Kame House Jazz Mix – Kaput Mix 012

Kame House, die „gemischte Tüte“ des Electronic Listening

Kame House (Photo: Mathias Schmitt)

Philipp Carbotta und Lars Fleischmann sind zusammen Kame House, gleichermaßen Label, Dj-Duo und Corner-Clique. Für Kaput haben die beiden überraschenderweise einen „Jazz Mix“ aufgenommen.

 

Lars, Philipp, seid ihr nicht noch viel zu jung, um uns statt contemporary neo trance und abstract beats einen „Jazz Mix“ zu schicken?
Wie kam es dazu – und wie habt ihr den Mix angelegt?
Also vorneweg: Wenn es etwas gibt, was derzeit en vogue ist, dann doch Jazz, oder nicht? Durch die Entwicklungen der letzten zehn Jahre, in denen sich Jazz weit geöffnet hat gegenüber HipHop, aber auch hin zur elektronischer Avantgarde – was sich ja an den Schwerpunktsetzungen in der Zeit eines Magazins wie Wire ablesen ließe – und so Hit-Maschinen wie BadBadNotGood oder Shabaka Hutchings bei deren Konzerte durchaus auch mal gepogt wird, spielt Jazz in den Bekannten- und Künstler*innen-Kreisen, in denen wir uns aufhalten eine gewichtige Rolle. Es gibt da natürlich auch den finanziellen Aspekt: Gerade in Deutschland steckt immer noch ein Großteil der Förderung für nicht-klassische, nicht-orchestrale Musik im Jazz. Dafür muss man sich nur mal anschauen, wer beim Spielstätten-Programmpreis so gewinnt.
Davon ab: Philipp kommt musikalisch klar vom Jazz, auch wenn er nie in einer Big Band gespielt hat oder so. Aber seine Ausbildung an der Gitarre ist schon jazz-basiert gewesen. Lars hat hingegen, typisch Hipster, seit dem (zweiten) Free Jazz-Revival Mitte der 00er immer auch Jazz gehört und würde dir in durchzechten Nächten immer von der spröden Schönheit eines Albert Aylers erzählen wollen. Außerdem schreibt er ja für verschiedene Outputs mittlerweile sogar recht häufig über Jazz. Was wiederum den ersten Gedanken hier eben nur bestätigt.
Womöglich wichtiger: In einer Zeit in der es eben keinen Club gibt, also die Musik zwangsläufig außerhalb dieses Dispositivs stattfindet, ist das Home-Listening King/Queen. Und Jazz ist schon formidable Zuhause-Hör-Musik.

Wo und wie ist der Mix denn entstanden? Da ihr in Köln und Berlin getrennt residiert ja hoffentlich auf Distanz?
Jazz war gar nicht unser erster Gedanke muss man da auch mal einwerfen. Erstmal wollten wir ein Listening-Back-2-Back machen. Also Lars schickte Musik nach Berlin, Philipp setzte einen Track dran usw.; das wurde dann auch clubbig, aber es kam keine Stimmung bei uns selbst auf. Die 500 km sind dann doch zu weit um „in the mood“ zu kommen. Zumindest über einen Zeitraum von 3 Stunden schien uns das nicht wirklich weit zu führen.
So wie wir das planten, dass der Mix also immer länger wird, führt natürlich zu technischen Schwierigkeiten. Die Ladezeiten werden immer länger, die Rendering- und Masteringzeiten bei Ableton auch. Und zu guter Letzt konnte Philipp die Datei nicht mehr verarbeiten und dann ich nicht mehr. Für den gewählten Weg waren die 200 Minuten nicht mehr zu bewältigen.

Trotz all der Einschränkungen und auch emotionalen Belastungen, die Corona mit sich bringt, kommt man nicht umher Euch ein äußerst aktives 2020 mit Kame House zu attestieren angesichts von Veröffentlichungen von Anatolian Weapons, Conny Frischauf, Tableau Vivant – und dann gab es ja noch die Buch-Compilation „Therapy Flowers“, über die wir auf Kaput berichtet haben. Wie habt ihr das Jahr unter kreativen Gesichtpunkten empfunden?
Tableau Vivant kam ja gerade noch vor Corona raus. Das war ja Ende 2019 und im Januar 2020 haben wir noch im Jaki einen Labelabend gespielt. Erst danach wurde es so scheiße, wie es nun ist. Andererseits gab es uns wirklich die Möglichkeit in Ruhe so einen Release wie das Buch mit Michaela Predeick und strzeleckibooks zu organisieren. Das war ja das erste Print-Produkt und das waren nochmal ganz andere Ansprüche. Die Anatolian Weapons „Mantili EP“ mussten wir ja wegen Corona-bedingten Schwierigkeiten auf den 20.1.2021 schieben. Also irgendwie hatten wir dieses Jahr alles dabei. Und diese Aussage trifft auch auf uns zu: Von „Das macht alles keinen Sinn mehr“ bis „2021 wird richtig geil“ durchlebten wir gemeinsam in etwa jede mögliche Gefühlsregung.

Kurz vor Lockdown I solltet ihr erstmals im nichtdeutschsprachigen Ausland (Italien) spielen, der Auftritt wurde leider abgesagt. Ein Vorgeschmack auf das Jahr an sich, so aktiv man sich auch als Label halten kann, die Austauschmomente mit Zuhörer:innen und Tänzer:innen lassen sich nicht so leicht umsetzen. Wie geht ihr vor diesem Hintergrund an die Planung für 2021?
Philipp hat ja schon in Brüssel gespielt, wir haben schon in Amsterdam und Lyon aufgelegt. Aber ja, es wäre eine kleine Mini-Tour und ein schöner Urlaub geworden. Von Mailand nach Brescia (zu unseren Freunden von Twoonky) weiter nach Florenz ins super Intro-Spettiva und dann nach Neapel. Aber schon an Karneval war klar, dass das nichts wird. Die Zahlen in Italien explodierten ja. Und eigentlich entschieden wir da schon, dass wir dieses Jahr eine gewisse „Gegenhaltung“ einnehmen werden: Wir machen keine Live-Streams, wir spielen keine Konzerte und DJ-Sets, so lange diese Pandemie nicht überstanden ist, gibt es keinen Grund „zu feiern“ – das war schnell klar. Hanau, Georg Floyd, Black Lives Matter und die Tatsache, dass viele Freund*innen um uns herum von ihren Schmerzen und ihrem Leid in dieser rassistischen Gesellschaft geäußert haben –das alles gehört da natürlich dazu. Wir sind da nicht in der Lage so zu machen als wär nichts. Wir machen ja das Label und unsere Musik nicht aus Jux und Dollerei. Da steckt auch immer sehr viel drin und wir wollen den Rahmen bestimmen in dem das stattfinden soll. Wir halten unsere Fresse nicht in eine GoPro und spielen kein Happy House-Set für wohlstandsverwahrloste Hippies.

Zurück zu Eurem Jazz Mix. Auf dem Coverbild, das vom Kölner Photographen Mathias Schmitt aufgenommen wurde, sieht man Euch in einem Büdchen als Verkäufer. In welchem denn?
Das ist ein, lass uns nicht lügen, georgischer (?) Kiosk in Köln Mülheim. Mathias hatte den aufgetan. Geiles Ding, krasse Würste, Manti aus dem Kühlschrank. Und da wir uns selbst als die „gemischte Tüte“ des Electronic Listening beschreiben, passte das ganz gut.

Kame House Jazz Mix – Kaput Mix 012 – Tracklist
01 Andy Rantzen – Play The Bones
02 The Matthew Herbert Big Band – Turning Pages
03 Moses Boyd Axis Blue
04 Shabaka Hutchings – Black Skins, Black Masks
05 Miles Davis – Wili (Part 1)
06 Jukka Tolonen – Aurora Borealis
07 TAU5 – Madman Of Naranam
08 David Torn – The Network Of Sparks: Egg Learns To Walk / …Suyafhu Seal
09 Matana Roberts – Song for Eulalie (Part 2)
10 Matana Roberts – Song for Eulalie (Part 1)
11 Alice Coltrane – Jaya Jaya Rama
12 Jaimie Branch – Nuevo Roquero est Reo
13 Doug Carn – Power And Glory
14 Roswell Rudd – Suh Blah Blah Buh Sibi
15 Austin Peralta – Algiers
16 Hedvig Mollestad – Slightly Lighter
17 Phil Ranelin – Vibes From The Tribe
18 Sam Gendel & Sam Wilkes – Track One
19 THEESatisfaction – Planet For Sale
20 Kamal Williams – Medina
21 George Duke – Foosh
22 Anadol – Görünmez Hava
23 Larry Heard – Two Journeys
24 Philipp/Sauerborn/Dumoulin – Far Far
25 Emily Remler – A Taste Of Honey
26 Luiz Henrique – Mas Que Nada
27 Orlandivo – One Anda O Meu Amor
28 Nubya Garcia – La cumbia me esta llamando (feat La Perla)
29 Egberto Gismonti – Salvador
30 Traxman – It’s Crack
31 Real Thing – Children Of The Ghetto
32 Pastor T.L. Barrett and The Youth For Christ Choir – Father I Stretch My Hands
33 Barbara & Ernie – Somebody To Love
34 Lucia Cadotsch – What’s New – There Comes A Time
35 Soul Media – Breeze
36 DJ Harrison – GameRestart
37 Fatima – Technology
38 Emma-Jean Thackray – Ley Lines
39 Abahambi – Umlazi

Kame House auf Bandcamp 

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