FEMALE GAZE 2025

Carolin Brandl: „Gesten haben für mich eine mikropolitische Kraft“

Cecila Bengolea

Mit FEMALE GAZE 2025 bringt die Berliner Kuratorin Carolin Brandl eine neue, vielstimmige Perspektive auf Körper, Repräsentation und Blickregime in den Schinkel Pavillon. Zwischen dem 22. und 31. August treten renommierte und junge internationale Künstler*innen in einen choreografischen Dialog, der den male gaze herausfordert und neu verhandelt. Zu sehen sind Arbeiten u.a. von Cecilia Bengolea, nasa4nasa, La Ribot mit Juan Loriente, Göksu Kunak, Lenio Kaklea, Catol Teixeira sowie Ruth Childs  zusammen mit Cécile Bouffard – – viele davon erstmals in Deutschland.

Carolin Brandl inszeniert mit FEMALE GAZE ein transdisziplinäres Format, das feministische Theorie, Performance, Video und Skulptur verknüpft. Zeitgleich entwickelt sie aktuell in Palermo das Projekt „Moving dialogues“, eine performative Reflexion über das kulturelle Erbe Palermos im Dialog zwischen dem Museo RISO für moderne und zeitgenössische Kunst und dem Archeologisches Regionalmuseum A. Salinas, die europäische Identitäten und koloniale Narrative choreografisch befragt. Die Arbeit von Brandl oszilliert zwischen Ausstellung, Performance und Sound – immer mit einem Gespür für strukturelle Brüche, neue Körperbilder und kollaborative Prozesse.

CECILIA ISABEL (Courtesy of Cecilia Bengole)

Mit FEMALE GAZE 2025 bringst du bereits zum zweiten Mal dein Format in den Schinkel Pavillon. Was hat sich seit der ersten Ausgabe verändert – kuratorisch, konzeptionell oder auch im Diskurs um den sogenannten female gaze?

Der Begriff des Female Gaze entstand ursprünglich in der feministischen Filmtheorie als Gegenstück zum Male Gaze und war danach lange Zeit kaum präsent, höchstens in kleineren Ausstellungen. Wie bei der letzten Edition binde ich auch diesmal nicht-binäre Positionen mit ein. Mich interessiert, genau hinzuschauen, Erwartungshaltungen zu hinterfragen und neue Aspekte sichtbar zu machen. Auch heute existieren Schablonen und Klischees, die aufgebrochen werden können. Es sind andere als in den 1970er-Jahren, aber sie sind da, und ich versuche, sie sichtbar zu machen.

Diesmal ist die Ausgabe noch internationaler; die Arbeiten werden neu gegenübergestellt, sodass Entwicklungen sichtbar werden und Künstlerinnen direkt in Beziehung treten. Alle Positionen sind Deutschlandpremieren oder eigens für das Format produziert. Das war sehr aufwendig in der Produktion – wie eigentlich bei allen Ausgaben. Teilweise arbeite ich mehrere Jahre im Vorfeld, auch wenn das Format manchmal nur an wenigen Tagen stattfindet, in wiederholten Gesprächen mit den Künstler*innen an der Planung.
In der neuen Edition gibt es ein erweitertes Programm aus Performance, Video, Skulptur und Sound – etwa mit Cecilia Bengolea, mit der ich auch seit mehreren Jahren im Gespräch war. Ihre Videos werden normalerweise einzeln über Monate in großen Museen gezeigt, unter anderem im Guggenheim Bilbao. Umso mehr freue ich mich, dass sie nicht nur fünf ihrer Arbeiten zur Verfügung gestellt hat, sondern auch eine neueste, noch unfertige Arbeit. Das ist ein großes Zeichen des Vertrauens, das sich entwickelt hat. Direkt im Anschluss wollen wir zudem an einem gemeinsamen Projekt weiterarbeiten.

Die diesjährige Ausgabe versammelt Künstler*innen aus Ländern wie Ägypten, Brasilien, der Türkei oder Griechenland. Wie beeinflussen diese verschiedenen geografischen und kulturellen Kontexte den Blick auf Körper, Gender und Repräsentation?

Ja, dieses Jahr ist besonders. Die Ansätze der Künstlerinnen sind jedoch sehr spezifisch. Teilweise ergeben sich konkrete historische Linien – wie bei nasa4nasa aus Ägypten, die im traditionellen Shamdan-Tanz Formen des Widerstands entdecken –, teilweise werden diese erweitert.
Die Arbeit von La Ribot dreht Erwartungen um. Am Ende des Formats steht vielleicht sogar eine Öffnung. Wer genau hinschaut, kann auch meine persönliche Haltung herauslesen. Und natürlich verwebe ich – wie die Künstler*innen – persönliche Erfahrungen mit übergeordneten Kontexten, so, wie ich die Dinge aktuell sehe.

Unter welcher Prämisse hast du die Künstler*innen ausgesucht?

Ich lade bewusst Künstler*innen ein, deren Arbeiten Gattungsgrenzen überschreiten und mehrere Ebenen eröffnen. In dieser Edition habe ich gezielt Positionen gegenübergestellt, die sich gegenseitig verschieben und spiegeln. Ältere Arbeiten werden neuen gegenübergestellt.

Lenio Kaklea kenne ich beispielsweise sehr gut – ihre Arbeit, die ich eingeladen habe, ist übrigens eine ältere, die ich sehr präzise finde und die sich ideal in den Kontext einfügte. Bei Göksu Kunak war für mich sofort klar, dass ihre neue Arbeit, die sie für FEMALE GAZE 2025 entwickelte, durch ihre Filmreferenzen gegenübergestellt werden sollte. Sie scheinen sich zu spiegeln, tun es aber nicht – es finden Verschiebungen statt. Erst dadurch werden Schablonen sichtbar. Ich spiele mit Erwartungshaltungen und versuche, diese präzise zu sezieren. Auch heute gibt es stereotype Muster, die fein offengelegt werden müssen.

Viele Künstler*innen kennen meine kuratorische Vorgehensweise inzwischen gut. Manche schlagen mir gezielt Arbeiten vor, weil sie wissen, wie ich die Kontexte setze. Lustig ist, dass seit ich FEMALE GAZE als Format initiiert habe, viele in ihren Biografien explizit den Male Gaze thematisieren oder mir Arbeiten dazu anbieten. Aber ehrlich gesagt: Eine Arbeit, die nur eindimensional den Male Gaze aufgreift, würde mich gar nicht interessieren. Arbeiten müssen komplex, mehrfach lesbar und mit einer eigenen Handschrift versehen sein.

La Becque (Photo: Manon Briod)

Diesmal performt die spanisch-schweizerische Performance-Legende La Ribot, die 2020 den Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk auf der Biennale di Venezia erhielt. Nachdem du bereits mit Meg Stuart gearbeitet hast, die ebenfalls diesen Titel trägt und sogar persönlich für dich performt hat – und auch William Forsythe diesen Titel innehat: Ist das eine besondere Auszeichnung für dich?

Ja, das ist schon lustig. Natürlich suche ich Künstler*innen nicht nach Titeln aus. Aber es ist mir wichtig, verschiedene Generationen zusammenzubringen. Gerade dass La Ribot, die sonst nicht mehr selbst performt, oder auch Meg Stuart, die bei einem meiner letzten Formate eine neue Arbeit geschaffen hat, zeigt, dass sie meine Arbeit unterstützen und dahinterstehen. Das freut mich sehr.
Ich arbeite sowohl mit etablierten Künstler*innen aus einer anderen Generation als auch mit sehr jungen Ansätzen. In früheren Ausgaben war es so, dass alle Arbeiten eigens für den Kontext neu entstanden. Das war ein hoher Anspruch; heute bin ich da etwas entspannter und zeige auch ältere Arbeiten, die ich neuen gegenüberstelle.

Viele der gezeigten Performances – etwa von La Ribot, nasa4nasa oder Göksu Kunak – verhandeln Themen wie Exzess, Identität, Widerstand oder Melancholie. Welche kuratorische Idee verbindet diese sehr unterschiedlichen ästhetischen Zugänge?

Diese Dinge liegen oft eng beieinander. Es gibt stillere Arbeiten bei FEMALE GAZE 2025 – und ja, Gesten haben für mich eine mikropolitische Kraft. Das möchte ich bewusst zeigen, weil ich finde, dass oft nicht genau hingeschaut wird.
Der Exzess in manchen Arbeiten ist ebenso wichtig; er weckt Erwartungen, die dann aber nicht erfüllt werden. Mich interessieren Verschiebungen von Bedeutungen – erst im Zusammenspiel entsteht Komplexität. Vereinfachungen interessieren mich überhaupt nicht. Widersprüche auszuhalten, ist wichtig.
Mir geht es darum, soziale Geschichten aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten und Kunstsparten miteinander in Diskussion zu bringen.

Du bezeichnest den female gaze nicht nur als Gegenmodell zum male gaze, sondern als offenen Blickraum. Welche Rolle spielt dabei das Zusammenspiel zwischen Betrachtenden und Performenden – insbesondere im Schinkel Pavillon als Ausstellungsraum?

Genau, es geht darum, wie sich der Blick weiterentwickelt hat – und wie er sich weiterentwickeln kann. Es ist also nicht nur ein Resümee, sondern auch ein Angebot, Neues zu sehen. Ein bisschen „upside down“. Dann passiert vielleicht doch etwas Überraschendes – und das finde ich wichtig, auch für die Diskussion.
Der Schinkel Pavillon mit seiner klassisch-modernen Architektur, seiner zeitlosen Eleganz und seiner Verglasung ist ein idealer Raum für FEMALE GAZE 2025. Unterschiedliche Blickwinkel und Blickachsen werden in die Arbeiten einbezogen. Der Pavillon wird – wenn man so will – zu einem Ort kollektiven Erlebens, den Performer*innen und Betrachtende gemeinsam teilen.

Sham3dan_nasa4nasa (Image: Omar El Kafrawy)

Im letzten Jahr hast du die finale Ausgabe von FEMALE GAZE 2024 kuratiert und neben anderen Projekten auch das internationale Format Moving Dialogues in Palermo realisiert. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Museo RISO und dem Museo Salinas – und worum geht es dir in diesem Projekt inhaltlich?

Die Einladung kam vom Goethe-Institut, vom Institut Français in Palermo sowie vom Kulturensemble Palermo, ein neues kuratorisches Projekt für die Stadt zu entwickeln. In diesem Zusammenhang hatte ich eine Residency im Palazzo Butera, der gleichzeitig auch Museum ist, und erhielt eine Carte Blanche, Künstler*innen einzuladen und gemeinsam mit mir neue Positionen zu entwickeln. Wir haben zeitweise sogar gemeinsam im Palazzo Butera gewohnt – eine unglaublich gute und produktive Zeit. Es ist immer schön, vor Ort Raum zu haben, um Ideen zu entfalten.
Entstanden ist ein Dialog zwischen dem ältesten Museum Siziliens, dem Museo Salinas, und dem wichtigsten Museum für zeitgenössische Kunst, dem Museo RISO. Die beiden Häuser waren nicht bloße Kulissen, sondern Dialogpartner. Die eingeladenen Künstler*innen lebten in Frankreich und Italien, brachten aber sehr unterschiedliche Hintergründe mit. So habe ich auch Sound-Artists eingeladen, zum Beispiel Leila Bencharnia, eine italienische Musikerin mit marokkanischen Wurzeln, die in ihren zeitgenössischen Kompositionen Einflüsse aus dem Atlasgebirge einwebt und aktiv an einer „Entkolonialisierung des Zuhörens“ arbeitet.
Mich interessierte, wie sich historische und zeitgenössische Perspektiven verweben lassen – und wie der Körper selbst als Archiv fungieren kann. Gerade im Dialog dieser Räume, die fast filmisch wirken, entstand eine besondere Dynamik, die auch ein sehr junges Kunstpublikum ansprach. Aber auch der Museumsdirektor des Museo Salinas war begeistert – übrigens vielleicht das schönste Museum, in dem ich je gearbeitet habe. Kann ich nur empfehlen, wenn jemand in Palermo ist.

In Palermo bringst du Künstler:innen wie Lenio Kaklea, Benjamin Kahn oder Leila Bencharnia zusammen. Wie entstehen bei dir solche internationalen Verbindungen, und welche Rolle spielt dabei deine Auseinandersetzung mit kollektiver Erinnerung und Identität?

Identität und Erinnerung lassen sich nicht festschreiben – sie müssen immer neu befragt werden. Mich interessiert, was archiviert wird, was verloren geht und wie der Körper als lebendiges Archiv verstanden werden kann.
In Palermo überlagern sich Kulturen, mehrere Ebenen greifen ineinander. Besonders wichtig war mir, die Museen in einen Dialog zu bringen. Dass dort nicht nur Fachpublikum, sondern auch ein junges und diverses Publikum anwesend war, hat die Erfahrung besonders gemacht.
Daraus entstehen internationale Verbindungen, die nicht geplant sind, sondern aus inhaltlichen Notwendigkeiten erwachsen.

PD59_La-Ribot, ADCGeneve (Photo: Ahmad Mohammad)

Ob im Bode-Museum, im Georg-Kolbe-Museum oder im Albertinum – du entwickelst oft ortsspezifische Formate. Welche Bedeutung hat der Raum für deine kuratorische Praxis, und wie lassen sich performative Prozesse in museale Kontexte integrieren?

Ich würde meine Formate nicht nur ortsspezifisch nennen, sondern responsiv. Es geht mir um Diskurse, mit denen ich mich auseinandersetze, und um gattungsübergreifende Fragestellungen. Jedes Format ist anders gelagert. Im Schinkel Pavillon entstehen bei FEMALE GAZE 2025 andere kuratorische Setzungen als in historischen Häusern, wo ich direkt mit den Sammlungen oder anderen kontextuellen Fragestellungen in Dialog trete.
Oft höre ich, Tanz sei jetzt en vogue im Kunstkontext – aber so einfach ist es nicht. Mir geht es nicht darum, Tanz einfach der bildenden Kunst gegenüberzustellen, sondern darum, die Choreografie als eigenständiges, komplexes Feld in neue Kontexte einzubringen und sie in Bezug zu historischen Linien zu setzen. Ich arbeite an den Demarkationslinien. Künstler*innen verstehen das eigentlich immer sofort – und die Gespräche sind meist schnell klar.
Meine Formate sind sparten- und genreübergreifend, mit Sound und Video, oftmals mit musikhistorischen, filmhistorischen oder skulpturalen Bezügen. Mich interessiert, wie Räume in andere Bedeutungszusammenhänge versetzt werden können.

Was planst du als Nächstes?

Unter anderem ist ein Projekt im Norden geplant – diesmal in einem sehr besonderen Museum, eine echte Entdeckung. Bisher war ich eher im Süden unterwegs, daher freue ich mich sehr darauf. Auch Italien steht wieder auf dem Programm. Direkt nach FEMALE GAZE 2025 wird man mich dort sofort wiederfinden … und vielleicht gibt es schon bald ein neues Projekt.
Aber jetzt steht erst einmal FEMALE GAZE 2025 an diesem Wochenende im Mittelpunkt. Die Eröffnung und der Samstag sind bereits ausverkauft. Wie immer gibt es aber auch eine kleine Party für alle, die keine Karten bekommen – draußen. Am Sonntag haben wir noch ein paar Plätze, da sind wir auch auf der Terrasse. Kommt gerne vorbei!

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