Fünf Kapute Sommerhits

Dressed in Sound, Mondo Sangue feat. Andreas Dorau & Zwanie Jonson, Kante & Acid Pauli, Avaq, hackedepicciotto

Fünf Kapute Sommerhits

Okay, leichtes Schummelpäckchen: Aber wer erwartet von Kaput schon Sunshine Reggae ohne Subfrequenzen? Deshalb ummanteln wir drei echte Sommerhits mit zwei Alben, die zumindest in unserer Klangwelt perfekt zu einem lauen Sommerabend passen – auch wenn sie gelegentlich Rasenmäher-Vibes in die Chill-Zone von Hitzefrei tragen.

 

 
 

Dressed in Sound „Sharper Than A Needle“ (Rheinschallplatten)

Die Geschichte experimenteller Musik ist voller Versuche, Maschinen zum Sprechen zu bringen. Dressed In Sound gehen einen Schritt weiter: Auf „Sharper Than A Needle“ lassen sie ihre Textilmaschinen geradezu singen. Denn Nähmaschinen, Spinnräder, Garnspulen und Strickapparate werden hier nicht bloß zweckentfremdet, sondern als eigenständige Klangkörper ernst genommen. Das Ergebnis ist ein faszinierender Hybrid aus Sound Art, Noise, experimentellem Pop und rhythmischer Präzisionsarbeit.

Initiiert von Stephanie Müller und Klaus Erika Dietl, bekannt durch Projekte wie Sewicide, beißpony und Alligator Gozaimasu, deren Arbeit seit Jahren an den Schnittstellen von Textilkunst, queerfeministischen Diskursen und musikalischer Avantgarde operiert, entfaltet das Album eine bemerkenswerte Sinnlichkeit. Seidige Basslinien durchziehen die Stücke, während surrende Nadeln, klickende Mechaniken und fadenfeine Melodien ein Gewebe aus organischer und maschineller Bewegung erzeugen. Die Live-Aufnahmen bewahren dabei jene produktive Unschärfe, die entsteht, wenn Performance, Installation und Konzert ineinander übergehen.

Doch „Sharper Than A Needle“ ist mehr als ein akustisches Kuriositätenkabinett. Indem textile Arbeit – historisch oft weiblich codiert und ökonomisch entwertet – ins Zentrum der Klangproduktion rückt, formuliert das Ensemble auch eine politische Geste. Die Maschine erscheint hier nicht als Symbol industrieller Entfremdung, sondern als Werkzeug kollektiver Imagination. Selten klang Handarbeit so futuristisch.

In limitierter Auflage gibt es zur LP ein magaZINE (icon Verlag) mit Fotos von Florian Freund und weiteren Text- und Bildbeiträgen.

 

Mondo Sangue – „Zero Gravity Love“ (Andreas Dorau & Zwanie Jonson Remix) (Rheinschallplatten)

Während die Aktie von Elon Musks Raumfahrtunternehmen SpaceX munter hoch und wieder runter bounced, rotiert in der Kaput-Redaktion der wunderbare Andreas-Dorau-&-Zwanie-Jonson-Remix von Mondo Sangues „Zero Gravity Love“ mit den passenden Worten: „Keiner weiß genau, was im All passiert, weil es niemand interessiert.“

Dass man den Rest des Songs aufgrund des italienischen Textes nicht versteht – also zumindest der Autor dieser Zeilen –, stört dabei keineswegs, sondern passt perfekt zur „großen Dunkelheit, die keine Scham kennt“ und nicht „zwischen reich und arm unterscheidet“. Auf der B-Seite befindet sich mit „Serenade“ übrigens ein weiterer Mondo-Sangue-Song, der wie geschaffen für die Harakiri-Radiosendung beim Freien Radio Stuttgart ist.

 

Kante / Acid Pauli „Kante on Acid“ (Pingipung)

Unverhofft kommt am schönsten. Da scrollt man sich bei 35+ Grad Celsius eher toter als lebendig durch die Timelines von Facebook und Instagram – wer kann das überhaupt noch trennen? – und plötzlich springt einem die Kombination zweier Künstlernamen entgegen, die man jeweils schätzt, gemeinsam aber längst nicht mehr erwartet hätte.
Noch vor einer Dekade wäre es völlig normal erschienen, wenn Martin Gretschmann (Console, The Notwist und eben Acid Pauli) Hand an Songs von Kante gelegt hätte. Aber 2026? Kante längst im Archiv der Hamburger Schule angekommen, Gretschmann vor allem in internationalen Clubkontexten unterwegs.
Aber jetzt sind wir hier. Und wenn „Die Summe der einzelnen Teile (Acid Pauli Remix)“ erstmal läuft, ist man sowieso sofort hypnotisiert von den aneinander reibenden und schmiegenden Gesangslinien im holprigen Dialog mit Beat und Snare, hallig verweht und angenehm erdend in diesem Sommer der Extreme.

„California (Acid Pauli Remix)“ weckt dann Erinnerungen an die Heydays von Egoexpress – die ja ebenfalls gerade wieder live aufgetreten sind. Vielleicht liegt tatsächlich etwas in der Luft, ein Vierteljahrhundert später. Wunderbar hüpfender, upliftender Techno, dem die eigentümliche Stimme von Peter Thiessen jene Note verleiht, die das Stück sofort unverwechselbar macht. Eine Platte, die wirkt, als wäre sie eigens für Pingipung erschaffen worden.

 

Avaq „Keta“ (Avaq)
 
Techno-Liveacts sind ja oft so eine Kategorie, die sich seltsam anfühlt: Musik, die nicht aus einer Bandsituation heraus entstanden ist, wird in eine performancefähige Inkarnation überführt, um überhaupt touren zu können – und nebenbei in einer anderen Gagenkategorie zu landen. Nicht so bei Avaq. Das von Gidon Schocken und Ori Lichtik getragene Projekt eröffnet entgegen aller titelbedingten Erwartungen keine ketamingesteuerte Halluzinationssphäre, sondern einen vom energetischen Schlagzeug angetriebenen, noisig-distortenden Klangraum. Mich erinnert „Keta“ an „Rocker“ von Alter Ego – nur trotziger. Nennen wir es Grunge-Techno. Sommerravehitpotential.

 

hackedepicciotto „LICHTUNG“ (Mute)
 
hackedepicciotto eröffnen auf „LICHTUNG“ einen Klangraum zwischen Waldschneise und Großstadtbrache – um in geographischen Metaphern über den Contemporary Neo-Folk von Danielle de Picciotto und Alexander Hacke zu sprechen.

Die Vergangenheit klappert hier zwar noch hinterher, wird aber nicht verwaltet, sondern verwandelt. Zwischen Drone, Elektronik und Liedform entsteht Musik, die weniger nach Rückzug als nach Neuverortung klingt. Ein Album über Sesshaftigkeit, Zeitenwenden und die seltene Kunst, im Lärm der Gegenwart einen Ort der Konzentration zu finden.

So, und nun verabschiede ich mich mit dem Clip zu „Einig“ ins Freibad:

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