Carolin Brandl & Hanno Leichtmann im Interview

SCULPTURE – „In Berlin kann man ja bekanntlich auch aus dem Vollen schöpfen“

Kat Valastur (Photo: Leon Eixenberger)

Am 5. September findet im Georg Kolbe Museum in Berlin der erste von insgesamt drei geplanten SCULPTURE Events statt. Mit dabei eine illustre Liste an Künstler_innen: Sasha Waltz, Institut für Feinmotorik, Grischa Lichtenberger, Scott Jennings, Robyn Schulkowsky, Kat Válastur und DJ Judith Crasser.

Thomas Venker hat sich mit den beiden Organisator_innen Carolin Brandl und Hanno Leichtmann ausgetauscht.

 

Georg Kolbe Museum, Berlin

Hanno, du bist bei der SCULPTURE Festivalreihe für den musikalischen Teil zuständig, das Konzept und die Kuration der choreografischen Programmpunkte kommt von dir, Carolin. Wie kam es denn zu Eurer Zusammenarbeit?

Hanno Leichtmann: Carolin und ich haben schon bei mehreren Projekten zusammengearbeitet, oft im Kontext von Filmarbeiten von Carolin. So haben wir zum Beispiel „unfinished portraits of ROEDELIUS today“ (Audio/Video) zusammen im HKW ausgestellt. Carolins theoretischer Hintergrund und Arbeit in Tanz- und Kunstgeschichte hat diesmal zur kuratorischen Zusammenarbeit bei SCULPTURE geführt.
Carolin hat das Konzept entworfen, das Programm haben wir dann gemeinsam zusammengestellt und mit dem Georg Kolbe Museum als dreitägiges Festival geplant –  das wir aber jetzt aus Corona-Gründen auf drei eintägige Events verteilt haben.

Carolin Brandl: Hanno und ich haben eine ähnliche Denkweise und es war klar, dass Hanno für die Musikkuration bei SCULPTURE genau richtig ist.

Carolin, kannst du kurz etwas zu deinem Konzept sagen?

Carolin Brandl: Der grundsätzliche Ansatz war, das Skulpturale als Konzept und als Idee in den Mittelpunkt zu stellen. Teil der Konzeption war, wichtige historische Linien in Choreografie und Musik unter diesem Aspekt neu zu reflektieren, aber eben auch durch diesen speziellen Fokus neue zeitgenössische Positionen entstehen zu lassen. Das Nachdenken über das Skulpturale wird zum Katalysator für neue Arbeiten in Choreografie und Musik. Es gibt dabei aber, wie erwähnt, auch historische Rückbezüge.
Die Künstler sind bei SCULPTURE eingeladen “temporary sculptures“ zu entwerfen – wie in einer Ausstellung können im Museumsraum Querbezüge zwischen den unterschiedlichen Arbeiten hergestellt werden. Man kann die unterschiedlichen Konzepte und Ansätze direkt miteinander in Bezug setzen. Dabei spielt die Unabhängigkeit von Musik und Tanz mit eine Rolle. Ein besonders wichtiger Punkt ist natürlich der Ort: Das Georg Kolbe Museum mit seiner Ausrichtung auf Skulptur. In der klaren vom Bauhaus geprägte Architektur finden wir außerdem eine geeigneten Resonanzraum. Als ich mit der Direktorin des Museums seinerzeit zum ersten Mal über mein Konzept sprach, gab es sofort eine Offenheit. Mit dem Georg Kolbe Museum hat SCULPTURE nicht nur einen idealen Partner gefunden, sondern ist außerdem noch dazu, meiner Meinung nach, eines der schönsten Museen Berlins.

Robyn Schulkowsky (Photo: Camille Blake)

Zur Eröffnung treten am 5. September im Georg Kolbe Museum in Berlin Sasha Waltz, Institut für Feinmotorik, Grischa Lichtenberger, Scott Jennings, Robyn Schulkowsky, Kat Válastur und danach DJ Judith Crasser zusammen auf. Vielleicht könnt Ihr anhand des Programms Euer Vorgehen etwas näher erläutern? Was zeichnet für Euch das besondere Spannungsfeld dieser Künstler_innen aus?

Carolin Brandl: Das Besondere ist sicherlich, dass international renommierte Künstler_innen wie Sasha Waltz oder Robin Schulkowsky auf junge Positionen treffen wie die des Institut für Feinmotorik oder Kat Valastur.

Hanno Leichtmann: Robyn Schulkowski bezieht sich abstrakt auf Duchamps „Sculpture Musicale“ – ein Stück, das durch eine ganze Note auf einem Blatt Papier dargestellt  wird. Es ist also eine frei interpretierbare Idee. Robyn Schulkowski wird das Stück auf einem großen Gong mit diversen Präparationen vortragen.

Carolin Brandl: Die Choreografin Kat Válastur entwirft speziell für den historischen ehemaligen Atelierraum Kolbes eine raumfüllende Skulptur aus stoffartigem Material. Grischa Lichtenberger und der Choreograf Scott Jennings beschäftigen sich mit Rückgriffen auf den Ausdruckstanz und entwickeln mit klingenden Objekten eine neue Position. Zum Schluss treffen Institut für Feinmotorik auf eine neue Arbeit von Sasha Waltz für drei Tänzer mit dem Titel „Skulptur 1“, performed von den Tänzer*innen Nicola Mascia, Claudia de Serpa Soares und Takako Suzuki.

Hanno Leichtmann: Institut für Feinmotorik arbeiten mit Plattenspielern, die mit allerlei Gummis, Pappen, Bolzen präpariert werden und produzieren so einen hypnotisch abstrakten Sound. Nach dem Abend planen wir ein Corona-gerechtes Get-Together, ein kleines Sommerfest im Skulpturengarten mit DJ Judith Crasser aus Leipzig.

Carolin Brandl: Gerade auch diejenigen, die keine der limitierten Tickets bekommen haben , sind trotzdem eingeladen, bei freiem Eintritt dazuzustoßen. Dieses offene Konzept ist uns wichtig.

Hanno Leichtmann & Carolin Brandl

Der Reihenname SCULPTURE deutet es an: Ihr interessiert Euch für das Skulpturale in den zeitbasierten Künsten Choreografie und Musik. In den Bildenden Künsten ist die Begrifflichkeit ja generell sehr präsent, im Tanz und bei der Musik weniger. Mit welcher Definition arbeitet ihr denn intern – und inwieweit gab es da mit den Künstler_innen sofort eine gemeinschaftliche Sprache, was dieser Aspekt für ihre Arbeiten bedeutet?

Carolin Brandl: Für viele scheint es erst einmal ein Widerspruch zu sein, weil man doch meist von einem statischen Objekt bei der Skulptur ausgeht. Wenn man jedoch die Kunstgeschichte betrachtet, merkt man, dass sich das Verständnis von Skulptur im Laufe der Zeit sehr verändert hat. Das genauer zu betrachten und den Skulpturbegriff zu hinterfragen – gerade darum geht es bei dem Festival. Dabei die Unterschiedlichkeit der Künstler zu zeigen, trotz der gemeinsamen Reflexion über das gleiche Thema, das ist in diesem Format möglich.
Da eigentlich alle Projekte für SCULPTURE neu entwickelt werden, sehen wir die Ergebnisse auch erst zum ersten Mal am 5. September, auch wenn wir natürlich wissen, was die Künstler planen.

Institut für Feinmotorik (Photo: Hanno Leichmann)

Wie empfindet Ihr das Spannungsfeld Eures Programms zum Bestand des Georg Kolbe Museum?

Carolin Brandl:: Das Georg Kolbe Museum beschäftigt sich in wechselnden Ausstellungen mit moderner und zeitgenössischer Skulptur. Im Mittelpunkt der Sammlung stehen jedoch die Skulpturen Georg Kolbes. Tänzerinnen und Tänzer waren seine wichtigsten Modelle. Georg Kolbe hat versucht die Bewegung einzufangen, wir sind da quasi auf der entgegengesetzten Seite.
Das G K M plant eine Ausstellung im Januar 2021 mit dem Titel „Der absolute Tanz”, die wir mit unseren drei Festivalteilen zeitlich ummanteln. Es wird einen gemeinsamen Katalog geben.

Ihr habt das Festival, das ursprünglich ja im Frühjahr stattfinden sollte, Corona-bedingt verschoben. Auch jetzt wird es sicherlich nicht genauso wie ursprünglich intendiert stattfinden können. Könnt Ihr einen Einblick in den Adaptationsprozess geben, den ihr am Konzept vornehmen musstet?

Hanno Leichtmann: Wir mussten erstmal viele Künstler aus dem Ausland auf die zwei späteren Dates verschieben – und auch da müssen wir abwarten, wie sich das entwickelt. Aber in Berlin kann man ja bekanntlich auch aus dem Vollen schöpfen. Das Line-up ist trotzdem sehr international. Nur so viel lässt sich jetzt schon verraten: das Programm wird genauso hochkarätig sein wie bei der Auftaktveranstaltung.

Skulptur 1: Nicola Mascia_Virgis Puodziun as Claudia de Serpa Soares (Copyright: Sasha Waltz)

Alle Informationen zu SCULPTURE.

 

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