Die Rückkehr nach “Schloss Einstein” – Melanie Gollin über ihre Comfort-Binge-Serie – Dreiteilige kapute Kuration zum Einsatz von Musik in (vor allem deutschen) Serienhits

Wir war’n die Kings von morgen

„Schloss Einstein“ (Illustration: Rosalie Ernst) – Die Seriencharaktere Oliver und Iris waren unumstrittene Stilvorbilder.

Dass Serien ein Ding sind, haben in den letzten zehn Jahren alle mitbekommen. Doch wie viele von euch achten auf den Plot abseits der sichtbaren Handlung? Oft wird der von Musik unterstützt und getragen.
Diese von Melanie Gollin kuratierte dreiteilige Textreihe beschäftigt sich mit dem Einsatz von Musik in (vor allem deutschen) Serienhits, hinterfragt, wie Serien Musikkultur abbilden oder sogar beeinflussen, und was das finanziell und fametechnisch für die Musiker*innen bedeutet.


Wir beginnen im Jahr 1998 im Öffentlich Rechtlichen Fernsehen: “Schloss Einstein” geht auf Sendung und fängt das popkulturelle Leben seiner Zuschauer*innen bemerkenswert genau ein.

Jede*r hat so eine Comfort-Binge-Serie. Jede*r außer mir, dachte ich, denn ich gucke Serien nie zweimal. Doch irgendwann in den letzten Monaten stolpere ich wieder über “Schloss Einstein”. Irgendjemand hat tatsächlich alle Folgen der mittlerweile über 1.000 Episoden starken Serie auf Youtube hochgeladen, also denke ich mir: ‘Why not, wenn ich jetzt was gebrauchen kann, dann eine Reise zurück in unbeschwerte Zeiten’ und stelle mich auf ein kolossales Cringefest ein, ein Wiedersehen mit Kinderdarsteller*innen, eine Reise in die 90er. Eine verheißungsvolle Mischung.

Ich fang brav bei Folge 1 an und erinner mich, wie fanatisch ich damals jeden Samstag um 11:45 Uhr vor dem Fernseher saß (es gab Familienurlaube, die drumherum geplant werden mussten), wie ich jeden Schnipsel über die Serie ausgeschnitten und in meinen SE-Ordner eingeklebt habe. Die schauspielerische Leistung der Kids ist wie erwartet possierlich und trotzdem hittet mich etwas ganz stark mit dem Emotionsbaseballschläger:
Was ich da sehe, das bin ich.

“Schloss Einstein” begleitet Schüler*innen der 5. und 6. Klasse in ihrem Internatsleben. Sie sind 11 bis 13 Jahre alt. Ich war 1998 beim Serienstart auch 11, und ob ich das damals bewusst wahrgenommen habe, kann ich nicht sagen, doch die Kinder, die hier spielen, sehen alle aus wie ich damals. Die Frisuren (Zick Zack Scheitel, Seitenzöpfe, “Cornrows”, Nick Carter-Mittelscheitel und was auch immer das hier ist), die Klamotten (hellgrün, orange, gelb, königsblau, die Farbpallette der Pre-Millenium-Unschuld, aus denen mein eigener Kleiderschrank bestand), Sonnenblumen, Tattoohalsketten, Schmetterlingsclips. Mordillo, Monte, Titanic. Ich bin versucht zu sagen, dass da jemand fantastische Requisiten- und Maskenarbeit geleistet hat. Und doch: das alles fällt mir erst auf, nachdem mich etwas anderes komplett von den Socken haut: Der Einsatz von Popmusik in der ersten Staffel “Schloss Einstein”.

Es beginnt etwa in Folge 6, als “Stand By Me” von 4 the Cause gespielt wird, ein Song, den ich schon längst vergessen hatte. Die Bilder und Gefühle, die reinrauschen, sie sind enorm.
Bin ich noch textsicher? You bet.

Von da an beginne ich, auf die Musik zu achten. Zuallererst fällt auf, dass Musik in dieser Serie ausschließlich organisch passiert. Heutige Seriensoundtracks bestehen meist aus Songs, die über die Szenen gelegt werden, um die richtige Stimmung zu erzeugen; sie sind ein Werkzeug fürs Publikum, werden von den Figuren in der Geschichte aber nicht gehört. Bei “Schloss Einstein” ist jeder Song, der auftaucht, Teil der Szene. Musik gibt es nur, wenn sie aus einem Radio oder CD-Player kommt und dementsprechend nur dort, wo es ein Abspielgerät gibt, nämlich in den Zimmern der Kinder, in der Schulbar, der Eisdiele und der Fahrradwerkstatt. Die Figuren hören das Lied in ihrer jeweiligen Situation, bewusst oder unbewusst.
(Technisch gesehen wurde die Musik natürlich auch hier erst in der Postproduktion drüber gelegt, aber eben immer als Teil der Umgebung behandelt.)

Wenn heute ein Song in einer erfolgreichen Serie eingesetzt wird, kann die Serie den Song zum Hit machen. Hier ist es andersrum, statt Hits zu machen, bildet “Schloss Einstein” Hits ab. Es gibt Agenturen, die sich darauf spezialisieren, Filmen und Serien die perfekte Songauswahl zusammenzustellen (dazu in den folgenden Texten dieser Themenreihe mehr), wie das bei “Schloss Einstein” war, lässt sich nicht rekonstruieren, Askania Media, die die Serie in Babelsberg produziert haben, kann auf Anfrage leider niemanden mehr ausfindig machen, die*der damals für die Musikkuration zuständig war. Klingen tut es, als hätte jemand mit geschlossenen Augen auf Titel von CD2 der jeweils aktuellen Bravo Hits getippt.

Die Ausstrahlung der ersten Staffel (Folge 1-76) erfolgte vom 4. September 1998 bis zum 18. Februar 2000 und hangelt sich musikalisch durch hypererfolgreiche Kuriositäten; Lieder, die Charttopper waren und heute vergessen sind. Und da es sich um eine deutsche Serie handelt teilweise Lieder, die man in US-amerikanischen oder britischen Comfort-Binges vergeblich suchen wird, denn nur WIR haben überhaupt das Potenzial uns an sie zu erinnern.
Nehmen wir das oben genannte Beispiel auf: “Stand By Me” von 4 the Cause. Das war eine Gruppe aus Chicago, vier Mitglieder, damals zwischen 14 und 17. Ihr Rework des Ben E. King-Klassikers schaffte es in den USA nur auf Platz 82 der Charts, in Deutschland und Österreich auf Platz 2, in der Schweiz sogar Platz 1. Der Track tönt in der ersten Staffel insgesamt fünf Mal aus den Lautsprechern der Internatszimmer. 4 the Cause’ Nachfolgesingle “Ain’t No Sunshine” (ebenfalls ein Rework, natürlich von Bill Withers) schafft es immerhin auf einen Einsatz in der Staffel. Ihr Management teilten sich 4 the Cause mit The Moffats, ein Brüder-Quartett aus Kanada, deren Song “Miss You Like Crazy” zweimal seinen Einsatz findet. The Moffats hatten nie den Riesenerfolg in Deutschland (nur Platz 25 in den deutschen Charts mit “Miss You Like Crazy”), auch wenn sich große Mühe gegeben wurde, sie zum Beispiel über eine Kollabo mit Gil in den Markt einzuführen (Platz 98, oh no). Gil kommt natürlich auch vor, “Round & Round (It Goes)” bringt es auf zwei Einsätze und ist damit in” Schloss Einstein” öfter zu hören, als auf Spotify, wo der heute unter seinem vollen Namen Gil Ofarim ok-erfolgreiche Sänger sein Debütalbum von 1997 verschweigt – wohl all jener, die noch ein CD-Exemplar davon besitzen (ich).

Wir hören auch den ersten Verkaufsschlager von Sasha, “I’m Still Waitin’”, eine Pop-Reggae-Verwurstung, in der der damals noch unbeleckte Sänger sein “little girl” bezirzt, dass es einem die Zehnägel hochstehen lassen könnte, wäre man nicht so mit Mitsingen beschäftigt (Sashas allererste Single – natürlich abgesehen von seinem Feature bei Young Deenay – veröffentlichte er übrigens unter dem Namen H.I.M., was aus denkbaren Gründen später wohl zu einiger Verwirrung hätte führen können).

Wer erinnert sich noch an “Stay” von 2-4 Family? Platz 8 der deutschen Charts – und, viel wichtiger: vier Einsätze bei “Schloss Einstein”. Oder an “When Susanna Cries” von Espen Lind? Sqeezer mit “Without You”? Bell Book + Candle? Die GZSZ-Band Just Friends? The Boyz, die Band in der Adel Tawil startete? Oder “Why” von Kisha, bei dem einem wahrscheinlich weder Songtitel noch Künstlerinnenname etwas sagen, doch die Schweizerin hatte einen ziemlichen Schlag mit ihrem selbstbetitelten ‘99er Album. Bei “Schloss Einstein” tanzen sich die Schüler*innen in der Schuldisko zu “Why” in Extase; der ebenfalls auf dem Album enthaltene Song “Love Is Enough” ist seit 1998 durchgehend Titelsong von ”In Aller Freundschaft”.
Der Song, der neben “Stand By Me” die Spitze der Einsätze in der ersten SE-Staffel anführt, ist übrigens “Save Tonight” von Eagle-Eye Cherry. Dagegen kann man nun überhaupt nichts sagen, dieses One-Hit-Wonder von Neneh Cherrys Halbbruder ist extrem gut gealtert.
Noch ein dritter Song drängelt sich auf die Poleposition der meistgespielten Popsongs der ersten Staffel der Internatsserie und macht einen weiteren Aspekt der musikalischen Abbildung von Realität auf. Es handelt sich um “Dove C’è Musica” von Eros Ramazotti.

„Schloss Einstein“ (Illustration: Rosalie Ernst) – Ein Best-Of an Bravo Hits B-Seiten: Die Songs in der ersten Staffel „Schloss Einstein“.

Die oben genannten Songs hören die Zuschauenden zusammen mit den Schüler*innen, wann immer die in ihrer Freizeit in ihren Zimmern oder dem Schüler*innen-Gemeinschaftsraum rumhängen.
Die anderen beiden Orte, die über ein Musikabspielgerät verfügen, werden musikalisch klar von diesen ideellen und tatsächlichen Räumen abgesetzt. In Luigis Eisdiele läuft fast ausschließlich Eros Ramazotti, manchmal Gianna Nannini. Die Message ist klar: es gibt Eis, wir sind in Italien! Später, als Giovanni nach etwa 20 Folgen die Eisdiele übernimmt, wird diese immer häufiger Handlungsschauplatz und die Italo-Hits mischen sich mit den “normalen” Popsongs.
In der Fahrradwerkstatt des Vaters von Internatsschüler Oliver soll uns allerdings zu jeder Zeit klargemacht werden: Hier arbeitet ein alter Mann, der ist so alt, der hört nur Beatles, “Summer In The City”, “Mr Tambourine Man” und sowas, so ALT, bestimmt schon Mitte 40! In der zweiten Hälfte der ersten Staffel übernimmt die Hausmeisterwohnung von Herrn Pasulke diesen Part und wir hören Stones, Beatles und “Mr. Tambourine Man” jetzt in seiner Wohnung.

Die erste Staffel zieht sich in der Ausstrahlung über anderthalb Jahre, behandelt in der Geschichte aber lediglich ein Schuljahr; sie beginnt nach den großen Ferien und endet mit der Zeugnisausgabe. Wie sehr die Serie in dieser Zeit wächst, lässt sich nicht nur an den Kinderdarsteller*innen sehen, die sich im Alter von 11 bis 14 natürlich übermäßig stark verändern, sondern auch darin, wie sich die Musikgenres der Songs wandeln. Am Anfang ist alles sehr kindlich mit oben erwähnten Chartsongs, doch mit der Zeit setzen die Macher*innen auf “coolere” Musik. Statt Pop und Eurodance gibt es gegen Ende der Staffel immer öfter Grunge, Brit Pop und HipHop. Statt DJ Bobo und Ace Of Base singen ab den 40er-Folgen vermehrt Oasis, Smashing Pumpkins, Lauryn Hill und 2Pac. Eine Entwicklung, die in der zweiten Staffel weitergeht.

Kommentiert wird die Musik von den Charakteren so gut wie nie – und doch findet die Popkultur auch im Alltag der Mädchen und Jungs statt; ein paar Mal verwebt sie sich gar mit der realen Welt der Zuschauer*innen. Etwa wenn Ira sagt, sie wäre gestern vom süßesten Typen des Universums geküsst worden und Antje aufgeregt “Wer? Gil!?” ruft. Oder wenn im Foyer verhandelt wird, wer das ECHT-Poster aus der UTA (die Bravo im Einstein-Universum) haben darf. Katharina gibt damit an, dass ihr Vater an Karten für Janet Jackson rankommt. Beim Karaoke-Wettbewerb in Folge 8 treten Oliver, Ingo und Wolf als Tic Tac Toe auf und singen “Verpiss Dich”.
Einmal wird ein dünnmaskierter Versuch gestartet, Julian mithilfe der Serie bekannter zu machen. Wenn ihr euch jetzt fragt, wer Julian ist, wisst ihr, dass das nicht geklappt hat. Er singt den Serientitelsong “Alles Ist Relativ” und hatte vorher zwei Singles veröffentlicht (in der realen Welt, wohlgemerkt).
Die gerade erwähnte Ira ist in der Serie Superfan, wir gehen mit ihr aufs Konzert, hängen Poster auf und schwärmen im Waschraum. Aber sogar ihre Mitschüler*innen machen sich über sie lustig – und der Plot ist nach einer Folge vorbei. Über mehrere Folgen hingegen begleiten wir die neugegründete Schulband Albert’s Enkel dabei, wie sie einen eigenen Song schreiben, aufnehmen und damit an einem Nachwuchswettbewerb teilnehmen, bei dem sie von Arno (eine Art Mischung aus Falco und Dieter Bohlen, gespielt von Wolfgang Bahro) übers Ohr gehauen werden. Er gibt ihren Song für seinen aus! Aber am Ende wird natürlich alles gut. Später findet sich noch ein Schulbandprojekt, deren CD man dann tatsächlich auch als Fan der Serie kaufen kann. (Es gibt keine Punkte fürs Raten, ob sich diese Maxi Single in meinem Besitz befindet.)

Ein bisschen verstört, aber vor allem euphorisch lasse ich Staffel 1 hinter mir. Heute bin ich fast so alt, dass in meinen SE-Szenen “Mr. Tambourine Man” laufen würde, doch ich erinnere mich an T-Shirts, die ich hatte und aufblasbare Rucksäcke, mit denen ich jetzt, wo die 90s wieder so in sind, ordentlich Staat machen könnte. Die Songs habe ich mir in eine Spotifyplaylist gepackt, sie sind mehr als alles andere an der Serie ein wahnsinniger Ritt auf der Nostalgie-Rakete. Öfter als einmal kann man sie nicht hören, denn viele sind zurecht vergessen. Doch sie erinnern mich an viele kleine Momente in meinem Kinderzimmer, an Sommerurlaube und Stunden über der Bravo. Sie erinnern mich nicht an “Schloss Einstein”, denn damals sind mir die Lieder in der Serie wahrscheinlich gar nicht aufgefallen. Sie waren zu sehr Teil meines echten Alltags. Vielleicht der Beweis wie gut hier das Leben einer 11 jährigen eingefangen wurde.

Spotifyplaylist (zum Nachbauen):
4 the Cause – Stand By Me
Ace Of Base – Life Is A Flower
Kai Tracid – Dance To Eternity
Eagle-Eye Cherry – Save Tonight
DJ Bobo – Where Is Your Love
Kisha – Why
Bravo Allstars – Let The Music Heal Your Soul
Bell Book + Candle – Rescue Me
Mousse T. – Horny ´98
Espen Lind – When Susanna Cries
Sasha – I’m Still Waitin´
2-4 Family – Stay
Midge Ure – Breathe
Touch + Go – Would You Go To Bed With Me
Lauryn Hill – Lost Ones

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