Kaput Gast-Redakteurin Rebecca Spilker proudly presents: „Alles inklusive: Sex, Musik und Vermasselung“

REBECCA SPILKER: “VOLLE ELLE MACHTGEFÄLLE”

Kaput Gast-Redakteurin Rebecca Spilker proudly presents:
„Alles inklusive: Sex, Musik und Vermasselung“

Wie wir uns und das, was uns umgibt, einschätzen und gestalten.
Wie wir agieren, zwischen Schimpfen, Scheitern und Lieben.
Warum wir aus Gründen an Orten und bei Menschen geblieben sind, oder uns verabschiedet haben.

Drei ganz persönliche Erinnerungen und Nachdenkereien über Körper, Autonomie, Macht und Sehnsüchte von Rebecca Spilker, Christine Koschmieder und Michael Girke

 

Part I

VOLLE ELLE MACHTGEFÄLLE
Von Rebecca Spilker

 

1. Ungeordneter Rückzug/Frauen gegen Frauen/The Winner Takes it all

Nachts, in einer Bar am Altonaer Fischmarkt, die es schon lange nicht mehr gibt, ist mir mal etwas passiert. Oder besser gesagt: habe ich etwas erlebt. Ich und „mein“ Mann saßen nach einer Lesung mit angeschlossenem Konzert eines uns persönlich bekannten Engländers an der Bar herum, darüber diskutierend, ob es nun nach Hause gehen oder noch ein Drink eingenommen werden sollte. Averna lautete die Entscheidung und ich zog Mantel, Schal, den ganzen Winterkladderadatsch also, wieder aus und deponierte alles, nebst Handtasche, auf meinem Barhocker, um aufs Klo zu gehen. Gleichzeitig wurden die Drinks geordert. Auf dem Weg zum Örtchen kam ich an einer jungen, sehr hübschen Frau vorbei, die mir schon den ganzen Abend über aufgefallen war, weil sie sich durchgehend in unserer Nähe aufhielt, mich taxierte und dem Mann zulächelte. „Kenne ich sie?“, fragte ich mich zuerst. Man will ja meist nicht unhöflich sein und womöglich nicht grüßen, denn dann gilt man als arrogant. Beim Pinkeln fiel mir dann aber ein, dass es ja, wie so oft, wahrscheinlich nicht um „uns“ ging, sondern um „Ihn“, meinen Lebensgefährten nämlich. Er ist Musiker. Nicht super doll berühmt aber schon etabliert. Er textet, singt und hält eine Gitarre. Kurz: er steht auf Bühnen und hat vorher was gedacht und aufgeschrieben. Auch mal einen Roman. Das kommt an, so meine jahrelange Erfahrung, besonders beim weiblichen Geschlecht.
Spülen, Hände waschen, kritischer Blick in den Spiegel. Naja. Anfang 50 halt.

Zurück am Tresen musste ich feststellen, dass mein Platz von eben jener jungen Dame eingenommen worden war, an deren sportlichem Körper ich mich kurz vorher vorbeigeschlängelt hatte. Daran, so dachte ich, ist ja grundsätzlich erstmal nichts zu kritisieren. Weder am Körper noch am Dazusetzen – weggegangen, Platz vergangen. Aber mein Zeug. Wo? Ich umschlich die ins Gespräch vertiefte Neu-Bekanntschaft. Sie war mit dem Hocker nah herangerückt, mit ihrem Gesicht dicht an dem meines Typen klebend plauderte sie aufgekratzt, mit schräg gelegtem Kopf auf ihn ein. Ihm schien es zu gefallen, er lachte und nippte an seinem Glas. Auch sie griff nach dem Drink, der vor ihr abgestellt worden war, rührte mit ihrem Zeigefinger kokett im Eis herum und nahm einen Schluck. Ich krummbuckelte mich durch die Crowd, es war sehr voll und eng, und machte mich auf die Suche nach Tasche und Mantel. Ich ging davon aus, dass sie junge Frau sich nicht draufgesetzt hatte und wedelte daher mit den Armen, in der Hoffnung, der Typ, mit dem ich schon lange Tisch und Bett teilte, würde mich wahrnehmen und mich über den Verbleib der Sachen aufklären. Pustekuchen. Schon hatte sich eine weitere Szenefrau dazu gesellt, der Mann war also gewissermaßen eingekapselt, ich kam nicht ran und es wurde auch so laut gelacht, dass ich hätte brüllen müssen, um mich bemerkbar zu machen. Ich begab mich also, weil mir nichts Besseres einfiel, auf alle Viere und krabbelte im Tresenbereich unter den Hockern herum. Wenigstens die Tasche finden. Doch: Geld, Handy, Schlüssel – nichts. HILFE.

Verzweifelt tauchte ich zwischen der kleinen Gruppe von unten empor, eine Gesprächslücke abwartend, um vom Verlust zu berichten. Der Mann sagte „Huch!“, so, als hätte er schon halbwegs vergessen, dass ich auch noch da war. „Alles weg“, japste ich. „Mantel auch“. „Oh, nein, sorry“, sagte da die junge Blondbezopfte „ich hab die Sachen dahinten hingelegt“. Sie legte ihrer Freundin unterdrückt aufkichernd die Stirn auf die Schulter. Mit „dahinten“, so stellte sich schnell heraus, war eine schmuddelige Ecke neben der Getränkeluke zum Keller gemeint. Mein Mantel hatte in einer Bierlache gelegen, war nass und stank, meine Tasche hatte sich durch grobes Wegpfeffern geöffnet. Zum Glück konnte ich die Wertsachen noch zusammenklauben. Der Schal war weg. Er war das Geschenk einer Freundin gewesen. Wie eine geprügelte Hündin schlich ich zurück zur Gruppe, die am Musiker Interessierte hielt sich immer noch kichernd die Hand vor den Mund und brachte erneut ein glucksendes „Sorry“ hervor.

Ok, bleib du nur ruhig hier sitzen, dachte ich. Ich nehme mir nur schnell meinen Drink und gehe zum Engländer rüber. Das Glas war leer. „Oh, shit, ich dachte, der ist für mich?“. Brüllendes Gelächter bei den beiden Damen. Die Musik(er)begeisterte hatte mein Glas ausgesoffen, der Mann es nicht verhindert und mich, den Mantel und meine Würde in einer Bierpfütze liegen lassen.

Rebecca Spilker, 1989 VOR der Bühne, in Erwartung eines Konzertes von The Jesus and Mary Chain.

2. Schwestern. Eine Enttäuschung.

Viele mögen bei dieser Anekdote denken- komm schon, keine große Sache, das passiert doch auch wenn der Partner Lehrer oder Tischler ist.
Aber stimmt das?

Und umgekehrt gedacht: Normal erfolgreiche, dem Alter entsprechend aussehende 50jährige Musikerin, semiprominent, bleibt kurz allein am Tresen zurück. Sie ist mit ihrem Typen da. Da kommt der attraktive, aufgeregte 30jährige Fan dazu, besetzt den noch warmen Hocker, schmeißt des Gatten Jacke ins Bier, flirtet ambitioniert und lacht sich ´nen Ast? Pardon, meine Damen und Herren, ich glaube das passiert eher nicht oder sehr, sehr selten. Hab’ ich noch nicht von gehört. Warum erzähle ich das? Weil es hier um zwei Sachen gehen soll, die in den letzten Monaten medial und im privaten Kreis viel diskutiert und thematisiert wurden. Um Männer und Frauen vor und hinter der Bühne. Um Künstler und Fans. Um die eingeübten, eingefahrenen Dynamiken, denen sie einerseits ausgesetzt und an denen sie andererseits beteiligt sind. Um Machtverhältnisse und Rollenbilder aus der Mottenkiste, die immer und immer wieder abgestaubt und aufgehängt werden. Das Ganze funktioniert natürlich auch in nicht heteronormativen Konstellationen, aber mit denen kenne ich mich, als alte Hete, die ich bin, nicht wirklich aus, deshalb jetzt so.

Ich rede also über heterosexuelle Männer und Frauen in Kulturzusammenhängen und ihren Rollenumgang miteinander.
Und über mich.

Das eben geschilderte Vorkommnis ist eines von vielen, mit denen ich in den letzten 29 Jahren umgehen musste. Als Anfang/Mitte der 90er Jahre die sogenannte „Hamburger Schule“, in die mein Partner einsortiert worden war, Fahrt aufnahm, Videos seiner Band bei MTV und Viva liefen, musste ich mich schnell daran gewöhnen, dass Briefe ankamen, merkwürdige Anrufe eingingen (bis wir uns eine neue Telefonnummer zulegten) und Frauen, die man schon länger ganz gut zu kennen glaubte (auch Männer, aber seltener) auf einmal ungewohnt hibbelig wirkten, in Gegenwart des Mannes. Etwas hatte sich geändert. Es wurde aufgeblickt, angehimmelt. Nun gab es Fans, was ja schön und durchaus gewollt war. Sie kauften Alben, besuchten die Konzerte, kurz- sie füllten die Kasse unserer wachsenden Familie, während ich Babies austrug und sie, zumindest für die ersten Jahre, hauptberuflich säugte und betreute. Während ich mit tropfenden Brüsten durch die Schanze latschte, öffnete der Musikermann Fanpost, und drapierte ironisch kleine Bärchen in seinem Studio, die ihm, ebenfalls ironisch, auf der Bühne zugeworfen worden waren. Oft hing eine Telefonnummer dran.

Ich war nie dabei, kannte aber natürlich die Geschichten über Frauen, die sich aufgekratzt Backstage tummelten und irgendwas mit Medien und Fotoapparaten machten. War auch ich einmal wie sie gewesen? In stillen Momenten fragte ich mich das schon … Und wenn ja, warum? Was ist der Grund für die weibliche Erregung in Gegenwart von Musikidolen und Rockstars? Warum, pardon my french, geilen sich überwiegend Frauen an den machtvollen Gesten und Posen der Bühnentiere und männlichen Erfolgsmenschen aus Branchen und Sparten aller Art auf? Was ist der Auslöser, der Antrieb? Hoffnung auf Selbsterhöhung durch Kontakt mit den Erfolgreichen und Sichtbaren? Oder stimmt das alles nicht und ich habe ganz viel nicht verstanden, bin ungerecht und verklemmt?

Eine Bekannte berichtete mir mal, sie habe sich ernsthaft in einen Sänger verliebt, wegen seiner Texte und seines Aussehens (sie kannte ihn vom Album-Cover), weshalb sie ihn via Facebook-Messenger um ein Treffen bat. Meinen Einwand, das mit dem echten Verlieben könne nicht sein, sie wisse ja weder, wie er im richtigen Leben ticke (Stichwort: Einschlafen vor der Glotze, cholerische Anfälle, popeln), noch wie er röche und ob es bereits jemanden in seinem Leben gäbe, ließ sie nicht gelten. „Den schnapp ich mir“, verkündete sie. Es war das Phantasieren über ein anderes, vermeintlich abgefahreneres Leben, das sie mit und durch ihn zu bekommen gedachte. Der Zipfel eines Auswegs aus ihrem gleichförmigen Alltag als Bauzeichnerin. Ich schwankte in dieser Sache zwischen Verständnis und Mitleid. Kann man nicht einfach kündigen, wenn sich was ändern soll? Oder umziehen?

Eine andere Freundin (eine großartige Künstlerin by the way…) musste, weil sie einen sehr berühmten Musiker geheiratet hatte, leider einige beginnende Freundschaften mit Frauen schnell wieder beenden, weil diese übertrieben aufgebrezelt zum Tee erschienen und eigentlich immer nur wissen wollten, ob ihr Mann zu Hause sei.

Der Trick ist ja, wie gesagt, die Dinge einmal umgekehrt zu betrachten und nicht aus dem Blick zu verlieren, dass der durch Aufmerksamkeit und Bewunderung verwöhnte Mann auch schnell zum Arschloch werden kann. Stößt er nicht irgendwann selbst darauf, dass bei verschobenen Gemengelagen Verletzungen und Ungerechtigkeiten auf allen Seiten nicht ausbleiben und ihm Stress machen, wiederholen sich bestimmte Muster immer und immer wieder, wird sich nichts verbessern in Beziehungsdingen.

In letzter Zeit habe ich diverse befreundete Musikerinnen und Autorinnen darüber befragt, wie es denn bei ihnen so steht, mit der Fandichte und den Avancen von Galanen nach der Show. Mir war nämlich aufgefallen, dass zum Beispiel auch nach Lesungen in provinziellen Kulturhäusern vorwiegend wimpernklimpernde LeserINNEN den Autor später noch an der Bar treffen wollten, um über sein Großwerk zu talken. Eine meiner besten Freundinnen, Bestsellerautorin, zwei Romane bereits verfilmt, konnte auf Nachfrage NICHT berichten, dass ihr Ähnliches auch schon mit Männern passiert sei. Es seien auch immer nur sehr wenige Herren zu ihren Lesungen erschienen. Wegen der vermeintlichen Frauenthemen? Wieder umgekehrt gedacht – wenn Stucki über seine prominenten Buddies schreibt, sind Jungschauspielerinnen und Studentinnen in der Überzahl around. Why?
Das spezifisch weibliche Phänomen (?) „bewundern und anhimmeln, was und wer einen bestimmten Status hat“ tritt natürlich auch in anderen Zusammenhängen zu Tage.
Ein Beispiel: Als mein verstorbener Großvater noch predigte und einen schmucken Talar trug, gab es einige weibliche Gemeindemitglieder, die jeden, und zwar wirklich JEDEN Sonntag im Gottesdienst saßen, sich bei Missionsfesten auffällig stark engagierten und an seinen Lippen hingen, wenn er den Segen erteilte oder die Heilige Schrift auslegte. Sie lebten förmlich für den wöchentlichen Direktkontakt mit der Sicherheit und Autorität ausstrahlenden Persönlichkeit. Meine Großmutter nannte sie „Kanzelschwalben“.

3. Irrtümer/Groupies – ein Rant

Während ich neulich Urlaubsmäßig am Nil herumturnte, tobte in Deutschland der Rammstein-Skandal. Sein kurzes Aufheulen tönte bis nach Assuan herüber. In Feuilletons und Podcasts wird seitdem diskutiert, wo die Grenze gezogen werden muss, zwischen Groupie-Kultur und Missbrauch, zwischen einvernehmlichem Sex und dem Machtgefälle zwischen Frau und Mann in Musikzusammenhängen. Zwischen Wunsch und Wirklichkeit.

Neulich hörte ich im Radio ein Interview mit der bekannten (und von mir sehr geschätzten) Pop-Feministin Kersty Grether (ich habe allerdings auch nach Jahren immer noch nicht verstanden, was das sein soll. Kann man nicht einfach nur Feministin sein ohne Pop?). Sie versuchte in dem Gespräch mit Klaus Walter im WDR unter anderen den Begriff „Groupie“ einzukreisen, ihn irgendwie einzuordnen in – ausgerechnet immer noch – den Kontext weiblicher Autonomie und Selbstbefreiung.
In der Tat, als Rock/Pop in den 1960ern so richtig losging, und der Muff der Nachkriegszeit die ganze Prüderie und Verklemmung in den Gesellschaften weltweit noch verhinderte, was auch nur ansatzweise in Richtung freie Sexualität, autonome Lebensgestaltung und offenes Denken ging, mag es für Frauen mit Freiheitsinteresse und Liebe zur Musik eine Entscheidung für Widerstand gegen Konventionen gewesen sein, im erweiterten Sinne die Nähe zu Musikern und ihrer Szene (Frauen spielten ja so gut wie keine Rolle, im Rockzirkus dieser Zeit) zu suchen. Eine naheliegende Möglichkeit sozusagen, ein legitimer Ausbruchsversuch aber auch ein Tauschgeschäft.

Befreiter Sex war und ist politisch und spielte auch damals eine große, wichtige Rolle, was ja für uns alle keine Neuigkeit ist, denn Sex ist das große, sensationelle Grundrauschen im Leben.
Seit Menschengedenken. Wir können froh sein, dass wir ihn haben, sonst wäre alles ödeödeöde. Nur, zu behaupten, das Fantum mit Benefits hätte auch HEUTE noch in erster Linie etwas mit Selbstbefreiung, mit ausagiertem Feminismus zu tun, ist doch Panne. Erstens kann man als Frau selber Musik machen oder etwas anderes im Bereich Kunst und Karriere, auch, wenn es mühsam ist, und zweitens kann man eigentlich überall mit jedem und jeder vögeln. Hurra! Um Sex und Überschwang auszuleben, bedarf es längst keines Dranhängens an Zusammenhänge der Entgrenzung und des Aussteigens aus normierten Lebensknästen mehr, die womöglich auch noch aus der Sichtweise des Mannes festgeschrieben wurden. Kann man im Grunde einfach so machen, das mit der freien Liebe und dem Durchdrehen, es sei denn, man ist queer im Iran, nonbinär in Sachsen oder in irgendeiner verdammten christlichen Sekte.
Runtergebrochen ist doch das Problem, dass es hinter und vor den Bühnen in Wirklichkeit oft noch um den begehrlichen Blick nach OBEN geht, zum Sockel, weil der Sänger, der Bassist, der Dichter dort stehen, wo Frau ihn versehentlich selbst hingestellt hat. Warum törnt allein das schon an? Wäre es nicht hotter, man stünde selber dort, machte sich zum Star des eigenen Lebens und suchte sich einen Gleichgesinnten auf Augenhöhe? Auch für den Sex?

Das Beachtetwerden reicht leider vielen schon, um sich vermeintlich abzuheben aus der Masse der Anderen, der Ignorierten. Die auserwählte Frau sein – welch ein Hochgefühl. Das gibt den Kick, aber: WARUM? Ich frage mich einfach, ob Grether hier nicht etwas zusammendenkt, das längst schon nicht mehr so funktioniert und wahrgenommen wird, wie vor 65 Jahren. Der Lifestyle einer Pamela Des Barres liegt längst auf dem Scheiterhaufen der Popgeschichte. Er wird nicht mehr gebraucht.
Ist es die eigene Unsicherheit in Bezug auf sich selbst und die eigene Historie, die aus der Grethers Antworten spricht? Tja, das kenne ich auch von mir selber, ich könnte es verstehen.

Aber: wenn es, wie oft behauptet wird, für weibliche Fans darum geht, mit den von ihnen geschätzten Musikern, bleiben wir mal bei denen, wegen Redebedarfs über das letzte Album oder so, in persönlichen Kontakt zu kommen, kann man es doch einfach ohne Körpereinsatz versuchen. Oder das „Persönliche“ weglassen und einfach nur die Musik, die Konzerte genießen. Sexuelle Verfügbarkeit sollte kein Door Opener mehr sein, und im Fall einer Zurückweisung zeigt sich dann ja auch, worum es wirklich gegangen wäre. Und nein, man ist als Teenager in den 80ern nicht auf gleicher Ebene mit den Bewunderten gewesen, weil man ihn für ein Fanzine befragen wollte, wie die Autorin im Interview zu Protokoll gab. Man ist deshalb einfach nur Backstage gelandet. Frau muss sich ehrlich fragen, ob es, dort angekommen, mit einem Bier in der Hand, WIRKLICH geklappt hat, mit der Teilhabe, oder ob es ihr nicht doch um etwas anderes gegangen ist, zumindest auf einer Nebenspur.

In den 1990ern habe ich oft die Erfahrung gemacht, Achtung, anekdotische Evidenz, dass ich zwar Teil der Diskursräume in Hamburger Kneipen war (ich bin auch von nichts anderem ausgegangen), aber oft, schon nach einiger Zeit, trat dann doch ein Fummel- und Knutschansinnen beim musizierenden, dichtenden, malenden Mann zu Tage, das merkwürdig natürlich und für den Typen logisch daherkam. Kurz hatte er mir zugehört, meine Thesen zu Judith Butler und Public Enemy pariert, aber dann sollte es auch mal langsam gut sein. Klar, Drogen und Alkohol spielten in bestimmten Zusammenhängen auch eine Rolle und führten zu Enthemmung und Sprachstörungen. Aber es war so, als hätte er, der kreative, sichtbare Mann, sich über einen längeren Zeitraum daran gewöhnt, dass es „auf etwas hinauslaufen muss“, wenn er seine Aufmerksamkeit so großzügig verschenkt. Als sei das Ganze irgendwie anerzogen, von Schrammelgeneration zu Schrammelgeneration weitergegeben worden.
Ich habe dann normalerweise die Flucht ergriffen.
Dass ich nicht verfügbar war und relativ unbeeindruckt blieb, mich im Hintergrund hielt, trug dazu bei, als schwierig, arrogant und sperrig zu gelten, oder, in einigen Fällen, aus einer Kränkung heraus, beleidigend und abschätzig behandelt zu werden. Dazwischen gab es eigentlich nichts. Man wurde entweder einsortiert oder ignoriert, wenn nichts gelaufen war.

Weiter im Gedankenspiel: Wenn Flake , um mal bei Rammstein zu bleiben, Sachbearbeiter in Klein Kleckersdorf wäre, krähte kein Huhn nach Rumbumsen mit dem Tastenficker. Warum macht männlicher FAME sexy? Und nochmal- ist das umgekehrt auch so? Ist die berühmte, bewunderte Frau gleichzeitig auch körperlich begehrenswert? Wollen auch männliche Fans, weil die von ihnen geschätzte, evtl. etwas ältere Singer-Songwriterin XY ein tolles Album gemacht hat, sich Backstage ins rechte Licht rücken, auf dass es womöglich auf eine gemeinsame Nacht im Hotelzimmer hinauslaufe? Oder ist es nicht doch ein explizites Frauending, es sehenden Auges darauf ankommen zu lassen, vom Angehimmelten objektiviert zu werden? Sind Männer sich, historisch gesehen, selbst genug und haben eher Angst, vor der überlegenen, erfolgreichen Künstlerin? Ist es nicht immer noch weiterverbreitet unter FRAUEN (ich weiß, ich latsche hier durch ein Minenfeld …), irgendwie Selbstwert aus der Beachtung durch die Musikhelden zu ziehen? Durch den MANN? Ein Konstrukt, das uns Mutti und Omi in anderen Zusammenhängen vorgelebt haben? Und wie fühlt sich das „Danach“ an?
Ich habe schon von Freundinnen gehört: mies. Weil klar ist, dass das Spiel nicht wegen des echten Interesses an der jeweiligen Person gespielt wird, sondern im Grunde das Ausnutzen eines Körpers stattfindet, der halt gerade unkompliziert zur Verfügung steht. Unterschiedliche Erwartungen prallen hier, nicht immer, aber oft, aufeinander. Ich glaube den Aussagen der Frauen einfach nicht, in denen es heißt: genau so wollte ich das. Sex kreiert ja eine irre Nähe. Man steckt ineinander, es wird Flüssigkeit verspritzt, Schleim gebildet, geschwitzt. Es ist was Besonderes. Es wirkt nach, es sei denn, man ist völlig abgebrüht und kalt. Oder ist es nur Sport hinter den Kulissen? Keine wirkliche Intimität also? Na, dann kann ich nur sagen: weitermachen, include me out. Länger gehegte Sehnsüchte, zumal wenn sie einseitig sind, ragen doch meist über eine Nacht hinaus, es sei denn, Ernüchterung schleicht um die Ecke, aus welchen Gründen auch immer. Warum ist das so? Warum funktioniert dieses Game vorwiegend in eine Richtung? Warum funktioniert es überhaupt immer noch? Ich finde das gestrig. Und die Mittel, mit denen „Groupies“ (was für ein Scheißbegriff übrigens) arbeiten, auch. Da ist meiner Beobachtung nach auch heute noch alles dabei, von Klimperklimper bis Säuselsäusel, von Facebook- bis Instaflirting, es werden Muffins für die Herren Schleckermäuler gebacken und random Fotos mit Knutschmäulchen und Titten verschickt . Es wird nach dem Mund geredet, dass die Schwarte kracht. Oder, auch effektiv, weil noch subtiler, mit Kritik gearbeitet. „Letztes Jahr hattest du ein besseres Outfit an“ oder „Lange Haare stehen dir aber besser“ oder „Ich fand die vorletzte Platte toller als diese“. Die Klaviatur der Selbsterniedrigung wurde, oft ungebremst, 100fach in meiner Gegenwart bespielt, ich weiß also, wovon ich rede, und mein lange gehegtes Verständnis versickerte über die Jahre im Gulli der Genervtheit und Wut. Keine Angst, ich komme schon wieder runter.

Die Typen, und ich spreche hier aus gegebenem Anlass wirklich in erster Linie von männlich gelesenen Musikern, sind mir in diesem Zusammenhang wumpe. Sie glauben nämlich weiter, in selbstgewisser, manchmal etwas einfältiger Manier, dass der Strom der Zuwendungen niemals versiegt. Sie haben sich daran GEWÖHNT. Ich bin mal ganz böse: für so manchen ist all das sicher auch mal ein Antrieb gewesen, überhaupt zum Instrument zu greifen, weshalb es ihnen auch so schwer fällt, weibliche Headliner auf ihren Bierfestivals zu akzeptieren.
An all dem wird sich nichts ändern, solange wir Frauen nicht ehrlich und selbstkritisch auf uns schauen und damit aufhören, die Kaltmamsell am Sex-Buffet zu geben, wo auch immer es steht, in Redaktionen, Universitäten oder Backstage. Bleiben die Leckereien nämlich endlich mal aus, wird sich auch das sexuelle Machtgefälle hinter der Bühne ändern, was ja richtigerweise gerade gefordert wird. Leider müssen die Frauen diesen Job erledigen. Schon wieder. Sie müssen ihr Rollenbild hinterfragen und Konsequenzen ziehen. Ein schmerzhafter Prozess. Von selber tut sich bei den Typen nichts. Warum auch? Ihr Dampfer tuckert ja immer noch zuverlässig durch das Meer der Verfügbarkeiten, weil er es KANN. Aber: wenn gähnende Leere herrscht, in der Row Zero oder auf seinem Seegrundstück, muss das Till sein Lindemännchen leider selbst in die Hand nehmen. So einfach ist das.

Rammstein als Fallbeispiel ist ein Fass ohne Boden. Ein Abgrund. Aber die interessieren mich viel weniger als zum Beispiel Hosen, Ärzte, Fischfilet. Und klar – auch die Band meines Partners. Bei denen gibt und gab es mit Sicherheit auch den schnellen Spaß mit „Mädels“ nach den Konzerten. Früher hat man das gar nicht in Frage gestellt. Ich auch nicht, man fand das normal, weil es irgendwie dazuzugehören schien. Vielleicht waren einige der Frauen aber noch lange traurig und enttäuscht danach. Hatten sich insgeheim mehr, oder etwas Anderes erhofft. Fühlten sich schlecht. In diesem Fall war dann nämlich nichts mit cool und locker. Fast in Vergessenheit geraten und gerne verdrängt: Das Gebaren von Bowie, Zappa, Jerry Lee Lewis etc.etc. auf den Höhepunkten ihrer Karrieren. In allen drei Fällen waren die Teilzeitgeliebten oft noch halbe Kinder, eine fragwürdige Präferenz. Weiß der Geier, unter welchen Umständen 14jährige in Tourbusse, Hotelzimmer oder in Hochzeiten hineingerieten. Ach, der gute alte Rockzirkus, die nötige Entspannung nach dem Konzert, die Austauschbarkeit der weiblichen Spielfiguren…Nach Rammstein versuchten „Die Ärzte“ deren KO-Tropfen-System wegzuwitzeln. Ging nach hinten los. Alle hängen mit drin. Eben auch die sogenannte linke Indie- und Punk-Szene oder über Generationen hinweg geliebte Rock-Ikonen. Und wir Frauen, wir Fans auch.

4. Den Morast trocken legen

Kein weiblicher Fan ist selber Schuld an seiner Missbrauchserfahrung. Punkt. Und dass ich hier darüber schreibe, welchen Anteil ein bestimmtes weibliches Verhalten am Festschreiben von Rollenerwartungen im Rock in beide Richtungen hat, heißt NICHT, dass ich ihm die Schuld für erlittenes übergriffiges Verhalten hinter und unter Bühnen gebe. Im Gegenteil. Ich bin auf seiner Seite. Weil auch ich eine Überlebende bin. Und es ist wirklich sehr unangenehm, führt zu Missverständnissen, wenn man den eigenen Schwestern Verhaltenstipps gibt, bestimmte Dinge kritisiert. Es kann verletzen, ich weiß. Vielleicht ist mein Schreiben hier auch nur eine Form von Übergriffigkeit und der Text rein privates Memoire einer wütenden, gekränkten Frau. Ein Schwall, ein Ausbruch.

In den aktuellen Diskussionen muss es natürlich ganz klar vordringlich um die Benennung der Täter gehen, gerade, wenn es, wie bei Rammstein, konkrete Anschuldigungen gibt. Was aber ist meine Befürchtung? Ich habe einfach jedes Mal, wenn ein großer Skandal um die Ecke kommt, Angst, dass er das hell auflodernde Feuer ist, das ob seiner schieren Größe von allen Seiten Löschhilfen bekommt, die sehr schnell die Täterflamme ersticken, ohne die geschlechtsgesellschaftliche Dauerlunte in den Blick zu nehmen, sie zu kappen. Ich meine, es muss endlich Schluss gemacht werden mit dem Durchreichen eingefahrener Rollenbilder und Traumata von Pop-Generation zu Pop-Generation. Das gilt für Männer, aber eben auch für Frauen. Wenn wir als Frauen den toxischen Teich nicht endlich trocken legen und damit aufhören, ihn immer wieder mit unserem überzuckerten Wasser zu füllen, wird sich nichts ändern, bestimmte Männer, Stars und Möchtegerne, werden immer wieder in ihm herumplanschen wollen. So verleihen wir ihnen Macht, geben zu viel Raum ab, der ja von uns selber sinnvoll genutzt werden könnte. Gegebenenfalls für eine eigene Musikkarriere zum Beispiel.

Löst, so kann man sich natürlich fragen, das generelle Bleibenlassen von Fanficks das Problem? Natürlich nicht. Unter bestimmten Voraussetzungen ist ja auch was dran. Aber die Umstände, Leude, die Umstände …Wer will außerdem schon einen Starfuckerfucker?

Man muss bei sich anfangen. Aus sich selbst heraustreten und sich von außen betrachten. In aller Ehrlichkeit. Wo und wann habe ich das „Uschi-Prinzip” angewandt und warum? Wann himmelte ich unhinterfragend an und geriet in der Folge in was hinein, was mir eigentlich zu weit ging. Was wollte ich aus welchem Grund. Was waren zu einem bestimmten Zeitpunkt meine Mittel und waren es die richtigen? Man muss davon erzählen und darf sich nicht ständig in die eigene Tasche lügen. Aber schämen darf man sich auch nicht. Nicht mehr.


5. Zum Schluss: Wärme

Als ich morgens aus dem Haus ging, saß sie, in einen Schlafsack gerollt, vor unserer Tür, was ich merkwürdig fand. Ich brachte die Kinder in die Kita, trank mit einem Freund Kaffee und kehrte nach zwei Stunden zurück. Es war kalt aber sie saß immer noch da.

„Kann ich dir helfen, brauchst du etwas?“
„Nee, danke, ich warte auf jemanden“

Sie nannte den Namen des Vaters meiner Kinder.

„Der kommt erst heute Nachmittag wieder“ sagte ich. „Willst du bei uns oben auf ihn warten?“
„Ach so“, sagte sie leise und fing an zu weinen. Trotzdem kam sie mit. Wir redeten nicht. Sie ging ins Badezimmer und ich hörte, wie sie den Spiegelschrank öffnete, ihn durchsuchte. Schließlich kam sie heraus, sie roch nach seinem Rasierwasser und hatte meinen Lippenstift benutzt. Ich machte ihr Tee, sie legte sich auf’s Sofa und schlief ein.
Ich deckte sie mit einer Wolldecke zu und stellte ihr ein Butterbrot hin, falls sie Hunger bekommen würde. „Wenn sie aufwacht”, sagte ich mir, „frage ich sie mal, was sie so an Hoffnung im Gepäck hat. Und an Sehnsucht“. Dann setzte ich mich an den Schreibtisch.

Gegen Mittag hörte ich, wie die Tür zugezogen wurde. Sie war gegangen. Auf dem Couchtisch lag ein Brief für den Mann. Ich habe nie erfahren, was drinstand.

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