Serie zu (pop)kulturellen Artefakten des negative turn

NEGATIVE APPROACH I: „Ż“ / „Silver“

Zwei aktuelle Dokumentarfilme nähern sich auf ganz unterschiedliche Weise der Ressourcenausbeutung. Dabei entstehen negative Räume, Landschaften verschwinden, Bergkuppen droht der Einsturz. Ein Blick nach Malta („Ż“) und Bolivien („Silver“).

 

„Ż“

Malta liegt an der Peripherie Europas. Immer wieder schwappen kurze oder längere Nachrichtenzyklen durch die Lande, wie zuletzt im Hinblick auf die vorgezogenen Parlamentswahlen. Oder vor knapp zehn Jahren, als die maltesische Investigativjournalistin Daphne Caruana Galizia mit einer Autobombe ermordet wurde. Oder wenn die EU sich mal wieder kritisch über Malta und dessen Geschäftsgebaren äußert: So kann man sich die maltesische Staatsbürgerschaft recht einfach kaufen oder Luxusyachten steuerlich günstig unter maltesischer Flagge fahren lassen.

Diese Dinge sind in gewisser Weise mit Rachel Micallef Somervilles künstlerischem Dokumentarfilm „Ż“ (Malta, 2026) verflochten, der im Mai seine Premiere beim Belgrader Dokumentarfilmfestival Beldocs feierte. Wichtig ist in ihrem Film aber insbesondere die maltesische Landschaft. Was diesen Ausgangspunkt zu einem negative approach macht, ist die Feststellung, dass diese Landschaft verschwindet. Der Film wird mit den folgenden Zeilen beschrieben: „The Maltese Islands have long been marked by conquest. The fragile landscape that remains is being rapidly erased by greed and corruption. The film drifts through what is left, as a narrator searches for an absent figure in the textures of rock, clay and seaweed. An elegy for land and sea, an elegy for land and Ż.“

Der Film ist ein Klagelied auf das Verschwinden der maltesischen Lanschaft und gleichzeitig eine Hommage an Somervilles 2023 verstorbenen Mentor und Freund Zvezdan Reljić. In der Umsetzung des Films ist Somerville sparsam, beinahe karg vorgegangen. Es gibt hier keine Bilder von Baggern, die die Landschaft umpflügen, keine Bilder von Baustellen großer Hotelkomplexe, keine Nachrichten über verunglückte Bauarbeiter. Kameramann Guilio Rasi filmt lediglich Landschaftsbilder, mal sehr nah, mal weiter weg, Bilder von dem, was noch übrig ist. Somerville spricht im voice over einen Text, den sie am liebsten weggelassen hätte, wie sie im Gespräch erzählt.

Da wird aus einer Höhle am Meer ins Freie hinausgefilmt, in langen Einstellungen auf Felswände gehalten, auf Meerwasser, das zwischen Felsen schwappt und Seegras bewegt. Der Spannungsbogen erschließt sich nicht unbedingt auf den ersten Blick. Somerville beschreibt die Höhleneinstellungen allerdings als Prolog, dann eine Bewegung von festem Gestein über Ton bis hin zum Meer. Über 17 Minuten reihen sich hier also fragmentarische Motive aneinander, Ausschnitte, die intim wirken. Diese Intimität, so Somerville, wurde auch mithilfe alter sowjetischer Linsen hergestellt, die Kameramann Rasi für seine Sony A73 verwendete. „Dreamy“ wirkten diese Linsen wegen ihrer Brennpunkte, sie ließen sehr nahe Aufnahmen zu. Diese Dreamyness wird auch dadurch unterstützt, dass Rasi kein Stativ verwendet hat und die Kamera deswegen selten gänzlich still ist.

 

Die Spuren im Gestein haben Geschichten (Rachel Micallef Somerville)

Die zunehmende Abwesenheit der Landschaft, die finale Abwesenheit des Mentors sind zwei Aspekte, die als Verlust wahrnehmbar sind. Der Soziologe Andreas Reckwitz sieht in ebendiesem Gefühl des Verlusts eine wichtige Grundkonstante der Gegenwart: Artensterben, schmelzende Gletscher, Ordnungszerfall. „Ż“ spricht diese Verluste nicht explizit an, die Erzählerin adressiert ein „Du“, nimmt aber trotzdem eine Metaperspektive ein. Gerade dem geographischen Ausgangspunkt des Monologs liegen hier jedoch offen negative Konstellationen zugrunde. Auf Malta liegt diese Negativität unter anderem in der Extraktion von Baumaterialien, die im Abbau negative Räume wie Tagebauten und Abbrüche entstehen lassen – nicht selten in der Nähe von Siedlungen. Die Folgen wirken sich auf die gesamte Insel aus.

Der Globigerina Kalkstein ist ein erheblicher Faktor für die lokale Wirtschaft auf Malta. Es handelt sich dabei um die einzige weit verbreitete natürliche Ressource des Landes. Die Altstadt von Valletta (gegründet 1566) wurde aus dem Material erbaut. Aber auch prähistorische Tempel aus dem 4. – 3. Jahrtausend v. Chr. bestehen aus dem Material. Der Stein wurde für Skulpturen verwendet aber auch für barocke Verzierungen an Gebäuden. Er ist so weich, dass er sich für diese Zwecke sehr gut eignet. Seit dem neolithischen Zeitalter war der Kalkstein das Hauptmaterial für Bautätigkeiten auf der Insel. 1994 wurde geschätzt, dass der Abbau zum damaligen Stand noch bis zu 450 Jahre laufen könnte. Eine Studie aus dem Jahr 2016 stellt hingegen fest, dass die bis dahin betriebenen Tagebauten nur noch 40 Jahre Förderung ermöglichten.

Schon 2005 belegte eine andere Studie, dass der Kalkabbau sehr hohe Feinstaubemmissionen verursacht, die extrem weit über internationalen Richtlinien liegen. Ein Grund dafür ist das grobe Gerät, dass zum Abbau genutzt wurde und bis heute wird. Stein wird geschnitten und dann abgeschliffen. Besonders in den trockenen warmen Monaten gelangt so viel Feinstaub in die Luft und in die Atmosphäre. Ab 2012 setzt auf Malta ein regelrechter Bauboom ein. Ab dieser Zeit, so berichtet die Filmemacherin, lassen sich in ihrer Familie vermehrt Fälle von Asthma feststellen – obwohl ein EU-Länderreport dem Land 2025 eine Verbesserung der Luftqualität bescheinigt.

Der Report stellt allerdings auch fest, dass Malta in besonderem Ausmaß auf den Erhalt und die Pflege seiner Umwelt angewiesen ist, weil genau aus dieser Umwelt auch Rohmaterialien wie eben Kalkstein stammen, der wiederum für die Baubranche verwendet wird. Zudem wird angemahnt, dass eine ‚excessive‘ Bautätigkeit auf der Insel festzustellen ist, die zur Versiegelung vieler Flächen führt. Laut Umweltbundesamt gehen durch Versiegelung „wichtige Bodenfunktionen, vor allem die Wasserdurchlässigkeit und die Bodenfruchtbarkeit, verloren“. Wer die Insel zupflastert, nimmt ihr damit im Prinzip die Lebensfähigkeit.

Das Meer und die Strandregionen sind Hauptdarsteller*innen im Film (Rachel Somerville Micallef)

Staub, Sommer, Stein, Baustellen, Versiegelung, das fühlt sich alles trocken an und nicht wie das blühende Leben. Dem wendet sich Somerville motivisch oft über das Meerwasser zu. Die eingangs erwähnte Höhle wird früh im Film als Speicher von Geschichten beschrieben, so, wie auch Personen Geschichtsspeicher sind. Das beschreibt weniger eine Antropomorphisierung der Natur, sondern vielmehr die Tatsache, dass die Natur ihre eigene Geschichte hat und ihre eigenen Geschichten schreibt. Mit ihrem eigentümlichen Blick auf die Geschichten der Insel stellt Somerville ein spezielles Verhältnis zur Zukunft her. Bei Reckwitz ist dieses Verhältnis an Erwartungen gebunden, die von Verlusterfahrungen ausgelöst werden. „Ż“ erwartet allerdings nichts. Gerade in den Einstellungen, die das Meer zeigen, wird dieses Verhältnis zur Zukunft anders beschrieben – als Geografie vor dem Verlust: Selbst, wenn es auf Malta irgendwann keine Landschaft mehr geben sollte, das Wasser wird bleiben.

 

Beginnt eine Schicht oder hört sie auf? Der Film fängt die Taktung des Lebens auf 4.000m Höhe ein. (© Telemark, Piraya Film, IV Films)

„Silver“ (Polen, Norwegen, Finnland 2025)

Im bolivianischen Potosí steht der Berg Cerro Rico – oder zumindest das, was noch von ihm übrig ist. Die Stadt liegt in den Anden auf ca. 4000m Höhe. Daneben erhebt sich der Berg auf bis zu 800 weitere Meter. Seit mehreren Jahrhunderten wird der Cerro Rico aufgrund reichhaltiger Rohstoffaufkommen ausgebeutet. Der Silberabbau begann im großen Maßstab mit der spanischen Kolonialmacht. Von den Reichtümern, die der Berg hervorbrachte, profitierten die Einheimischen nicht. Zumeist waren es indigene Bewohner*innen, die versklavt und zur Arbeit im Innern des Berges gezwungen wurden. Bis heute wird Silber und andere Metalle hier abgebaut – unter garstigsten Bedingungen.

Die polnische Regisseurin Natalia Koniarz hat die Drastik im Dokumentarfilm „Silver“ festgehalten. Der Film wurde im Rahmen der Berliner Doxumentale gezeigt. Aus nächster Nähe beschreibt er den Alltag von Arbeiter*innen, die tief im Innern des Berges Löcher bohren, Felswände aufsprengen, die schwitzend und mit Matsch zugekleistert Schutt schaufeln, die sich auf Kesseln schmale Schächte hinunter abseilen, die bluten, rauchen, trinken, beten, Stahlseile notdürftig mit Plastikfäden flicken, die sich verletzen, die zerquetscht werden, die der nächsten Generation zeigen, wie man richtig Steine hackt und wie sie dem Berg die letzten spärlichen Reste vermeintlich wertvoller Metalle abpressen.

Kinder spielen auf stillgelegten Baustellen, auf Schutthügeln, in schmalen Schächten, sie schlafen zu viert eng beieinander und werden dabei voll ins Gesicht gefilmt. Sie gehen in die Schule, auf der Tafel sind mathematische Gleichungen zu sehen aber der Film will nur zeigen, dass sie selbst im Unterricht alles ‚Wichtige‘ zum Cerro Rico eingebläut bekommen: Wie man sich gegen Plünderer schützt, wie man also nicht vergewaltigt und getötet wird, wie man Nachts Wache schiebt. All das ist drastisch. Der Film stellt das Drastische auch ästhetisch so stark aus, dass jede kleine Hoffnung erdrückt wird. Die Protagonist*innen des Films sind keine Erklärer*innen, das gezeigte steht für sich. Es gibt kein Voice-Over, keine Erzählstimme die Zusammenhänge erklärt. Es erschließt sich nur andeutungshaft, wie die Verwertungskette abläuft, aus der Mine über den Transport zu den Häfen nach Chile und dann ins Ausland.

Aber die Ästhetik: Die recht grobe Körnung des Bildes macht starke Bilder. Und sie spiegelt das harte Leben. Manche Kamerafahrten über Risse im Berg, über schmelzenden Schnee, der sich durch Haufenweise Plastikmüll und Ablagerungen fließend den Weg nach unten sucht, sind auf der Bildebene schon apokalyptisch genug. Das langsame Tempo dieser Aufnahmen, die bedrohliche Musik, sie verdichten das Desolate allerdings so sehr, dass es sich manchmal fast wie eine Transgression ins Fiktionale bzw. Fiktionalisierende anfühlt. Immer wieder bollern auf der diegetischen Klangebene mal mehr, mal weniger subtil unterirdische Explosionen, Schläge, es rumpelt dumpf vor sich hin und man weiß nicht immer so recht: Passiert das gerade irgendwo abseits des Bildes?

Es ist sicherlich eine Entscheidung, dass diese Klänge so platziert wurden, sie unterstreichen die Allgegenwärtigkeit des Berges und die absolute Unablässigkeit, mit der die Arbeiter*innen ihm das Letztmögliche abtrotzen. Der Film wird so aber auch zu einem ziemlichen ‚Brett‘ und hämmert seine Botschaft mit solch einer Vehemenz ein, die womöglich dem Thema angemessen ist. Allerdings ist diese teilweise beinahe fiktionale Verdichtung auch nicht unproblematisch. Die beobachteten Akteur*innen und bisweilen auch die Umgebungen werden hier fast zu Anschauungsmaterial, zu austauschbaren Stand-ins, die pars pro toto dafür stehen sollen, wie drastisch und desolat es ist.

„Silver“ ist nicht der erste Dokumentarfilm, der sich mit dem Cerro Rico beschäftigt. Gerade im letzten Jahr hat auch das ZEIT Magazin eine ähnliche Geschichte in Reportageformat schon erzählt. Seine Leistung ist es schon, dass er sichtbar macht, was selten jemals in dieser Form sichtbar werden kann. Die Bedingungen des Drehs müssen harsch gewesen sein. Cinematographisch und handwerklich ist das alles stark gemacht. Auch die Protagonist*innen sind ja mit ihrem Einverständnis dabei. Alles gut also. Es fehlt allerdings beinahe jeglicher Zusammenhang, den man sich dann in Beiträgen wie im ZEIT Magazin zusammensuchen kann. Wie gesagt, das ist eine filmische und künstlerische Entscheidung, die respektiert werden muss. Es bleibt allerdings ein Eindruck von Spektakel zurück. Kinderarbeit, Ausbeutung, schlimme Arbeitsverhältnisse – das ist alles schlecht. Ob es die teilweise ästhetische Überzeichnung gebraucht hätte, ist jedoch fraglich.

Gestein in Kinderhänden. Was sich in den Hohlräumen des Cerro Rico finden lässt wird in der Stadt für kleines Geld verkauft. (© Telemark, Piraya Film, IV Films)

Was wir hier zuguterletzt allerdings sehen, ist die fortschreitende Aushöhlung dieses Berges und damit ein Beispiel zunehmender Negativierung seines Raumes. Was unten in Schächten abgegraben wird, wird oben teilweise wieder in den Berg geschüttet, um die vom Einsturz bedrohte Kuppe zu schützen. Der Cerro Rico ist ein gutes Beispiel für das „Hollowcene“, das der Eduardo Viveiros de Castro geprägt hat als gefräßige und aushöhlende Tendenz des Kapitalismus. Der Weimarer Medienphilosoph Martin Siegler hat den Begriff eingedeutscht und untersucht unter dem Begriff „Ho(h)lozän“ die fortschreitende Aushöhlung und Porosität der Welt. Wie lange am Cerro Rico noch abgebaut werden kann, ist fraglich. „Silver“ macht deutlich, dass genau jetzt, in diesem Moment, viele der 12.000 Arbeiter*innen gerade dort schwitzen, rauchen und bluten.

Negative Approach ist eine Serie, die sich mit (pop)kulturellen Artefakten des negative turn beschäftigt. Das Titelbild entstammt einer Videoarbeit der kanadischen Künstlerin Sabrina Ratté. „TRANSIT, 2011“ wurde in SD (standard definition) produziert und setzt spezifisch auf eine sehr niedrig auflösende Bildqualität. Von der Website der Künstlerin: „Transit transforms an illuminated map of Paris into a shifting electronic landscape through a series of image manipulations, including video feedback and digital transitions, oscillating between the organic qualities of light and the rigidity of digital transitions.“

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