Konzertbesprechung

Move & Swing with Turnstile

Turnstile over Düsseldorf (Photo: Lennart Brauwers)

2014 veröffentlichte der Musikkritiker Steven Hyden einen Artikel namens „The American Band Championship Belt“. Darin bestimmte er die besten US-Bands einer jeweiligen Zeitspanne; 1967–68 waren es The Velvet Underground, 1969–70 dann Creedence Clearwater Revival, später tauchten Gruppen wie die Talking Heads (1979–80), Nirvana (1991–93) und Deerhunter (2008–10) auf. Vermutlich könnt ihr euch schon denken, worauf ich hinauswill … Momentan kann es für mich nur eine Gruppe geben, die den Titel als beste US-Band verdient hat: Turnstile.

Gestern, am 20. November 2025, durfte ich ein Konzert der fünfköpfigen Hardcore-Band aus Baltimore besuchen. Gruppen aus dem puristischen, meist mit lokalen Szenen verbundenen Hardcore-Genre in einer solch großen Venue wie der Mitsubishi Electric Hall (Düsseldorf) zu sehen, fühlte sich im ersten Moment komisch an. Dass es aufgrund des Veranstaltungsorts nicht möglich war, als Zuschauer*in auf die Bühne zu gehen und von dort in die Menge zu springen – für Hardcore-Shows ist das üblich –, schien gegen die Werte dieser Subkultur zu sprechen. Doch für meinen Geschmack hat der Abend super funktioniert: Bis auf einen mysteriösen Spot in der Mitte des Saals, an dem es anscheinend zu leise war, klang die Band fantastisch – und nahm die gesamte Halle ein.

Außerdem gönnt man ihnen natürlich, dass sie solch große Massen erreichen können. Wie gigantisch Turnstile mittlerweile sind, ist wirklich unglaublich … Das Publikum war extrem durchmischt, von simpel gestrickten „Rock am Ring“-Gängern über alte Punk-Boomer bis zu den „realen“ Hardcore-Kids. Alle sind gemeinsam ausgerastet, in der gesamten Halle wurde gehüpft und (liebevoll) gekämpft, von ganz vorne bis ganz hinten. Das Motto war eindeutig: „I want to thank you for letting me be myself“, wie es im Song „T.L.C. (TURNSTILE LOVE CONNECTION)“ heißt.

Trotz des Mischmaschpublikums spürte man einen gewissen Gemeinschaftssinn, der das Hardcore-Genre auszeichnet. Schon früh richtete Brendan Yates ein paar dankende Worte an die Zuschauer*innen – und beim letzten Song „BIRDS“ holte er einen riesigen Haufen Fans auf die Bühne. (Das lassen sich Turnstile nicht nehmen!) Die Worte, die sie zusammen sagen, hätten passender nicht sein können: „Finally I can see it, these birds not meant to fly alone.“ Alleine war hier niemand.

Dass Turnstile einige ältere Songs spielten, zeigte ihre Verbundenheit zu ihren puren Hardcore-Wurzeln. Doch die Konzert-Highlights stammten vom neuen Album „NEVER ENOUGH“. Dazu schrieb ich in der Stadtrevue: „Die Platte ist offen, integrativ, voller Zauber und unendlichen Möglichkeiten.“ Diese Worte treffen auch auf das gesamte Konzert zu. Songs wie „I CARE“ und „SEEING STARS“ gehen eindeutig über das Hardcore-Genre hinaus; auch die elektronischen Soundeffekte, von denen „NEVER ENOUGH“ lebt, konnten wundervoll integriert werden. Das perfekt eingesetzte Licht unterstrich die kunstvolle Turnstile-Ästhetik durchgehend. Zwischendurch sah es schlichtweg ultrageil aus, wenn Tausende Menschenköpfe hüpften und gleichzeitig in farbigen Lichtstrahlen badeten.

Das Hervorragende an der Musik von Turnstile ist, dass sie zwar (meistens) hart bleibt, jedoch stets von Melodie und Rhythmus lebt – jede Sekunde ist catchy, groovy, kurzum poppig. Brendan Yates gehört schon jetzt zu den besten Frontmännern seiner Generation und schrie meine Lieblingsstelle auf „NEVER ENOUGH“ kraftvoll heraus.

„Now my heart is hanging by a thread“, heißt es im Highlight „LOOK OUT FOR ME“, doch der allerbeste Moment kommt in der zweiten Hook, wenn er fortfährt: „Again! You move and I swing! You move and I swing!“ Ein Moment, der mich extrem gepusht hat.

Es gibt vielleicht eine Handvoll Gruppen, die wirklich die beste Band der Welt sein wollen. Doch Turnstile wollen es nicht nur – sie sind es auch.

Turnstile unterm Discoball (Photo: Lennart Brauwers)

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