Maurice Ernst: „wie kann ich dabei die Musik als das bewahren, was ich liebe, während ich mich selbst immer wieder neu verstehe?“

Bilderbuch (Photo: Lukas Gansterer)
Es wird immer klarer: Die österreichische Band Bilderbuch kann die beste deutschsprachige Diskografie des 21. Jahrhunderts vorweisen. Mit jedem Album erfinden sie sich neu, bauen auf vorherigen Veröffentlichungen auf, verwirren und begeistern im selben Atemzug. Angefangen als klassische Indie-Band, entwickelten sich Bilderbuch im Laufe der 2010er Jahre zu progressiven Swag-Pop-Königen, zu den unangefochtenen Meistern im Kombinieren glamouröser Zugänglichkeit und zukunftsgewandtem Avantgardismus. Das Standing, das Bilderbuch sich über die Jahre erarbeitet haben – mit Hits wie „Maschin“ und „Bungalow“, bescheidenen Meisterwerken wie „Mea Culpa“ oder auch abrupten Genrewechseln wie „Gelb ist das Feld“ –, ist geradezu einmalig. Auch ihr neues Album „∞+1“ (das erste mit der neuen Gitarristin Uche Yara) überwältigt – im wahrsten Sinne des Wortes, die Platte lebt von der bewussten Überstimulation.
Im Interview mit Kaput spricht Frontmann Maurice Ernst über jedes einzelne Bilderbuch-Album – chronologisch –, geht auf Lieblingssongs, Vorbilder und die Frage ein, welche seiner Platten am besten gealtert sind.
„Nelken & Schillinge“ (2009)
Wie blickst du rückblickend auf eure erste Karrierephase zurück?

Maurice Ernst (Photo: Tilman Kerber / FLEX-PHILIPP-BULK-GRAPHICS)
Maurice Ernst: Man merkt, dass es bei unseren Fans einige Lieblingssongs aus dieser Zeit gibt, das sieht man vor allem im Internet. Wenn du mich aber fragst, ob wir die Songs heute noch live spielen könnten, wird es schon schwieriger. Wir führen diese Diskussion alle ein, zwei Jahre im Proberaum: ‚Hey, könnte man nicht einen Song davon spielen?‘ Dann probieren wir es, oder wir scheitern schon an der Idee, weil wir merken, dass sich unsere Art zu performen und zu singen einfach sehr verändert hat.
Es gibt aber Songs, die sich leichter zeitlos interpretieren lassen. „Joghurt auf der Bluse“ hat zum Beispiel diesen Funk. Ich glaube, da steckt etwas Talking-Heads-Mäßiges drin. Mit der richtigen Aufmachung und der richtigen Bandbesetzung könnte man den Song zurückholen. Oder „Tennisverein“: Den könnte man zum Beispiel Paula Hartmann zum Covern geben, und es wäre immer noch ein guter Song.
Was für eine Band wolltet ihr damals sein? Nicht unbedingt nur im Hinblick auf eure Vorbilder, sondern auf euer Selbstbild: Was sollte Bilderbuch in euren Augen darstellen?
Maurice Ernst: Du musst dir vorstellen, dass es davor schon eine erste Phase gab, in der wir Kindergeschichten vertont haben. Ich bin als Sänger in die Band gekommen, und dann stellte sich die Frage, ob wir auf Deutsch oder Englisch singen sollten. Ich habe mir das mit der Band mehr oder weniger so beantwortet: Hey, ich bin fucking 14 oder 15. Wenn ich jetzt Englisch singe, höre ich selbst, dass das irgendwie nach Schulenglisch klingt. Gleichzeitig war Deutsch aber auch immer ein Problem für mich. Ich habe mich nie als großen Kenner deutscher Lyrik oder Prosa verstanden. Also habe ich zu den Jungs gesagt: ‚Hey, lasst uns doch unserem Alter entsprechend einfach Kindergeschichten vertonen.‘ Die Gebrüder Grimm, der Struwwelpeter, Wilhelm Busch und so weiter. Das hat mir extrem geholfen, weil ich dadurch gleich Texte hatte. Wir konnten einfach drauflosspielen, und das war voll geil.
„Nelken & Schillinge“ ist dann eigentlich die Emanzipation davon: Wir haben angefangen, eigene Texte und eigene Songs zu schreiben, die nichts mehr mit Kindergeschichten zu tun hatten. Die erste Platte sollte uns auch ein bisschen dabei helfen, herauszufinden, was wir überhaupt sein wollten. Wir wollten nicht unser Leben lang Kindergeschichten vertonen. Wir wollten auch Love Songs oder Punk-Songs schreiben. Unser Erstlingswerk war super naiv. Es ging vor allem darum, überhaupt eine Platte aufzunehmen. Wir hatten jemanden kennengelernt, der uns das in Wien ermöglicht hat, und irgendwann war die Platte einfach da. Unser Ziel war damals ein bisschen Indie-Radio, Hochschulradio und so weiter. Viel mehr hatten wir noch gar nicht im Kopf.
„Die Pest im Piemont“ (2011)
Als ihr dann zum zweiten Album übergegangen seid: Gab es damals schon Gespräche nach dem Motto ‚Wir haben’s auf Album 1 so gemacht, jetzt müssen wir’s anders machen‘? Oder war der Vibe eher: ‚Das sind halt die Songs, die wir haben, also let’s go‘?
Maurice Ernst: Die Naivität von „Nelken & Schillinge“ hat uns zu guten Songs und lustigen Ideen verholfen. Das haben wir beim zweiten Album erst einmal alles auf die Seite gedrängt. Wir sind nach Wien gegangen, haben angefangen zu studieren und uns in der dortigen Szene herumgetrieben. Plötzlich wollten wir auch beweisen, dass wir smart und richtig gut sind. Ich finde, „Die Pest im Piemont“ atmet dieses ‚way too much‘-Gefühl von Anfang Zwanzigjährigen, die zeigen wollen, dass sie die Geilsten, die Härtesten und die Intelligentesten sind. Darauf bin ich stolz, aber die Platte ist natürlich sehr stark mit einer bestimmten Lebensphase verbunden. Das war alles etwas pseudointellektuell. Man muss sich manchmal erst richtig krass verraten und verlassen und alles ausprobieren, um später gelassener werden zu können. Diese Entspanntheit und Coolness wären ohne „Die Pest im Piemont“ gar nicht möglich gewesen. Wir haben uns da richtig abreagiert.
Du blickst also mit Stolz auf die ersten beiden Platten zurück?
Maurice Ernst: Ja, aber nach „Die Pest im Piemont“ gab es tatsächlich diesen Moment, in dem wir überlegt haben, ob wir noch mal von vorne anfangen sollten. Vielleicht als Studentenband mit einem neuen Namen, damit das Ganze wieder frischer und cooler wirkt. Dieser Gedanke war kurz da. Dann war aber relativ schnell klar: Hey, mitgehangen, mitgefangen. Das ist unsere Geschichte. Wir haben es damals als Stärke begriffen, uns einfach authentisch weiterzuentwickeln, und ich finde keineswegs, dass sich das als Fehlentscheidung herausgestellt hat. Im Gegenteil: Heute liest man oft von Bands oder Projekten, die ihren Namen ändern, um wieder diesen Newcomerbonus zu bekommen. Langfristig finde ich es viel interessanter, zu seinem eigenen Werdegang zu stehen und zu sagen: Das gehört alles zu mir.
„Schick Schock“ (2015)
Ich hatte bei den ersten beiden Alben nach eurem Selbstbild gefragt. Mich würde interessieren, ob der Schritt zu „Schick Schock“ auch mit eurer Wahrnehmung davon zu tun hatte, wie andere euch sahen. Kam irgendwann der Moment, wo ihr dachtet: ‚Moment mal, wir wollen doch gar keine klassische Indieband sein‘?
Maurice Ernst: Als „Die Pest im Piemont“ herauskam, wurden wir in dieses Indie-Genre hineingeboren, aber irgendwann gab es einfach zu viel davon. Die 2000er waren voll mit Indiebands. Heute wäre es ein Traum, wenn noch so viele Bands existieren würden. Damals war Indie wirklich überall. Jedes Festival war voll mit mittelmäßiger Indie-Kost. Wir fanden, dass diese Attitüde total outdated war und meistens nur aus England kopiert wurde. Es gab diese ganzen Bands aus Deutschland und Österreich, die englische Akzente imitierten. Wir dachten uns: Das muss doch auch anders gehen. Es war eine natürliche Reaktion. Wir waren jung genug, um zu sagen: Hey, uns interessiert gerade andere Musik mehr. Funk, Soul und Hip-Hop.
Das hört man auch auf den ersten beiden Platten schon raus.
Maurice Ernst: Ja, eigentlich war das immer ein Teil von uns und auch von meiner Art zu singen. Das ist für mich mehr Talking Heads als einfach nur Melodie. Es ging immer um rezitative Sachen, kombiniert mit Melodien, Parolen und gospeligen Elementen. Deshalb haben uns Vorbilder wie Kanye West und Prince viel besser entsprochen. Sie passten eher zu unserem Lebensgefühl, und diesen Weg sind wir dann gegangen. Wir haben uns vom Indie verabschiedet. Ich wollte irgendwann auch nicht mit Indie untergehen. Man hat gemerkt, dass das Genre verschwindet und eigentlich niemand mehr danach verlangt. Da habe ich mir gedacht: Ich brauche es selbst auch nicht, lass uns weitergehen.

Bilderbuch (Photo: Lukas Gansterer)
Ich fand das damals total beeindruckend: diese neue Herangehensweise ans Musikmachen. Ich kam selbst aus einer sehr Indie-geprägten Perspektive und dachte plötzlich: Wow, das geht also auch. Der neue Umgang mit Sprache, aber auch mit Mode, Produktion und Musikvideos – das wirkte alles so organisch. Hattet ihr dafür einen konkreten Plan?
Maurice Ernst: „Die Pest im Piemont“ war für uns ein extremes Negativbeispiel dafür, wie es nicht weitergehen sollte. Daran konnten wir uns orientieren, indem wir gesagt haben: So wollen wir es nicht mehr machen. Ohne diese Reaktion wäre „Schick Schock“ wahrscheinlich nicht so extrem geworden. Auch bei der Mode war damals vieles anders. Instagram und die ganze heutige Bildkultur gab es noch nicht in dieser Form. Ich dachte mir einfach: Eigentlich wäre es doch cool, wenn wir gut ausschauen würden – mit den Mitteln, die wir damals hatten. Ich habe mir viele bunte Hemden und Blusen aus dem Schrank meiner Großmutter genommen. Daraus entstand irgendwie eine androgyne Ästhetik, die später als Fashion wahrgenommen wurde. Erst darauf aufbauend habe ich mich überhaupt intensiver mit Mode beschäftigt.
In letzter Zeit habe ich „Schick Schock“ wieder öfter gehört, und meine Favoriten sind inzwischen ganz andere. „Barry Manilow“ ist gerade mein Lieblingssong. Früher war mir der fast schon zu weird, heute finde ich ihn großartig. Das Album hat mir noch mal vor Augen geführt, wie interessant das Verhältnis zwischen Weirdness und Erfolg sein kann. Ich glaube, genau das trägt auch zu seinem Legendenstatus bei: Jeder, der sich mit Musik beschäftigt, kennt die Platte, und gleichzeitig ist sie auf eine gewisse Weise ziemlich abgefuckt. Was sind deine Favoriten, wenn du heute darauf zurückblickst?
Maurice Ernst: „Gibraltar“ mag ich extrem gern. Der Song zeigt, wie frei wir damals schon im Songwriting waren. Und „OM“ ist auch richtig, richtig geil. Ich glaube, mit dieser Platte haben wir unsere eigenen Grenzen gesprengt. Davon konnten wir extrem lange zehren, und das kommt nicht von ungefähr. Es gibt Alben, die zu solchen Fixpunkten werden – von die erste Platte von Trio etwa, oder Falcos „Junge Römer“. Platten, die ihren festen Platz haben.
„Magic Life“ (2017)
Gehen wir zu „Magic Life“. Das war wieder ein Wagnis. Ich würde die Platte als bewusst chaotisch beschreiben. Sie hat nicht dieses All-Killer-No-Filter-Gefühl wie „Schick Schock“, sondern eher etwas von: Wir klatschen alles gegen die Wand und schauen, was kleben bleibt. Ich weiß noch, wie ich sie zum ersten Mal gehört habe, und dachte: What the fuck? Ist irgendwas kaputt? Ich brauchte zwei Durchgänge, um überhaupt zu verstehen, was da passiert. War euch klar, dass es vielen eurer Fans ähnlich gehen würde?
Maurice Ernst: Wir hatten genug Selbstbewusstsein, um uns darauf einzulassen. Bei „Magic Life“ wurde das Album als Konzept immer wichtiger. Mitte der Zehnerjahre war das eine Zeit, in der man sich stärker an Alben wie denen von Frank Ocean orientiert hat. Plötzlich wurden diese fragmentarischen Alben interessant, bei denen nicht mehr unbedingt ein Song auf den nächsten folgen musste, sondern bei denen es darum ging, wie sich das Ganze dramaturgisch zusammenfügt. Das hat uns gereizt. Wir haben gemerkt, dass wir in diese Richtung tendieren und immer mehr solcher Fragmente produzieren. Ich bin grundsätzlich ein Fan davon, noch ein bisschen tiefer in etwas hineinzugehen, wenn es gerade komisch wirkt oder man glaubt, einen Fehler gemacht zu haben. Wenn man merkt, dass man lauter kleine Skizzen produziert, sollte man vielleicht noch drei weitere machen und mit ihnen arbeiten. So wird das Ganze irgendwann zu einer bewussten Entscheidung. „Magic Life“ war letztlich unser Versuch, auf dieses neue Verständnis des Albums zu reagieren. Gleichzeitig hatten wir das Glück, dass wir auch Popsongs darauf hatten, die für sich genommen funktionieren konnten. „Bungalow“ war dafür sehr wichtig. Ohne diesen Song hätte man das Album vielleicht missverstanden.
Hattet ihr neben Frank Ocean noch andere Vorbilder, was die Struktur des Albums angeht? Ich musste an „The Life of Pablo“ von Kanye West denken, das ja etwas geradezu Playlistartiges hat…
Maurice Ernst: Das lag damals einfach in der Luft. Man war irgendwo zwischen dem Gefühl, dass alles neu ist, und der Frage, wie man mit Streaming umgehen soll. In gewisser Weise hat uns das sogar mutiger gemacht. Man dachte: Ich gebe meine Musik ohnehin her. Also darf ich jetzt auch selbst bestimmen, wie sie daherkommt, wie sie veröffentlicht wird und wie ein Album anfängt. Die Leute können sich einzelne Songs in ihre Playlists ziehen. Wenn ich aber ein Album mache, kann ich es dafür umso verrückter gestalten. Ich hatte das Gefühl, dass viele internationale Künstler damals ein gewisses Selbstvertrauen entwickelt hatten. Im deutschsprachigen Raum war das meiner Wahrnehmung nach weniger ausgeprägt. Es gab natürlich Ausnahmen, aber ich hatte das Gefühl, dass es hier vergleichsweise wenige Pop-Acts gab, bei denen man sagen konnte: Das ist jetzt wirklich Avantgarde.
Damals herrschte insgesamt ein positives Gefühl. Das ist mit Corona und dieser Zeitenwende ein Stück weit zusammengebrochen. Plötzlich wurde alles noch stärker vom TikTok-Denken bestimmt. Auf einmal war Musik nur noch Business. Jeder Song wurde zur Kampagne. Es ging nicht mehr um ein Lebensgefühl, sondern um eine Kampagne, die ein Lebensgefühl vermitteln sollte. Damals hatte man noch stärker das Gefühl, über Musik mit Menschen zu kommunizieren. Genau das haben wir mit „Magic Life“ gemacht. „Sweet Love“ haben wir bewusst als erste Single ausgewählt, auch damit unsere Fans darüber reden konnten. Das war das Geile an dieser Zeit: Man hatte das Gefühl, mit den Leuten, die unsere Musik hören, in einem echten Austausch zu stehen. Sie reagieren auf unseren nächsten Move, und daraus entsteht Kommunikation.

Bilderbuch (Photo Lukas Gansterer)
Das damalige Gefühl wird ja auch inhaltlich aufgegriffen, etwa bei „I ♥ Stress“. Wie siehst du das heute? Ist Stress immer noch etwas, das man gewissermaßen anstreben kann, oder hat sich etwas verändert?
Maurice Ernst: Wir haben uns damals ein Shirt mit der Aufschrift „I ♥ Stress“ gemacht. Das ist nie Merch geworden und liegt bei mir im Schrank, in letzter Zeit habe ich es aber zwei-, dreimal getragen – und irgendwie fühle ich es gerade wieder. Ich habe das Gefühl, dass der Song und die Platte gar nicht so schlecht gealtert sind. Vielleicht haben sie sogar ein bisschen vorweggenommen, in welche Richtung wir uns bewegen. Insgesamt finde ich, dass „Magic Life“ ziemlich stabil in seiner Zeit steht. Wobei mir „Mea Culpa“ persönlich phasenweise noch besser gefällt.
Auf „Magic Life“ steckt auch schon dieses Gefühl von Überstimulation, das ich auf dem neuen Album wiedererkenne.
Maurice Ernst: Ja, ich habe auch das Gefühl, dass die beiden Platten miteinander verwandt sind. „∞+1“ ist unser erstes Album, das ein bisschen auf unser eigenes Werk zurückblickt, statt einfach nur den nächsten Schritt zu machen. Es sagt gewissermaßen: Das ist eine Bilderbuchplatte. Was das für das nächste Album bedeutet, weiß ich noch nicht. Aber „∞+1“ ist auf jeden Fall ein Zwischenstopp.
„Mea Culpa“ (2018) und „Vernissage My Heart“ (2019)
Ich würde gern die beiden Alben „Mea Culpa“ und „Vernissage My Heart“ in Kombination betrachten. Sie gehören zusammen, stellen gleichzeitig aber auch ein neues Format dar: Nach dem ganzen Chaos von „Magic Life“ kamen plötzlich zwei eher bescheidene, kleine Alben. „Mea Culpa“ war lange mein Lieblingsalbum von euch, und ist es vielleicht immer noch. Es hat für mich so eine sentimentale, direkte, von Herzen kommende Ästhetik. Was war die Idee hinter den beiden Alben? Und warum habt ihr sie getrennt veröffentlicht? Was war jeweils das Statement?
Maurice Ernst: Wenn du ein halbes Jahr an Musik arbeitest, merkst du irgendwann: Da gibt es diese eine Seite von uns, und diese andere Seite. Dann musst du als Bandleader und als jemand, der Texte schreibt, entscheiden, wie du mit diesen vielen Möglichkeiten umgehst. „Mea Culpa“ hat für mich etwas Melancholisches und baut stark auf Synthesizern auf. Das hat mir damals sehr gut gefallen. Diese Art von Musik war im deutschsprachigen Raum noch nicht so breitgetreten, wie es einige Jahre später durch Rapper der Fall war.
Dann gibt es aber auch dieses Bilderbuchhafte, diese Utopie. Für mich hat „Vernissage My Heart“ etwas von einer persönlichen Hippie-Platte. Anders als „Mea Culpa“ ist es nicht ein Album über mich und mein Herz in einer kalten, digitalen Welt, sondern erzählt eher von uns und einer Welt, in der wir alle irgendwie eine Familie sind. Das sind zwei ganz unterschiedliche Zugänge. Ich hatte das Gefühl, dass die Musik bereits so unterschiedliche Signale aussendet, dass ich nicht alles zwanghaft zusammenbringen wollte. Ich wollte nicht der Idiot sein, der alles in die Mitte rückt, nur damit es einheitlich wirkt. Es ist doch viel interessanter, wenn die Dinge nebeneinanderstehen dürfen. Das war die Erkenntnis.
Du hast gerade gesagt, dass „Mea Culpa“ für dich so gut gealtert ist. Ich finde auch das Spiel mit digitalen Begriffen wie „Memory Card“ und „Checkpoint“ interessant. Diese Begriffe treffen hier auf eine sehr emotionsgeladene Welt.
Maurice Ernst: Ja, und die Begriffe haben mittlerweile eine schöne Patina. „Memory Card“ und „Checkpoint“ sind geil, weil sie fast zeitlos geworden sind. Sie sind nicht so stark an eine bestimmte Marke gebunden. Wenn du heute Nokia erwähnst, ist das sofort wieder in einer bestimmten Zeit verankert und mit kapitalistischem Erfolg verbunden. Aber „Memory Card“ oder „Checkpoint“ sind moderne Begriffe, die gleichzeitig unglaublich viel Romantik und Projektionsfläche für eine ganze Generation enthalten. Wir wissen, was eine Memory Card ist. Wir wissen, wie es sich angefühlt hat, eine zu benutzen, irgendwo eine zu finden und wie wichtig es war, überhaupt eine zu haben. Dasselbe gilt für den Checkpoint: Dieses Gefühl, in einem Computerspiel an einer bestimmten Stelle hängen zu bleiben oder einen Fortschritt zu sichern, kennen mittlerweile viele Menschen in unserem Alter und sogar ältere Generationen. Das hat mich damals interessiert, und es interessiert mich immer noch. Man muss nur aufpassen, dass man nicht wieder in dieses Markengewitter gerät, in dem andere Marken und Produkte plötzlich die Hauptrolle spielen.
„Gelb ist das Feld“ (2022)
Die nächste Platte erschien dann erst drei Jahre später…
Maurice Ernst: Bei „Gelb ist das Feld“ war die Pause eigentlich gar nicht so lang. Dazwischen lag einfach dieser Einschnitt durch Corona. Du musst dir vorstellen: Wir hatten mit „Mea Culpa“ und „Vernissage My Heart“ live gespielt und dann in Wien unser bis dahin größtes Konzert vor 30.000 Leuten gegeben. Danach haben wir noch „Mr. Refrigerator“ und „Kids“ veröffentlicht, zwei Singles, und Videos dazu gemacht. Wir dachten, jetzt geht es richtig weiter. Dann waren wir in Argentinien. Eigentlich hatten wir dort schon angefangen, an „Gelb ist das Feld“ zu denken. Das war Anfang 2020. Wir kamen von dieser Reise zurück, und Corona war da.
Die Idee für „Gelb ist das Feld“ war zu diesem Zeitpunkt im Grunde schon geboren. Wir wollten mit der Akustikgitarre arbeiten, herumprobieren und etwas Neues machen. Durch Corona gab es dann keine wirkliche Deadline. Wir wussten ja nicht, was passieren würde. Wenn wir die Platte in einem halben Jahr fertig gehabt hätten, hätte es nichts gebracht, sie einfach zu veröffentlichen. Wir mussten erst einmal schauen, was in der Welt überhaupt los ist. Wir haben uns mehr Zeit gelassen und ungefähr eineinhalb bis zwei Jahre sehr intensiv an der Platte geschrieben. Man hatte schließlich kaum Ablenkung, außer zu Hause zu sitzen und an Musik zu arbeiten.
Als ich mir das Album jetzt noch einmal angehört habe, musste ich an The Velvet Underground denken. Nicht klanglich, sondern aus folgendem Grund: Irgendjemand hat mal über ihr drittes, deutlich weniger experimentelles Album gesagt, dass das Radikalste, was man irgendwann machen kann, darin besteht, nicht radikal zu sein.
Maurice Ernst:Das ist komplett richtig. Ich glaube, wir haben das in der Band genauso gefühlt. Irgendwann fragt man sich: Was soll man jetzt noch für eine verrückte kleine Bilderbuch-Platte machen, die wieder von lauter Versatzstücken lebt? Stattdessen wollten wir eine ruhige Platte machen. Eine Platte, die einfach gedacht ist – im Sinne einer Tom-Petty-Platte, nur eben auf Deutsch. Etwas sehr Solides, mit schönem Songwriting. Ich bin sehr stolz darauf, wie sich das Album erzählt. Die Texte haben für mich unglaublich viel Zeitlosigkeit. Es ist, glaube ich, ziemlich egal, ob die Platte vor zehn Jahren, vor fünf Jahren oder erst in fünf Jahren herausgekommen wäre.
Gerade im Bezug auf deinen Gesang fühlt sich die Platte anders an als alles, was davor kam.
Maurice Ernst: Total. Es ist eine Platte, die komplett ohne Autotune auskommt. Für mich war es eine extreme Herausforderung, herauszufinden, wie man die deutsche Sprache noch weiterentwickeln kann. Wie kann ich mein Deutsch so entwickeln, dass es in dieses klassische amerikanische Songwriting hineinpasst, ohne dass es komisch wird oder ich mich selbst dabei verliere? Manchmal singst du etwas und merkst: Das kann ich so nicht singen. Das geht sich in diesem Song nicht aus. Bei dieser Platte habe ich mich aber wirklich ausprobiert, und es hat sich gut angefühlt. Wenn du dein Leben lang Musik hörst, hast du natürlich bestimmte Referenzen. Der eine Song ist ein bisschen mehr Bob Dylan, der nächste ein bisschen mehr Tom Petty, dann wieder etwas Fleetwood Mac. Damit musst du experimentieren und herausfinden, was du singen kannst und wie du es so formulierst, dass es funktioniert. Diese Platte hat es vorher in dieser Form noch nicht gegeben. Ich bin sehr stolz darauf, dass es eine Art deutschsprachige Americana-Platte geworden ist.
„Softpower“ (2023)
„Softpower“ zählt für dich schon als Album, oder? Ich war mir nicht ganz sicher, weil es ursprünglich als EP erschienen ist.
Maurice Ernst: Ja, weil ich mir da heutzutage auch die Freiheit nehme, die Dinge so zu definieren, wie sie für mich Sinn ergeben. Genauso wie man ein Album überraschend veröffentlichen kann, kann man auch vier Songs herausbringen, die trotzdem ein Album sind. Es geht dabei viel stärker um die Frage, wie sich eine Band in einer bestimmten Phase anfühlt und wofür sie steht. Ich habe „Softpower“ wie ein Album erlebt. Wir hatten eine eigene Bühnenshow, eine eigene Attitüde und eine Ästhetik entwickelt, die nichts mehr mit „Gelb ist das Feld“ zu tun hatte. Das überstrahlt für mich die Frage, ob da nun sechs oder sieben Songs drauf sind.
Es fühlt sich total gut an, wie ein kurzer Adrenalinschub.
Maurice Ernst:Genau. Wenn du daraus zehn Songs machst, brauchst du plötzlich wieder eine Ballade und andere Dinge, die du auf einem längeren Album erwartest. So konsumiert sich das viel direkter, und es ist in sich schlüssig.
Wie würdest du Bilderbuch in ihrer „Soft Power“-Ära beschreiben?
Maurice Ernst: Ich glaube, „Soft Power“ war nach „Gelb ist das Feld“ eine Reaktion auf die Versöhnlichkeit und Privatheit dieser Platte. „Gelb ist das Feld“ war für mich sehr stark mit einem bestimmten Lebensgefühl verbunden. Cabriofahren, Freiheit, Leichtigkeit. „Soft Power“ funktioniert anders. Es geht nicht direkt um einen Love Song, sondern eher um Frustration gegenüber der Welt. Man fährt gewissermaßen die Ellbogen aus, aber auf eine coole Art. Ich wollte etwas Cooles machen, etwas, das sich an der Coolness von Queens of the Stone Age oder Arctic Monkeys orientiert, aber in unserem eigenen Gewand. Wie kann man eine coole Rockplatte auf Deutsch machen? Ich finde, diese Art von Coolness gibt es im deutschsprachigen Raum nicht besonders oft. Es gibt viele weinerliche Schlagerboys und Indie-Bands, und im Hip-Hop werden meiner Wahrnehmung nach auch häufig dieselben vier Emotionen bedient. „Soft Power“ sollte etwas anderes sein. Die Platte besteht für mich weniger aus einzelnen Songs als aus Energie. Sie ist schneller, rockiger, direkter. Es geht sehr oft um Energie und Rock’n’Roll.
„∞+1“ (2026)
Kommen wir zur neuen Platte: ∞+1. Was mir besonders gefällt, ist die Doppeldeutigkeit dieses Titels. Ihr habt das im Pressetext ja auch angesprochen: Einerseits fügt ihr der unendlichen Masse an Musik, die es schon gibt, etwas hinzu. Andererseits fügt ihr eurer eigenen, achtteiligen (!) Diskografie ein weiteres Album hinzu. Genau deshalb kam ich auch auf die Idee für dieses Interview.
Maurice Ernst: Es ist schön, wenn man einen Titel sowohl lokal als auch global betrachten kann. Mich reizt immer die Frage, wie man mit einem Albumtitel Räume öffnen kann. Wie kann man einen Titel finden, über den man nachdenken möchte, statt einfach nur eine Attitüde zu vermitteln? Manche Fans haben unter den Titel geschrieben: „Acht plus eins – das muss das neunte Album sein.“ Und ich dachte mir: Exactly! So muss man das machen. Das musst du dann nicht mehr selbst erklären. Es ist einfach schön, wenn man den Leuten eine Projektionsfläche geben kann.
Wir haben gerade schon über das Gefühl der Überstimulation gesprochen. Ähnlich wie „Magic Life“ ist „∞+1“ jedoch eine hoffnungsvolle Platte. Da ist dieses Gefühl, in der Dunkelheit nach Licht zu suchen; irgendwo brennt immer ein Licht, singst du. War das eine bewusste Entscheidung?
Maurice Ernst: Während der Arbeit habe ich schon gemerkt, dass die Platte sehr bilderbuchig wird. Irgendwann war klar: Hey, das ist einfach das, was wir sind. Und deshalb kommt diese Platte dabei heraus. Es war kein ausgearbeitetes Konzept. Was wir allerdings bewusst wollten, war ein relativ knackiges Album: zehn Songs, keine Filler, kein Intro, kein Outro, keine zusätzlichen Zwischenspiele wie auf „Magic Life“.
Was du beschreibst, stimmt: Wenn Bilderbuch dunkle Elemente aufgreift, ist das meistens eine bestimmte Form von Melancholie. Es wird selten völlig düster. Es bleibt meistens etwas Harmonisches, etwas Versöhnliches. Auch textlich geht es oft darum, dass Dinge nicht funktionieren, dass man scheitert oder dass etwas schiefgeht. Aber selbst dann bleibt häufig eine gewisse Offenheit. Dieses Thema der Unendlichkeit begleitet mich schon seit Jahren. Musik zu machen und sich auf die Idee einzulassen, etwas zu erschaffen, das größer ist als man selbst, hat für mich etwas Unendliches. Mir geht es dabei nicht darum, dass jemand unsere Musik in hundert Jahren noch hört oder dass sie für immer existiert. Es geht vielmehr um das Gefühl, sich selbst ein Stück weit zurückzunehmen und sich in den Dienst einer Sache zu stellen. Deshalb taucht bei uns immer wieder dieses Suchen nach Licht auf. Überhaupt das Suchen und das Explorieren sind für mich zentrale Bestandteile von Bilderbuch. Das ist einer der wichtigsten Gründe, warum ich Musik mache.
Eine gute Diskografie strahlt für mich immer Hoffnung aus. Wenn man eure Alben so durchgeht, merkt man: Nach jedem geilen Ding, das schon großartig war, kommt direkt das nächste geile Ding. Das macht Hoffung!
Maurice Ernst: Wenn du mich fragst, welche Acts eine wirklich geile Diskografie haben, denke ich an David Bowie, Prince oder Bob Dylan. Die haben immer wieder neue Wege eingeschlagen und sich selbst in eine Konfrontationszone begeben. Sie haben sich gefragt: Was reizt mich gerade? Was stört mich? Was will ich verändern? Und wie kann ich dabei die Musik als das bewahren, was ich liebe, während ich mich selbst immer wieder neu verstehe? Wenn wir uns beispielsweise entscheiden, „Gelb ist das Feld“ zu machen, ist der Kontrast zu dem, was wir davor gemacht haben, natürlich enorm. Man fragt sich sofort: Werden unsere Fans da mitgehen? Das muss man erst einmal herausfinden.
Unser Manager konfrontiert uns manchmal mit genau dieser Frage: Wenn ihr jedes Mal etwas anderes macht, wie sollen wir dann wissen, wer eure Fans sind? Wenn du aber zehn Jahre in die Zukunft gehst und zurückblickst, wirkt die Veränderung gar nicht mehr so groß. Dann ist es einfach ein Gesamtwerk. Eine Sammlung von Platten, die jeweils etwas anderes probiert haben. In der Rückschau wirkt das plötzlich ganz natürlich. Veränderung tut im Moment manchmal weh und wirkt aus der Nähe viel radikaler, als sie tatsächlich ist. Ich finde, es ist viel normaler, sich zu verändern, als sich nicht zu verändern. Es wirkt für mich künstlicher, wenn jemand immer dasselbe macht.

Bilderbuch (Photo: Lukas Gansterer)








