Berlinale 2019

BERLINALE 2019, TEIL 2: Qualvolle Entblößungen und die Sehnsucht nach einem anderen Leben

Verwunderung am Morgen des Berlinale-Montag: Ein Genre-Film im Wettbewerb?

Vielleicht keine Zombies, aber zumindest Geister haben als Wiedergänger in „Répertoire des villes disparues“ („Ghost Town Anthology“) von Denis Côté einen prägnanten Auftritt. Die Story ist schnell zusammengefasst: In einer kleinen Gemeinde mit 250 Seelen stirbt ein 20-Jähriger bei einem Autounfall. Da es in dieser Ödnis aber eigentlich keinen Grund für einen Unfall gibt, ist schnell klar: Der Junge ist absichtlich gegen die einzige Wand weit und breit gerast. Nun müssen die Bewohner – allen voran die Familienmitglieder – mit diesem Verlust umgehen. Und sie vereisen, so wie der harsche Winter die Landschaft vereist. Es zeigt sich aber auch, dass die Vereisung aus einer Sehnsucht nach einem anderen Leben herrührt, vielleicht ein weniger monotones in der Stadt? Der Film ist eine deutliche Parabel auf die grassierende Landflucht. Das klingt derart verkürzt aufgeschrieben vielleicht dünn, in seiner Ausformulierung als sanfte Geistergeschichte aber sehr schön anzusehen.

Im Vorfeld galt die diesjährige Berlinale vielen als Berlinale der Frauen: Im Wettbewerb so viele Regisseurinnen wie nie (auch wenn längst nicht paritätisch), die Jurypräsidentin Juliette Binoche , die Hommage für Charlotte Rampling und eine Retrospektive zum deutschsprachigen Nachkriegsfilm – West und Ost – aus der Sicht der Frauen. Bitter nötig, im Jahre zwei nach #metoo.
Gerade in der Retrospektive kann man unglaubliche Filme wie „Von wegen „Schicksal“ von Helga Reidemeister aus dem Jahr 1979 entdecken. Reidemeister porträtiert eine Mutter Ende 40, die sich in einem langen und schweren Kraftakt, der Spuren hinterlassen hat, emanzipiert hat. Der Vater der vier Kinder wohnt im Plattenbau ein paar Stockwerke tiefer, zwei Kinder sind bereits ausgezogen.
Heute würden Filmemacher ihre Protagonisten wohl mehr schützen, hier geht alles ungefiltert in die Kamera: Familienstreit, kluge Selbstreflexion, Anschuldigungen und wilde Vorwürfe. Die Regisseurin ist dicht dran und immer wieder mit Einmischungen aus dem Off auch mitten drin. Dafür wurde sie seinerzeit kritisiert. Teilweise ist das in seiner qualvollen Entblößung und Erkenntnis eines fehlgeleiteten Lebens kaum auszuhalten. Aber toll, dass es ein solches Zeitdokument gibt.

„A Tale of three Sisters“ (Regie: Emin Alper)

Der türkische Wettbewerbsbeitrag „A Tale of three Sisters“ von Emin Alper überrascht mit einer sehr wechselhaften Tonalität: Mal ernstes Drama um drei Schwestern, die der Vater abwechselnd als Haushälterin in andere Familien geschickt hat, die aber alle aus den unterschiedlichsten Gründen wieder zurück in ihr kleines Dorf kommen. Mal mit Humor aufgeladenes Porträt eines kleinen Soziotops, mal märchenhafte Erzählung, wie es der Titel nahelegt, mal bitteres Drama. Da wird man gut durchgeschüttelt und weiß am Ende nicht so recht, was war …

„The Garden“ (Regie: Derek Jarman)

Es bleibt Zeit für einen kleinen Abstecher in „The Garden“ von Derek Jarman. Seine Experimentalfilmcollage aus dem Jahr 1990 erzählt bruchstückhaft die Geschichte des Neuen Testaments, queer, sadomasochistisch und antikapitalistisch aufgeladen. Ein auch auf der Tonspur (Simon Fisher Turner) sehr schöner, wilder, reicher Film, der zugleich die Trauer und den Schrecken des HIV-infizierten Regisseurs in sich trägt. Die restaurierte Fassung des Films lief in der Sektion Forum.

„Ich war zuhause, aber“ (Regie: Angela Schanelec)

Den Dienstag eröffnet eine der Gallionsfiguren der sogenannten Berliner Schule. Angela Schanelec ist mit ihrem neuen Film „Ich war zuhause, aber“ zum ersten Mal im Wettbewerb und avanciert gleich zum Kritikerliebling. Sie erzählt von Missverständnissen, fehlgeleiteter Kommunikation und Entfremdung.
Im Mittelpunkt steht eine Mutter zweier Kinder, deren Mann vor zwei Jahren gestorben ist. Gerade war ihr Sohn für einige Tage verschollen, aber sie versucht trotzdem alles am Laufen zu halten. Doch manchmal bricht die Verzweiflung aus ihr heraus. Der Film ist erwartungsgemäß ruhig inszeniert, statische Einstellungen dominieren, hier und da eine Kamerafahrt. Aber nur, wenn es notwendig ist, wie sie in der Pressekonferenz anmerkt. Dass das Spiel der Darsteller im Vergleich mit vielen anderen Filmen oft steif und gestelzt wirkt, findet eine Zuspitzung in Theaterproben einer Schulklasse für eine Hamlet-Aufführung. Robert Bresson sei sicher ein Einfluss für ihre Arbeit, und auch der Name des japanischen Regiemeisters Ozu Yasujirō fällt auf der Presssekonferenz. Alleine deshalb, weil sein Film „I wurde geboren, aber …“ – der beste Filmtitel aller Zeiten, so Schanelec – Inspiration für ihren Filmtitel war.

„La Paranza die bambini“ (Regie: Claudio Giovannesi)

Ebenfalls im Wettbewerb läuft „La Paranza die bambini“ von Claudio Giovannesi. Das Drehbuch stammt vom Mafia-Experten Roberto Saviano („Gomorrha“). Hier sind es allerdings Kinder und Jugendliche, die die verschiedenen Clans in einer italienischen Stadt aufmischen. Sie sind angetrieben vom Wunsch nach Reichtum, wollen die neusten Sneakers, Fernseher und Roller, ihr Anführer Nicola hat aber auch einen Gerechtigkeitssinn, für den er kämpft. Wie die Kids immer mehr dem Rausch verfallen bis auch die ersten Morde kaum noch Schrecken sind, sondern Teil der Logik, in die sich begeben, ist faszinierend. Dem Film fehlt es aber deutlich an einer übergeordneten ästhetischen Idee, dieses Thema zu verhandeln.

Mit klarer Ästhetik kann Pia Hellenthal aufwarten. In ihrer Dokumentation „Searching Eva“ begleitet sie die Italienerin Eva Collé, die heute wie so viele halb nomadisch in Berlin lebt. Seit sie 14 ist präsentiert sie ihr ganzes Leben öffentlich im Internet. Ihr Blog und ihre Social Media-Kanäle nutzt die Autorin, Musikerin, Model, Sexarbeiterin und Feministin um ihr Leben zu inszenieren, zu teilen, kommentieren zu lassen und die Kommentare wiederum zu kommentieren.
Was wirklich war ist, kann man kaum entschlüsseln. Aber da Identität für sie sowieso nichts festes ist, spielt das auch keine Rolle. Sie gibt alles Preis und wandelt sich jederzeit. Beliebig ist ihre Figur aber nicht, denn im Zentrum steht zumindest eine erkennbare Haltung. Um die herum baut der Film ein Bild der Midzwanzigerin, das die Inszeniertheit dieser Persona nie kaschiert, sondern im Gegenteil offen ausspielt. Man ist bis zuletzt nicht sicher, ist das echt? Der Sex vor der Kamera, die Heroinspritze, die Gespräche mit Freunden und Eltern?

„Varda par Agnés“ (Regie: Agnès Varda)

Am Mittwoch klettern wir schon früh morgens auf die Metaebene. Aufgestellt hat die Leiter Agnès Varda. Die 90-Jährige hat mit „Varda par Agnés“ einen Rück- und Einblick auf ihre Arbeit von den frühen Fotografien und ersten Filmen der 50er Jahre über ihre Teilhabe an der Nouvelle Vague bis zu den späteren, häufig auch schon selbstreflexiven Dokumentarfilmen. Im Gegensatz zu einer Regisseurin wie Angela Schanelec, die in der Pressekonferenz so manchen Fragesteller auflaufen ließ, redet Varda gerne und viel über ihre Arbeit. Nicht nur, wie sie entsteht, sondern auch, wie man sie versteht … oder verstehen sollte.

Ebenfalls im Wettbewerb wird „Elisa y Marcela“ von Isabel Croixet gezeigt. Das Porträt einer verfemten lesbischen Liebe im Spanien des Fin de Ciècle ist – das durfte man befürchten – etwas kitschig geraten. Da hilft auch kein Schwarzweiss, wenn in Liebesszenen Milch über perfekte Frauenkörper läuft.
Man muss gerechter Weise sagen, dass sich der Film in der zweiten Hälfte etwas fängt. Die penetranten Piano-Tupfer, die einem Gefühl verordnen wollen, wo die Bilder wohl nicht genug Emotion transportieren, führen aber lediglich dazu, dass man das Klavier auf der Tonspur zertrümmern möchte.

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