Festival Nachbericht

Haldern Pop Festival: „Auf diesem Festival wird der musikalische Horizont erweitert“

iedereen

Kühe, Wiesen, Weiden, eine Währung namens Poptaler, eine alte Dorfkirche und ganz viel Popkultur: Die 43. Ausgabe des beliebten Haldern Pop Festivals am Niederrhein überzeugte mit einem vielseitigen Programm und spannenden Newcomer:innen. Ein Festival-Bericht mit Tönen von Markus Acher (The Notwist) und dem Kölner Indierock-Duo iedereen. Text und alle Fotos: Philipp Kressmann.

 

„Auf diesem Festival wird der musikalische Horizont erweitert. Das war schon früher so. Wir haben uns damals oft darüber lustig gemacht, dass wir keinen Act im Programm kennen, aber trotzdem nach Haldern fahren. Mittlerweile ist genau das der Grund, weshalb wir immer wieder hierher kommen. Wir wollen neue Bands entdecken“, erzählt Ron Huefnagels. Er ist Drummer bei der Band iedereen, die vergangenes Wochenende zum ersten Mal auf dem Haldern Pop aufgetreten ist. „Ich glaube, dass kleine und mittelgroße Festivals und kleine und mittelgroße Bands zusammenfinden müssen. Das ist eine Synergie, die wichtig ist. Aber die Umsetzung ist heute etwas schwieriger geworden“, sagt Sänger und Gitarrist Tom Sinke, der das Haldern Pop schon sehr lange wertschätzt. „Wir lieben es hier, nicht nur als Band, sondern auch als Besucher.“
Bevor sie international bekannt geworden sind, haben Künstler:innen wie Olivia Dean, Tom Odell und Adam Green sowie Bands wie Phoenix, Maxïmo Park oder Beirut auf dem Festival am Niederrhein gespielt. Das Haldern Pop hat sich über die Jahre als das Festival für Musikentdecker:innen und den Nachwuchs etabliert. „Eine Plattform wie das Haldern Pop ist sehr gut für Newcomer:innen. Hier kann man sich einem sehr interessierten Publikum präsentieren, auch das macht das Festival so besonders“, sagt Huefnagels. iedereen haben eine prägende Verbindung zu der Stadt: Ihr zweites Album „Neue Mitte“, das im Oktober 2025 erschien, wurde etwa auch in Haldern aufgenommen. Die Band aus Emmerich spielt Garage und Post-Punk, beim Haldern Pop hat das Duo in diesem Jahr gleich zwei Konzerte gespielt. Am Freitag traten die Musiker im holzvertäfelten Spiegelzelt auf, das für eine herausragende Akustik bekannt ist. „Das Spiegelzelt ist fantastisch und gleichzeitig herausfordernd. Denn musikalisch ist es auch enttarnend, denn alle Frequenzen sind frei. Im Spiegelzelt ist es sehr trocken, es ist fast wie in einem Studioraum, der alles offenlegt. Für mich war das heute herausfordernder, weil meine Stimme noch vom gestrigen Konzert leicht angerieben war“, sagt Tom Sinke. „Man hört hier alles, auch das Schrammeln, das gehört aber auch dazu und steht für eine Form der Ehrlichkeit.“ Im Spiegelzelt hat das Duo ein FLINTA*-Moshpit initiiert, es gab viel Applaus für die Band, die mit catchigen Refrains und einer rohen, am britischen Post-Punk geschulten Klangästhetik überzeugte. Ende der Zehnerjahre haben Sinke und Huefnagels auf dem Haldern Pop das who´s who der gegenwärtigen Post-Punk-Szene(n) live gesehen, was ihren musikalischen Ansatz nachhaltig geprägt hat.

Auf der Hauptbühne hat Heidi Curtis eine stimmige Melange aus Indierock und Folk gespielt, erst Ende Mai hat die britische Newcomerin ihre Debüt-EP „Hollow Heart“ veröffentlicht. Das britische Duo Silver Gore, bestehend aus Ava Gore und Ethan P. Flynn, hat hingegen sehr eingängigen Synthie-Pop präsentiert, der zum Teil an The Knife erinnert hat. Songs wie „All The Good Men“ oder „Peculiar“ zeugen von einer detailverliebten Pop-Affinität.

Folkigen und angenehm unprätentiösen Souljazz gab es von Nectar Woode, vor kurzem erschien von der britischen Musikerin ein Mixtape, das sogar einen Song mit Elton John enthält. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis ihre warmen Soulpop-Songs über emotionale Ups und Downs in London ein noch breiteres Publikum erreichen werden und ihr Insider-Status Geschichte sein wird.

Im Spiegelzelt konnte man den technisch versierten Retro-Sound der französischen Rockband Chéri Chéri liebgewinnen, deren künstlerische Vision offenbar von den prädigitalen Welten der Siebziger Jahre zehrt. Für das Kontrastprogramm dazu hat unter anderem die Wiener Band Julia Effekt gesorgt, deren treibender und teils düsterer Gitarren-Sound mehrfach an Interpol denken ließ. Im Niederrheinzelt spielte die britische Band The 113 energischen und nervösen Post-Punk, manchmal in Manier von Protomartyr, die auf dem Haldern Pop auch schon mehrfach aufgetreten sind. Lauter korrektes Zeug und fantastische Newcomer:innen gab es aber nicht nur auf dem Gelände zu sehen, sondern auch in der denkmalgeschützten St. Georg Kirche. Das Dorf wird bei dem Festival nämlich in mehrfacher Hinsicht eingebunden. Konzerte finden in der zentral gelegenen Haldern Pop Bar statt und auch in der Dorfkirche wird an allen vier Tagen musiziert: Der belgische Multiinstrumentalist Abel Ghekiere hat dort etwa mit seiner Band filigranes Banjospiel mit Field Recordings und eher klassischen Arrangements verknüpft. Auf seinem 2025 veröffentlichten Album „In de verte, dit uitzicht“ finden sich melancholische Kleinode.

Markus Acher, The Notwist

Aber auch schon sehr bekannte und international renommierte Acts sind auf dem Festival aufgetreten. Zu den Highlights zählte in diesem Jahr der Auftritt von The Notwist: Die Band aus Oberbayern hat ihre eigenbrötlerische Mischung aus Indierock, Electronica, Dub-Elementen und Noise auf der Hauptbühne zum Besten gegeben und sogar knapp die geplante Set-Länge überzogen. „Wir versuchen immer wieder, Dinge ein wenig zu ändern. Wir stellen das Programm etwas um, probieren neue Übergänge aus“, sagt Sänger und Gitarrist Markus Acher. „Wir haben zudem Gäste von der aktuellen Platte dabei, in Haldern ist das Haruka Yoshizawa.“ Auf der Setlist standen Songs aus dem aktuellen Album „News From Planet Zombie“, aber auch Klassiker wie „One With The Freaks“ oder „Pilot“, den die Gruppe live in einen atmosphärischen Rave-Track verwandelt hat. Ein Hardcore-Stück hat an die frühe Bandphase erinnert, das Set mündete aber in einem ruhigen Schlussteil mit Songs wie „Like This River“, dramaturgisch wirkte das ganze Konzert äußerst durchdacht. „Wir wollten sehr gerne auf dem Haldern spielen. Eigentlich schaue ich mir auch jedes Jahr an, wer dort spielt. Ich finde dieses Festival sehr gut kuratiert“, sagt Markus Acher. Teile der Band sind sogar schon einen Tag vor ihrem Auftritt nach Haldern gereist, um sich Konzerte anzuschauen. „Ein Festival ist immer die Chance, neue Sachen zu entdecken. Und beim Haldern ist die Chance besonders groß, dass man Bands entdeckt, die spannend und interessant sind – Bands, auf die man wohl sonst nicht aufmerksam werden würde.“ Acher hatte etwa das US-amerikanische Rock-Trio Horsegirl auf dem Zettel, aber auch den Dirigenten André de Ridder, dessen kammermusikalische Interpretationen mit sehr modernen Anstrichen man sich in der Kirche anschauen konnte.

Horsegirl

Das Haldern Pop hält sich nun schon seit über vierzig Jahren. Dabei kämpfen kleine und mittelgroße Festivals momentan um das Überleben. Laut einem aktuellen Deutschlandfunk-Bericht liegt das an enormen Kosten für Gagen und Logistik sowie am Einstieg „großer Konzerne, die den Markt verändern.“ Gerade im Hinblick auf die aktuelle Kulturpolitik in Deutschland findet Acher Festivals wie das Haldern Pop besonders wichtig. „Wir bekommen das durchaus mit, weil wir ja auch planen. Viele Festivals pausieren im nächsten Jahr.“ Acher kritisiert in diesem Kontext Einsparungen seitens der Politik: „Das ist eine schreckliche Entwicklung, die man nicht einfach so hinnehmen sollte. Dass als erstes immer an der Kultur gespart wird, die aber ein unglaublich wichtiger Faktor dafür ist, dass ein Land gesund bleibt und funktioniert, halte ich für absurd und unlogisch.“

Auch in diesem Jahr gab es auf dem Haldern Pop kostenlos Trinkwasser, auf dem Gelände stand erneut ein Stand der Hilfsorganisation „Ingenieure ohne Grenzen“, Werbestände gab es so gut wie keine. Auch das unterstreicht den anti-kommerziellen Ansatz des Festivals, das auf diese Weise sogenannte Sachzwänge im Veranstaltungskontext hinterfragt. Mehrere freiwillige Helfer:innen sorgten wieder dafür, dass alles irgendwie läuft. Das evozierte über die Jahre einen ganz eigenen Charme, den nicht nur die Zuschauer:innen wertschätzten, sondern auch viele Künstler:innen. Vielleicht kehren deshalb auch regelmäßig international etablierte Musiker:innen zu dem 1984 von Messdienern gegründeten Festival zurück. Zu den diesjährigen Main-Acts gehörte unter anderem Asaf Avidan, der bereits 2009 auf dem Festival aufgetreten ist. Dieses Mal präsentierte er eine cineastisch konzipierte Mischung aus Folk, Sprechgesang und pompösen Gitarren-Arrangements. Am späten Freitagabend performte der israelische Musiker Stücke aus vielen seiner Schaffensphasen, es gab auch ein kurzes, reduziertes Akustik-Kapitel („Reckoning Song“). Doch Avidan fokussierte sich vor allem auf sein aktuelles und eklektisch ausgefallenes Album „Unfurl“ (2025), das er zum Teil mit einem 40-köpfigen Orchester in den berühmten Miraval Studios eingespielt hat.

Bonnie ‚Prince‘ Billy

Zum ersten Mal am Niederrhein ist hingegen Bonnie ‚Prince‘ Billy aufgetreten. Am Samstag zog sich eine sehr lange Schlange durch das Dorf, der US-amerikanische Songwriter spielte nämlich in der Dorfkirche. Dort präsentierte er neunzig Minuten lang Stücke aus seinem umfassenden Werkkatalog, poetische Folklieder über die Conditio humana, die neben der Musikikone Johnny Cash auch schon Pop-Superstar Rosalía gecovert hat („I See A Darkness“). Begleitet wurde er unter anderem von Jacob Duncan, der die mitunter auch in rockige Gefilde abdriftenden Stücke auf der Flöte und auf dem Saxophon veredelt hat. Zwischenzeitlich sprach Bonnie ‚Prince‘ Billy kurz über alte Gebäude, die ihn sehr inspirieren. Hier hat also alles gepasst. Demnächst veröffentlicht der Musiker ein Live-Album, das 2025 in einem interreligiösen Kunst- und Kulturzentrum aufgenommen wurde, das sich in dem ältesten und noch erhaltenen Synagogengebäude in Los Angeles befindet.

Das Haldern Pop hat es wieder einmal geschafft, ein vielseitiges Programm auf die Beine zu stellen, in dem auch bis dato noch unbekannte und nischige Künstler:innen Platz finden. Der Entdeckergeist des Teams regt dazu an, sich weiterhin aktiv auf die Suche nach neuer Musik zu begeben. Vielleicht ist diese Veranstaltung momentan sogar wichtiger denn je. „Macht man ein Festival, um Karten zu verkaufen, oder verkauft man Karten, um ein Festival zu machen?“, schrieb Festival-Gründer Stefan Reichmann 2023 in einem Artikel für die liebevoll arrangierte Programm-Zeitung. Im Falle des Haldern Pop Festivals fällt die Antwort eindeutig aus.

Chris Imler

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