Levin Goes Lightly – Interview

Levin Goes Lightly: Ein Gespenst geht um in Deutschland und sein Name ist Ödnis.

Nimm 2: Levin Goes Lightly (Photo: Tapete Records)


Es ist gar nicht mal so lange her, dass man sich vor lauter Verzweiflung aufgrund von Schmiervögeln wie Max Giesinger vor den Zug werfen oder wegen der x-ten Dreckssingle von Bands wie Toten Hosen oder Unheilig die Pulsadern aufschneiden wollte vor lauter Ekel. 
Doch dann hat sich glücklicherweise was in den WGs und Kellern zwischen Hamburg und Nürnberg getan und ein ganzer Schwall superguter, aufregender, neuer Bands begann langsam aber sicher den Weg nach Mordor anzutreten, um den linkischen Wieseln aus der Comfortzone den Kampf anzusagen – oder sei es erstmal nur, dass sie generell cooler, schlauer, politisch klar positionierter oder überhaupt interessanter sind.

Wie groß der Durst nach – Achtung, Scheißwort – deutschen Bands immer noch ist, die nicht nur über den kleinsten gemeinsamen Nenner funktionieren, sondern auch mal ein genaueres Zuhören einfordern und es dabei gerne auch mal etwas diffuser oder lauter zugehen darf, manifestierte sich letztes Jahr als die Nerven mit “Fake” auf Platz 13 der hiesigen Charts eingestiegen sind, kurz nachdem Tocotronic bereits mit “Die Unendlichkeit” ihre zweite Nummer 1 platzierten.

Wo man Bands wie Karies, Drangsal, Human Abfall, Gurr, Ilgen-Nur, Trümmer, Messer oder Die Nerven, in deren Kanon ich Levin Goes Lightly einreihen würde, meist doch recht klar verorten kann, stand Levin Stadler mit seinem (inzwischen zur Band gewachsenen) Projekt dennoch immer ein wenig abseits und taumelte brilliant zwischen Pop, Wave, Shoegaze, Minimalismus, Drama und Melancholie durch die Nacht in den Morgen hinein, wahrhaft selbstsicher und schön, mit einer Bandbreite an (oftmals unbewussten) Referenzen staffiert.
Ich habe mit einem Freund mal einen Abend verbracht, an dem wir die bisherigen Alben von Levin Stadler durchhörten und aus Spaß zu jedem Song einwarfen, an was uns dies oder das erinnerte. Wir kamen am Ende auf rund 30 Künstler_innen von Elvis bis DAF und keiner davon war doof. Dennoch: ein ‚klingt wie‘ fand in unserer nerdigen Referenzenhölle nicht statt. Denn das einzige, was wirklich stringent ist in der Genese von “Dizzy Heights” bis “Nackt”: die Musik von Levin Goes Lightly wiederholt sich nie, und langweilt schon gar nicht. Es ist Musik im steten Wandel.

Insofern ist es nur konsequent, dass auf “Nackt” statt wie bisher auf englisch nun auf deutsch gesungen wird, zumal es mit einem ähnlich charmanten Dialekt passiert wie bei Chris Imler, der mir als einer der wenigen Solokünster aus Dingshier einfällt, der ebenso konsequent spannend und wandelhaft bleibt. Bayern halt, ne?

Grund genug, dass wir kleinen Amseln von KAPUT Levin gebeten haben uns ein paar Fragen zu beantworten. Eine Bitte, der er zwischen Tourproben und Promogedöns tatsächlich netterweise nachkam.

Levin, du bist ja nicht nur Musiker, sondern auch mehrfach als Kommunikationsdesigner prämiert. Befruchtet deine Arbeit auch deine musikalische Kreativität oder funktioniert das mehr andersrum?
Trotzreaktionen gegenüber meiner „normalen Arbeit“ entladen sich manchmal und ich schreibe wie im Wahn Musik. Beides befruchtet sich gegenseitig. Musik ist Leidenschaft, ich sehe mich aber nicht als reiner Musiker, sondern bin interessiert am Filmen, an Mode und Kunst, teilweise. Ich würde gerne alles machen. Sich auf eine Sache zu beschränken, fällt mir nicht leicht, mir wird schnell langweilig. Als reiner „Mukker“ gebe ich auf jeden Fall keine gute Figur ab. Kann ich nicht.“

Ich beneide dich oft um das schönes Make-Up, welches du auf der Bühne trägst. Da ich aber vermute, dass du so nicht ins Büro läufst: in wie weit bist du als Privatperson in Levin Goes Lightly präsent – oder Levin Goes Lightly in dir?
Ich habe den Eindruck, dass du keine 100% Wandlung vollziehen musst, um zu performen, da du auf mich auch sonst sehr androgyn wirkst. Mich würde daher mal generell deine Meinung zu „Genderfluidity“ interessieren – und hattest du schon mal Stress wenn du irgendwo Staged-Up aufgetaucht bist?
Multiple Persönlichkeit ist das passende Krankheitsbild. Inwiefern ich wirklich ein anderer Mensch auf der Bühne bin, kommt auch auf die Bühne, die Situation und die Menschen vor mir an. Wenn es ein langweiliger Ort mit langweiligen Menschen vor mir ist, werde ich auch langweilig und emotionslos oder das genaue Gegenteil davon. Kann alles passieren. Bühne ist emotionaler Ausnahmezustand.
Langweile hat mich dazu gebracht, mich zu schminken. Die Langeweile von Leuten auf Bühnen hat mich auch dazu animiert, mir etwas anderes zu überlegen. Mehr habe ich mir dabei nicht gedacht. Als Privatperson bin ich wenig androgyn. Am Anfang der Levin Goes Lightly Auftritte habe ich mich teilweise noch auf der Bühne umgezogen, geschminkt und mir die Haare geschnitten. Das war Teil der „Verwandlung“, dauerte aber zu lange. Es ist besser, das alles strikt voneinander zu trennen. Ich sehe einen Auftritt eher als Performance an, deshalb ist mir die Verwandlung wichtig.
Ich bin groß und hatte deshalb selten Stress. Auch bewege ich mich eher in Kreisen, in denen es kein Problem ist, das zu machen, was man machen möchte und der zu sein, der man sein möchte. Das wäre da, wo ich aufgewachsen bin, was eher ländlich war, vielleicht anders gewesen.
Stress weil ich Make-Up trage, hatte ich ehrlich gesagt selten. In Leipzig wollte mich eine Verkäuferin beim Bäcker nicht bedienen, hat sie dann aber doch gemacht. Und ein Polizist in Genf hat mich bei einer nächtlichen Verkehrskontrolle mal ausgelacht, aber ich denke das war eher freundschaftlich und der Situation geschuldet. Ich glaube sie haben eher Terroristen gesucht und waren auf ein geschminktes Gesicht nicht vorbereitet.

Levin Goes Lightly (Photo: Mehtap Avci)

Wie kam der Wechsel von Staatsakt zu Tapete zustande? Dachte Staatsakt passt doch vom Artist-Roster voll gut? (Anm.: no offense, Tapete! Und: Hi, Carsten!)
Ich habe die Demos – wie auch alle zuvor – rumgeschickt an ein paar Labels, von denen ich den Namen kannte, was ungefähr sechs waren. Tapete meldete sich mit der Aussage, dass sie das Album schon seit einer Woche im Büro rauf und runter hören; sie luden mich nach Hamburg zum Essen ein. Das hat mich überzeugt. Wir haben uns alle gut verstanden und einen guten Vertrag ausgehandelt. Bis jetzt sind wir sehr zufrieden mit der Entscheidung. Was Artist-mäßig besser passt, war für mich nicht unbedingt entscheidend. Derjenige, der mehr Bock auf etwas hat und jemanden zum Essen einlädt, erhält meistens den Vortritt.

War es leicht vom Deutschen ins Englische zu wechseln? Ist dann nicht alles plötzlich sehr explizit, was man so sagt? Mal als Beispiel: Jemanden „I love you“ zu sagen oder zu schreiben geht ja oftmals leichter von der Hand als das klassische „Ich liebe dich“. Gab es Scham-Momente oder gar Panik-Momente, wo du dachtest, ‚shit, das ist jetzt echt ein bisschen zu direkt‘?
Der Wechsel fiel mir schwer. Scham war das vorrangige Gefühl beim Texte schreiben und Einsingen. Ich bin nicht mit deutscher Musik aufgewachsen, sondern mit englischer und amerikanischer Popmusik  und daher war es erstmal sehr ungewohnt in deutscher Sprache zu singen. Aber es fühlte sich eben genau genug „weird“ an, um auch interessant zu sein.
Die ersten Songs entstanden direkt nach “GA PS” und ich habe sie sehr wenigen, ausgesuchten Leuten vorgespielt. Die Klarheit der Sprache ist das eine Problem. Das andere ist, dass sich einfach gesungen wirklich vieles scheiße auf deutsch anhört. Ich wollte die Texte so schreiben, dass sie ähnlich fließen können und harmonisch klingen wie bei der englischen Sprache, Brüche darf es natürlich trotzdem geben.
Teilweise hatte ich beim Einsingen auch keinen fertigen Text und habe spontan gesungen und gereimt. Damit verstärkt man dann zusätzlich das Schamgefühl mit Sätzen wie „Nimm mich jetzt bei der Hand und renn mit mir ins nächste Land“. Klingt überkitschig, ist aber trotzdem schön.
Ich habe mich beim Vorspielen der Songs ähnlich gefühlt, wie am Anfang meines Projektes LGL. Ein schönes Gefühl. Sonst ist irgendwann alles Monotonie und Stillstand. Wir haben noch einige Songs in englischer Sprache nach “GA PS” geschrieben, die wir auch noch ganz fertigstellen wollen. Irgendwann. Kann sein, dass ich bald wieder in englischer Sprache singe und sich das dann wieder ähnlich ungewohnt anhört.

Wo wir grade dabei sind: du erwähntest, dass Anton Newcombe vom Brian Jonestown Massacre daran schuld sei, dass du es mal auf deutsch versuchen wolltest. Magst du mir verraten, wie dies zustande kam? Und dürfen wir mal mit einer Kollaboration rechnen?
Er hat mich damals im Bassy Club neben der 8mm Bar live gesehen. Er war angetan vom Lied „Speedways“ und hat mich in sein Studio in Berlin eingeladen. In Gesprächen kam er immer wieder darauf, wie wichtig es sei, ein Lied in seiner eigenen Sprache beziehungsweise Muttersprache zu singen. Er hat mich immer wieder dazu animiert, es auszuprobieren. Ich habe es damals dann auch versucht, bin aber gescheitert.
Eine Zusammenarbeit ist nicht geplant. So gut kennen wir uns dann leider nicht. Ich brauche generell sehr lange, bis ich mit Leuten zusammenarbeiten kann – und ich gehe auch nicht davon aus, dass er darauf Lust hat. Ich schreibe ihm manchmal und er schreibt nett zurück, aber ich denke ich bin zu shy ihn direkt zu fragen.

In deiner Musik tut sich unweigerlich ein riesiger Referenzensumpf auf (Bowie, Iggy, MBV, Joy Division, The Cure…). Sind dir diese Reflexe, die du bei Musikhörer_innen auslöst bewusst oder staunst du noch über solche Vergleiche?
Um mal ein Beispiel ran zu ziehen: Max Rieger sagte mal, er wusste gar nicht wer Thurston Moore war, bis er sich ewig oft Vergleiche für Die Nerven anhören musste. Zudem habe jetzt schon mehrmals gelesen, dass man dich offenbar gerne den “David Bowie von  Stuttgart” nennt. Ist das doof oder freut dich das?
Das finde ich zum Beispiel sehr beschissen. Ich hasse diesen Bezug und kann ihn auch wirklich nicht mehr hören, zudem bin ich weder Schwabe, noch ein Stuttgarter. Was ein wenig Schminke so alles anrichtet.
Ich liebe David Bowie zwar, meine Musik hat meiner Ansicht nach aber genug Eigenständigkeit und nicht allzu viel mit Bowie zu tun. Ich hatte nie die Absicht ihn nachzuahmen oder zu imitieren. Der Vergleich zu den anderen genannten Bands kommen eher wenig.
In meiner Freizeit höre ich wenig bis gar keine Musik, deshalb kannte ich viele der Bands tatsächlich selbst gar nicht, mit denen ich verglichen wurde, aber vielleicht ändert sich das mit dem Wechsel auf deutsch ja insofern als dass es jetzt auch nochmal komplett in eine andere Richtung geht; Suicide, Young Marble Giants etc. kannte ich lange Zeit nicht, bis sie mal irgendwann in einer Musikzeitschrift als Referenz bei mir standen. DAF kam auch schonmal als Vergleich. Habe ich auch noch nie angehört.
Ein schöner Vergleich kam vom Besitzer/Veranstalter im Salon des Amateurs in Düsseldorf. Er sagte: “Das klingt ja wie Durutti Coulmn!” Ich habe mir die Band aufgeschrieben und sie gehört seitdem zu einer meiner Lieblingsbands. Der Vergleich passt nicht ganz so gut, aber die Band ist großartig.

Welche Einflüsse hattest du denn so als junge Person? Was lief in deinem Elternhaus?
Ich bin mit sehr viel Musik aufgewachsen. Mein Vater ist kein Nerd, aber Musikliebhaber. Ich wurde quasi mit “Ummagumma” von Pink Floyd und ihrem „Several Species Of Small Furry Animals Gathered Together In A Cave And Grooving With A Pict“ großgezogen. Wir tanzten als Kinder zu Nirvana und den Talking Heads. Es gab viele gute Platten im Regal meines Vaters. Alles außer den Beatles, weil er Rolling Stones Fan oder so ein Scheiss war. Empfinde ich im Nachhinein als eine große Bildungslücke. Meine Mutter war bei Konzerten von Talk Talk und Roxy Music. Also die wirklich großen Namen sind mir alle bekannt aus meiner Kindheit. Was Wire sind, habe ich dann aber erst sehr viel später erfahren.

Zu guter Letzt: Zwischen Wunsch und Wirklichkeit, was kann man sich für die Zukunft noch vorstellen? Oder anders gefragt: Was dürfen wir von dir erwarten?
Techno.

LEVIN GOES LIGHTLY „NACKT“ ist auf Tapete Records erschienen

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