Wie wir wurden, was wir immer noch werden / Gedanken zur Genese musikjournalistischer Biografien – Teil 2 von Tina Manske

Tina Manske: „Geldverdienen war dabei tatsächlich niemals das Hauptaugenmerk“

Zufälle – es mag sie nicht geben, aber sie bestimmen trotzdem unser Leben. Zum Titel-Magazin (das man in seiner jetzigen Form übrigens nicht wiedererkennt) zum Beispiel bin ich gekommen, weil ich über kulturelle Themen schreiben wollte und das Magazin mit dem ähnlich klingenden „ttt titel thesen temperamente“ verwechselte. (Jaja, Doppel-LOL.)

Der damalige Chef von Titel sagte mir sofort zu, es gab ja eh kein Geld. Wo mir satt.org zum ersten Mal auffiel, weiß ich nicht mehr, aber ich weiß, auch da wollte ich partout mitmachen, weil es so schön anarchisch bunt aussah. Zum ersten Mal trafen wir uns dann alle im Kaffee Burger in Berlin bei einer der legendären Begeisterungsshows – alle beseelt von dem Gedanken, Kulturkritik machen zu können zu welchem Thema auch immer wir es für nötig hielten, und unsere eigenen Vorlieben zum Programm zu machen.

Ja, bei satt.org, das waren selige Zeiten. Irgendwann fragte mich Marc Degens von alle3 dann mal, ob ich nicht auch einen Bereich der Seite redaktionell übernehmen wolle. Film, Musik und Literatur seien ja nun schon vergeben, aber er habe gedacht, Pop als eigene Kategorie sei doch auch ganz schön. Und so wurde ich über Nacht zur Popredakteurin. Was mir sehr gefiel, denn Pop kann ja alles sein, was einen für so circa drei Minuten aus dem täglichen Elend herausholt (meine eigene Definition). 2004 dann folgte die Veröffentlichung meines kleinen Bandes „Queen Daphne geht ins Kino“ bei SuKuLTuR, dem Verlag von alle3 mit den hübschen kleinen, an Reclam angelehnten Bändchen. satt war wirklich für so manche Traumerfüllung gut.

Geldverdienen war dabei tatsächlich niemals das Hauptaugenmerk. Und noch heute kann ich das entsprechende Elster-Formular nicht ausfüllen ohne leise darüber zu lächeln, warum ich plötzlich ein „umsatzsteuerlicher Kleinunternehmer“ sein soll.

Wenn ich jetzt mal wieder bei satt.org vorbeischaue, frage ich mich zwar, warum ich dort nur als „Manske“ fungiere und den Vornamen verloren habe, aber stöbere immer noch gern in diesem Sammelsurium von Themen. Das Archiv der Seite ist beachtlich. Es ist schon erstaunlich, welch weiten Weg wir alle gegangen sind, und uns doch immer wieder finden. Die alten Weggefährten trifft man dabei immer wieder, und es ist schön, dass diese Welt der unabhängigen Kulturkritik so klein ist. Und dass sie nicht unterzukriegen ist – wo man an einem Türsteher scheitert, öffnet ein anderer sperrangelweit seine Pforten.

Man macht halt, was man für sinnvoll hält, und wo man zu Beginn noch selbst auf die Suche nach Themen ging, kommen schon bald die Themen zu einem selbst. Das mit dem Popredakteur hat sich der Zufall gemerkt, und so schreibe ich mittlerweile immer wieder und immer lieber über popkulturelle Phänomene und – unter anderem – ihren Zusammenhang mit der queeren Subkultur.
Beides hat sich in den letzten Jahrzehnten so sehr angenähert, dass man kaum ein Feuilletonblatt dazwischen bekommt. Wer heutzutage Pop sein will, tut gut daran, nicht allzu heteronormativ aufzutreten. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel. Und doch, auch dieses Bild ist nicht für die Ewigkeit in Stein gemeißelt. Der Backlash steht bereits vor der Tür, und all die AfD-Wähler*innen und Weißmaskulinisten zeugen davon, dass er sogar schon mit den Füßen kratzt. Wenn die rechten Kräfte an Einfluss gewinnen sollten, dann könnte schon sehr bald ein Einstehen für das Andere, für den Underdog in der Kultur, wieder bitter vonnöten sein. Genau dafür steht unabhängige Kulturkritik. Wir machen einfach immer weiter.

Tina Manske ist Mitherausgeberin des Online-Magazins CulturMag und schreibt unter anderem für konkret und Titanic.

Hier eine kleine Random-Auswahl aus Tinas vielfältiger Arbeit für verschiedene Magazine – zusammengestellt von unserer September-Gastredakteurin Christina Mohr, die außerdem möchte den  gemeinsamen herrlichen Flittchenbar-DJ-Abend im November 2014 nicht unerwähnt lassen möchte, in dessen Verlauf die Crowd zu Kylie Minogues „Locomotion“ eine Polonäse startete. Davon gibt es leider keine Aufnahmen, nur verschwommene, weißweinschorlenverhangene Erinnerungen… ? (http://www.christiane-roesinger.de/seiten/archiv.htm)

Tina im Titel Magazin anno 2008 über Fuck Buttons: 
„(…) haben den bescheuertsten Bandnamen, den man sich vorstellen kann, aber immerhin schaffen sie es, uns mit minutenlangem leidenschaftlichem Lärm zu fesseln, also nicht mit ach so tollen Melodien oder Arrangements, sondern recht eigentlich mit einer Wall of Noise, die ihresgleichen sucht.“

Tina bei satt.org über Mutter:
„Das Politische wie das Private, es ist bei Mutter gleich wichtig, weil es sich vermischt. Und am Ende darf man sich tatsächlich verwundert die Augen reiben, wie soviel Geschrei wieder einmal ein so gutes Album ergibt.“

Tina im Interview mit Romano, culturmag.de 2017:
„Damals wusste erstmal keiner, wie Romano einzuschätzen war: Ist das Ironie? Satire? Gar Realsatire? Zwei Jahre später weiß man, der Typ meint das wirklich ernst.“

Tina Bericht über die 2019er-Ausgabe von Heroines of Sound, „das Festival mit dem besten Logo aller Zeiten“ auf missy-magazine.de

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