„Therapy Flowers“ – Interview mit Michaela Predeick, uomo di carne & Infuso Giallo

Allein im stillen Wartezimmer

Das Wartezimmer als Ort des Übergangs zwischen der hektischen Taktung des Alltags und dem per Termin gesetzten Ideal der Entschleunigung.  Zumindest in der Theorie. In der Realität sieht es jedoch oft anders aus, lässt sich die Unruhe eben nicht auf Knopfdruck runterfahren.  In Momenten wie diesen helfen individuelle Rituale und Tricks.

Die Kölner Literaturwissenschaftlerin Michaela Predeick begann die Blumenarrangements im Wartezimmer ihrer Psychotherapeutin zu photographieren. Am Ende der Therapie haben sich 60 Bilder angesammelt, die nun in Buchform – und begleitet von einer Cd – als joint venture bei Strzelecki Books und Kame House erscheinen.

Michaela Predeick, uomo di carne und Infuso Giallo im Gespräch.

 

 

Michaela, wie kam es zu der Idee zur Photo-Serie?
Michaela Predeick: Dass die „Therapy Flowers“ Serie entstanden ist, hat in erster Linie mit dem organisatorischen Ablauf in psychotherapeutischen Praxen zu tun – zumindest so wie ich ihn kennengelernt habe. Die meisten Therapeut*innen haben kein besetztes Vorzimmer, wie man es beispielsweise von Allgemeinärzt*innen kennt. Stattdessen klingelt man zum verabredeten Termin und wartet dann häufig noch ein paar Minuten allein im stillen Wartezimmer, bis man zum Gespräch reingeholt wird. Es gab also vor jeder meiner Sitzungen diesen Moment Leerlauf, in dem ich etwas angespannt und allein mit meinen Gedanken dort herumsaß. Und neben mir: Ein frischer Strauß Blumen.

Hast du gleich bei der ersten Therapie-Sitzung damit begonnen?
Michaela Predeick: Nein, erst mit der Zeit ist mir aufgefallen, dass wirklich jede Woche frische Blumen im Wartebereich stehen. Dass es am Ende genau 60 Fotos geworden sind und die Zahl auch noch dem Stundenumfang einer Langzeittherapie (bei Verhaltenstherapien) entspricht, ist tatsächlich Zufall gewesen.

Haben die Bilder während der Therapie irgendwann mehr als eine Nebenrolle eingenommen?
Michaela Predeick: Ja, irgendwie schon. Das Fotografieren der Blumen wurde mit der Zeit zum Ritual, das für mich zur Therapie dazugehörte. Gleichzeitig hat diese Geste des Sammelns auch viel mit der Verhaltenstherapie selbst zu tun. Man bekommt dort häufig „Hausaufgaben“, die beispielsweise darin bestehen, dass man für sich festhalten soll, was für positive Momente man in der letzten Woche erlebt hat oder was für Tätigkeiten einem Freude bereitet haben. Woche für Woche „trainiert“ man über solche kleinen Übungen, belastende Gedanken und Verhaltensweisen zu verändern. Das funktioniert über Wiederholung – Therapie als Serie also.

Und verbindest du diese rückblickend mit signifikanten Therapiemomenten?
Michaela Predeick: Ich verbinde jetzt nicht einen bestimmten Strauß mit einem bestimmten Moment. Es ist eher so, dass die Foto-Serie zusammenbetrachtet etwas darstellt, auf das ich stolz bin. Dass ich weitergemacht habe – auch wenn das Ganze kein geradliniger Weg gewesen ist und ich oft unsicher war, ob das alles überhaupt was bringt. Als Serie bebildern sie sowohl Heilung als auch Krankheit, das finde ich interessant.

Hast du mit der Therapeutin über die Photo-Dokumentation der Blumenarrangements gesprochen?
Michaela Predeick: Nein, tatsächlich habe ich die Fotos nur für mich im Stillen gemacht. Wobei ich aus der Perspektive der Wissenschaftlerin schon sagen würde, dass die Einrichtung in Arztpraxen immer auch etwas über das jeweilige Verständnis von Krankheit und Heilung erzählt. Aber danach gefragt habe ich nicht.
Ich hatte mir zwischendurch vorgestellt, dass ich mir nach dem Ende meiner Therapie selbst ein Fotoalbum mit den Bildern mache. So wie andere für ihr erstes Kind ein Album anlegen, hätte ich ein Album „Meine Therapie“ im Schrank stehen. Die Buch-Idee ergab sich dann zusammen mit Lars und Pippo von Kame House (aka uomo di carne, Infuso Giallo, Anm. des Verf.) und wir hatten die Hoffnung, dass eine coole Verlegerin wie Carmen Strzelecki damit etwas anfangen könnte. Dem war dann zum Glück auch so.

uomo di carne, Infuso Giallo, was hat es mit der Verknüpfung des Photo-Buchs mit der Compilation auf sich? Haben die Produzent_innen im Bewusstsein des Kontexts Ihre Stücke aufgenommen oder habt ihr vielmehr Stücke gesucht, die ihr für passend empfunden habt.
Kame House: Eine vielschichtige Frage, puh. Erstmal: Da wir uns und unser Label selbst im Bereich des Electronic Listenings verorten, also einer Sparte, in der es bisweilen gemächlich und impressionistisch zugeht, sich aber bisweilen auch ruppige, expressionistische Klänge durchsetzen können, fühlte sich die Auseinandersetzung erstmal ganz „natürlich“ an. Tatsächlich haben wir ja länger damit gerungen uns selbst musikalisch zu verorten; die Gedanken, die wir uns bezüglich dieser Kooperation gemacht haben, lassen uns jetzt das Label „Electronic Listening“ nicht ohne gewissen Stolz tragen.
Sobald wir das Fotomaterial gesichtet hatten war uns gleich klar, dass man dazu vortrefflich einen Soundtrack schaffen könnte mit Künstler*innen, mit denen wir schon zusammengearbeitet hatten (wie Conny Frischauf) oder mit denen wir eh kooperieren wollten. Daraufhin adressierten wir die Musiker*innen mit der Idee des Buchs, mit unserer eigenen Deutung von dem, was da passiere – und bekamen 23 Stücke. Wie viele ganz speziell dafür entstanden sind, wissen wir nicht – das Spannungsfeld zwischen (Therapie-)Kultur und (Blumen-)Natur scheinen die meisten aufgenommen zu haben. Zumindest sprechen die Titel und auch der musikalische Approach dafür. Es klingt schon alles sehr passend und die Tatsache, dass eine Compilation zustande kam, die natürlich Reibungen aufweist, aber insgesamt sehr gut zusammenpasst, spricht ebenso dafür.

Inwieweit haben sich die Produzent_innen denn mit Euch über das Thema Therapie und künstlerische Produktion ausgetauscht? Spielt das Thema bei den Künstler_innen eine Rolle im eigenen Leben?
Kame House: Es gab eindeutig verschiedene Zugänge zum fotografischen und symbolischen Inhalt des Buches. Nicht alle beziehen sich direkt auf das Thema „Therapie“. Davon ab wollten wir jetzt auch nicht den Künstler*innen dieses Gespräch aufdrängen. Es bleibt immer noch stigmatisiert – außerdem wollen wir die Kunst nicht eingrenzen oder torpedieren.
Dennoch: Jannis Carbotta, ein Student des Instituts für Musik und Medien in Düsseldorf, verarbeitet in seiner Miniatur die Enge des sogenannten Corona-Lockdowns mit der weiten Fülle der Natur – da kommen Klaustrophobie und Ängste natürlich schnell in Verbindung mit Blumen und Natur als anxiolytische Zeichen.
Emanuel Mooner aus München, da auch als Dompteur Mooner und eine der Koryphäen der Nu (and Old) Disco bekannt, untersuchte für eine Ausstellung die Ströme, die einen Apfelbaum durchfahren. Damit reiht er sich in eine ganze Reihe von Musiker*innen, die Musik mit und für Blumen gemacht haben; wie etwa Mort Garson.
Globus, das Projekt von Sonja Deffner und Patrick Hohlweck – beide sind in unseren Gefilden in verschiedenen Band- und Projektzusammenhängen aufgefallen – haben ihren Track vieldeutig „Purple Harvest“ genannt. Hier hat uns besonders gereizt, dass „purple“ in den letzten Jahren durch Hip-Hop/Trap mit Bedeutung aufgeladen wurde. Die „purple pills“ sind hier ja Symbol sowohl für hedonistische Ausschweifung als auch für Selbsttherapie und Depression; Drogen halt. Dementsprechend wählten wir auch diesen Track als exklusive Kaput-Premiere zur Voransicht.

Inwieweit habt ihr denn zu dritt über eine Klangästhetik der Psychotherapie gesprochen?
Kame House: Das ergab sich eher implizit als explizit. Michaela, die ja selbst zum Thema Figurationen von Depression in zeitgenössischer Literatur forscht, hat sich von einigen unserer Gedanken inspirieren lassen und selbstverständlich vice-versa. Das Ziel war schon, unseres Erachtens, einen musikalischen Zusatzwert zu schaffen, der sowohl die Bilder kontextualisiert als auch ihnen neue Facetten abringt. Dass man die Musik noch hören kann, selbst wenn das Buch zugeschlagen ist, es also förmlich ein akustisches Echo der Fotos gibt, ist ein Surplus.
Darüber hinaus: Ja, es ist uns allen wohl willkommen, dass die Musik sowohl einfühlsam, zuweilen aber auch aufdringlich ist. Jede*r, der*die schon einmal eine Therapie gemacht hat, wird sich irgendwo zwischen diesen Gefühlen abgeholt wissen. Wir jedenfalls schon.

 

Michaela Predeick
„Therapy Flowers“

Fotoband mit beiliegender Musik-CD
in Kollaboration mit Kame House
Deutsch/Englisch, 128 Seiten
ISBN 978-3-946770-71-8 – 32,00 €

Erscheint am 10.10.2020 bei Strzelecki Books 
zum World Mental Health Day!

 

 

 

https://therapyflowers.bandcamp.com/album/therapy-flowers-compilation

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