Europäische Werte und musikalische Wiederbelebungsversuche

UNFUCK THE EU (PT. 02): DREW SYCAMORE

Während die Europäischen Werte am Boden liegen, versuchen immer mehr Musiker*innen laut zu werden und selbst den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Mehr und mehr Hymnen begleiten die Demonstrationen, die Menschenwürde, Freiheit und Gleichheit fordern – Werte, auf die man sich einst geeinigt hatte. In dieser neuen Serie trifft die Autorin Rosalie Ernst für Kaput europäische Künstler*innen und spricht mit ihnen über Haltung in der Musik, die Europäischen Werte und Aktivismus. Foto: Nikolaj Osorio

Nicht jeder Mensch, der eine Meinung hat, geht damit gleich laut voran. Auch auf subtile Art und Weise kann man sein Unverständnis über die EU-Politik teilen. Manchmal ist es ein einfacher Share, ein Paar Sätze vor einem Lovesong – live auf der Bühne –, eine Widmung oder eben ein Interview, indem man Haltung zeigen kann. Die Dänische Sängerin Drew Sycamore ist bisher eher durch ihre locker-leichten Pophits bekannt geworden und weniger mit ihrer Meinung vorangegangen. Eben die brennt aber trotzdem in ihr, und das nicht zu knapp. Ihr androgyner Look und ihre divers besetzten Musikvideos waren bisher nur eine vage Andeutung ihrer Lebensphilosophie. Hier spricht sie Klartext über Feminismus, Demokratie und nicht verhandelbare Werte.

Ich muss sagen, deine Zusage für diese Politik-Reihe hat mich etwas gewundert. Du hast dich bisher eher wenig zum aktuellen Zeitgeschehen geäußert. Würdest du sich selbst als politischen Menschen oder gar als Aktivisten bezeichnen?
DREW SYCAMORE Eigentlich halte ich mich für einen sehr politisch engagierten Menschen. Ich habe eine innere Aktivistin in mir. Meine Mutter hat mich mit einer gewissen Neugier auf Verbesserung großgezogen und hat mir beigebracht, alles zu hinterfragen und offenzubleiben. Allerdings möchte ich nicht polarisieren. Wenn ich also Drew Sycamore bin, halte ich das eher zurück und versuche eher zu vereinen, als zu spalten. Ich verbringe einen großen Teil meiner Kraft mit der Frage, wie ich die Welt rhetorisch zu einem besseren Ort machen kann. Das tue ich: Ich benutze Worte und Musik.

 

Welche Werte liegen dir denn so am Herzen? Wofür steht du abseits der Bühne ein?
DREW SYCAMORE Anti-Rassismus, LGBTQIA-Rechte und Feminismus – das sind absolute Basis-Werte, über die ich nicht verhandele. Aber natürlich gibt es eine Menge Themen, die man aufzeigen könnte, und auch in den einzelnen Strömungen gehen die Interpretationen weit auseinander. Jeder Mensch hat einen anderen Standpunkt, jeder Blick wurde anders geformt und diese Differenz muss man auch zulassen. Aber diese Werte müssen halt gegeben sein, damit niemand auf seine Identität und Hintergründe reduziert wird.

Das klingt aktuell leider ziemlich fern. Ich habe eher das Gefühl, dass sich alles mehr und mehr polarisiert.
DREW SYCAMORE Ja, der Brexit hat mich sehr erschreckt, weil es eine klare Botschaft war, wie sensibel unsere Demokratie auf diesen Tonwechsel reagiert. Dieser demokratische Entscheid wurde von Kampagne, die auf falschen Beweisen und Lügen basieren, dominiert. Man hat alle schlechten Seiten der sozialen Medien genutzt und das hat gezeigt, wie fragil dieses System ist.

Aber steckt da nicht ein bisschen mehr hinter, als nur Social Media?
DREW SYCAMORE Naja, Demokratie basiert darauf, dass die Menschen selbst denken, dass sie gebildet sind und alle Informationen haben, um eine Entscheidung zu treffen. Es sollte ihnen gesagt werden, was sie denken oder tun sollen. Aber die sozialen Medien sind genau darauf ausgelegt, dass wir die nächste Entscheidung treffen, ohne es überhaupt zu merken. Die Algorithmen, die Werbung und all diese geldmotivierten Systeme sagen uns, was wir als Nächstes tun sollen, es ist keine gebildete Entscheidung mehr, es ist ein System gemacht, um zu manipulieren. Und plötzlich wird genau das zum politischen Forum und zur Quelle. Im Moment führt alles dazu, dass man polarisiert wird, weil man in seinem eigenen kleinen Blase ist und nur das sieht, was einem gefällt und keine andere Meinung sieht.

Und glaubst du, wir können das überwinden?
DREW SYCAMORE Manchmal bedeutet Vorwärtsgehen, drei Schritte vor und einen Schritt zurückzugehen. Ich denke, das ist sehr symbolisch für die Demokratie, die immer ein Diskurs zwischen allen Meinungen und zwischen den sich ständig verändernden Köpfen der Menschen ist. Aber da spreche ich über das große Ganze… Gerade bin ich ziemlich wütend und schockiert über die Situation in Polen zum Beispiel. Diese zwanghafte Kontrolle über den weiblichen Körper ist zermürbend.

Hast du dich viel damit beschäftigt oder versuchst du manchmal Themen von dir fernzuhalten?
DREW SYCAMORE Ich war richtig drin. Polen zeigte auch gute Seiten der sozialen Medien. Ich konnte mich informieren, mit polnischen Aktivistinnen in Kontakt treten und darüber lesen, obwohl es in den dänischen Zeitungen kein großes Thema war. Die generelle Kontrolle über den weiblichen Körper ekelt mich an. Die Politik hat sehr deutlich gemacht, dass der weibliche Körper nicht den betroffenen Frauen gehört – ganz besonders wenn man schwanger ist. Das gilt natürlich auch hier in Dänemark. Sobald man einen Bauch vor sich hat, werden alle Grenzen, die wir normalerweise haben, niedergerissen. Plötzlich darf jeder den Körper kommentieren, Fragen stellen, dir sagen, was du tun und lassen sollst und ihn sogar anfassen. All diese Dinge sind völlig überzogen, aber der weibliche, schwangere Körper scheint immer noch allen anderen zu gehören und als Letztes der Frau selbst.

Kannst du dich von dieser Art von Wut inspirieren lassen?
DREW SYCAMORE Die schwereren Themen werden in meinem Notizbuch eher zu Gedichten, als zu Songs. Für mich eignet sich die Musik im Moment mehr für leichtere Themen. Ich habe begrenzten Platz, kann nicht alle Informationen geben und ich habe Angst, missverstanden zu werden.

Hast du dich schon mal klar dagegen entschieden, in der Öffentlichkeit etwas zu sagen?
DREW SYCAMORE Ja, natürlich. Ich zerdenke die Sachen oft… Ich fühle mich manchmal, als hätte ich keinen Standpunkt eingenommen, obwohl ich natürlich politisch bin. Aber auf der anderen Seite möchte ich einen Raum für Leute schaffen, die nicht das gleiche denken wie ich. Meine Reise, mein Leben und das, was ich tue, ist immer für Veränderungen offen und das ist es, was ich mehr als alles andere fördern möchte. Sei offen für Menschen, die etwas ganz anderes glauben. Denn man muss andere Menschen verstehen, damit sie überhaupt ein Interesse daran haben, dich zu verstehen. Das ist superschwer, aber genau darum geht es in der Demokratie und beim Weiterkommen: Zu versuchen zu verstehen, warum Menschen zu ihren eigenen Schlussfolgerungen kommen.

Wie schaffst du den Spagat zwischen deinen festgeschriebenen Werten und dem Ziel, jeden einzubeziehen?
DREW SYCAMORE Das Beste ist, wenn die Worte in den Zeilen sehr poetisch sind. Nicht zu obskur, aber ein bisschen obskur. So kann man sich einen Song anhören und es fällt einem erst auf, wenn man ein bisschen im Text gräbt. Ich verwende zum Beispiel nicht oft Pronomen, damit jede*r mit meinen Songs mitfühlen kann. Viele Songs von mir haben eine männliche Perspektive, und meine weibliche Stimme lockert das auf. Ich denke, das sind kleine Dinge, die aber total wichtig sind, um Repräsentation zu schaffen. Ich fühle mich immer ein bisschen dazwischen und ich mag es, dass sich jede*r in meiner Musik repräsentiert fühlen kann. Ich wurde mal gefragt, welches Pronomen ich benutze, und ich habe mir diese Frage nie gestellt, obwohl meine Geschlechtsidentität etwas ist, über das ich viel nachdenke. Ich glaube, es ist mir egal.

Denkst du, dass Künstler*innen eine Art von Verantwortung haben?
DREW SYCAMORE Ja, und sie ist riesig. Es ist wichtig, ein Vorbild zu sein und eine Person, die nicht nur durch Musik inspirieren kann. Ich möchte einen Raum für Veränderung und Kreativität schaffen. Kreativität steckt in allem, auch in der Politik.Viele äußere Veränderungen müssen in einem selbst beginnen, müssen etwas im Inneren der Menschen berühren. Und das ist es, wofür ich hier bin: Eine Inspiration für den persönlichen Raum zu schaffen, denn ich glaube, das ist die Basis für äußere Veränderungen.

Interview und Text: Rosalie Ernst
[Diese Reihe unterhält auch eine begleitende Spotify-Playlist]

Foto: Nikolaj Osorio / Bearbeitung: Rosalie Ernst

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