ihr euch vom nächsten Jahr für Sorry3000?
STEFANIE HEARTMANN Bitte bitte Hall of Fame oder zumindest 2, 3 Platten verkaufen! Wir haben so viele davon gepresst und wollen jetzt niemanden enttäuschen!

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