Literatur – Buchpremiere

Christiane Rösinger „The Joy of Ageing“

Christiane Rösinger: „The Joy Of Ageing“ (Copyright: Rowohlt Verlag)

Christiane Rösinger schenkt uns einen Altersratgeber, der keiner sein will – und es gerade deswegen ist. „The Joy Of Ageing“ konfrontiert uns nämlich hart aber herzlich mit der neuen Realität, die ab …. nun wenn man Christiane folgt schon immer ihr, uns und allen die Grenzen des Körpers aufgezeigt hat.

Insofern gilt: Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Und so schenkt sie uns ein schonungslos komisches Protokoll darüber, wie sich Leben anfühlt, wenn die Selbstverständlichkeiten bröckeln: körperlich, finanziell, gesellschaftlich – und trotzdem against all these odds das stete Weitermachen den Takt angibt: vielleicht ohne alles weichzeichnende Illusionen, aber dafür mit klarer Haltung.

Oder wie Stefanie Sargnagel kommentiert: „Ein Lesespaß für Jung und Alt!“

Aber lest selbst, die Autorin und ihr Verlag Rowohlt haben uns netterweise die Abdruckrechte zu dieser sehr Kaput-affinen Passage gegeben. Danach aber schnell in den nächsten korrekten linken Buchladen und kaufen, oder direkt beim Verlag bestellen.

 

„… Und so ging es weiter: Für eine Band, die als Girlgroup wahrgenommen wurde, war ich mit achtundzwanzig Jahren dann wieder viel zu alt. Von den «nicht mehr ganz taufrischen Damen aus Berlin» schrieb nach einem Auftritt der Lassie Singers in Hannover ein seinerseits wahrscheinlich Midlife-Crisis-geplagter Musikjournalist.

Wobei es für Musikerinnen ja grundsätzlich kein richtiges Alter gibt. Sie sind für kurze Zeit zu jung, um ernst genommen zu werden, und dann aber sofort wieder zu alt. Immerhin ist es eine ausgleichende Gerechtigkeit, dass inzwischen auch bei Männermusikern das Lebensalter thematisiert wird. Anlässlich des Booms deutsch singender Männerbands ab den Nullerjahren fiel öfter die abfällige Bezeichnung Papamusik. Ist aber eine Band richtig jung, also unter oder um die zwanzig, ist es auch wieder nicht recht. Die ganz Jungen werden nicht ernst genommen, da heißt es dann, «das sind Kinder, Milchbubis, die haben keine Ahnung, nix zu sagen».

Spätestens mit achtunddreißig ist man also nach Meinung der Musikjournalisten zu alt für Indie Rock. Was sollen dann die vierzigjährigen Musiker machen? Swing? Dixieland? Jazz? Chanson? Es scheint, als gebe es nur eine kurze Zeitspanne, die dem Musiker gemäß ist. Älter darf eine Musikerin nur sein, wenn sie sich wie Madonna schindet oder durch viel Wassertrinken und gute Gene wie eine Dreißigjährige wirkt. Ansonsten wird es erst wieder interessant, wenn die siebzig geschafft sind. Der Chansonnier kann wie Leonard Cohen mit achtzig und Charles Aznavour mit vierundneunzig noch auf der Bühne stehen (beide inzwischen leider verstorben).

Also bleibt einem wohl nichts anderes übrig, als durchzuhalten und die schwierige Zeit zwischen vierzig und fünfundsiebzig zu überstehen.
Auch das Publikum ist den Altersvorschriften unterworfen. Ist es richtig jung, dann sind das nur Teenies oder, noch abfälliger, Kinder. Sind es junge Frauen, wird gesagt: «Alles Groupies! Die haben keine Ahnung von Musik, die kommen nur wegen des Sängers.» Ist das Publikum altersmäßig gemischt, heißt es: «Einige haben schon die dreißig vorbeiziehen sehen.» Auch der Sammelbegriff Studenten im Hauptstudium wurde schon in Konzertberichten als ageistisches Schimpfwort benutzt.

Die Chance für eine «Frauenband», bei Tonträger-Veröffentlichungen einen Artikel oder eine Plattenbesprechung in den gängigen Männermusikzeitschriften zu bekommen, erhöhte sich proportional zur Anzahl der dort tätigen weiblichen Redaktionsmitglieder. Der durchschnittliche Musikjournalist hielt Musik von Frauen einfach für irrelevant. Auch bei internationalen Plattenfirmen saßen nur Männer in den entscheidenden Positionen; Frauen gab es nur in der Promoabteilung und bei der Künstlerbetreuung.

Noch in den Neunzigern war es total normal, dass Panels und Diskussionsveranstaltungen zu popkulturellen Themen ohne eine einzige Frau besetzt waren. Popmusik war in Deutschland Männersache, und außer den Musikerinnen und einer Handvoll Musikjournalistinnen schien das auch keinen zu stören. Zwei Prozent der bei der GEMA angemeldeten Komponistinnen und Texterinnen waren Frauen. Ich selbst schuf damals das schöne Bonmot: «In der Popkultur herrscht ein ähnlich ausgewogenes Geschlechterverhältnis wie in der Kfz-Meisterinnung oder der Astronautenszene.»
Ein Pop-Feminismus musste damals erst noch entstehen, und die wenigen Frauen in der Branche versuchten, einander zu unterstützen und dem boy net und den Zitierkartellen der Jungs etwas entgegenzusetzen. Als es dann mehr Redakteurinnen und Journalistinnen in Musikmagazinen und im Feuilleton gab, verbesserte sich der Tonfall.

Der viel beklagte Niedergang des Musikjournalismus hat damit auch seine Vorteile: Mit der Vormachtstellung der männlichen Musikbewerter, der Vetternwirtschaft, dem Gefälligkeitsjournalismus und der Deutungsmacht der Männermusikmagazine ist es vorbei. Allerdings auch mit dem Lebensmodell Indie-Musik.

Lebensgeschichtlich gesehen sind alle Alterszuschreibungen in der Musik nicht so wichtig, wenn nur das Publikum treu bleibt. Das Publikum, das mit mir älter geworden ist, freut sich, dass ich so lange durchgehalten habe. Andere, jüngere Erwachsene, haben meine alten Songs als Kindheitserinnerung abgespeichert. Viele erzählen mir von Urlaubsfahrten im Auto mit den Eltern, die Lassie Singers wurden auf Kassette gehört, und alle sangen mit.
Trotz des zweiten Bildungswegs, trotz des Sich-alleine-Durchschlagens mit Kind, wechselnder Jobs und einer hoffnungsvollen Band schaffte ich es, das Studium abzuschließen, und war mit dreiunddreißig Magister und trotzdem viel zu alt. Dann der Schlaganfall mit zweiundvierzig – viel zu jung! Oma mit neunundvierzig – eigentlich ideal, gemessen an den Lebenszyklen meiner Freunde und Freundinnen aber doch wieder zu jung.

Irgendwie verhalte ich mich immer antizyklisch zu meiner Umgebung. Die Kinder meiner zehn Jahre jüngeren Freundinnen sind so alt wie meine Enkel. Manche männliche Bekannte meines Alters haben es im Zuge der Selbstfindung mit jüngerer Partnerin wieder mit Kleinkindern zu tun.

Das erste Buch mit über vierzig, die erste Soloplatte mit fünfzig – viel zu spät! Das erste Theaterstück als Jungregisseurin mit achtundfünfzig – unmöglich!

Andererseits: Während andere Sechzigjährige vom früheren Renteneintritt träumen und rumrechnen, ob sie sich Altersteilzeit leisten können, wünsche ich mir, dass ich noch so lange wie möglich auf der Bühne stehen kann.
Also bin ich doch jünger!

Und schließlich gibt es, wenn auch nicht viele, so doch einige Gestalten in der Branche, die älter sind und nicht daran zu verzweifeln scheinen. Die Männermusiker, Popjournalisten, Schriftsteller in meinem Alter machen öffentlich wenig Theater drum, werden natürlich von Geschlechts wegen auch weniger mit ihrem Alter konfrontiert oder sind besser in der Selbstverleugnung. Einerseits könnten wir uns diese Haltung zum Vorbild nehmen. Andererseits posten die Herren meiner Generation peinlicherweise Jugendbilder auf Facebook und Insta, daten Frauen, die ihre Töchter sein könnten, oder daten gleich die Töchter ihrer gleichaltrigen Freundinnen und halten sich ganz offenbar für unsterblich. Und das ist auch ungesund.

Gutes Altern beginnt ja damit, dass wir ein ausgewogenes und akzeptierendes Verhältnis zu unseren jeweiligen Lebensphasen entwickeln: Ich bin dreißig / fünfzig / achtzig und finde das gut so. Stattdessen hadern wir ein Leben lang mit unserem Alter, wollen als Jugendliche älter und als Ältere jünger sein. … „

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