Interview mit James Graham & Andy MacFarlane

The Twilight Sad: „Die größte Auszeichnung in der Musik sind die Menschen, mit denen man eine Verbindung aufbaut“

The Twilight Sad (Photo: Abbey Raymonde)

Nach sieben Jahren melden sich The Twilight Sad mit „It’s The Long Goodbye“ zurück – ein Album, das von persönlichem Verlust, inneren Kämpfen und der Suche nach Halt geprägt ist. Zwischen düsteren Klanglandschaften und Momenten vorsichtiger Hoffnung zeigt die schottische Band einmal mehr, warum sie zu den eindringlichsten Stimmen des modernen Alternative zählen.

Beim Hören des neuen Albums fällt auf, wie stark es die Atmosphäre klassischer Dark-Alternative- und Post-Punk-Musik einfängt. Welche Künstler:innen haben euch zu Beginn am meisten beeinflusst?

Andy MacFarlane: Als wir angefangen haben, haben wir sehr viele unterschiedliche Einflüsse miteinander vermischt – Sonic Youth, The Cure, Wire, The Flaming Lips, Mogwai, Arab Strap, Pavement, Daniel Johnston, Factory Records und viele mehr. Wir haben nie bewusst versucht, wie eine bestimmte Band oder ein bestimmtes Genre zu klingen. Vielmehr ging es uns darum, so etwas wie ein verbindendes Element zu sein – ein Faden, der all unsere Einflüsse zusammenführt.

„Waiting For The Phone Call“, einer der stärksten Songs des Albums, ist eure erste Single seit sechs Jahren – mit Robert Smith als Gast. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Andy MacFarlane: Robert war schon in einer sehr frühen Phase am Schreibprozess des Albums beteiligt. Wir haben ihm Demos geschickt, und er hat uns Feedback und Vorschläge gegeben. Es gab dann einen Abend in einem Londoner Studio mit Robert und Mike Hedges, bei dem wir gemeinsam die Demos durchgegangen sind. Robert spielte auf meiner Akustikgitarre und meinte irgendwann, dass er gern Gitarre auf dem Album spielen würde – also habe ich ihn jede Woche daran erinnert, beziehungsweise ein bisschen genervt, bis wir schließlich die Aufnahmen gemacht haben.

Ihr habt bereits mit The Cure getourt und werdet auch dieses Jahr wieder gemeinsam auftreten. Wie steht ihr zu deren Grammy-Auszeichnung?

James Graham: Wir waren eigentlich nie wirklich Teil dieser Welt von Awards und Preisverleihungen. Das ist nichts, was in unserer Realität eine große Rolle spielt oder wonach wir streben. Die größte Auszeichnung in der Musik sind die Menschen, mit denen man eine Verbindung aufbaut – die zu den Konzerten kommen und sich mit der Musik identifizieren. Das letzte Album von The Cure war ein Meisterwerk und für jemanden wie mich unglaublich inspirierend. Ich weiß gar nicht genau, welche Preise es bekommen hat, aber es hätte sie alle verdient. Wenn dir jemand schreibt oder sagt: ‚Dieses Album hat mir durch eine schwere Zeit geholfen‘ oder ‚Es hat mir gezeigt, dass ich nicht allein bin‘ – dann ist das die größte Auszeichnung überhaupt. Echte Musik erreicht immer die richtigen Menschen, egal ob sie Preise gewinnt oder nicht.

Das Album ist stark von persönlichem Verlust geprägt. Habt ihr mit Robert Smith auch über Trauer und deren Verarbeitung gesprochen?

James Graham: Wir haben über alles gesprochen – über Leben und Tod und natürlich auch über Musik und darüber, wie sehr uns seine Musik beeinflusst hat. Wenn wir nach Konzerten zusammen waren, haben wir oft einfach über den Abend gesprochen, über das Publikum, über Bands, die wir mochten oder auch nicht mochten. Es fühlte sich an wie Backstage mit vielen anderen Bands im Laufe der Jahre – und gleichzeitig war es etwas völlig Besonderes und unglaublich, Zeit mit jemandem zu verbringen, den wir so sehr lieben und respektieren. Er ist ein Freund, und mit echten Freunden spricht man eben auch über die wichtigen Dinge im Leben. Und er ist wirklich ein großartiger Freund.

Hat sich eure Beziehung zu dunkler Musik im Laufe der Jahre verändert?

James Graham: Ich fühle mich nach wie vor stark zur dunkleren Seite von Kunst, Musik und Film hingezogen. Aber seit ich selbst schwere Zeiten mit meiner mentalen Gesundheit durchgemacht habe, versuche ich auch bewusst, mich Dingen zuzuwenden, die mich glücklich machen. Meine Kinder geben mir in gewisser Weise eine zweite Kindheit – die Welt durch ihre Augen neu zu entdecken, ist etwas sehr Schönes. Ich liebe düstere, künstlerische Filme, aber genauso mag ich große, vielleicht auch etwas alberne Blockbuster. Ich liebe Eskapismus – dieses Gefühl, aus dem eigenen Kopf herauszukommen und in andere Welten einzutauchen. Und ich liebe gute Popmusik. Einen wirklich guten Popsong zu schreiben, ist wahrscheinlich eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt – etwas, das ich bisher noch nicht gemacht oder versucht habe … noch nicht. Ich glaube, heute geht es mehr um Balance. Ich habe die Dunkelheit so lange zugelassen – jetzt ist es vielleicht an der Zeit, auch etwas Licht hereinzulassen.“

Dead Flowers“ gehört zu den düstersten Momenten des Albums. Ist darin ein Einfluss von The Cure zu hören?

Andy MacFarlane: Da gibt es auf jeden Fall viele Parallelen zu The Cure. Ich habe deren gesamten Backkatalog quasi im Kopf – durch all die gemeinsamen Konzerte hat sich das eingebrannt, und das fließt dann manchmal automatisch in unsere Musik ein. Der Song basierte ursprünglich auf dem Drum-Pattern. Ich wollte ihm viel Raum geben, und als die Basslinie stand, hat sich der Rest sehr schnell ergeben. Die Gitarren- und Synth-Melodien sind in ein paar Takes während der Demo-Phase improvisiert entstanden.

Habt ihr persönliche Lieblingssongs auf dem Album?

James Graham: Get Away From It All war der erste Song, an den ich mich beim Schreiben des Albums erinnere. Er bringt genau das auf den Punkt, was ich zu diesem Zeitpunkt gefühlt habe, und musikalisch liebe ich einfach das, was Andy daraus gemacht hat.

Auf welche Konzerte freut ihr euch besonders?

James Graham: Ich freue mich sehr auf alle unsere Deutschland-Termine. Deutschland hat das, was wir machen, schon seit unserem ersten Album unglaublich unterstützt. Berlin ist eine Stadt mit einer so reichen Musikgeschichte – ich kann es kaum erwarten, dort zu spielen, sowohl bei unserem eigenen Konzert als auch bei den drei Abenden mit The Cure im Sommer. Es gibt eigentlich kein Konzert, auf das ich mich nicht freue – ich kann es kaum erwarten, wieder in einem Raum voller gleichgesinnter, emotionaler Menschen zu sein. Unsere Shows im Glasgow Barrowlands werden aber etwas ganz Besonderes. Das Barrowlands ist für mich der beste Veranstaltungsort der Welt, und der Großvater meiner Mutter hat vor vielen Jahren beim Bau des berühmten Holzbodens mitgewirkt – ich habe also eine ganz persönliche Verbindung zu diesem Ort.

Was bedeutet „It’s The Long Goodbye“ für euch?

James Graham: Jeder, der schon einmal erlebt hat, wie ein geliebter Mensch an Demenz oder einer anderen schlimmen degenerativen Krankheit leidet, weiß, dass man sich von dieser Person viele Male verabschiedet, bevor sie wirklich geht … daher der ‚lange Abschied‘.“

Was hat sich in den letzten sieben Jahren am meisten verändert?

James Graham: Es ist schwieriger geworden zu touren. Alles wird teurer, und am Ende sind es oft die Künstler, die darunter leiden, weil steigende Kosten nicht automatisch bedeuten, dass auch die Gagen steigen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das in allen Musikrichtungen ähnlich ist. Streaming ist großartig für Konsumenten – aber auch hier leiden die Künstler. Die Leute geben problemlos fünf Pfund für einen Kaffee aus, der nur ein paar Minuten hält, aber nicht acht oder zehn Pfund für ein Album, das sie ein Leben lang begleiten kann. Vinylverkäufe steigen – vor allem wegen großer Popstars, was an sich großartig ist –, aber dieser Erfolg kommt im unabhängigen Bereich nicht in gleicher Weise an, obwohl gerade dieser dringend Unterstützung braucht. Ich glaube, wir verlieren viele talentierte Menschen an andere Berufe, weil es keinen klaren Weg mehr gibt, sich als Künstler eine Existenz aufzubauen. Künstler brauchen Zeit und Förderung. Wenn man uns anschaut – sechs Alben in zwanzig Jahren – ist es immer noch ein täglicher Kampf, das alles am Leben zu halten.

The Twilight Sad – Headline Shows:
12.04. IT – Mailand, Legend Club
14.04. CH – Zürich, Bogen F
15.04. München, Ampere
16.04. Berlin, Gretchen
18.04. DK – Kopenhagen, Loppen
19.04. NO – Oslo, Parkteateret
20.04. SE – Stockholm, Slaktkyrkan
22.04. Hamburg, Grünspan
23.04. NL – Utrecht, TivoliVredenburg (Pandora Hall)
25.04. Köln, Gebäude 9
26.04. BE – Brüssel, Rotonde – Botanique
27.04. FR – Paris, Le Trabendo
29.04. UK – Bristol, Electric Bristol
30.04. UK – London, Roundhouse
02.05. UK – Manchester, New Century Hall
03.05. UK – Newcastle upon Tyne, Boiler Shop
05.05. UK – Glasgow, Barrowlands
06.05. UK – Glasgow, Barrowlands
09.05. IE – Dublin, Button Factory

Auf Tour mit The Cure:
14.06. IT – Florenz, Visarno Arena
24.06. UK – Cardiff, Blackweir Fields
26.06. IE – Dublin, Marley Park
28.06. NI – Belfast, Belsonic
08.07. SK – Pohoda Festival
10.07. Berlin, Wuhlheide
11.07. Berlin, Wuhlheide
12.07. Berlin, Wuhlheide

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