Talkshow

„Etwas, das unabhängig vom Dauerhecheln nach Klicks und Streams existiert“ Gwen Dolyn im Interview

15. Juli 2025,

Post-Punk, Electro-Pop und Drama. Die Wahl-Chemnitzerin Gwen Dolyn hat in den letzten Jahren den hiesigen Musikbetrieb ziemlich unter Strom gesetzt. Zusammen mit Steffen Israel von Kraftklub unterhält sie das Duo Tränen, aber auch solo beziehungsweise mit eigener Band veröffentlicht sie Platten – und veritable Hits. Marc Wilde sprach mit ihr über Antidepressiva, das prekäre Leben und Gefühle. (Artikelfoto: Jan Ehlers)

Gwen, danke, dass du dir nach deinem Auftritt zu so später Stunde noch die Zeit nimmst. Nach 23 Uhr habe ich ehrlich gesagt bisher auch noch kein Interview geführt.

Gwen Dolyn: Ich auch nicht. Aber eigentlich ist „spät“ nicht so ein Problem für mich.

Warte ab, bis ich mit meiner Post-Game-Sportinterview-Frage um die Ecke komme: Wie fühlst du dich gerade…? Kommst du generell nach Auftritten schnell in den Back-to-normal-Modus oder stehst du noch voll unter Strom?

Gwen Dolyn: Das ist echt unterschiedlich. Aktuell bin ich tatsächlich erschöpft und angespannt. Das ist aber auch hormonell bedingt: Kurz vor meinen Tagen bin ich immer mega im Eimer. Und dann bei der Luft da drinnen heute – das war echt anstrengend. Aber ich bin trotzdem total froh und dankbar, dass das Konzert heute so gut lief und ich den Laden auch fast ausverkauft habe. Das ist cool.

Wann hast du das letzte Mal solo in Köln gespielt?

Gwen Dolyn: Das muss gewesen 2022 – in diesem Punkladen. Wie heißt der gleich?

Sonic Ballroom.

Gwen Dolyn: Ja, genau. Da habe ich für EA80 gespielt, als Überraschungsgast. Der Sänger hatte Geburtstag.

Du hast ja eines ihrer Stücke gecovert: „Dr. Murkes“. Ich nehme an, das Publikum war damals ein anderes als heute. Vermutlich mehr ältere, biertrinkende Männer – wie ich. Hat es sich sehr unterschiedlich angefühlt im Vergleich zu heute?

Gwen Dolyn: Damals war ich mit einer anderen Liveband unterwegs, und die Atmosphäre zwischen uns war zu der Zeit schon nicht mehr so gut. Außerdem befand ich mich da gerade in der schlimmsten Trennung meines Lebens. Da war ich emotional ganz woanders. Und ja: Es war auf jeden Fall etwas ganz anderes, vor Leuten zu spielen, die nicht extra für mich gekommen waren und die vorher auch nicht wussten, dass ich da überhaupt auftreten würde.

Wie hat es denn musikalisch gepasst? Unterschiede gab es ja nicht nur in der Generation, sondern auch im Genre.

Gwen Dolyn: Ich habe zwar auch ein paar härtere Songs, aber klar, ich bin natürlich keine Punk-Künstlerin. Dafür ist mein Publikum aber sehr gemischt: Ich habe manchmal wirklich Teenies in der ersten Reihe stehen, aber eben auch viele Männer mit 50, 60 plus. Trotzdem: Mit dem heutigen Abend ist das schwer zu vergleichen. Es war einfach eine ganz andere Welt. Und ich muss auch sagen, dass ich ziemlich aufgeregt war, weil ich Junge – also Martin von EA80 – da auch zum ersten Mal persönlich getroffen habe. Und es war total rührend, weil er anfing zu weinen, als ich „Dr. Murkes“ gespielt habe. Ich dachte nur so: oh mein Gott, krass!

Bei deinen Coversongs bedienst du ein breites Spektrum. Für das aktuelle Album hast du dir „Dein ist mein ganzes Herz“ vorgenommen. Rein musikalisch sollte dir NDW sicherlich noch näher liegen als Punk, aber wenn man auf die Attitüde schaut, tut sich doch eine große Kluft zwischen EA80 und Heinz Rudolf Kunze auf. Was hat dich gereizt, ausgerechnet diesen Song zu covern?

Gwen Dolyn: Den Song habe ich schon vor fünf Jahren oder so auf der Bühne gespielt. Das ist zunächst ein Live-Gag gewesen, der hat einfach gut funktioniert. Ich habe ihn total unbedarft gespielt. Und wusste auch nichts über Heinz Rudolf Kunze – außer, dass er kein Nazi ist. Und zum Mitgrölen geht der Song sowieso immer für alle klar.

Ich war ehrlich gesagt froh, als du den Song vorhin mit einem gewissen Augenzwinkern angesagt hast. Wie hieß das Genre gleich, in Anspielung auf Dein Bühnenoutfit…? Hah, warte, ich habe es notiert: „Ficki-Bumsi-Rave plus 80er-Schlager-Style“. Ohne ironische Distanz kann man das wahrscheinlich auch nicht bringen. Dennoch bleibt die Frage: Muss man bei Heinz Rudolf Kunze Werk und Künstler nicht zwangsläufig trennen?

Gwen Dolyn: Also wenn man den covert, wahrscheinlich ja. Ganz allgemein finde ich aber, dass man den Künstler nicht vom Werk trennen kann. Also es gibt schon irgendwie eine Grenze, die nicht überschritten werden darf. Wenn ich etwas Mieses über ihn gewusst hätte, dann hätte ich den Song nicht gecovert.

Gwen Dolyn und Band live in Köln @Bumann und Sohn / Foto: Marc Wilde

Zumindest vertritt er einige Ansichten, die für feministische Künstlerinnen schwer auszuhalten sein sollten – zum Gendern zum Beispiel.

Gwen Dolyn: Ja, das weiß ich. Das finde ich auch auf jeden Fall schwierig. Auf der anderen Seite muss ich aber auch sagen, dass wir als FLINTA-Künstler*innen – und das gilt für die linke Szene insgesamt – alle immer ultra darauf achten, was wir sagen, was wir covern, in welchen Kontext wir das stellen. Da denke ich mir oft: Fragt das eigentlich auch mal jemand Till Lindemann? Im Vergleich zu den vielen anderen, super erfolgreichen männlichen Musikern bin ich generell einfach so woke, dass ich es irgendwie ganz cool finde, wenn man da ausnahmsweise auch mal mit einer Fuck-Off-Attitüde rangeht.

Kennst du den Talkshowauftritt, wo er übers Gendern herzieht, so wie man es sonst nur von der AfD kennt?

Gwen Dolyn: Unsäglich, ja. Aber umso besser: Fuck you – ich habe deinen Song!

Du hast als Solokünstlerin angefangen und bist dann 2023 mit dem Duo TRÄNEN auch einem größeren Publikum bekannt geworden. Unter dem Namen Gwen Dolyn trittst du weiterhin auch solo auf und hast gerade dein erstes Album veröffentlicht. Beides läuft also parallel. Wie grenzt du das eine vom anderen ab und worin siehst du die jeweiligen Vorteile?

Gwen Dolyn: Der Unterschied ist einfach, dass ich bei TRÄNEN die Songs nicht alleine schreibe, sondern dass Steffen als musikalische Kraft und Songwriter mit dabei ist. Die Texte und die Gesangsmelodien schreibe ich zwar immer selbst – manchmal auch die Instrumentals, aber Steffen ist maßgeblich beteiligt. Wenn man als Duo auf die Bühne geht und die andere Person die Songs mitschreibt, dann ist es einfach was anderes. Aber so richtig parallel mache ich es ja nicht. Letztes und vorletztes Jahr habe ich irre viel mit den TRÄNEN gespielt. Davor habe ich zwei Jahre irre viel Solo gespielt. Dieses Jahr spiele ich mittelviel solo, weil ich halt auch noch ein paar andere Projekte habe. Zum Beispiel arbeite ich gerade an einem Buch.

Neben der Musik hast du dich auch schon sehr früh viel mit dem Malen beschäftigt. Wie ist dein Verhältnis zu diesen unterschiedlichen kreativen Prozessen? Ist das einfach Teil deiner Identität – eine Vielfalt im Ausdruck, die du beibehalten möchtest. Oder steht für dich die Musik klar im Zentrum?

Gwen Dolyn: Also Musikmachen ist auf jeden Fall das, womit ich meinen Lebensunterhalt verdiene. Und deswegen ist das zentral und nimmt auch am meisten Raum und Zeit ein – vor allem im organisatorischen Bereich. Eben weil ich damit mein Geld verdienen muss. Ich würde aber sagen, es gibt Phasen, in denen finde ich es total toll, einfach nur malen oder schreiben zu können. Außerdem habe ich ein sehr ambivalentes Verhältnis zum Angeschaut-Werden und zum Immer-Alles-Geben-Müssen. Und wenn man malt oder schreibt, dann kann man zwar auch alles geben, aber es schaut einem niemand dabei zu.

Worin genau besteht die Ambivalenz für dich?

Gwen Dolyn: Auf der einen Seite freue ich mich und bin dankbar dafür, wahrgenommen zu werden mit dem, was ich mache und mit dem, was ich fühle. Auf der anderen Seite kann das auch sehr belastend sein. Es gibt ja auch Musikerinnen, die da einen ganz anderen Ansatz haben. Die legen jetzt vielleicht nicht unbedingt ihr Herz und ihre Seele in die Musik – das ist auch geil, und ich stelle mir das ultra befreiend vor. Manchmal würde ich mir wünschen, auch so Musik machen zu können… Und was das andere anbelangt: Ich würde mir auf jeden Fall nicht verbieten wollen, irgendwas davon weiter zu machen. Aber ich merke natürlich auch, dass in den letzten Jahren nicht viel Platz gewesen ist, um kontinuierlich am Malen oder Schreiben dranzubleiben. Man braucht da auch einen ganz anderen Rhythmus.

Würdest du das gerne ändern wollen?

Gwen Dolyn: Ich hoffe, dass ich mal dahin komme, alles so machen zu können, wie es sich gerade in meinem Leben anfühlt. Es ist einfach auch ultra anstrengend, Musik als Beruf zu machen. Manchen mag das leichter fallen, aber die haben auch Leute, die ihnen vieles abnehmen. Wenn ich solo unterwegs bin, muss ich fast alles alleine machen. Also, es wäre schon geil, wenn ich ein bisschen mehr Entscheidungsfreiheit hätte.

Es geht dir an der Stelle also gar nicht so sehr um das Finanzielle und die prekäre Lebenssituation?

Gwen Dolyn: Ja doch, das hängt ja miteinander zusammen. Wenn ich mit meiner Kunst mehr Geld verdienen würde, dann könnte ich meiner Meinung nach auch bessere Kunst machen. Nicht, weil ich dann reich wäre, sondern weil ich dann nicht die ganze Zeit unter einem so krassen Druck stehen würde und meine Depression, mein ADHS und meine Angststörung nicht permanent Futter von dieser Existenzangst bekommen würden.

Würdest du dir von der Politik wünschen oder vielleicht auch erwarten, dass mehr Geld für die Förderung von Künstler:innen in die Hand genommen würde?

Gwen Dolyn: Ja, auf jeden Fall. Und das fordere ich auch. Auch für alle anderen Leute, die in einer prekären Situation sind. Es sind ja nun mal viele Künstler*innen, die finanziell struggeln und die häufig auch mit einer Persönlichkeit an die ganze Sache rangehen, die anfälliger für psychische Krankheiten macht. Und, keine Ahnung, der deutsche Staat ist einfach ein fucking Witz, wenn es um sozialen Support geht. Ich weiß, dass es in anderen Ländern immer heißt, unser Sozialsystem sei so krass. Aber das ist nicht so. Ich habe das selbst erlebt, es ist einfach zum Kotzen. Ich bin echt froh, dass wenigstens Christian Lindner aus dem Bundestag geflogen ist. Aber dafür sind halt die anderen Scheißer da. Also ja: Ich wünsche und fordere vom Staat auf jeden Fall sehr viel mehr Engagement und konkreten Zugang für finanzielle Unterstützung, die nicht an so viel Bürokratie gekoppelt ist. Und bei der man nicht behandelt wird wie eine Schwerverbrecherin.

Deine Texte sind nicht explizit politisch und kreisen in erster Linie um deine Gefühlswelt. Dennoch: Inwiefern verstehst du dich als politische oder feministische Künstlerin?

Gwen Dolyn: Gefühle sind politisch. Alles, was man macht, wenn man sich auf eine Bühne stellt, ist auf eine gewisse Art politisch und kann als Statement gelesen werden. Man kann sich auch offen dazu äußern und sagen, in welche politische Richtung man sich selber einordnet oder was man sich wünscht. Mir geht es um Menschenrechte. Und um Grundrechte für Frauen und FLINTA-Personen. Und dadurch, dass ich als Frau Musik mache, wird es ja auch sofort politisch. Meine Texte, in denen ich über Schmerzen schreibe oder über Beziehungen, geschrieben aus meiner Position als bisexuelle Frau, die meistens Beziehungen mit Männern hat – auch die sind politisch. Es wäre schön, wenn es mehr große Künstler*innen gäbe, Menschen wie Nina Chuba oder Felix von Kraftklub, die offen aussprechen, was sie politisch denken. Davon gibt es leider immer noch zu wenig.

Gwen Dolyn und Band live in Köln @Bumann und Sohn / Foto: Marc Wilde

In der Presseinfo zu deinem neuen Album („X-Rated Feelings“) heißt es, dass Gefühle deine Songs bevölkern und du auch den Drang verspürst, diese in deinen Texten rauszulassen. Was bedeutet das fürs Songwriting: Drücken sich deine Gefühle unmittelbar und ungefiltert in Text aus? Oder ist das Schreiben von Songs für dich eher ein rationaler Vorgang, bei dem du Nahbarkeit vielleicht sogar bewusst herzustellen versuchst?

Gwen Dolyn: Natürlich habe ich auch einen Filter, aber ich bin noch nicht so gut darin, ihn zu kalibrieren. Vor allem, wenn es um Eindrücke geht, die von außen nach innen gehen. Die umgekehrte Richtung – von innen nach außen – kann ich besser kontrollieren. In jedem Fall ist es nicht so, dass mir alle Songs einfach so aus der Hand fließen würden. Songs zu schreiben, bedeutet für mich echte Arbeit. Eine Skizze anzufertigen, fällt mir nicht schwer. Aber daraus dann wirklich etwas zu zimmern, das ist manchmal echt ein nerviger Prozess. Und trotzdem kommen die Inhalte, die ich in meinen Songs verarbeite, einfach aus mir heraus. Das ist das, was ich meine. Wenn ich mir dagegen jetzt so Deutsch-Rapperinnen anschaue, für die irgendwie klar ist, mein Sujet ist Ficken, mein Arsch und Drogen und daraus mache ich jetzt irgendeinen Text – je dümmer, desto besser –, dann wäre das etwas anderes.

Du würdest also lieber gerne mehr in Distanz zu dir gehen wollen?

Gwen Dolyn: Ja, ich würde mir richtig doll wünschen, dass ich manchmal einfach sagen könnte, das ist jetzt die Bühnenwelt und Stopp! Natürlich drehe ich auf der Bühne auf, und ich bin auch nicht in jedem Gespräch so offen wie jetzt, aber ich finde es super cool, wenn jemand eine Bühnen-Persona kreiert und irgendwelche abgefahrenen Texte singt.

Gute Kunst hat also nichts damit zu tun, authentisch zu sein?

Gwen Dolyn: Nein. Es gibt da so einen Begriff, der – soviel ich weiß – aus dem Drag kommt: „camp“. Etwas ist camp bedeutet, dass es ultra überzogen und bescheuert ist, aber deswegen irgendwie echt. Und so sehe ich das. Es gibt natürlich beschissenen Deutsch-Rap, so wie in jedem anderen Genre übrigens auch. Aber ich kenne eine Reihe an Künstler:innen, die das irgendwie nailen und die cool sind. Und das würde ich mir auch für mich wünschen, dass ich auf der Bühne stehen könnte, ohne seelisch gleich immer so nackt dazustehen. Dann ist es auch viel einfacher, die Klamotten auszuziehen.

Gwen Dolyn und Band live in Köln @Bumann und Sohn / Foto: Marc Wilde

Wie ist das mit der Sprache in deinen Songs? Du singst primär auf Deutsch, aber es gibt auch einige englische Lieder. Teilweise switchst du innerhalb eines Stückes von der einen zur anderen Sprache. Man hat das Gefühl, dass Englisch für dich eine total natürliche Sprache ist, oder?

Gwen Dolyn: Ja, ich glaube, das liegt daran, weil ich früher immer englische Musik gehört habe. Und ich hatte eine Zeit lang auch einen amerikanischen Partner. Aber ich wünschte mir, ich könnte noch viel mehr Sprachen sprechen. Weil in jeder Sprache ist man ein bisschen ein anderer Mensch. Ich erkläre mir das so: Alle Erinnerungen sind mit der Sprache verknüpft, mit der man als Kind aufgewachsen ist; alle Emotionen, auch die negativen, sind mit deiner Muttersprache verbunden. Bei mir war also erst das Deutsche da und Englisch kam danach. Die Fremdsprache bietet mir so die Möglichkeit, sehr gefühlvolle Texte zu schreiben, ohne dass es mich fertig macht. Und inzwischen mische ich es, weil ich es nicht mehr so cringe finde. Weil ich mich mittlerweile mit dem Deutschen viel mehr angefreundet habe.

Ist es dir wichtig, diese Vielfalt im sprachlichen Ausdruck beibehalten zu können?

Gwen Dolyn: Keine Ahnung, ich nehme es, wie es kommt. Die Texte ergeben sich halt mehr im Deutschen, weil es gut funktioniert. Und wenn ich dann ins Schreiben komme, ist es inzwischen auch viel einfacher geworden, mich dem Cringe einfach auszusetzen. Das ist, denke ich, sowieso immer so bei der Kunst: Man muss es irgendwie so machen, dass es ein bisschen peinlich ist.

Gibt es bestimmte Texte oder Songs, bei denen es dir schwerfallen würde, die auf Deutsch zu singen?

Gwen Dolyn: Nö.

Also ich habe jetzt einen bestimmten Song im Sinn…

Gwen Dolyn: “After you left my body”.

Ja, genau. In dem Song geht es um eine Abtreibung. Ich habe zunächst davor zurückgescheut, dich danach zu fragen, aber du stellst das Persönliche an deinen Texten bewusst heraus – also mache ich es: Hast du über ein so belastendes Thema vielleicht auch deshalb lieber nicht auf Deutsch schreiben wollen, weil dir das Englische eine größere Distanz ermöglicht?

Gwen Dolyn: Nein, der Song ist einfach aus dem Moment entstanden. Aus einer Situation heraus, in der ich sehr traurig gewesen bin. Und das ist eben auf Englisch passiert. Reime zu machen, die nicht direkt unangenehm sind, wenn ich sie ausspreche, fällt mir auch im Englischen leichter. Es ist auch nicht so, dass dieser Song das traumatischste Erlebnis meines Lebens überhaupt behandeln würde. Ich habe eine Angststörung, und es gab eine Zeit, da hatte ich andauernd Panikattacken. Den Schwangerschaftsabbruch habe ich erst nach der Trennung von dem Mann betrauern können, mit dem ich dieses Kind gehabt hätte. Ich könnte über das Thema Schwangerschaftsabbruch oder den Verlust von einem Kind sicher auch auf Deutsch schreiben. Aber ich hatte nicht das Gefühl, dass es den Song jetzt irgendwie besser machen würde, wenn ich ihn übersetze. Es gibt übrigens auch noch ein weiteres englisches Stück auf dem Album: „well educated brat“…

… mein Lieblingssong, by the way.

Gwen Dolyn: Das freut mich. Denn ich habe eine sehr persönliche Verbindung zu dem Song. Er bedeutet mir sehr viel, weil durch ihn viel in meinem Leben passiert ist.

Was genau?

Gwen Dolyn: Das war zu einem Zeitpunkt, als ich gerade angefangen hatte, Antidepressiva zu nehmen, die wirken. Ich habe den Song auf meinem ultra abgefuckten Acer Computer aufgenommen, der nach jeder Spur abgestürzt ist. Ich habe den komplett selbst gemischt und das Video dazu gemacht. Und über den Song habe ich meinen damaligen Freund kennengelernt, der auch Musiker ist. Dann kam meine erste Labelanfrage. Das war das erste Stück Kunst, das ich in die Welt gesetzt habe, bei dem ich dachte, dass es eine runde Sache ist. Etwas, das sich gut genug angefühlt hat – das hat man wirklich selten.

Ich habe mir heute noch das Video zu „well educated brat“ angesehen und dann erst festgestellt, dass das Stück schon sieben Jahre alt ist. Wieso hast du es trotzdem auf dein neues Album gepackt?

Gwen Dolyn: Ich habe den Song noch mal neu aufgenommen. Und er ist auch deshalb auf dem neuen Album, weil er gewissermaßen in Verbindung zu dem Label steht, auf dem „X-Rated Feelings“ jetzt erscheint. Grant, dem das Label (Duchess Box Records) gehört, fand „well educated brat“ damals schon gut. Und irgendwie dachte ich mir, es würde sich gut fügen, wenn der Song, mit dem ich quasi angefangen habe, jetzt auch auf meinem ersten Soloalbum erscheint.

Wie sinnvoll ist es eigentlich heutzutage noch, ein Album rauszubringen, wenn vorher schon so viele Songs als Single veröffentlicht worden sind. Die erste Single ist schon im Februar des letzten Jahres erschienen. Danach folgten in regelmäßigen Abständen vier oder fünf weitere. Anders gefragt: Was bedeutet dir das Album-Format als solches?

Gwen Dolyn: Also für mich als Künstlerin wäre ein Album etwas, das eine in sich geschlossene Einheit bildet. Etwas, das unabhängig von diesem ewigen Dauerhecheln nach Klicks und Streams existiert. Aber wenn man gehört werden will, dann muss man schon sehr mutig sein, sich dieser Art Veröffentlichungspolitik zu entziehen. Wenn man sich die Streams anschaut, ist es auch einfach so, dass die Sachen, die nicht als Single rausgekommen sind, wirklich viel, viel weniger gehört werden. Und das ist einfach schade um die Songs. Aus persönlicher Sicht finde ich das Album als Format einfach super schön. Es ist wie so eine Art Kapitel in einem Buch. Oder ein Unterkapitel. Dabei muss ich gestehen, dass ich mir selbst auch nur in den seltensten Fällen ein Album am Stück anhöre.

Gwen Dolyn und Band live in Köln @Bumann und Sohn / Foto: Marc Wilde

Das ist sicher auch eine Frage der Verfügbarkeit…

Gwen Dolyn: Total. Wenn es nichts anderes gibt, so wie bei mir früher als Kind, als ich noch gar nicht wusste, wie ich sonst an Musik drankommen kann, da habe ich halt die CDs von meinem Papa gehört. Es wäre natürlich super schön, wenn wir gesellschaftlich – und vor allem auch in der Musikindustrie – dahinkämen, dass die Künstler:innen zuallererst einmal angemessen dafür bezahlt werden würden, wenn sie auf Spotify gestreamt werden. Noch nie wurden Künstler:innen so viel gehört und noch nie wurden Künstler:innen so schlecht bezahlt. Die “The-Starving-Artists-Story” ist so fucking old, aber it’s never been like this. Es ist einfach beschissen. Ich würde mich echt sehr freuen, wenn die Leute endlich wieder Bock auf Alben hätten.

Siehst du Anzeichen dafür, dass es trotz der digitalen Dauer-Verfügbarkeit wieder in diese Richtung gehen könnte?

Das wäre super. Es gab ja auch den Turn, dass Leute wieder Platten kaufen, weil die einfach Hunger nach etwas Analogem haben, nach was Echtem. Etwas zum Anfassen, das man sich zu Hause ins Regal stellen kann. Aber wenn ich mir dann anschaue, wohin wir mit unserem Musikkonsum steuern, dann bin ich nicht sehr optimistisch. Ich weiß, ich habe vorhin gesagt, es wäre geil, wenn ich auch diesen Atzen-Rap machen könnte. Dennoch: Dass jetzt nur noch sowas funktioniert, auf einem Level, bei dem man gut davon leben kann – das ist ultra beschissen. Es gibt ja auch Leute wie mich, die noch was anderes zu sagen haben. Das bedeutet natürlich nicht, dass es unbedingt besser ist. Aber die Leute haben halt mehr Bock auf Party als auf Kunst.

Es ist aber ja auch nicht so, als hättest du keine Musik für die Party anzubieten. Nehmen wir „Ertrinken“ – für mich ein super Party- bzw. Radio-Song.

Gwen Dolyn: Stimmt. Ich glaube, der ist auch ein bisschen im Radio gelaufen. Aber das ist ja dann auch wieder so eine die Sache: Es gibt einfach so viele geile, so gute Künstler:innen, bei denen du dir die Musik anhörst und dich fragst, warum sind die jetzt nicht weltberühmt? Du musst halt zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Oder die richtigen Leute kennen. Ich habe auch den Eindruck, dass das heute noch mehr gilt als früher. Irgendwie ist alles sehr beliebig geworden. Musik, die schnell konsumierbar ist, wird einfach mehr gehört. Schade!

Interview: Marc Wilde

Verlagssitz
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop | Aquinostrasse 1 | Zweites Hinterhaus, 50670 Köln | Germany
Team
Herausgeber & Chefredaktion:
Thomas Venker & Linus Volkmann
Autoren, Fotografen, Kontakt
Advertising
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop
marketing@kaput-mag.com
Impressum – Legal Disclosure
Urheberrecht /
Inhaltliche Verantwortung / Rechtswirksamkeit
Kaput Supporter
Kaput – Magazin für Insolvenz & Pop dankt seinen Supporter_innen!