Interview

Greg Mendez: „Damals war ich einfach irgendein Typ mit einem Arbeiterjob, der in seiner Freizeit eine Platte aufgenommen hat…“

Greg Mendez photographed in Philadelphia on January 8, 2025 (for release „Beauty Land“) (Credit: Stephen Yang)

Als ich am Anfang unseres Zoom-Interviews erkläre, ich sei heute etwas müde, antwortet Greg Mendez mit unaufgeregter Gelassenheit, dass er das eigentlich immer ist. Der mittelalte Singer-Songwriter aus Philadelphia wirkt verschlafen, trägt die Kapuze seines eher pragmatisch als stylisch aussehenden Sweatshirts bis fast vor die Augen und scheint liebend gern zuhause rumzusitzen; denn aus der Distanz sieht er die Welt umso klarer. Dieses Bild zeichnet er jedenfalls in seinen ultraintimen Lo-Fi-Folksongs, die er ganz alleine auf Tonband recordet – und so eine bittersüße Emotionalität kreiert, die eindeutig an Elliott Smith erinnert.

Auf „Beauty Land“ – seinem ersten Album für das renommierte Indie-Label Dead Oceans – fasst Greg Mendez sich an die eigene Nase („There’s no one else I have to blame it’s me only“), sucht nach Vergebung und Verbesserung: „Til I can’t see no evil“, heißt es in einem besonders herzzerreißenden Moment. Dass die Flucht in persönliche Gefühls- und Gedankenwelten ein guter Weg zur Zufriedenheit sein kann, weiß er nur zu gut. „No pain, no struggling, I’m dreaming“, singt er im Highlight „Mary / Dreaming“. Inwiefern sein neues Album etwas mit Traumlogik zu tun hat, auch darüber spricht der eher wortkarge Mendez im Interview mit Kaput…

Greg, wie ist der Albumtitel entstanden?

Greg Mendez: Um ehrlich zu sein: Es gibt diesen Beauty-Supply-Laden in einem Vorort außerhalb von Philadelphia, der „Beauty Land“ heißt. Ich fahre oft daran vorbei. Mir gefiel die Vorstellung, im Titel ein Gefühl für einen Ort zu haben. Es wirkte einfach wie etwas sehr Amerikanisches – diese Idee davon, was wir glauben sollen, was dieser Ort hier ist. Irgendwie wie Disneyland oder so ein Quatsch.

Also steckt für dich etwas zutiefst Amerikanisches in den Songs?

Naja, nicht wirklich. Ich meine, ich habe mein ganzes Leben hier verbracht, also werde ich nicht behaupten, dass es keinen Einfluss hat. Es ist ein ganz natürlicher Teil meiner Perspektive – im Guten wie im Schlechten.

Wenn du ein neues Album anfängst, denkst du dann normalerweise über das vorherige nach? Im Sinne von: Das neue Album muss anders klingen als das davor Entsteht ein neues Album also als Reaktion auf das letzte, oder fängst du einfach an zu arbeiten und schaust, was passiert?

Darüber denke ich auf jeden Fall nach, aber dann werfe ich das meistens wieder über Bord [lacht]. Ursprünglich wollte ich etwas machen, das sich stärker von meinen vorherigen Platten unterscheidet, aber am Ende lasse ich die Musik einfach ihren Weg gehen. Nur so gefällt mir das Ergebnis am Ende auch. Ich habe das Gefühl, dass meine eigenen Konzepte die meiste Zeit ziemlich beschissen sind.

Worin unterscheidet sich das Album deiner Meinung nach von den vorherigen?

Ich glaube, der Flow zwischen den Songs ist anders, und die klangliche Palette ist auch etwas anders. Ich habe viel weniger Gesangsspuren gedoppelt. Außerdem habe ich das Gefühl, dass ich es besser aufgenommen habe. Und hinsichtlich der Instrumentierung: Es gibt deutlich weniger E-Gitarren und dafür mehr seltsame Keyboards, Orgeln und sogar ein Spielzeugklavier und solchen Kram. Weniger klassische Drumsets, dafür mehr ungewöhnliche Percussion-Instrumente. Auch die Texte sind anders: Auf dem letzten Album waren sie auf eine Art impressionistisch, die gleichzeitig ziemlich konkret war. Diese hier wirken für mich etwas traumhafter, weniger wie Momentaufnahmen. Ich hatte das Gefühl, aus der Perspektive von jemandem zu schreiben, der jünger ist als die Figur auf dem letzten Album – obwohl ich selbst älter geworden bin, falls das Sinn ergibt. Vielleicht steckt mehr Traumlogik darin.

Du hast den Flow des Albums angesprochen: Für mich wirkt es auf positive Weise fragmentiert. Mir gefällt, dass es aus kleinen Skizzen und Momenten besteht. Vielleicht ist das ein seltsamer Vergleich, aber ich musste an das „White Album“ der Beatles denken, weil sich auch dieses Album wie eine Sammlung kurzer Fragmente anfühlt. Dein neues Album hat für mich eine ähnliche Wirkung.

Cool. Ich liebe dieses Album. Das ist für mich also definitiv ein Kompliment.

Gab es neue Einflüsse, die bei diesem Album eine Rolle gespielt haben?

Ich bin mir nicht sicher. Darüber denke ich eigentlich nicht bewusst nach – beziehungsweise versuche ich, nicht bewusst darüber nachzudenken. Aber ja, wahrscheinlich schon. Der größte Einfluss im Vergleich zum letzten Album war keine Kunst, sondern die völlig andere Situation, in der ich das Album gemacht habe. Das letzte Album habe ich praktisch für niemanden gemacht, niemand hat darauf gewartet. Diesmal war alles komplett anders. Physisch habe ich es sehr ähnlich aufgenommen – einfach in meinem freien Schlafzimmer. Aber alles drum herum war anders: ein größeres Label und solche Dinge. So sehr ich auch gern sagen würde: „Ach, es ist alles wie immer“ – das stimmt einfach nicht. Ich habe nur so getan, als wäre es noch genauso, verstehst du? Außerdem lese ich inzwischen mehr. Ich habe ziemlich starkes, unbehandeltes ADHS, und jahrelang war ich nicht in der Lage, ein Buch zu Ende zu lesen. In letzter Zeit schaffe ich das aber wieder regelmäßig. Vielleicht hat das auch einen Einfluss gehabt.

Was hast du zuletzt gelesen?

Ich habe gerade „Their Eyes Were Watching God“ gelesen. Vor Kurzem auch „Stolz und Vorurteil“. Dann dieses Philosophiebuch „Simulacra and Simulation“, das ziemlich heftig war. Und die NOFX-Biografie, die wirklich gut und emotional ist. Die kann ich empfehlen – ehrlich gesagt sogar dann, wenn man die Band gar nicht mag.

Um auf einen Punkt zurückzukommen, den du vorhin erwähnt hast: Diesmal haben die Leute auf das Album gewartet. Würdest du sagen, dass das deinen Arbeitsprozess eher positiv oder negativ beeinflusst hat?

Keine Ahnung, aber beeinflusst hat es ihn auf jeden Fall. Ich glaube, ich habe mich bei diesem Album deutlich stärker unter Druck gesetzt. Es gab einfach mehr Erwartungen – nicht unbedingt in Bezug auf Verkaufszahlen oder so etwas, sondern einfach den Anspruch, etwas Gutes zu machen, vielleicht sogar etwas Besseres als das letzte Album. Damals war ich einfach irgendein Typ mit einem Arbeiterjob, der in seiner Freizeit eine Platte aufgenommen hat. Da musste das Album nicht gut sein. Das neue hingegen schon.

Verlagssitz
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop | Aquinostrasse 1 | Zweites Hinterhaus, 50670 Köln | Germany
Team
Herausgeber & Chefredaktion:
Thomas Venker & Linus Volkmann
Autoren, Fotografen, Kontakt
Advertising
Kaput - Magazin für Insolvenz & Pop
marketing@kaput-mag.com
Impressum – Legal Disclosure
Urheberrecht /
Inhaltliche Verantwortung / Rechtswirksamkeit
Kaput Supporter
Kaput – Magazin für Insolvenz & Pop dankt seinen Supporter_innen!