Record of the Week

Messer „No Future Days“

Messer
„No Future Days“
Trocadero / Indigo

Auf ihrem neuen Album klingen Messer so, wie ich sie mir immer schon vorgestellt habe. Die Faszination für mehr Vermitteltheit und vielschichtige Produktion, die zwar in ihrer Musik seit jeher angelegt war, aber früher überschattet wurde vom Drang nach Direktheit und Schneid, gelangt hier zur vollen Entfaltung. Die Gitarren auf „No Future Days“ verstellen sich, sind demonstrativ manipuliert und umgehen so allzu eindeutige Verweise auf Rockmusik.
Messer vollziehen die Entwicklung von Post-Punk-Bands wie Gang Of Four oder The Cure nach, die um 1981 herum dazu übergingen, ihre Musik in- und aufwendiger zu gestalten. Analog dazu lässt sich im Fall von Messer beobachten, dass sich per Flanger oder ähnlicher technischer Effekte die Orientierung an hart abgesetzten Konturen verschiebt zugunsten einer Herausstellung weicherer, nicht klar definierter Ränder (im Unterschied zu Gang of Four oder The Cure bleiben die Stücke von Messer hier allerdings stets latent oder offen funky und erinnern manchmal an den ätherischen Groove späterer Stücke von, äh, The Police). Daraus ergibt sich der Umstand, dass die Musik weniger auf punkig abweisende, undurchdringliche Oberflächen setzt als auf eine Steigerung von Tiefenwirkung und Räumlichkeit.
In dieser Hinsicht ist es nur folgerichtig, dass der Erfahrung von Innerlichkeit auf diesem Album eine neue, konstitutive Qualität zuwächst, die ein Mehr an Sehnsuchtsmomenten suggeriert. Stilistisch korrespondiert damit eine Annäherung an Reggae- und Dub-Elemente, die die Musik aufgrund von Hall und Nachklang expansiv erscheinen lässt, aber auch als soundspezifische Codierung von Erinnerungsmustern fungieren könnte.

Der Entgrenzung und Verräumlichung von musikalischen Strukturen begegnet auf der Titel- und Textebene die Tendenz zu topologischen Motiven („Das verrückte Haus“, „Der Mieter“, „Tapetentür“), wobei hier offenbar die Beziehung zwischen Raum und Mensch in den Fokus rückt. Generell gilt, dass die Texte lediglich in dem Sinne referentiell sind, dass sie häufig auf andere Kunstwerke verweisen (vergleiche etwa den LP-Titel, der, unschwer zu erkennen, einen Can-LP-Titel variiert oder das Stück „Die Frau in den Dünen“, das nach einem phantastischen Roman von Kobo Abe benannt ist). Die sich hier abzeichnende Idee einer sprachinternen Wirklichkeit erhält Auftrieb durch die Lust an wortspielartigen Bedeutungsverschiebungen, die die durchlässige Ausrichtung der Musik auf dem Wortlevel fortzusetzen scheint.

Philipp Wulff, Milek, Pogo McCartney und Hendrik Otremba haben ein Album gemacht, das auf beeindruckende Weise soundtechnische und verbale Weitläufigkeit repräsentiert. Beim Hören setzt sich der Eindruck durch, dass es Messer mit diesem Album endlich gelingt, das, was sie früher nur anzudeuten imstande waren, in vollem Umfang umzusetzen.

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