„Es geht immer nur um die Musik“ – Von Plug-in-Architektur, Gletscherschmelze und einem Klavier

Anushka Chkheidze / Robert Lippok
Die künstlerische Kollaboration zwischen der georgischen Musikerin Anushka Chkheidze und dem deutschen Musiker Robert Lippok entspricht wohl dem, was Kulturvermittler:innen immer vorschwebt, wenn sie transnationale Projekte am Schreibtisch initiieren – und was selten in der kulturellen Praxis organisch funktioniert und noch seltener neue künstlerische Territorien aufmacht.
Im Fall von Anushka und Robert ging sich all das jedoch dafür umso besser aus. Aber der Reihe nach.
Das erste Mal aufeinander getroffen sind die beiden 2019 im Rahmen eines vom lokalen Goethe-Institut in Tbilisi organisierten Workshops, bei dem es darum ging – unter Berufung auf die britische Architekturgruppierung Archigram – ein sonisches Konzept einer Plug-in-(Stadt-)Architektur zu entwerfen, also Klangmodule, die sich zu multiplen Möglichkeitsszenarien ergänzen und es so erlauben, immer wieder neue Verlaufsmodelle durchzuspielen. Robert Lippok war sozusagen der Elder Sound Statesman in dieser Konstellation und Anushka Chkheidze eine der lokalen Nachwuchsmusiker:innen. Wobei die zugeschriebenen Rollen schnell ad acta gelegt wurden. Robert Lippok erinnert sich sehr lebhaft, welchen immensen Eindruck es bei ihm hinterlassen hat, Anushka Klavier spielen zu hören: „Da war etwas in der Musik, das mich neugierig machte“, formulierte er es im Frühjahr 2024, fünf Jahre und diverse Begegnungen später.
Für ihn stand damals sofort außer Frage, dass er intensiver mit dieser Musikerin zusammenarbeiten wollte, eine Möglichkeit, die das Glacier Music Project, ein von Barbara von Münchausen als Biotop zur klanglichen Reflexion der Folgen der Gletscherschmelze ins Leben gerufenes Projekt, kurz darauf bot.
Man kann also guten Gewissens sagen, dass die Zusammenarbeit von Anushka Chkheidze und Robert Lippok vom ersten Tag an auf diskursiv extrem aufgeladenem Terrain stattgefunden hat. Das ist insofern wichtig zu attestieren, als es bei der Duo-Konstellation der beiden, die hier im Mittelpunkt stehen soll, zunächst geradezu um das Gegenteil geht.
Lost in Music, oder: „Es geht nur um die Musik!“
Als dieser Text im Frühjahr 2024 entstand, waren Anushka Chkheidze und Robert Lippok dermaßen lost – im positiven, von Sister Sledge intendierten Sinne – in music, dass sie noch nicht einmal über einen Projektnamen für ihre gemeinsame Band nachgedacht hatten. Erste Songtitel existierten aber bereits und legten passende Spuren, wohin die Reise gehen könnte: „Rainbow Road“, „Opening“, „Contact Zone“ und „Uncontrollable Thoughts“ passten sehr gut zu den offenen Soundtexturen der Stücke. Inzwischen, gut zweieinhalb Jahre später, haben sich diese Stücke weiterentwickelt, teilweise neue Namen bekommen und schließlich in einer anderen Form zu dem Album „The Sky Was Out of Tune“ gefunden.
Doch vieles von dem, was sich damals bereits andeutete, ist geblieben. Es stellen sich Erinnerungen an die Unschuld von Indietronics-Produktionen der Nullerjahre ein, aber auch Krautrock-Utopien und geradezu sakral anmutende Ambienträume werden aufgemacht. Ein Spektrum an Einflüssen und Soundentwürfen, die von einem offen umarmten Suchprozess zeugen – den viele Künstler:innen sonst zu verstecken pflegen. Wobei bei Anushka und Robert kein Konzept oder gar Kalkül dahinter steckt. Diese Einblicke in die Genese ihrer Musik sind vielmehr ungewollte Folge der Studio-Trance, in die sie sich begeben: Einmal zusammen am Arbeiten, verlieren Zeit und Raum an Einfluss, alles verdichtet sich im Moment.
Robert hob die scheinbare Widersprüchlichkeit dieser Erfahrung hervor. Einerseits gehe alles immer super schnell, geradezu in Echtzeit, auf der anderen Seite sei das Projekt aber gekennzeichnet von einer Langsamkeit, die er so nicht oft erlebt habe in seiner dann doch schon vier Jahrzehnte andauernden Karriere. Das Faszinierende an diesem speziellen Klangraum, den Anushka Chkheidze und Robert Lippok für sich gefunden haben: Trotz der Verdichtung gehen weder Schwung noch Dringlichkeit verloren, im Gegenteil, die musikalische Textur atmet und verdichtet sich und findet genau so zu ihrer Form.
Anushka ergänzte damals: „Es geht immer nur um die Musik.“
Ein Satz, über den ich im Nachgang lange nachdenken musste. Zunächst denkt man: Worum denn sonst? Doch je länger er nachklingt, desto präsenter wird seine Essenz: Bei der meisten Musik, die uns heutzutage begegnet, ist dem absurderweise nicht so.
Bei Anushka Chkheidze und Robert Lippok existiert die Außenwelt nicht mehr, das Studio ist der letzte und einzige Ort der Welt in jenen Stunden,in denen sie sich in ihm befinden. Oder besser: die Studios, denn die beiden haben in deren vieler aufgenommen. Zum einen, da das Album teilweise in Anushkas Wahlheimat Utrecht entstand, wo sie an der University of the Arts Utrecht einen Master in Music and Technology machte und so Zugang zu gleich mehreren Top-Studios hatte, und teilweise im Berliner Übungsraum von Robert, wo es nur „Plastik-Lautsprecher“ gab, mit der Folge, dass Bass in Berlin in der Musik der beiden so gut wie nicht vorkam. Das wirkt im ersten Moment superkokett, aber Robert weiß sehr glaubhaft zu vermitteln, dass solche technischen Rahmenbedingungen tatsächlich einen großen Effekt auf die Kompositionen der beiden haben.
Dieser Städte- und Studiologik folgend sei die Aufgabenzuschreibung wie folgt, wurde damals ernsthaft zu Protokoll gegeben: Anushka steuert die Drums bei, Robert die Distortion.
Wobei natürlich trotzdem beide alles machen dürfen und auch künstlerischen Zugriff auf alle Projektspuren haben. Überhaupt ist die Zusammenarbeit von Anushka Chkheidze und Robert Lippok angenehm losgelöst von jeglicher Hierarchie, auch Egobefindlichkeiten und, ganz wichtig, Regeln spielen keine Rolle. Den beiden geht es um die höchstmögliche Spontanität und Freiheit – ganz wichtig dabei: „Kein Limit!“
Im Studio reden die beiden übrigens so gut wie nicht. Das passiert nur außerhalb. Dort sei die persönliche Beziehung aber sehr wichtig, merkte Robert an: „Ich kann mit anderen Menschen nur dann Musik machen, wenn ich eine Bindung zu ihnen aufbauen kann.“ Und so verbringen Anushka und er viel Zeit zusammen und tauschen sich aus über die damaligen aktuellen Geschehnisse in Georgien – am Tag unseres Gesprächs protestierten viele, so auch Anushka, im Land gegen das sogenannte „Agentengesetz“, das danach aber trotzdem leider verabschiedet wurde – oder die kulturpolitische Stimmungslage in Deutschland.
Exkurse nach Venedig und Basel
Wer sich in den vergangenen Jahren mit den Arbeiten von Anushka Chkheidze und Robert Lippok beschäftigt hat, ist möglicherweise etwas verwirrt, denn größer könnte die Kluft zwischen dem Alice-im-Wunderland-Studiobiotop, in das sich die beiden selbst hineinlocken für ihr Duo-Debüt, und den mit viel theoretischem Überbau und referenziellen Nebensträngen versehenen Projekten zunächst nicht sein.
So ging es Robert Lippok im Rahmen von „Thresholds“ – dem deutschen Beitrag zur Kunstbiennale in Venedig, kuratiert von Çağla İlk – gemeinsam mit seinen Klangkunst-Kolleg:innen Jan St. Werner, Nicole L’Huillier und Michael Akstaller sowie den beiden bildenden Künstlern Yael Bartana und Ersan Mondtag darum, die akustischen Koordinaten von Räumen zu hinterfragen und so über Grenzziehung und Strategien der Teilhabe beziehungsweise Exklusion nachzudenken. Gerade der Deutsche Pavillon mit seinem faschistischen Ballast brachte viel Vergangenheit in die Diskurse der Gegenwart und die Utopien der Zukunft.
Das Projekt lebte von seinem kollektiven Charakter. Sowohl das Setting mit sechs Künstler:innen als auch die Entscheidung, dem regulären Standort des Deutschen Pavillons für die Soundarbeiten noch eine weitere Fläche auf der Insel La Certosa zuzuweisen, sendeten ein Signal für Dialoge und den Wunsch nach Veränderung.
Anushka Chkheidze hatte für ihr Soloalbum „Clean Clear White“ zunächst ganz alleine einen leerstehenden Komplex der Fakultät für Biologie der Universität Basel klanglich vermessen und mit dem Klavier aktiviert. Das vom Architekturbüro Ilg Santer entworfene Gebäude wurde zu ihrem Dialogpartner, dem sie mit Computer, Stimme, Mikrofonen und eben dem Klavier Impulse sendete. Erst gegen Ende des Forschungs- und Aufnahmeprozesses lud sie einen kleinen Chor der Schola Cantorum Basiliensis in Basel für einen Auftritt im Auditorium im Untergeschoss des Gebäudes ein.
Aus den Field Recordings und vor Ort eingespielten Aufnahmen generierte sie im Nachgang ein acht Stücke umfassendes Album in ihrem Studio in Tiflis, Georgien, das uns Hörende mitnimmt auf eine Klangexpedition durch Räume, die wir voraussichtlich nie zu sehen bekommen werden.
Beide Projekte eint das Interesse an öffentlichen und geschlossenen Räumen, die Auswirkungen von Landschaften und architektonischen Konstellationen auf das Klangerlebnis – und damit legten Anushka Chkheidze und Robert Lippok natürlich dann doch viele Fährten zu ihrer Zusammenarbeit. Wobei sie eben ihre eigenen „Field Recordings“ unter sehr speziellen ortsspezifischen Rahmenbedingungen im Studio aufnehmen.
Grenzenlose Musik / grenzenlose Offenheit
Nun könnte man denken, dass der dann doch nicht so unwesentliche Altersunterschied zwischen Anushka Chkheidze und Robert Lippok – circa 30 Jahre – sich auf die Projektkonstellation und -prozesse auswirkt. Das verneinten beide jedoch sofort. Wobei Robert positiv die Angstlosigkeit hervorhob, die seiner Ansicht nach die Generation, der Anushka angehört, auszeichnet. Während er sich scheue, gewisse Stile zu mixen oder Einflüsse gewisser Musikepochen zuzulassen, habe sie da keine Bedenken. Ein Beispiel seien Breakbeats, die für ihn – historisch von der Warte von jemandem, der sie in den 90ern in ihrer Genese erlebt hat – extrem aufgeladen sind, da er eben sofort die Erinnerungsmaschine des Klangkontinuums Jungle–Drum’n’Bass–Breakbeat–Techno–Dubstep anwirft, während sie noch unbeschriebener vor ihm liege und somit viel offener für Ideen sei.
Insofern habe das Alter also doch einen Einfluss – es helfe, die selbst gesetzten Restriktionen zu überwinden, die sich so im Verlauf einer künstlerischen Biografie ergeben.
Das sei es aber schon. Bei „Glacier Music“ seien beispielsweise auch sehr viele junge Musiker dabei gewesen, erinnerten sich die beiden, ohne dass es zu einer Altershierarchie im Arbeitsprozess geführt habe. Im Gegenteil: Hayk Karoyi beispielsweise habe so viel Talent und Wissen am Klavier und mit traditionellen armenischen Instrumenten in das Projekt eingebracht, dass sich Robert dagegen als unwissend empfunden habe. Nicht, dass das letztlich gestört habe, denn es sei gerade die Naivität im Umgang mit anderen Musiker, die er suche, da sie Rollenmodelle abseits der klassischen Zuschreibungen erlaube.
Oder anders ausgedrückt: Grenzenlose Musik bedarf grenzenloser Offenheit.
Für Anushka ist das alles sowieso kein Problem, da sie das große Talent hat, sich ganz in die Musik hineinzugeben. Sie beantwortete meine Frage indirekt mit dem Verweis darauf, dass Rhythmus und Energie einer Person viel wichtiger für die Interaktion mit dieser seien als das Alter. An Robert schätze sie übrigens besonders seine softe, ruhige Energie und seine Fokussiertheit. Mit ihm über Musik zu reden, mit ihm Musik zu machen, führe dazu, dass sich etwas in ihrem Gehirn verändert. „Er setzt eine Übersetzung in Gang, die ich alleine nicht hinbekomme“, versuchte sie die Wirkung, die sie spürt, zu beschreiben.
Er widme sich den kleinsten Details, fügte sie erklärend hinzu. Das können Melodiefragmente oder Soundsplitter sein, die zunächst kaum auffallen, deren Schwingungen sich aber auswirken. Ein Minimalismus, der große Wucht habe.
Robert gab das Kompliment umgehend zurück: Er habe noch nie jemanden wie Anushka getroffen. „Sie ist Musik – sie spielt keine Musik, sie performt keine Musik, sie ist Musik!“ Es sei schwer in Worte zu fassen, aber wenn man ihr beim Spielen zuschaue – oder eben mit ihr Musik zusammen produziere –, dann gebe es kein Außen mehr. Robert verglich es mit einem neuen Organismus, der sich durch die Musik bildet.
Die zweite Frage, die mich beschäftigte: Empfinden sie sich jeweils als Musiker:in, die von ihrer Herkunft geprägt sind?
Die Reaktionen könnten nicht unterschiedlicher ausfallen. Während Anushka sofort vehement abwinkte, nickte Robert bejahend. Er verwies auf seine zweite musikalische Genese – nach dem Aufwachsen in der DDR – in den subkulturellen Zusammenhängen von Berlin-Mitte in den turbulenten Post-Mauerfalljahren. Nicht, dass er sich als originär Berliner Musiker verstehe, aber den sonischen Schwingungen seiner unmittelbaren Umgebung, der Musik von Musikern wie Pole oder den Basic-Channel-Leuten, fühle er sich schon sehr verbunden. Er benutzte als Bild Pilzkulturen, die unterirdisch verbunden sind, auch wenn jede für sich eine ganz eigene Präsenz ausbildet, und empfinde diese Verwachsenheit auch in seiner Musik als stetig präsent.
Auch wenn Anushka Chkheidze zunächst die Frage negierte, ist sie natürlich doch beeinflusst von der Musikkultur Georgiens. Sie ist in einem kleinen, gerade mal 2.000 Einwohner umfassenden georgischen Dorf, Kharagauli, bei ihren Großeltern aufgewachsen, da die Eltern, die bei ihrer Geburt noch sehr jung waren, in Tiflis arbeiteten. „Es mag seltsam klingen, aber ich denke, es war eine gute Entscheidung“, führte sie aus und verwies auf die Vorzüge des Landlebens: viel Platz, kaum Verkehr, kurze Wege, die man mit Rad und zu Fuß erledigen kann, sowie eine wunderbare Natur vor der Tür.
Das eigene, früh erkennbare musikalische Talent führte sie weniger auf familiäre Einflüsse zurück, sondern verwies auf die generelle Musikalität der Georgier. „Alle bei uns zu Hause haben ein gutes musikalisches Ohr und können singen.“ Der große Abstand zu Musikszenezusammenhängen hat seine Spuren hinterlassen. Robert benutzte den Begriff der „localness“, die man ihrer sehr eigenen Interpretation von Warp-Sounds oder Drum’n’Bass-Musik anhört. Eine Formulierung, mit der sich Anushka identifizieren konnte. Ihr selbst seien die Bezüge zu ihrer georgischen Herkunft vor allem in ihrem Umgang mit Chören aufgefallen. Bei aller modernen Technologie, die sie für Klanginstallationen wie beispielsweise bei der Monheim Triennale 2023 verwendet, komme sie am Ende doch immer wieder auf die Gesangserfahrungen in echten Chören zurück, die sie in ihrer Jugend gemacht habe.
Und dennoch sei es nicht so, dass sich dies direkt in der Musik, die sie mit Robert produziert, niederschlagen würde. Die Textur ihrer Kollaboration ist primär dem Hier und Jetzt verschrieben. All diese Einflüsse sind da, aber viel tiefer eingewoben, als dass man sie direkt heraushören könnte.
Und ja: Hört man die Musik, die Anushka Chkheidze und Robert Lippok in ihrem Alice-im-Wunderland-Studiobiotop produziert haben, dann trägt sie keine der offensichtlichen Soundidentitäten in sich, sondern öffnet einen noch immer angenehm undogmatischen Klangraum.
Duo-Premiere auf dem Klangbad Festival in Trio-Form
Beim Klangbad Festival stellten Anushka Chkheidze und Robert Lippok erstmals das damals immer intensiver geformte Material, das schließlich zu ihrem Debütalbum in dieser Konstellation auf Morr Records führen sollte, im Rahmen eines Konzertes live vor – und öffneten dabei sofort die eigenen Grenzen weiter, indem sie den Festival-Organisator und Faust-Musiker Hans-Joachim Irmler zum Dialog auf die Bühne einluden.
Für Robert Lippok ist Irmler ein alter Bekannter. Er hat mit seiner Band To Rococo Rot in dessen Faust Studio Scheer aufgenommen, zudem hat er mit ihm sowie Jaki Liebezeit und Clive Bell unter dem Namen BILL ein Album veröffentlicht. Robert pries Irmler als einen absurd lustigen Menschen, der die verrücktesten Ideen in einen künstlerischen Prozess einzubringen weiß, der jederzeit einen eigenen Ansatz verfolgt. Insofern war doppelt spannend, was das für die damals noch fragile – da im Prozess der Werdung befindliche – Statik des gemeinsamen Projekts von Anushka Chkheidze und Robert Lippok bedeutete.
Die Vorfreude auf diese spezielle Drei-Generationen-Improvisation war auf jeden Fall bei Anushka und Robert so groß, dass sie damals schon damit liebäugelten, den acht bis zehn Stücken des Albums noch ein weiteres, das sich aus der Live-Session mit Hans-Joachim Irmler ergeben könnte, zur Seite zu stellen.
Ein Himmel, der verstimmt ist
Vielleicht lässt sich die Geschichte dieser Zusammenarbeit deshalb auch weniger als die Entstehung zweier Alben denn als die fortlaufende Entwicklung eines gemeinsamen Hörprozesses verstehen. Was sich in unseren Gesprächen im Frühjahr 2024 noch wie ein offener Versuch beschrieb – zwei Musiker:innen, die sich zunächst über räumliche und technische Begrenzungen, über Improvisation und vor allem über gegenseitiges Zuhören ein gemeinsames Vokabular erarbeiten –, fand mit „Uncontrollable Thoughts“ 2025 zunächst seine erste veröffentlichte Form. Das Album dokumentierte diesen intergenerationellen Dialog, ohne ihn auf eine gemeinsame Ästhetik festzulegen: einzelne Stücke, in denen sich Beats, Drones, Melodien und Geräusche begegnen, Motive von einem Stück ins nächste wandern und sich bereits eine eigene, etwas verschobene Zeitlogik entwickelt.
„The Sky Was Out of Tune“ geht nun einen Schritt weiter. Ausgangspunkt ist eine gemeinsame Live-Performance für das Festival of Future Nows in der Neue Nationalgalerie in Berlin, aus der sich eine Musik entwickelt, die ihre einzelnen Bestandteile noch stärker ineinander verschränkt und schließlich in acht Bewegungen zu einem einzigen langen Stück wird. Wo das erste Album den gemeinsamen Denk- und Hörraum gewissermaßen kartografiert, lässt das zweite die Grenzen dieser Kartografie zunehmend verschwimmen. Die Musik wird dabei nicht zwingend abstrakter, sondern offener für Übergänge, Überlagerungen und Zustände, in denen nicht mehr eindeutig auszumachen ist, wo ein Gedanke endet und der nächste beginnt. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Entwicklung dieser Kollaboration: dass aus dem anfänglichen Versuch, zwei musikalische Sprachen miteinander in Kontakt zu bringen, mit der Zeit ein Raum entstanden ist, in dem diese Sprachen ihre Trennschärfe verlieren dürfen. Nicht als Auflösung der jeweiligen Positionen, sondern als Folge eines Zuhörens, das immer wieder bereit ist, die eigene Ordnung zugunsten einer anderen Möglichkeit zur Disposition zu stellen.









