Nate Amos im Interview

This Is Lorelei: Songwriting als heiliges Handwerk

Nate Amos (Photo courtesy of Beggars Group)

 

Vor ein paar Monaten erschien ein Artikel in The New York Times, der (zumindest in meiner Welt) für Aufsehen sorgte und unzählige Reaktionen mit sich brachte: „The 30 Greatest Living American Songwriters“. Nun, solche Listen werden natürlich erstellt, damit Leute anschließend darüber diskutieren, sich aufregen, wütend das fehlende Dasein von dieser oder jener Person herausstellen.

Manche Anmerkungen waren schlichtweg dumm; man fragte sich teilweise, ob die Leute nicht lesen können: WARUM FEHLT PRINCE? Der ist tot. WO ZUM TEUFEL IST PAUL MCCARTNEY? Der ist Brite. Andere Kommentare lass ich schon eher durchgehen: Ist jemand wie Jay-Z wirklich ein Songwriter im klassischen Sinne? Was macht einen Songwriter aus? Geht es nicht eigentlich um das Wechselspiel zwischen Melodie, Harmonie und Lyrics?

 

Ja, so könnte man das beschreiben. Auch wenn ich Jay-Z und Kendrick Lamar definitiv als Songwriter durchgehen lasse – things have changed, wäre sonst ja auch langweilig–, verbinde ich diese Kunstform letztlich mit einem klassischeren Konstrukt: Ein paar Akkorde, dazu eine Gesangsmelodie, die in Wortform vorgetragen wird.

Achtung, ich will keineswegs behaupten, dass Nate Amos aka This Is Lorelei in die Liste von The New York Times gehört hätte – dafür muss er sich noch beweisen –, doch kaum jemand beherrscht das heilige Handwerk namens Songwriting momentan so gut wie er. Von außen betrachtet ist seine Musik simpel und lebt von rudimentären Americana-Arrangements, doch innen drin herrscht Komplexität. Die soll allerdings versteckt bleiben: „Ich finde langsam heraus, wie man immer einfachere und einfachere Songs schreibt“, erzählt Amos mir im Interview. „Songs, die von einer Person ohne jegliche Begleitung gesungen werden können, und für sich genommen schon vollkommen sind. Beim Songwriting geht es letztlich um Klarheit, um die Reinheit der eigenen Absichten.“

Sein neues, im Heimstudio aufgenommenes Album „The Singer In My Band“ ist zwar das erste, das auf dem renommierten Label Matador Records rauskommt, doch Nate Amos ist schon seit vielen Jahren aktiv. Unter dem Namen This Is Lorelei veröffentlichte er zwischen 2012 und 2022 unzählige Mixtapes auf Bandcamp; 2024 erschien außerdem das gefeierte Album „Box for Buddy, Box for Star“, das in den Monaten nach dessen Release immer mehr Ansehen erlangte (nicht zuletzt aufgrund einer später veröffentlichten Deluxe-Version featuring MJ Lenderman und Snail Mail). Die Vorfreude auf eine neue Platte war immens – und „The Singer In My Band“ dürfte nun den endgültigen Indie-Durchbruch für This Is Lorelei bedeuten.

Vielen wird Nate Amos als eine Hälfte der experimentellen Art-Pop-Gruppe Water from Your Eyes bekannt sein – ein abenteuerlustiges Duo, das Amos schon 2016 mit der Frontperson Rachel Brown gegründet hat, und deren dadaistisches, postmodernes Meisterwerk „It’s a Beautiful Place“ im letzten Jahr zu den stärksten Veröffentlichungen zählte (Anspieltipps: der brachiale Shoegaze-Pop in „Nights in Armor“ sowie der weitläufige Dance-Banger „Playing Classics“). Unter seinem Solonamen This Is Lorelei produziert Nate Amos jedoch völlig andere Musik – handgemachter und vor allem simpler –, erkennt selbst aber eine Art Ping-Pong-Wechselspiel zwischen beiden Projekten: „Die Tatsache, dass ich in meiner Vergangenheit oft radikal experimentelle Musik komponiert habe, ermöglicht es mir, das Einfache nun anders zu betrachten.“

Auch im Vergleich zum (verhältnismäßig) risikofreudigen Vorgänger „Box for Buddy, Box for Star“ – zwischendurch waren darauf Autotune-Vocals und bassige Beats zu hören –, ist die neue Platte noch simpler, geht bewusster in Richtung Alternative-Country. Dadurch ist „The Singer In My Band“ einheitlicher; auch wenn die elektronischen Einflüsse und die daraus resultierende Wagnisse von „Box for Buddy, Box for Star“ sicherlich dem ein oder anderen fehlen werden.

Mir nicht. Ich liebe dieses Album – gerade weil es auf so originelle Weise mit den aktuellen Trends des anhaltenden Alt-Country-Revivals spielt. „Ich wusste gar nicht, dass all dieses Alt-Country-Zeug überhaupt stattfindet, bis die Leute anfingen, mich damit in einen Topf zu werfen“, erzählt Nate Amos lachend. Also fing er an, bewusst darauf zu reagieren: „Vieles von dem, was gerade im Bereich Alt-Country passiert, ist wirklich gut. Aber vieles davon ist ziemlich langsam – so eine Art Slowcore-Country. Ich als Bluegrass-Typ mag aber schnelle Musik, die hüpft und mitreißt.“

Bluegrass ist ein großer Teil der musikalisches DNA von Amos, erzählt er; man hört das vor allem im Titeltrack zu „The Singer In My Band“, auf dem sein Vater – ein Bluegrass-Musiker – am Banjo zu hören ist. Und ja, tatsächlich ist die Musik auf diesem Album oft zügiger als die anderer Alt-Country-Acts. „Sowas habe ich im neuen Alt-Country-Revival noch nicht gehört. Ich dachte mir: Wenn dieses Album als Teil dieser Strömung betrachtet werden soll, dann kann ich genauso gut bewusst bestimmte Dinge auf eine andere Weise machen.“

Besser kann man mit der Tatsache, ungewollt als Teil eines Trends wahrgenommen zu werden, nicht umgehen.

Was Nate Amos mit anderen Alt-Country-Acts der Gegenwart (allen voran MJ Lenderman) verbindet, ist die Fähigkeit, interessante Charaktere auf greifbare Weise zu beschreiben. Ich denke hier vor allem an die Lead-Single „Billy Came Back“: Amos singt hier von einer selbstbewussten, dadurch fast einschüchternden Figur, der beim Karaoke-Singen nichtmal auf den Bildschirm gucken muss, weil er sowieso jedes Wort inklusive dessen Bedeutung kennt: „Billy doesn’t need to watch the screen/Cause he knows most every word and what it means“, heißt es – schon in diesen ersten Zeilen erfährt man immens viel über diesen Billy. Gleichzeitig macht Amos deutlich, wie suspekt ihm solche Menschen sind, und wie anders er selbst im Vergleich ist. „The only things he ever did were things I wouldn’t do“, singt er. Der schmale Grad zwischen Bewunderung und Abneigung wird selten so treffend beschrieben. Im Interview erklärt Amos diesbezüglich: „Die Billy-Figur – ich bin schon solchen Menschen über den Weg gelaufen, die plötzlich auftauchen und einen völlig neuen Vibe mitbringen; das verunsichert einen ein bisschen. ‚Billy Came Back’ ist ein Song, bei dem die Leute – wenn ich meinen Job richtig gemacht habe – das rausbekommen sollen, was sie möchten.“

Doch in erster Linie sind es nicht die Lyrics, sondern die ausgetüftelten Strukturen – hinsichtlich Melodie- und Songaufbau –, die „The Singer In My Band“ so herausragend machen. Nate Amos schafft es hier, mit wenigen Mitteln etwas total Lebendiges zu erschaffen; Songs, die sich wie alte Klassiker anfühlen (bereits Songtitel wie „And I Haven’t Seen My Love in Quite a While“ oder „Don’t You Cry in Lonesomeness“ klingen nach Evergreens). Im Interview erwähnt er mehrmals, wie viel schwieriger das Produzieren rudimentären Musik ist. Vor allem folgende Aussage war augenöffnend für mich – hier kam der sonst eher wortkarge 35-Jährige richtig aus sich heraus:

„Nachdem ich mich ziemlich intensiv mit beidem beschäftigt habe, würde ich sagen, dass man bei experimenteller Musik ein Stück weit sicherer ist, weil das Experiment ja gewissermaßen schon Teil des Ausgangspunkts ist. Man kann also eigentlich alles, was dabei herauskommt, irgendwie rechtfertigen, solange man selbst damit zufrieden ist. Wenn man sich auf diesen Weg begibt, gibt es eigentlich immer etwas zu entdecken, doch beim Songwriting ist das anders. Wenn man nur mit den grundlegendsten Mitteln arbeitet, also mit Worten und Melodien, kann man nicht einfach sagen: ‚Mal schauen, was passiert.‘ Man muss den Prozess viel stärker steuern, auf die Momente der Inspiration warten und dann die Arbeit machen, wenn es darauf ankommt. Für mich ist das ein viel mysteriöserer Prozess. Es fühlt sich wie eine größere Herausforderung an, mit den einfachsten und zugänglichsten Mitteln etwas zu schaffen, das wirklich heraussticht. Man kann sich dabei nicht verstecken. Eine Idee muss von Anfang an gut sein, weil es eigentlich nichts gibt, was von ihr ablenken könnte. Zumindest im Moment empfinde ich das als die größere Challenge.“

Auf „The Singer In My Band“ legt Nate Amos also extrem großen Wert auf Songwriting als ein wirkliches Handwerk, das man erlernen muss; mittlerweile sitzt er wesentlich länger an einem Song als noch vor wenigen Jahren. Man spürt das, in Perlen wie „Hey Sarah Is It Donna Rain Forever“: Ein frickeliges Akustikgitarrenriff, dazu eine frech eingängige Gesangsmelodie – wie durch ein Wunder passt beides zusammen –, später geht der Song auf und wirkt, ja, wie das Produkt eines Meister-Songwriters, der sich aber nicht als Zentrum seiner Kunst betrachtet, sondern eher als eine Art Drehbuchautor. „Ich versuche, in den Songs präsent zu sein, aber ich will nicht…“ – er stockt. „Der Song sollte im Mittelpunkt stehen, nicht ich.“ Das ist der Unterschied zwischen einer gigantischen Persönlichkeit wie Bob Dylan, den man beim Hören nicht von seinen Songs trennen kann, und jemandem wie Gordon Lightfoot, bei dem nicht er selbst, sondern das Lied im Zentrum ist; so sehr sich die beiden gegenseitig bewundert haben, sind sie doch völlig unterschiedliche Künstler. „Ich würde sagen, dass er ein bisschen mehr eine große Persönlichkeit ist, doch bei Warren Zevon habe ich ebenfalls das Gefühl, dass es mehr um die Songs geht und nicht um ihn als Person.“ Dessen Album „Excitable Boy“ stellen Amos und ich beide als großartige Meisterleitung heraus, ergötzen uns im Interview gemeinsam über die ungewöhnliche Struktur und mysteriöse Anziehungskraft eines Songs wie „Accidentally Like a Martyr“ – besser geht es wirklich nicht, diese enigmatische Klavierfigur, der wundersame Melodieverlauf in Zevons Vocals, die ebenso kryptischen wie süchtig machenden Lyrics. Das ist es, was Nate Amos mit This Is Lorelei erreichen will; nur noch simpler.

Als Musikjournalist braucht man oft irgendeinen Aufhänger, an dem man die Bedeutung eines Acts verdeutlichen kann – und das ist natürlich schwieriger, wenn das Besondere an einem*r Künstler*in schlichtweg ist: er*sie schreibt gute Songs. Man greift dann verzweifelt nach Ausgangspunkten, vergleicht die Musik unnötigerweise mit Jahreszeiten oder so. Doch auch dagegen wehrt Nate Amos sich. Schon die ersten Worte auf seinem neuen Album lauten: „I’m not writing a song for the winter“. Er schreibt keine Songs für irgendwelche Narrative, er schreibt sie noch nichtmal für sich selbst; vor hunderten von Menschen zu singen, sagt er, das müsste auf dem Papier eigentlich ein Albtraum für ihn sein. Ich erkläre ihm, wie ich den Albumtitel von „The Singer In My Band“ deute: Dass er damit sagen wolle, nicht er selbst, sondern die Songs an sich seien die Frontmänner seiner Musik. „Diese Interpretation gefällt mir. In der Vergangenheit hatte ich viele Bands, bei denen jemand anderes im Vordergrund stand. Und weil ich schon immer eher Produzent war und viel Musik für andere Leute produziert habe, stehe ich nicht besonders gern im Mittelpunkt.“

Wie froh wir sein können, dass er auf „The Singer In My Band“ dennoch als eigenständiger Solo-Act in Erscheinung tritt. Viele renommierte Künstler*innen haben seine Songs bereits gecovert – MJ Lenderman, Cameron Winter von Geese, Jeff Tweedy von Wilco, Snail Mail und Waxahatchee –, doch im Titeltrack bringt Amos es selbst auf den Punkt und scheint sich selbst anzusprechen: „You’re gonna have to sing yourself“, heißt es da. Muss man natürlich nicht – doch das Bild eines Songwriters, der seine eigenen Meistersongs vorträgt, ist nunmal ein starkes. Auch dann, wenn er sich selbst lieber verstecken würde.

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