Europäische Werte und musikalische Wiederbelebungsversuche

Unfuck the EU (Pt. 01): Mine

27. April 2021,

Während die Europäischen Werte am Boden liegen, versuchen immer mehr Musiker*innen laut zu werden und selbst den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Mehr und mehr Hymnen begleiten die Demonstrationen, die Menschenwürde, Freiheit und Gleichheit fordern – Werte, auf die man sich einst geeinigt hatte. In dieser neuen Serie trifft Kaput europäische Künstler*innen und spricht mit ihnen über Haltung in der Musik, die Europäischen Werte und Aktivismus. Von ROSALIE ERNST.

Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte einschließlich der von Minderheiten – auf diesen Werten fußt die Europäische Union und es sind genau diese Werte, die in der Politik des Staatenbundes in den letzten Jahren stark ins Wanken kamen. Während in Polen nahezu kommentarlos LGBTQIA-freie Zonen errichtet werden, während Ungarn die Demokratie immer schärfer eingrenzt, während immer mehr Kopftuchverbote in Mitgliedstaaten verhängt werden, muslimische Minderheiten gesetzliche Eingrenzungen der Religionsfreiheit erfahren, der Rassismus gegenüber Minderheiten bagatellisiert und aufrecht erhalten wird, während ein zweites Moria aufgebaut wird und Frontex (die Grenzpolizei der EU) mehr und mehr Rechte eingeräumt werden, ja während all das im Zeichen der Zwölf goldenen Sternchen geschieht, kann man kaum noch glauben, dass die Europäschen Werte tatsächlich noch das Leitbild eben dieser Politik bilden.

Die wachsende Ungerechtigkeit dieser Tage sieht auch Sängerin Mine, wenn sie singt: „Die Welt brennt“. Auf ihrer Single „Unfall“ spricht sie Tausenden EU-Bürger*innen aus dem Herzen, die trotz der Pandemie regelmäßig auf die Straße gehen und für Menschenwürde und Freiheit einstehen. Mine ist Pop durch und durch, aber sie ist eben auch laut und geht von Album zu Album stärker mit ihrer Meinung voran. „Hinüber“ ist so klar wie nie zuvor, Weltschmerz in jedem Ton, jeder Facette. Doch was heißt es, Aktivismus in der Musik auszuleben und wie kommt man mit dem Weltschmerz klar, der in jedem Song so allgegenwärtig ist?

Wer dir folgt und sich auch mehr mit deiner Person beschäftigt, der merkt schnell, dass Haltung und Politik bei dir immer Thema ist. Wie sieht es denn gerade aus – schaust du regelmäßig Nachrichten?

MINE Ich schone mich momentan ein bisschen mehr. Normalerweise schaue ich jeden Morgen Tagesthemen. Gerade schaffe ich das nur zweimal die Woche. Es macht mich einfach fertig zu sehen, wie die ohnehin aufgeheizte, ungerechte Weltsituation von Corona noch weiter bestärkt wird. Danach brauche ich einfach wieder einen Moment, um klar zu kommen. Manchmal muss ich mir Wissen auch fernhalten, um mich selber mental zu schützen.

Fühlst du dich gerade besonders auf die EU bezogen, politisch repräsentiert?

MINE Nee… Meinst du jetzt wirklich, dass das was politisch von der EU gerade entschieden wird, dass das in meinem Sinne ist? Hab ich das richtig verstanden?

Ja. Mit den Europäischen Werten bist du ja total d’accord. Da wäre es ja eigentlich naheliegend, dass man sich von der Politik dieses demokratischen Bundes repräsentiert fühlt.

MINE Ich habe ehrlich gesagt das Gefühl, dass sich gerade kaum noch mit der EU-Politik beschäftigt wird. Das gerät total in den Hintergrund und man verliert dadurch die Dimensionen. Die Unterschiede zwischen den Problemen hier und in den Camps zum Beispiel sind einfach nicht zu vergleichen. Man verdrängt die Situationen an den Außengrenzen, weil es die Menschen auch nicht sehen wollen. Diese gesamte Geflüchteten-Situation ist desaströs und hat sich keinesfalls verbessert – ganz im Gegenteil. Die Menschen haben kaum zu Essen, müssen frieren und haben überhaupt gar nicht die Möglichkeit, sich in irgendeiner Weise vor einer Infektion zu schützen. Das ist ehrlich gesagt gegen jegliche Menschlichkeit. Das ist einfach nicht vertretbar oder in irgendeiner Weise zu rechtfertigen. Und das muss man auch klar so benennen!

Quelle: Instagram @Minemusic

Auf „Audiot“ gehst du ja auch ein bisschen mit Kolleg*innen ins Gericht, die ihre Stimme nicht nutzen. Gehört für dich die Haltung zum Beruf?

MINE Also ich finde nicht, dass es Pflicht ist, aber ich habe auch das Recht zu sagen: Find ich kacke. Gerade wenn man sonst jeden Scheiß teilt. Eine Person, die in der Öffentlichkeit steht, hat mehr Einfluss. Somit ist immer eine Verantwortung da, das ist Fakt. Und dementsprechend muss jede*r wissen, wie er/sie damit umgeht. Ich persönlich finde es schade bis arm, weil es meistens aus einer Motivation kommt, Leute nicht zu verschrecken. Im privaten Gespräch gibt man sich dann klar als humanistischen Menschen, aber man will sich trotzdem nicht öffentlich positionieren, weil man Fans verlieren könnte und somit auch Kohle. Und je kommerzieller man ist, desto weniger sind die Menschen leider offen für solche Themen. Ich denke aber, dass sich das ändern würde, wenn sich mehr Musiker*innen und Promis trauen würden.

Ist es bei allem, was du machst, möglich, ein Gleichgewicht zwischen deiner Person, deinem Aktivismus und deiner Kunst zu haben?

MINE Ich muss auf jeden Fall ein bisschen mehr auf meine Grenzen achten. Je mehr man sich aktivistisch in eine öffentliche Diskussion wagt, desto mehr Kraft kostet es. Manchmal geb ich alles an Kraft aus und bin danach richtig fertig und ausgebrannt und hab nicht mal Bock auf Musik. Ich versuche mir auch einzugestehen, mir ein paar Tage Pause zu geben. Schließlich will ich das ja auch mein Leben lang durchziehen. Meine Haltung ist keine Mode-Erscheinung, weil es gerade im Algorithmus zieht und in mein Leben passt. Ich will Teil dieser Bewegung sein, ich will kämpfen und will am Ende meines Lebens sagen: Ich hab echt alles probiert, was in meiner Kraft stand, dieses System zu durchbrechen. Aber dafür muss ich lernen, meine Kraft einzuteilen. Das geht natürlich nicht jeden Tag. In erster Linie bin ich außerdem Musikerin und nicht Aktivistin und möchte auch genau so wahrgenommen werden.

Ganz getrennt hältst du das ja aber nicht, denn „Hinüber“ haut ja eine Menge Statement raus. Wann kommt denn der Punkt, an dem du deine politische Haltung zu Musik machst?

MINE Das ist eine total emotionale Sache. Musik ist für mich immer emotional, aber die Weltsituation und die Situation an den Grenzen macht mich sehr emotional. Deswegen war das wirklich nie eine klare Entscheidung. Manche gehen sicher mit dem konkreten Plan an ihre Songs, sich damit zu positionieren – so klar mache ich das dann nur auf Instagram. In der Musik selber muss bei mir immer eine Emotionalität im Zentrum stehen. Das ist auch oft mein Weg, Dinge zu verarbeiten.

Also war das Album deine Art, mit dieser Ungerechtigkeit klar zu kommen.

MINE Ja, Musik ist für mich immer auch Therapie. Damit ist es aber leider nicht abgeschlossen. Es wäre ja schön, wenn Weltschmerz so wäre wie Liebeskummer. Erst tut’s weh, dann schreibt man ein paar Songs und ein paar Jahre später ist man drüber hinweg und kann drüber lachen. Ich glaube nicht, dass es irgendwann mal einen Punkt gibt, wo ich über dieses EU-politische Debakel lachen kann. Es ist eher umgekehrt. Ich bin ziemlich unpolitisch groß geworden, und je mehr man sich mit komplexen weltpolitischen Themen beschäftigt, desto dümmer fühlt man sich in seinen ahnungslosen Privilegien. Es passiert so viel und gleichzeitig, da kommt man nicht hinterher – so ein Song ist da nur ein Sekundenschlag.

Geht es dir auch bei expliziten bei Titeln wie „Unfall“, „Hinüber“ oder „Erdbeeren ohne Grenzen“ dann mehr um die Verarbeitung oder steht beim Schreiben doch die Message im Mittelpunkt?

MINE Ich denk während des Schreibens eigentlich nie darüber nach, wer es später hören wird. Das ist richtig egoistischer, klischeehafter Künstlernarzissmus. Bevor ich „Unfall“ geschrieben habe, hatte ich ein superlanges Gespräch im Studio mit dem Fazit: „Es ist doch sowieso alles im Arsch.“ Es war ein totales Ohnmachtsgefühl. Manchmal reagiert man ja auch mit Wut und stürzt sich in Produktivität und manchmal ist man einfach nur erdrückt von der Wucht dieser Themen. Der Mensch ist so ein egoistisches Wesen, der Kapitalismus wird eh immer alles beherrschen, was soll man da noch groß probieren. Und diese Endzeitstimmung musste einfach raus. Es ist ja auch ein sehr deprimierender Song ohne die Wendung, auf die man hofft.

Ist ja auch ziemlich mutig, mit dieser Stimmung der Endgültigkeit das ganze Album zu beenden. Wie geht es dir denn jetzt gerade? Hast du Hoffnung auf Besserung?

MINE Es schwankt total. Ich bin der Meinung, dass der Mensch als solches sich nicht ändern wird und dass es immer am Aktivismus hängt, etwas zu bewegen; an einem aktiven dagegen arbeiten. Aber dadurch, dass die Weltordnung und auch die EU-Politik auf Lobbys aufbaut und ein System ist, dass auf Geld und Macht beruht, glaube ich, dass immer erst extrem schlimme Sachen passieren müssen, bis sich was verändert. Und das in allen Bereichen, zum Beispiel der Klimakrise. Ich denke nicht, dass die Menschheit einfach ausstirbt, weil sie zu dumm ist, etwas zu ändern. Aber ich bin mir sicher, dass man egoistisch genug ist, dass erst mal ziemlich viele Menschen, die halt am Ende dieser Kette stehen, sterben und drunter leiden werden, bis ein effektiver Umbruch kommt.

Interview und Text: Rosalie Ernst
[Diese Reihe unterhält auch eine begleitende Spotify-Playlist]

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