Interview mit Wissenschaftlerin Dr. Meike Wolf

„Pandemieplanung zielt nicht vorrangig darauf, ein Virus zu stoppen“ – Krisengespräch

Ich erinnere mich, eine gute Freundin glänzt Anfang der Zehner Jahre mit einem verrückten Jobprofil: Sie forscht zu Pandemie-Planungen von Nationalstaaten. Klingt genauso spannend wie abstrakt. Klar habe ich Filme gesehen wie „Outbreak“ oder „Contagion“ und mir gefällt auch die Vorstellung, dass Regierungen sich auf so einiges vorbereiten, aber dass ihre Forschungen in wenigen Jahren eine solche konkrete Brisanz gewinnen würden, das hätte sie vielleicht selbst nicht mal gedacht. Ich habe ihr nun einen kleinen Brief mit neugierigen Fragen geschickt.
Von Linus Volkmann

Liebe Meike Wolf, vor einigen Wochen kursierte ein Video von Barack Obama, in dem er auf die Gefahr einer weltweiten Pandemie verweist, für etliche galt er damit als Prophet, denn es stammte aus dem Jahre 2014. Genauso sahen sich Verschwörungstheoretiker darin bestätigt, die Regierung habe das Virus selbst lanciert, als die Existenz von Pandemieplänen der Bundesrepublik bekannt wurde.
Für viele scheint der aktuelle Ernstfall also wirklich völlig überraschend zu kommen.
Du hast als Medizinanthropologin indes lange zu Pandemie-Planung in diversen europäischen Ländern geforscht und in „teilnehmender Beobachtung“ auch Notfallübungen begleitet. Du besitzt daher einen Einblick und bist als Wissenschaftlerin – zumindest einigermaßen – unverdächtig. Dann lass uns loslegen…
Also
„Pandemie-Planung“ ist etwas, das alle Staaten weltweit auf dem Schirm haben?
MEIKE WOLF: Meine Forschung hat sich mit zwei europäischen Nationen befasst, von daher kann ich nicht für alle Staaten weltweit sprechen. Es gibt von Seiten der WHO Empfehlungen und Richtlinien für die Entwicklung von Pandemieplanung in den Mitgliedsstaaten (das gilt vor allem für die Vorbereitung auf eine Influenza-Pandemie) – die sind aber nicht rechtsverbindlich, so dass die Entscheidung über die Umsetzung entsprechender Maßnahmen in den Händen der nationalen Regierungen liegt.
Die Pandemiepläne für Deutschland sind übrigens online öffentlich einsehbar, soviel zur Verschwörungstheorie.

Seit wann gibt es solche Protokolle? Seit der spanischen Grippe 1918 oder ist das erst eine Folge der Globalisierung und Kind dieses Jahrtausends?
Pandemieplanung als Instrument ist ein relativ neues Phänomen, wenngleich es auf ältere (und etablierte) Konzepte aus der Infektionskontrolle und dem Bevölkerungsschutz zurückgreift. Der erste Influenza-Pandemieplan der WHO stammt meines Wissens von 1999. Klar, die Globalisierung und die damit verbundene raum-zeitliche Verdichtung von Mobilität hat das politische Bewusstsein für die Verletzlichkeit unserer Gesellschaften sicher nochmal getriggert – was ist zu tun, wenn im Ferienflieger plötzlich eine Patientin mit Ebola mitten in der Großstadt landet? Fragen wie diese sind relativ neu. Ich denke, dass auch 9/11 vielen Institutionen und Entscheidungstragenden die Anfälligkeit unserer Infrastrukturen nochmals sehr deutlich vor Augen geführt hat.

„Pandemieplanung zielt nicht vorrangig darauf, ein Virus zu stoppen“

Aber noch einmal einen Schritt zurück: Wie sieht denn überhaupt eine grundsätzliche Pandemie-Planung aus? Worauf kann man sich vorbereiten, worauf waren die Regierungen vorbereitet? Wie kann man ein so ansteckendes Virus aufhalten?
Das Spannende an der Pandemieplanung ist, dass sie nicht vorrangig darauf abzielt, das Virus zu stoppen. Vielmehr geht es darum, die sogenannten kritischen Infrastrukturen zu schützen – das sind all jene Versorgungsnetzwerke, die unser öffentliches Leben am Laufen halten, also zum Beispiel. Feuerwehr und Krankenpflege, Verkehrsbetriebe, Elektrizität, Wasserversorgung… Die Idee dahinter ist, dass wir in hohem Maße von diesen Strukturen abhängig sind und der Ausfall einer großen Zahl an Mitarbeitenden und Funktionen dort die Versorgung der Gesamtbevölkerung gefährden würde. Das primäre Ziel ist also nicht (zumindest in der Influenza-Pandemieplanung), die Bevölkerung selbst zu schützen. Weite Teile der Planung identifizieren beispielsweise Schlüsselpositionen in diesen Strukturen und Handlungsoptionen für den Fall, dass diese Schlüsselpositionen krankheitsbedingt unbesetzt bleiben, es werden Kommunikationswege entwickelt und alternative Versorgungsmöglichkeiten – also zum Beispiel der Umbau von Turnhallen zu provisorischen Lazaretten, falls die Kliniken nicht mehr genügend Betten zu Verfügung haben. Aber auch Maßnahmen zur Überwachung des Infektionsgeschehens und der Verteilung von Medikamenten (zum Beispiel Impfstoffe oder antivirale Mittel) sind in den Plänen angelegt. Was die Geschichte der Influenza gezeigt hat: Pandemien neigen dazu, sich anders zu entwickeln als geplant. Unsere Welt, und das schließt die Welt der Viren und Mikroorganismen ein, hat einen Grad an Komplexität erreicht, der sich der exakten Voraussage entzieht.

Sollbruchstellen waren bei Covid-19 auch ganz banal das Fehlen von Schutzkleidung auf Vorrat. Hat man trotz Planung die Gefahr unterschätzt?
Wie gesagt, es lässt sich nicht voraussagen, welches Virus möglicherweise als nächstes eine Pandemie auslöst, wie es sich überträgt, was die Symptome sind und wie sich die Infektion behandeln lässt. Sowohl die Quantität (wieviel?) als auch die Qualität (wovon?) der zu bevorratenden Produkte ist im Vorfeld nicht immer exakt zu kalkulieren. Die eingelagerten Impfstoffe gegen die Schweinegrippe beispielsweise wurden damals zwei Jahre nach Beginn der Pandemie wieder vernichtet, weil sich der Bedarf anders entwickelt hat als geplant. Die Umsetzung solcher Maßnahmen ist hochkomplex und liegt in den Händen einer Vielzahl von Akteuren und Institutionen – nicht zuletzt ist es auch eine ökonomische Frage, also wie viele Gelder sollen in die Vorbereitung auf einen Fall investiert werden, der vielleicht eintritt, vielleicht aber auch nicht? Mit Ausnahme einiger Expert*innen hätte noch 2019 vermutlich niemand an eine Pandemie geglaubt.

„Pandemien sind Krisen der Zirkulation – die Mobilisierung von Gütern, Kapital oder Personen ist gefährdet“

Wie hast du die Pandemie-Maßnahmen erlebt? Geschah es so, wie es in den Übungen, denen du ja ausschnittsweise beigewohnt hast vor wenigen Jahren – oder beweist die Situation dann tatsächlich, dass der Ernstfall nicht planbar ist?
Vieles aus den Übungen und Szenarien, mit denen sich auf den Ernstfall (zum Beispiel die Versorgung hochinfektiöser Kranker mitten in einer belebten Notaufnahme) vorbereitet wurde, lässt sich derzeit auch in der Realität erkennen. In den Sozialwissenschaften werden Pandemien als Krisen der Zirkulation beschrieben. Das heißt, dass die globale Mobilisierung von Erregern die Mobilisierung von Gütern, Kapital oder Personen gefährdet – und dass Pandemien als Unterbrechung dieser Zirkulation beobachtbar werden.
So ging es in den Übungen im kleinen Maßstab eben auch darum, Erregerflüsse zu steuern, bestimmte Räume „sauber“ zu halten und die Menschen in diesen Räumen vor Ansteckung zu schützen. Zugleich verfügen solche Übungen aber auch über ein hohes Maß an Künstlichkeit, der den Beteiligten durchaus bewusst ist. Der Ernstfall lässt sich sicher nicht umfassend planen; eine Simulation kann die Wirklichkeit nicht ersetzen. Was sich aber in Übungen planen lässt, ist zum Beispiel der korrekte Umgang mit Schutzkleidung, die Kommunikation untereinander im Krisenfall und die Zusammenarbeit mit Kolleg*innen, die man sonst vielleicht einmal im Jahr am Kopierer trifft (ein aus meiner Sicht nicht zu unterschätzender Effekt von Übungen).

Meike Wolf übt den Ernstfall

Besonders interessant an deiner Arbeit ja, ist, dass Du die Maßnahmen verschiedener europäischer Staaten miteinander verglichen hast; England und Deutschland auf jeden Fall. Welche Unterschiede herrschten hier?
Puh, das ist schwer zu verkürzen. Ein bemerkenswerter Unterschied war auf jeden Fall, dass zu Zeit meiner Forschung in England die Influenza-Planung bereits stark in andere Planungsansätze eingebettet war, zum Beispiel die Vorbereitung auf Hochwasser, einen Stromausfall oder einen Terroranschlag. In Deutschland hatte die Influenza-Planung einen eher singulären Stellenwert, war also ein eigener Planungsansatz. Ich vermute, dass sich in Zukunft generische Ansätze stärker durchsetzen werden.

„Letztlich aber gibt es keine „Marker“ oder konkreten Daten, die das Ende der Krise signifizieren.“

Wenn es Pandemiepläne gibt, gibt es dann auch welche, wie man aus Shutdown-Maßnahmen herauskommt? Also befinden wir uns hier wirklich in einer Situation, die ergebnisoffen von Öffentlichkeit, Politiker und Medien geführt wird – oder existieren nicht auch dafür Protokolle?
Die Vorbereitung auf ein Ausbruchsgeschehen und der Ausbruch selbst sind zwei unterschiedliche Dinge – die Wirklichkeit ist immer ergebnisoffen. Also, zumindest für mich als Sozialwissenschaftlerin. Tatsächlich hat sich in meiner Forschung gezeigt, dass die befragten Expert*innen selbst den Anfang und das Ende einer Influenza-Pandemie nicht konkret benennen konnten. Die WHO ist hier sicher ein wichtiger Anlaufpunkt, indem sie die jeweiligen Phasen der Pandemie ausruft. Letztlich aber gab es keine „Marker“ oder konkreten Zahlen/Daten/Zeichen, die das Ende der Krise signifizieren, insbesondere auch auf lokaler Ebene. Tatsächlich spricht man in der Pandemieplanung eher von interpandemischen Phasen – nach der Krise ist also vor der Krise.

Wie ist deine Prognose – was erwartet uns noch, was man jetzt nicht auf dem Schirm hat?
Es wird eine vermehrte Auseinandersetzung über die Rolle und das Regulierungskonzept von Nationalstaatlichkeit geben. Die Digitalisierung und Zirkulation von Gesundheitsdaten wird rapide zunehmen – das ist natürlich alles andere als unerwartet.

Du bist zwar immer noch in der medizinanthropologischen Forschungen tätig, bedauerst du es, aktuell gerade das Pandemie-Feld abgeschlossen zu haben? Immerhin dürfte dem Thema in Zukunft gesteigerte Aufmerksamkeit, ja, sicher auch Fördergelder gewiss sein.
Ha, es ist natürlich verrückt, zehn Jahre meines Lebens relativ unbemerkt diesem Thema gewidmet zu haben, und plötzlich fachsimpeln irgendwelche Leute beim Bäcker über social distancing und FFP2-Masken. Mein wissenschaftliches Interesse an Infektionskrankheiten ist ja weiterhin da. Ich würde mir wünschen, dass die sozialwissenschaftliche Forschung zu diesen Themen besser finanziert und in ihrer Wichtigkeit anerkannt wird – und dass die Finanzierung nicht mit der Krise endet. 

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