Europäische Werte und musikalische Wiederbelebungsversuche

UNFUCK THE EU (PT. 03): LUWTEN

Während die Europäischen Werte am Boden liegen, versuchen immer mehr Musiker*innen laut zu werden und selbst den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Mehr und mehr Hymnen begleiten die Demonstrationen, die Menschenwürde, Freiheit und Gleichheit fordern – Werte, auf die man sich einst geeinigt hatte. In dieser neuen Serie trifft die Autorin Rosalie Ernst für Kaput europäische Künstler*innen und spricht mit ihnen über Haltung in der Musik, die Europäischen Werte und Aktivismus.

Sie ist sanft, introvertiert und beschreibt sich selbst als Einzelgängerin: Luwten ist nicht die Künstlerin, die Fahnen schwenkend den Kampf für Menschenrechte und europäische Werte erklärt. Aber mit ihrer nachdenklich und weltoffenen Art macht sie ihren Standpunkt trotzdem deutlich. Wir sprachen über die Wahl in den Niederlanden und den Aufstieg der rechten Bewegungen in Europa und obwohl Luwten immer auf der Suche nach neuen Perspektiven ist, die Themen umkreist um alle Wendungen zu berücksichtigen, hat sie ihren klaren moralischen Kompass, der ihr den Kurs angibt.

In deinem Podcast und deiner Musik stößt du einige echt große soziologische Themen an, und obwohl du immer sehr überlegt bist, hast du eine klare Vision davon, was richtig und falsch ist. Reicht das für dich, um schon Aktivistin zu sein?LUWTEN Tatsächlich habe ich erst neulich mit ein paar Freunden darüber gesprochen. Meine Freunde sind sehr aktivistisch und ich fühle mich da oft außen vor. Es gab bisher keinen Platz für mich in einer aktivistischen Gruppe. Aber vielleicht ist meine Art, zu einer Bewegung beizutragen, ein bisschen mehr die menschliche Seite in all diesen aufeinandertreffenden Fronten anzuerkennen. Ich fühle mich in meiner eigenen hypothetischen, sensiblen Welt wohler, weil ich eher ein introvertierter und bedächtiger Mensch bin, deshalb dauert es auch so lange, bis ich wirklich laut über Themen spreche. lacht Ich glaube, ich bin eigentlich noch auf der Suche nach meinem Platz. Kannst du das verstehen? Bist du so eine richtige Aktivistin, mit allem drum und dran?

Ich versuche schon seit geraumer Zeit, eine bestimmte Bewegung oder Gruppe zu finden. Aber das Problem ist, dass es immer Details gibt, mit denen ich nicht einverstanden bin, wie z.B. ein Mangel an Intersektionalität … Also nehme ich an Demonstrationen teil und liebe das, aber ich bin kein Teil einer bestimmten Bewegung.
Ja … Ich denke, das ist ganz generell die Herausforderungen einer Gruppe: Man kann nie in allen feinen Nuancen übereinstimmen. Ich bin christliche groß geworden und in der Kirche, der größten Gruppe, wenn man so will, sind die Leute über diesen fundamentalen Glauben verbunden, aber nur solange man auch in das größere Bild passt. Und das ist so seltsam, denn all diese Werte der Menschlichkeit sind doch der zentrale Teil des Glaubens, aber man kommt nicht über gewisse Traditionen hinweg, die eigentlich nicht so wichtig sind wie Akzeptanz, Respekt und Liebe.Das ist der Grund, warum ich angefangen habe, über die menschliche Seite der Dinge zu sprechen, denn sobald man eine Art klaren Glauben haben muss, bringt das auch eine gewisse Unsicherheit aus, besonders in einer größeren Gruppe. Plötzlich ist die eigene Akzeptanz und Identität an etwas geknüpft, das im kollektiv verankert ist.

Das ist ja für viele ein Problem, wenn es um Aktivismus geht: Man muss ein paar Slogans haben, ein paar Zeilen, die man skandieren kann und manchmal ist das zu kurz und wichtige Informationen gehen auf dem Weg verloren.
Aber das ist es, was es so schwer macht, denn gleichzeitig braucht man diese Leute. Man braucht Leute, die in der Lage sind, sich einen Satz auszudenken, auf den man sich einigen kann und der alle dazu bringt, ihn auf die Dächer zu schreien. Es ist gut, dass es Menschen gibt, die offen sind und die ihre Gedanken laut mitteilen, ohne Angst zu haben, missverstanden zu werden.

Im Song „Control“ geht es um Kontrollverlust und auch über den Missbrauch von Macht. Wie denkst du heute über diesen Song in einer Welt, die komplett auf den Kopf gestellt wurde?  Ist Kontrolle oder Kontrollverlust immer noch ein großes Thema?
Ich denke, das ist es immer.  Jede*r will die Dinge kontrollieren, die man nicht loslassen kann, und mit Blick auf die Gesellschaft gibt es diese riesigen Machtfragen, mit denen wir täglich umgehen müssen. Bei den Wahlen in den Niederlanden haben ein paar sehr, sehr rechte Parteien sehr viele Stimmen bekommen, das war schon eine Enttäuschung. Ich kenne niemanden, der für diese Parteien gestimmt hat, was eine gewisse Art von Fremdenfeindlichkeit zeigt. Viele Menschen, die für diese rechten Parteien gestimmt haben, leben auf dem Land und haben nur eine begrenzte Erfahrung mit Multikulturellem Leben, und das kann mit falschen oder nur ausgewählten Informationen leicht zu einer Bedrohung und einer tiefen Angst werden.

Das hat sich ja auch in den letzten Wahlkämpfen immer wieder gezeigt. Es ist ziemlich leicht geworden, Unsicherheit zu verbreiten und das, obwohl wir ja in einer ziemlich stabilen Zeit Leben – Corona mal ausgenommen.
Und deshalb baucht die Politik einen anderen Ansatz:  Wir sollten alle mehr Kontrolle übernehmen, Möglichkeiten schaffen, intersektionale Communities aufzubauen, einfach wieder zu reden. Es gibt viele Menschen, die sich ausgegrenzt fühlen, und viele, die tatsächlich ausgegrenzt werden und ich denke, wir müssen auf einer so viel tieferen, menschlicheren Ebene der Interaktion und Kommunikation aktiv werden.Ich habe das Gefühl, dass manchmal, wenn sich die Dinge in eine Richtung entwickeln, die einfach nicht gut für die Welt ist, wir, die Menschen von der Kassiererin bis zum Künstler, mehr Kontrolle übernehmen sollten. Und solange wir nicht jedem die gleichen Chancen geben, muss man sich ständig daran erinnern, dass in jeder Interaktion ein wenig Macht liegt.

Und glaubst du, dass Musik einen solchen Einfluss auf die Gesellschaft haben kann
Das glaube ich auf jeden Fall, denn Politik ist nicht nur das, was in der Regierung passiert, sondern findet auf der Straße und zwischen den Menschen statt. Aber wenn ich es aus allen Perspektiven betrachte, habe ich das Gefühl, dass viele Künstler, die sich äußern, offene Türen einrennen. Ich meine, die Leute, die meine Musik hören, wählen wahrscheinlich die gleiche Partei. Es geht also darum, wie man die Leute erreicht, die anders denken, und ich denke, dass Musik ein gutes Medium dafür ist, denn man kann die Leute berühren, ganz unabhängig vom Text. Du kannst sie trotz der Botschaften mit deiner Arbeit ansprechen und ködern und ich denke, dass man dann ein bisschen offener ist für die eine oder andere Message, die sich dann irgendwann herauskristallisiert.

In „sleeveless“ sprichst du über Ihre eigene Exposition. Denkst du oft darüber nach, was du mitteilen kannst, wenn es um Ihre persönliche Meinung geht?
Ich grüble und denke generell sehr viel, tendenzielle eher zu viel. Aber gerade als öffentliche Person ist das eben wichtig, darüber nachzudenken und nicht ein Donald Trump zu sein. Gerade macht mich diese Form der Reflexion nicht zu einem sehr glücklichen Menschen, weil ich oft in endloseschleifen festhänge. Ich wünsche mir oft, endlich 50 zu sein und genug Erfahrung und Wissen zu haben, um eine öffentliche Meinung zu haben.

Genau jeder bezeichnet die 20 als die Zeit seines Lebens, aber wenn man ehrlich ist, ist es vor allem Unsicherheit, Lernen und sich selbst infrage stellen. Ich freue mich so sehr auf eine Zeit, in der ich genug Erfahrung habe, um eine gefestigte Meinung und ein Verständnis von der Welt zu haben.
Ja, das ist ein Grund, warum ich Greta Thunberg so sehr bewundere. Weil sie so jung ist und ein Ziel hat und sich strikt daran hält, und das ist das Einzige, was sie tut. Und deshalb nehme ich sie auch ernst, weil es jemand ist, der die Dinge, die sie anspricht, wirklich studiert. Ich liebe es, ihr zu folgen, weil ich einfach Menschen liebe, die eine Leidenschaft dafür haben, sich zu äußern und dann eine Studie darüber machen und es dann tun. Sie unterstreicht auch, das Wissen der wichtigste Schlüssel für eine demokratische Welt ist. Wissen und Kommunikation … Ach und so, so viel mehr  –eigentlich ist das Wichtigste, ein Mensch zu sein, ich denke, das ist die einzige richtige Antwort, der ich im Moment zustimmen kann.

Das Interview führte: Rosalie Ernst

LUWTEN (live in Deutschland):
21.07. Köln – Bumann & SOHN
29.07. Berlin – Silent Green

 

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