Kolumne

Höre ich „falsch“ Musik?

Höre ich „falsch“ Musik?

Fast die Hälfte aller Menschen hört angeblich keine Alben mehr. Ich höre zehn an einem Sonntag. Einer von uns hat ein Problem. Die Frage ist nur, wer.

Eine Schlagzeile geisterte neulich durch die sozialen Medien: „Fast die Hälfte der Erwachsenen in Großbritannien hat im vergangenen Jahr kein ganzes Album angehört.“ 41 %, so die genaue Zahl. 8 %, hieß es weiter, sogar noch nie im Leben.

Man muss sich das mal vorstellen, dachte ich, und beim nächsten Gang durch den Supermarkt scannte ich die Leute, die mir entgegenkamen, und mir schwante: In Deutschland dürfte die Zahl noch deutlich höher liegen. Wie viele verlorene Seelen in meinem Viertel waren wohl niemals in den Genuss gekommen, ein ganzes Album zu hören? Wie sollen wir als Menschheit überleben, wenn wir uns in großen Teilen aktiv weigern, uns Zeit für die schönste Sache der Welt zu nehmen? Weltschmerz machte sich breit, und wie so oft wurden mein Tag und meine Wahrnehmung der Gesellschaft um mich herum ein wenig schlechter, weil ich auf Social Media gedoomscrollt hatte.

Dann recherchierte ich, woher die Zahlen kommen. Sie stammen aus einer Umfrage, die National Rail in Auftrag gegeben hat, die Dachmarke der britischen Bahnbetreiber. Durchgeführt hat sie OnePoll, ein Panel, das auf Auftrags-PR spezialisiert ist. Vermarktet wurde das Ganze über eine Agentur, mit Pete Tong als Testimonial. Und das zu bewerbende Produkt: ein dreiminütiger Song namens „Track Reset“, produziert von einem DJ in Zusammenarbeit mit einer Musikpsychologin, inspiriert von den Klängen und Rhythmen der britischen Eisenbahn, der die Hörgewohnheiten zurücksetzen und das Gehirn für neue Musik empfänglich machen soll. Aha. Zu hören natürlich idealerweise im Zug, auf dem Weg zum Festival. Weil dahin fährt man am besten mit der Bahn, buchen Sie Ihr Ticket also jetzt.

Tabellen, Screening, Fragebogenformulierung und weitere Datengrundlagen der Befragung wurden nicht veröffentlicht. Befragt wurden auch nicht, wie die Schlagzeile nahelegt, 2.000 Erwachsene, sondern 2.000 Menschen, die sich selbst als „serious music fans“ bezeichnen. Was den Befund unüberprüfbar macht, weil niemand weiß, was das genau sein soll. Dieselbe Erhebung behauptet, ihre Befragten hätten im Schnitt sechs Acts in Rotation und hörten ihren Lieblingssong 343-mal im Jahr – eine Zahl, die jeder x-beliebige Spotify-Wrapped-Screenshot und jedes Last.fm-Profil der Welt widerlegt. Die virale „Studie“ ist also eher eine Werbeanzeige mit Fußnoten. (1)

Also die Gegenprobe: Wie viele Menschen hören eigentlich noch Alben von vorne bis hinten?
Die Antwort ist unbefriedigender, als ich erwartet hatte: Niemand weiß es. Soweit ich es überblicke, stammt die letzte Erhebung, die überhaupt danach gefragt hat, aus der Zeit vor der Pandemie – und war ihrerseits die Auftragsstudie eines Streamingdienstes, also auch nicht viel mehr als eine bessere Version des National-Rail-Stunts. Das Perfide daran: Jeder Streamingdienst kennt diese Zahl auf die Nachkommastelle genau. Sie wird nur nicht veröffentlicht, weil sie ökonomisch bedeutungslos ist. Gezählt wird der einzelne Stream.
Ein deutliches Indiz gibt es trotzdem. Wenn die Mehrheit der Menschen Alben durchhören würde, wären die Streamingzahlen innerhalb eines Albums halbwegs gleichmäßig verteilt. Sind sie aber nicht: Der Datenblogger Daniel Parris hat Spotify-Daten vielgehörter Alben ausgewertet. Rund 75 % der Songs erreichen höchstens 5 % der Streams ihres eigenen Albums; die Aufmerksamkeit klumpt sich um zwei, drei Singles, der Rest läuft unter ferner liefen. Interessanter noch: Der Anteil, den der bekannteste Song eines Albums an dessen Gesamtstreams hat, hat sich seit den Sechzigern fast verdoppelt. Parris erklärt das so: Wer damals „Sgt. Pepper’s“ hörte, kennt auch die Deep Cuts. Wer heute Carly Rae Jepsen streamt, kennt „Call Me Maybe“. (2)

Nun muss das kein Boomer-Take à la „früher war alles besser“ sein. Bei einer verkauften Schallplatte oder CD wusste schließlich niemand, welche Songs zu Hause tatsächlich liefen. Aber wer Geld für ein ganzes Album ausgegeben hatte, hat es vermutlich wenigstens einmal durchgehört – und die Verdopplung der Hit-Konzentration lässt sich schwer anders lesen denn als langsames Ausdünnen genau dieser Praxis.
Mein Bauchgefühl im Supermarkt war also nicht falsch. Nur schlecht begründet, und aus dem falschen Grund richtig: nicht weil die Menschen schlechter geworden wären, sondern weil das zusammenhängende Hören überall dort, wo Musik heute in der Masse stattfindet, weder vorgesehen noch gemessen noch bezahlt wird.
Ich führe kein Buch darüber, aber an einem normalen Tag gehört das bewusste Anhören eines kompletten Albums zu meinem Abendritual, an Sonntagen werden es auch mal fünf bis zehn. Wohlgemerkt: bewusst, nicht hintereinander weg. Ich setze mich hin, und für die kommende Dreiviertelstunde ist das jeweilige Album das Zentrum meiner Wahrnehmung. Am liebsten auf Vinyl, gerne auch als Stream, aber immer auf wertigen Lautsprechern oder Kopfhörern – und mit Stille davor und danach, in der man sortieren kann, was man erwartet oder was man gerade gehört hat. Ich bin damit offensichtlich in einer absoluten Minderheit, was vollkommen okay ist; es kann und soll nicht jede Person ein obsessiver Musiknerd sein. Und doch frage ich mich: Bin am Ende ICH derjenige, der hier „falsch“ Musik hört, während die große Mehrheit einfach fröhlich ihre Lieblingslieder genießt, ohne sich größere Gedanken zu machen? Warum gebe ich mein sauer erspartes Geld für Schallplatten und Hi-Fi-Klimbim aus, wo doch 99 % aller Aufnahmen mit einem Fingertipp in jede Hosentasche der westlichen Welt gebeamt werden können? Warum investiere ich knappe Lebenszeit in Alben, wo ich mir die schönsten Songs daraus in eine glorreiche Playlist packen könnte? Kurz: Was bringt der ganze Zirkus?
Um das zu beantworten, muss ich ins Jahr 2005. Ich war zwölf, jeden Morgen klingelte in meinem Kinderzimmer der Radiowecker, und jeden Morgen weckte mich die Rotation des lokalen Formatradios, bis die Nachbarin mich mit dem großen Familienauto zur Schule abholte.

In diese Rotation gesellten sich im Laufe des Jahres Songs einer Band, die im Herbst zuvor ihr erstes Billboard-Nummer-eins-Album veröffentlicht hatte: Green Day. Ich wusste damals nicht, wer Green Day sind, und es wäre mir vermutlich auch egal gewesen. Was ich wusste, war: „Boulevard of Broken Dreams“ und „Wake Me Up When September Ends“ waren anders als der Rest, der da von morgens bis abends aus dem Gerät kam. In ihnen lag mehr, und ich wollte sie öfter hören. (Der Internetanschluss in unserem Haushalt war noch kein Jahr alt, der Familien- PC die meiste Zeit unter Verschluss, und die Möglichkeiten, die sich damit geboten hätten, lagen mir noch verborgen.)

Und so stand ich eines Tages in der Saturn-Filiale in der Hohen Straße in Köln, damals noch im vierten Stock der Galeria Kaufhof, und rechnete nach: Die beiden Single-CDs hätten zusammen mehr gekostet als das ganze Album, das im Sonderangebot war. Meine erste Entscheidung gegen das Song- und für das Albumformat war also eine rein ökonomische – der einzige Weg, mir beide Songs vom Taschengeld leisten zu können.
Dass „American Idiot“ ausgerechnet eine Punk-Rockoper war – eine durchgehende Geschichte mit wiederkehrenden Figuren, Motiven und Spannungsbogen, damals unerhört für die Gatekeependen –, war mein unverschämtes Glück. Es hätte kein besseres Album geben können, um mich an dieses Format heranzuführen. Mein zwölfjähriges Ich verbesserte leidlich sein Schulenglisch, um die im Booklet abgedruckten Texte zu übersetzen, studierte das Album, wollte verstehen, warum es funktionierte. Ich verstand: Ein gutes Album ist mehr als die Summe seiner Teile. Konsterniert stellte ich allerdings bald fest: Nicht jedes Album ist eine epische Rockoper. Meistens hatten die Songs eines Albums inhaltlich überhaupt nichts miteinander zu tun. Schade eigentlich.
Auf der Suche nach mehr inhaltlicher Tiefe landete ich bei den halbstündigen Ausflügen ins Internet schnell bei den Listen von Rolling Stone & Co., bei den Beatles, The Who und den Beach Boys – und wurde zu einem pubertierenden Rocksnob, der sich einen Plattenspieler kaufte und sich deshalb für einen besseren, bewussteren Musikhörer hielt als die anderen Kids, die auf der „Entwicklungsstufe“ des einzelnen Songs hängengeblieben waren. Ich war der Erleuchtete unter Neandertalern, und so führte ich mich auch auf. Ich war damals ziemlich arrogant und unangenehm. Wer weiß: Vielleicht bin ich das heute noch.

Mit den Jahren verstand ich aber: Der Wert eines Albums hängt nicht an seiner konzeptionellen Tiefe.
Nehmen wir ein Gegenbeispiel aus meiner Schulzeit: „The E.N.D.“ von den Black Eyed Peas. Damals fand ich das Album aus reinem Rock-Snobismus-Reflex grauenhaft; heute sehe ich die Dinge differenzierter. Für viele Menschen meiner Generation ist es ein ikonisches Album, manche würden sagen: ein Klassiker. Für mich ist es, Stand heute, immer noch nicht besonders gut. Das liegt vor allem daran, dass es in den ersten fünf Songs – von „Boom Boom Pow“ bis „I Gotta Feeling“ – Hit nach Hit liefert, nur um sich in den restlichen zwei Dritteln scheinbar überhaupt keine Mühe mehr zu geben. Seinerzeit stempelte ich es deshalb als wertlos ab:
sterile Popmusik für Menschen, die sich nicht mit Musik auseinandersetzen. Was natürlich Quatsch ist. Es mag über die Distanz nicht gelungen sein, stellenweise widerspricht es sich inhaltlich, und es funktionierte hauptsächlich als Vehikel für fünf Singles – alles Variablen, die ein durchschnittlicher Musiknerd als Kriterien für ein misslungenes, ja wertloses Album hernehmen würde.

Aber: 2009 hält der europäische Electro-House mit David Guetta und Konsorten endgültig Einzug in den US-Mainstream, Auto-Tune geht durch die Decke, Hip-Hop kommt nicht mehr aus dem Club. Man hört auf „The E.N.D.“ einer Band dabei zu, wie sie die Euphorie des Moments ein Jahr nach der Finanzkrise einzufangen versucht. Vorne wird die große Nacht versprochen, hinten geht das Licht im Club an, das Make-up ist verschmiert und der Typ, der mit dir auf der Tanzfläche steht, brüllt dir „Google is my professor / Wikipedia checker“ ins Ohr. Das Album hat Charakter. Es zeichnet ein erstaunlich scharfes Bild der Black Eyed Peas als Band, die den Zeitgeist sucht, ihn für einen Moment zielgenau trifft, mit Ambition und hohem Produktionsbudget möglichst viele Themen und Stimmungen einfangen will – und nach einem Drittel der Laufzeit auf der Schnauze landet. Trotzdem, und das ist der Punkt: Beim Hören des kompletten Albums erfahre ich etwas über die Zeit, in der es erschienen ist, und über die Personen, die es gemacht haben. Mehr noch: Das Album setzt „I Gotta Feeling“ in einen Kontext, der mir verborgen bleibt, wenn ich die Single isoliert höre.

Und damit bin ich beim Kern. Lange dachte ich, die gefühlte Mehrdimensionalität des Albumhörens läge an der Tiefe der Werke – an Rockopern, Konzepten, Handlungssträngen. Sie liegt aber woanders: im Verlauf. Ein Album ist eine Strecke. Eine Bewegung durch mehrere Zustände, in einer Reihenfolge, die von den Leuten stammt, die die Musik gemacht haben. Track vier klingt so, wie er klingt, weil Track drei vor ihm steht. Die Ballade in der Mitte ist eine Entscheidung, das brutale Ende auch. Das Album ist das einzige massentaugliche Format, in dem diese zweite Ebene – die Anordnung, die Dramaturgie, das Davor und Danach – den Künstler:innen selbst gehört.

Alle anderen Formate haben diese Ebene nämlich auch. Die Playlist hat einen Verlauf, das DJ- Set, die Radiorotation, sogar das Autoplay. Nur gehört der Verlauf dort jemand anderem: der Kuration, dem Algorithmus, dem Abend. Das ist kein Werturteil. „Boulevard of Broken Dreams“ hat für mich mit zwölf zwischen Verkehrsmeldungen und Seitenbacher-Werbung vollständig funktioniert. Wobei, nein: Er hat besser funktioniert, als er es je wieder tun würde, weil er unerwartet kam – ein Moment, der nicht wiederholbar ist. Der Kontext des Formatradios war nicht schlechter als der des Albums. Er war nur nicht von Green Day autorisiert.

An dieser Stelle muss ich ehrlich sein: Ich ignoriere diese Autorisierung regelmäßig selbst. Oft stehe ich als DJ hinter dem Pult und reiße Songs aus ihren Alben und damit aus dem künstlerisch intendierten Kontext, um sie in einen Verlauf zu setzen, den ich bestimme – meine Dramaturgie, mein Spannungsbogen, meine Anordnung. Und wenn es gut läuft, passiert auf der Tanzfläche exakt das, was ich am Album verteidige: Ein Song bedeutet plötzlich etwas anderes, weil ein anderer vor ihm lief. Das Ding ist nur, dass ich mir in beiden Rollen, als Hörer und als Kurator, bewusst bin, dass es diese zweite Ebene gibt und wem sie gerade gehört.

Wie ganz oben erwähnt: Wo Musik heute in der Masse stattfindet, ist zusammenhängendes, ablenkungsfreies Hören schlicht nicht vorgesehen. Das ist aber nicht die Schuld anderer Musikhörender. Streamingdienste rechnen die Gesamtheit aller Streams auf der Plattform ab, statt Abrechnungsmodelle und Algorithmen einzuführen, die dem Medium Album Rechnung tragen würden – genauso, wie damals jemand entschieden hat, die Single-CD fast so teuer zu machen wie das Album, um einen Upsell-Moment zu erzeugen. Meine ganze Albumliebe geht auf einen Preistrick zurück, die heutige Albumferne auf einen Abrechnungstrick. In diesem Kontext über verlorene Seelen im Supermarkt nachzudenken, geht am eigentlichen Ziel vorbei. Wie so oft, haben wir als Hörende, egal wie wir hören, ein gemeinsames Ziel: Möglichst viel Spaß an Musik zu haben. Dabei im Weg stehen uns, wer hätte es gedacht: Große, übermächtige Firmen. A tale as old as time.
Die Stereoanlage, das Vinyl, die Sonntage mit den Alben: Das ist nicht die „richtige“ Form, Musik zu hören.

Es gibt bekanntlich kein richtiges Leben im Falschen, ich unterstütze mit dieser Methode ja auch dasselbe kranke System, das sie abschaffen will. Aber: Sie ermöglicht speziell mir eine bestimmte Form der Aufmerksamkeit, ja erzwingt sie fast. Sie markiert Anfang und Ende, lässt Raum für Reflexion und findet nicht auf demselben Gerät statt wie meine Arbeits- Emails. Ich gebe mich eine Dreiviertelstunde lang störungs- und ablenkungsfrei der Kunst von jemand anderem hin, und lasse mich auf die Reise ein. Diese Momente sind im Alltag selten geworden, deshalb sind sie mir viel wert. Das macht mich allerdings nicht zu einem besseren Hörer.

Denn wer stattdessen seinen Lieblingssong in Dauerschleife auf AirPods oder seine Hintergrund-Playlist beim Sport oder beim Kochen hört, hat nicht weniger verstanden, sondern ein anderes Ziel: Es ist okay, sich durch Musik in einen Moment zu vertiefen, statt sich durch ein Werk bewegen zu lassen. Beides sind schöne, richtige, legitime Arten, mit Musik eine gute Zeit zu verbringen. Nur eine davon ist gerade für die Plattformen profitabel. Beim Musikhören gibt es trotzdem kein richtig und kein falsch, solange man sich dieser Mechanismen bewusst ist. Hören wir also zu.
Ob man dazu allerdings einen von den Klängen und Rhythmen der britischen Eisenbahn inspirierten Track braucht, der die Hörgewohnheiten zurücksetzen und das Gehirn für neue Musik empfänglich machen soll, lasse ich an dieser Stelle mal dahingestellt.

Quelle (1) https://www.thescarboroughnews.co.uk/read-this/song-music-discovery-travel-national-rail-8801079 Quelle (2) https://www.statsignificant.com/p/are-albums-obsolete-in-the-streaming

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