Record of the Week

Die Regierung  „Da“ (Staatsakt) 

Die Regierung
„Da“
(Staatsakt)

„Raus“, „Was“ und jetzt „Da“ – innerhalb von vier Jahren hat Die Regierung drei Studioalben veröffentlicht. Ein ambitionierter Lauf für eine Band, die sich bereits zwei Mal auflöste und zwischenzeitlich rar gemacht hat. Die Regierung gilt als wichtige Inspirationsquelle für die Hamburger Schule – und später auch als essentieller Bestandteil: Dirk von Lowtzow zollte der Band Tribut, auch Die Sterne, Julia Wilton und Jens Friebe coverten Songs. „Supermüll“, das 1984 veröffentlichte Debütalbum, gilt als Klassiker, und sorgte im Nachgang – auch das half bei der Legendenbildung – erstmal für eine längere Pause, bevor es in den 90er Jahren endlich wieder Regierungsmusik gab.

Das neue Album fällt mit der Tür ins Haus, Tilman Rossmy fragt uns: „Wo ist dieses Herz, von dem die Dichter und die Meister reden?“. Von dieser Selbst- und Sinnsuche erzählt „Der Witz ist“, der Opener des neuen Albums. Der Witz dabei ist, dass Rossmy selbst um die Unmöglichkeit dieses Suchprojektes weiß: „Ich werde es niemals finden, ich bin es. Ja, der Witz ist: Ich kann es nicht besitzen, ich bin es“, heißt es in der letzten Strophe. Worum es hier geht, lässt sich gar nicht erzählen.
Einmal zitiert Rossmy auch sich selbst, „Es hat keinen Namen“, ein 1994 erschienenes Stück von Die Regierung. Ist das jetzt Kneipenphilosophie? Ein bisschen, ja. Aber die klingt hier nicht nach abgekärtem Vortrag. Vielmehr schafft Rossmy es, in seinen Songs viel über sich preiszugeben, ohne dabei zu aufdringlich zu werden. In „Jetzt Was?“ rekapituliert er in knapper Form einige Lebensabschnitte. „Job gefunden, geheiratet, um die ganze Welt gereist“, singt er mit warmer Nuschelstimme, um nur wenig später von einem Gefühl der Leere zu berichten: „Und jetzt? Jetzt was? War das schon alles, kommt da noch was?“

Die Regierung (Photo: Christoph Voy)

Der Witz ist auch: Traurig oder ungesund melancholisch klingt Rossmy dabei nie. Dafür erinnert besagter Song textlich irgendwie an „Once in a Lifetime“ von den Talking Heads. Auch so ein Lied, das über das Leben sinniert und große Fragen in den Raum wirft.
Sowieso gibt Rossmy auf „Da“ mehr als einmal den Unwissenden und Fragenden. „Wer bin ich? Wohin gehe ich, wenn ich diesen Körper verlass?“, grübelt er etwa im Stück „Wer bin ich“. Ja, es geht um Endlichkeit, gleichzeitig werden hier aber wunderbar rauschende und verträumte Kraut-Sounds abgeliefert. „What stays when everything fades away?“, fragt uns Rossmy am Ende. Das wirft gleich die nächste Frage auf: War das jetzt eine Anspielung auf den fast gleichnamigen Song von Mariah Carey oder ein halbes Zitat von Neil Young? Egal, denn die Sound-Vorbilder der Regierung liegen sowieso woanders. Bei den psychedelisch anmutenden Gitarren-Songs fühlt man sich tatsächlich an die US-Band The Dream Syndicate erinnert. Das schrammelige „Mit Dir und ohne Dich“ liefert dann ein wenig Stones-Feeling, während sich der Synthie-Pop von „Tiefe Tiefe Liebe“ tiefer in die Klangkosmen der Achtziger Jahre buddelt.

Sowieso nutzt Die Regierung nun mehr Effekte, Echos und Hall. Diese Sounds passen auch gut zu den wiederkehrenden Themen: Transzendenz und Meditation. Rossmy selbst war vor zwei Jahren auf einem einwöchigen Retreat, wie es im Pressetext heißt. Dort sollte er ein Tagebuch führen. Aber er konnte sich nicht motivieren, etwas hineinzuschreiben. Auf „Erwachsenen-Gelaber“ hatte er zudem gar keinen Bock. In manchen Songtexten nähert er sich dem Thema nun ohne festes Konzept. Rossmy singt beispielsweise von fliegenden Hubschraubern, die nicht weiter stören. Und ganz beiläufig davon, am liebsten alleine zu sein. Selbst die etwas abgehalfterte Botschaft, das Hier und Jetzt zu schätzen, klingt in „Weil Morgen niemals kommt“ überraschend unpeinlich. Im Text von „Lass die Gans raus“ kann man hingegen Spuren antiker Philosophie entdecken. Der Titel scheint hingegen auf eine sehr alte Zen-Geschichte aus China anzuspielen, die Erleuchtung zum Thema und sich mittlerweile selbstständiger gemacht hat. Im Vordergrund steht aber auch in diesem Song die persönliche Erfahrungswelt von Rossmy.

Nicht immer stellt sich da Euphorie ein: Etwa wenn von endloser Liebe oder Stille geschwärmt wird. Das wirkt mitunter fast abstrakt, leicht spacig. Vielleicht muss man für den Genuss mancher Stücke einen gewissen Sinn für Spiritualität aufbringen. Rossmy selbst hat ihn. Das erwähnte er zuletzt kurz in Jan Müllers Podcast „Reflektor“. Ihm gehe es auch oft um das, was weder „Name“ noch „Form“ hat.
Rossmys Songtexte sind dennoch humorvoll und unterhaltsam, die während Corona zuhause finalisierten Arrangements von „Da“ poppig und abwechslungsreich. Für die echte Gänsehaut sorgt kurz vor Schluss dann noch ein greifbareres Liebeslied. „Der Pfad“ richtet sich wohl auch an ein konkretes Du und erzählt von der Dankbarkeit, Liebe erfahren zu haben: „Tränen fließen und ich bin noch nicht mal traurig, ja, ich weiß nicht, was mit mir passiert“.

Insgesamt kommt „Da“ aber nicht an den verkannten Vorgänger ran: „Was“ war eine Art musikalische Autobiographie von Rossmy, der hier seinen frühen Musikstart in Hamburg, das sorglose Kindsein, aber auch einen Aufenthalt in einer Psychiatrie erinnert. 2019 hat Die Regierung diese Songs auch in Essen gespielt, Rossmys alter Heimatstadt. Kommt die Hamburger Schule also letztendlich auch aus Essen? Ein Treppenwitz, den Rossmy sich bei dieser Show geleistet hat. Er betont oft, dass er kein virtuoser Gitarrenspieler ist, aber an an diesem Abend war der Sound fantastisch. Für den sorgte auch Ralf Schlüter am analogen Synthesizer, der jetzt ebenso den neuen Songs wieder tolle Anstriche verpasst hat. Still ist Die Regierung also noch nicht. Im Gegenteil: Diese Band ist sowas von „Da“.

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