Story of your life

„Ruf mich nie wieder an! Mach einfach!“ – Das Interview zur Egotronic Best Of

Mit einer Doppel-LP blickt Torsun Burkhardt von Egotronic auf das schillernde Werk seines wandlungsfähigen Electropunk-Acts zurück. Zehn Alben destilliert auf vier Vinyl-Seiten. Eine Reise nicht nur durch den hibbeligen Band-Sound sondern auch durch die Historie des politischen Dancefloors. Linus Volkmann nimmt uns mit.

Torsun Burkhardt am Arbeitsplatz

Was soll man groß beschönigen? Torsun geht es gesundheitlich nicht gut, doch da kann die Krebserkrankung noch so schieben, beim Geschichten erzählen strahlt dieser einzigartige Typ in tausend Farben.
Im Vorfeld dachte ich noch, ob ich ihm so ein Interview wirklich zumuten kann – und dann sind fast zwei Stunden der geplanten dreißig Minuten rum und Torsun ist noch mittendrinnen im Anekdoten-Flashmob. Hinter jedem Song, Konzert, Protagonisten, ja, hinter quasi jedem Egotronic-Stickermotiv verbirgt sich eine Geschichte, es gibt immer noch sovie zu erzählen. Denn Torsun Burkhardts Gestaltungswille hat in drei Jahrzehnten soviel in Bewegung gesetzt, das schaffen wir einfachen Menschen nicht in fünf Leben. Damit ich aber nicht gleich seine Memoiren schreiben muss, unterbreche ich ihn. Lass uns heute konzentrieren auf die neue Platte. Da gibt’s ja schon genug zu erzählen.
Stimmt.
Und das geht so:

Auf dieser „Best Of“ ist quasi jede deiner Platten mit zwei oder drei Songs vertreten. Ein klares Konzept, wieso hast du dir gerade das gewählt? 

TORSUN Wenn man ein Live-Set zusammenstellt, dann hat man natürlich gleich die Hits auf der Liste. Bei unseren Live-Shows war mir außerdem wichtig, dass es anfänglich einen kleinen Aufbau gab, bei dem auch mal ein langsames Stück Platz gefunden hat – aber spätestens ab der Mitte zieht das Tempo an und es wird durchgebrettert. Deswegen unterscheidet sich die Best Of auch ganz drastisch von unseren Live-Konzerten. Ich hatte keine Lust, einfach die Singles einzusammeln und fertig. Ich habe mich viel eher noch mal ausführlich durch alles durchgehört – wann macht man das sonst schon? Und dann habe ich eine Favoritenliste erstellt und die immer mehr eingedampft. Was übrig blieb, sind wirklich die Liebsten der liebsten Songs. Alles chronologisch aufgereiht auf den vier Plattenseiten – ich wollte auf jeden Fall, dass man die Reise mitnachvollziehen kann. Denn das Projekt erfasst ja weit mehr als nur die Musik, es erzählt auch etwas von der jeweiligen Zeit, aus der die Stücke stammen.

Wenn du dir nach teilweise langer Zeit alle Platten noch mal angehört hast, gab es dann auch den Effekt, dass du selbst überrascht warst? Also dass Songs besser oder schlechter waren, als du sie abgespeichert hattest?

TORSUN Natürlich. Mir ging es vor allem bei dem dritten, unserem selbstbetitelten Album so. An dem hatte ich schon recht schnell nach Erscheinung die Begeisterung verloren. Ich hatte die Platte damals mit Rampue zusammen gemacht und wir wollten eigentlich lieber immer feiern und Drogen nehmen und auf der Piste sein. Das Musikmachen, ja, das geschah dann halt auch noch, nahm aber vielleicht nicht soviel Raum ein, wie angemessen gewesen wäre. Heute aber mit Abstand betrachtet hat es mich doch überrascht, weil ich sagen muss, da sind doch gute Stücke drauf, einige sind sogar richtig gut. „Verspult“, das ist ein toller Song, der die Stimmung von damals fast schon zu perfekt einfängt. Den haben wir in all den Jahren nur zwei oder dreimal live gespielt. Mit dieser Best Of erhalten solche Stücke nachträglich auch noch mal ihre Würdigung. Wobei … natürlich bin ich beim Wiederhören auch auf Songs gestoßen, bei denen ich dachte: Oh Mann, was hattest du dir denn dabei bloß gedacht?!

Wenn du sagst, „Verspult“ fängt das Party-Lebensgefühl der frühen Egotronic-Jahre so genau ein, kannst du das mal beschreiben?

Gern! Den Song habe ich geschrieben, als das Album fast fertig war und es fehlten noch einige Vocals. Ich habe daher mit [dem Musiker, Anm.] Plemo ausgemacht, dass wir das, was noch ausstand, gemeinsam in einem Studio in Hamburg aufnehmen würden. Juri Gagarin haben allerdings am Vorabend in Berlin gespielt, da war ich natürlich dabei – und nach deren Konzert bin ich weiterfeiern gegangen. Am nächsten Morgen ruft mich Artur von Audiolith an, weil sie mich schon suchen und ich sage, ich bin wohl auf irgendeinem Open Air gelandet. Dort wurde ich dann eingesammelt und es ging nach Hamburg. Ich glaube, ich habe an dem Punkt schon gestunken wie ein Otter, aber als wir bei Plemo ankamen, lief da eine Party und ich dachte mir, naja, bin doch eh schon gut dabei, dann nehme ich das auch mit. Habe immerhin kurz geduscht und wieder ging es bis morgens. Erst um Mitternacht am Tag drauf bin ich kurz mal schlafen gegangen. Doch der Termin zum Einsingen in dem Studio war dann am nächsten Tag – und ich musste ja noch zwei Texte schreiben und es fehlten zu drei Songs die Vocals. Ich habe dementsprechend morgens noch was zusammengekritzelt und in dem Studio tatsächlich auch abgeliefert. Plemo habe ich gesagt, hier ist das Material, mach du jetzt damit, was nötig ist. Und ich fuhr zurück nach Berlin, ging natürlich abends gleich schon wieder raven – immerhin war doch gerade die Platte fertig geworden! Dann rief auf einmal Plemo an. Er hatte eine Rückfrage wegen des Mix und ich fürchte, ich war nicht besonders kooperativ sondern stattdessen zuketaminiert und meinte sowas wie: „Ruf mich nie wieder an! Mach einfach!“ Im Nachhinein belegt der Song „Verspult“ also sehr gut, wie es zur Zeit der „Lustprinzip“-Platte bei uns zugegangen ist.

„Das Unbehagen in der Kultur“, so heißt die Best Of Platte jetzt. Der Titel ist genau wie das Cover ein Zitat. Was hat es damit auf sich?

Dabei handelt es sich um ein Buch von Sigmund Freud, dessen Titel wir übernommen und wo wir uns auch bei der Gestaltung bedient haben. Ich wollte das unbedingt so machen. Eigentlich war die Idee gewesen, dass die zweite Platte von Torsun & Die Stereotronics so heißen sollte. Quasi als Antwort auf die erste, auf „Songs To Discuss In Therapy“. Aber da es zu einer solchen nicht mehr kommen wird, bin ich happy, dass der Titel nun trotzdem noch Verwendung findet. Da passt er ohnehin fast noch besser: Denn Egotronic wurden gleich zu Anfang als explizit antideutsch wahrgenommen – und wofür steht dieses Label? Israelsolidarität, Kritische Theorie, Adorno lesen, aber das steht auch für Psychoanalyse. Das fand in diesem antideutschen Kosmos alles statt – Ende der Neunziger bis in die Nuller Jahre.

Auch das Foto von dir auf diesem Cover ist sehr ikonisch.

Dabei handelt es sich um mein persönliches Lieblingsbild. Nicht nur weil es cool aussieht, sondern weil der Moment, in dem gemacht wurde, für mich so unvergesslich ist. Das wurde fotografiert, als wir 2011 gerade von der Bühne beim Hurricane kamen. Das war unser erstes Mal, dass wir dort nicht nur so irgendwo klein beim Campingplatz spielten, nein, wir waren auf der großen Zeltbühne und das Zelt platzte dermaßen aus den Nähten, dass die Ränder hochgeklappt werden mussten. Als ich danach von der Bühne ging, habe ich geweint. Das hat mich so überwältigt alles. Ich hatte mir gerade ein trockenes T-Shirt angezogen, das Handtuch noch so über den Schultern und da hat mich Johannes [Büttner] geknipst, ohne dass ich das in dem Augenblick überhaupt wahrgenommen hätte.

Ich fand eben gerade auch deine Story zu „Verspult“ sehr schön, hast du vielleicht auch zu aneren Songs noch ein paar Anekdoten übrig?

Klar! Ein Song, der mir ebenfalls sehr wichtig ist, ist „Neurosen im Garten“. Den habe ich geschrieben, als ich aus dem Burnout kam, diese Zeit vor so zehn Jahren verbinde ich auch stark mit meiner Rheuma-Diagnose – und in dem Stück setze ich mich kritisch mit dem Thema Erfolg auseinander. Es geht um das große Hadern mit der Band, das ich eigentlich nie erleben wollte. Egotronic hatten einen großen Bruch erlebt, Tilli war nicht mehr dabei, Endi war weg, wie sollte es weitergehen? Das habe ich dann überspitzt für den Text: „Die Verbindung wird gehalten“ … so nach dem Motto, du rufst bei deinem Plattenlabel an und es geht nicht mehr sofort jemand dran. Im Endeffekt hat der Song auch viel von einem vertonten Angstzustand.

Das ist ja auch ein Song, den man nicht viel live gehört hatte. Und noch was, was man wissen sollte?

Zu „Den Kampf verloren“, da steckt für mich auf sehr viel Persönliches dahinter. Bei dem Stück war ich mir lange nicht sicher, ob ich den mit draufmachen soll. Die letzte Zeile ist: „So voll Traurigkeit und Zorn / hast du den Kampf mit dir verlor’n“. Den Song habe ich seinerzeit zweimal eingesungen und dann konnte ich nicht mehr, weil ich beim weiteren Versuchen nicht über meine Tränen hinauskam‘. Es ging nicht mehr, es gab also bloß diese zwei Versionen auf Band – und das war’s. Der Text handelt von dem Suizid eines guten Freundes in jener Zeit. Ich beschreibe darin, wie ich mir seine letzten Stunden vorstelle. Haben wir auch nie live gespielt natürlich. Nicht weil ich das nicht hätte rüberbringen können, sondern wie willst du sowas live unterbringen? So ein Song wird einem ausgelassenen Konzert nicht gerecht – und umgekehrt. Doch er ist mir total wichtig. Da ist es doch nur konsquent, dass er bei meiner eigenen Kuration einer Best Of dabei ist.

 

Was Egotronic sicher nicht nur für mich sehr ausmacht, sind die Video-Umsetzung zu den Songs. Das ist nichts, was irgendwie nur nebenbei läuft, sondern man spürt die Ambition, dass da auch noch immer etwas Besonderes geschaffen werden sollte. Viele kennen das sicher von diesem unglaublich hedonistischen Clip zu „Lustprinzip“. Aber ich mag auch sehr gern „Hallo Provinz“, ein typischer Egotronic-Song über das Eingeengt-sein in dörflichen Zusammenhängen. Das Mädchen, das hier die Hauptrolle hat, ist doch auch ein Szenestar heute.

Ja, die Protagonistin Julia ist heute auch Musikerin und unter dem Namen Make Boys Cry aktiv. Ich habe sie kennengelernt, da war sie ein ganz junger Teenie, fast noch ein Kind – hat aber bereits bei sich in der eigenen Provinz Konzerte mitorganisiert, unter anderem auch eines mit Egotronic. Der Kontakt ist über Zeit bestehen geblieben und als es Jahre später an dieses Video ging, habe ich mich erinnert, dass sie auch Thaiboxen machte und dass sie verdammt gut passen würde für die Story, die mir da vorschwebte: Junge Frau, die auf dem Dorf wohnt und von Prolls belästigt wird – und denen dann auf die Fresse haut. Sie war sicherlich aus Egotronic schon ein bisschen rausgewachsen, aber politisch standen wir uns immer noch nahe und dann hat sie die Rolle übernommen.

 

So kommen wir auch zu der Platte, bei der es auch ein wirklich sehr starkes Videokonzept gab, das ist die „Ihr seid doch auch nicht besser“ von 2019. Da habt ihr gleich für zwei Songs die Party von dem Autoren Matthias Matussek nachgebaut. Ein geschasster Spiegel- beziehungsweise Welt-Kolumnist, der heute für eine neue Rechte steht. Erzähl doch mal.

Gern, denn die Geschichte dazu hat dieses Jahr noch eine Fortsetzung gefunden, da wirst Du staunen! Also um das mal kurz anzureißen: Dieser Matussek hatte seine Geburtstagsparty über Fotos ins Netz gehängt. Da das so viel Verbreitung fand, konnten wir uns überhaupt erst so gut darauf in unserer Bildersprache beziehen. Auf der Gästeliste waren bekannte Gesichter von Zeitungen wie Welt, Focus oder Spiegel – aber eben auch richtige Nazis und einer von der Identitären Bewegung. Dazu wurde irgendwie ein Trump-Spiel gespielt, Matussek trug die Krawatte des damaligen AfD-Chefs Gauland, es war einfach mehr als skurril. Damals war mir gleich klar: Wir müssen in unseren Videos unbedingt diese Party nachbauen! Das haben wir auch getan und es gab einen Riesenskandal, Matussek hat uns angezeigt wegen Volksverhetzung – es ging einfach total ab. Auch weil rechte Seiten darauf einstiegen und infolgedessen sich ein gigantischer Nazi-Shitstorm über das Label Audiolith ergoss. Das geschah schon bei dem ersten Clip zu „Linksradikale“, der jetzt auch auf der Best Of zu finden ist. Danach haben wir nachgelegt mit dem Song „Kantholz“ und die Rechten sind noch mehr ausgerastet, richtig wild. Mir hat sowas nie etwas ausgemacht, im Gegenteil, ich habe wirklich liebend gern solche Leute provoziert, dennoch war es dann auch für uns alle nicht mehr so lustig, weil nicht nur Egotronic sondern auch viele Beteiligte des Clips angegangen wurden, gerade die Frauen wurden mit Vergewaltigungsdrohungen überschüttet… da fiel für Audiolith viel Arbeit beim YouTube-Kommentare löschen an und wo sich das sonst alles noch Bahn brach. Heftig.

 

Aber du hattest eben gesagt, die Story hat nun noch mal eine neue Wendung genommen?

Ja, denn Matussek hat dieses Jahr einen Roman rausgebracht, „Armageddon“, und darin kommen unsere Videos vor! Es wird von ihnen erzählt, es ist einfach ein völliger Irrsinn. Matussek schreibt über einen Journalisten, der offensichtlich er selbst sein soll und der wird in dem Buch verfolgt von einem bösen G8-Gegner. Dieser G8-Gegner will Matusseks Roman-Alter-Ego erschießen und zwar mit dem Gewehr, das in unserem Clip zu „Kantholz“ zu sehen ist. In diversen Zwischenüberschriften tauchen Egotronic-Zitate auf und allgemein versteigt er sich darin, dass unsere Band den Startschuss gab zu einer linken Hetzjagd auf Leute wie ihn.
Man merkt in vielen Passagen, dass er wirklich das Gefühl hatte, wir hätten damals zum Mord an ihm aufgerufen. Meine Meinung dazu: Nazis erschießen wirklich Leute und weil es aber auf der linken Seite keine Entsprechung dafür, müssen die Rechten sowas wie unsere Videos heranziehen, um daraus eine ähnliche Bedrohung zu konstruieren, wie sie real von Faschos ausgeht. Matussek hat sich in die Sichtweise so sehr verstiegen, dass er zu dieser Halluzination nun tatsächlich Jahre später noch einen Roman geschrieben hat.

Ähnlich überdreht hat ja auch der damalige Grüne Bürgermeister von Tübingen Boris Palmer auf euch reagiert, oder? Auch der glaubte, ihr wollt ihn umbringen nach dem Video zum Stück „Der Bürgermeister“.

Es war uns damals klar, dass ein Typ wie der auf einen Song über sich selbst reagieren würde – aber dass seine Reaktion keine halbe Stunde nach dem Release des Songs auf Twitter stehen würde… einfach nur wow! Beim Schreiben des Textes hatte ich meinen Bandkollegen noch gesagt, passt auf, das wird was Interaktives! Doch mit dem Ausmaß seiner Reaktion konnte keiner rechnen. Boris Palmer hat aus dem Video, das aus einem 8-Bit-Ballerspiel besteht, wo auch auf ein Raumschiff geschossen wird, auf das sein Kopf montiert wurde, eine Mordphantasie gegen sich gezaubert. Wer hätte das ahnen können? Bei Matussek war zumindest noch ein Requisiten-Gewehr im Einsatz, aber bei Boris Palmer gab es nicht mal mehr das.
Ich würde jedenfalls niemals zum Mord aufrufen – aber selbst wenn ich es täte, kämen mir Matussek und Boris Palmer nun wirklich als letzte dafür in den Sinn.

Torsun, den Rest heben wir uns für später auf. Jetzt erstmal vielen Dank für deine Zeit!

Interview: Linus Volkmann

::: Egotronic “Das Unbehagen in der Kultur – Ausgewählte Werke 2001 – 2021” (Audiolith)

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