Record of the Week

MJ Lenderman „And the Wind (Live and Loose!)“

MJ Lenderman
„And the Wind (Live and Loose!)“

Dass ich die Worte “Knock, knock, knockin on heavens door” nochmal so leidenschaftlich mitgröhlen werde, hätte ich auch nicht gedacht. Bin zwar ein gigantischer Dylan-Ultra, doch dieser Song ist – wie jeder schonmal feststellen musste – maßlos overplayed (hab letztens spaßeshalber die Akkordfolge angespielt und wurde umgehend niedergemacht; ist fast so wie bei “Wonderwall”). MJ Lenderman weiß das natürlich und hat vielleicht gerade deshalb, also als Augenzwinkern, eine Parodie/Hommage/wasauchimmer an diesen mittlerweile unzumutbaren Dylan-Klassiker geschrieben. “Knockin” heißt sein Lied und spielt auch sonst mit Klischees. “You’re all I need, babe” singt er zwischendurch. Und relativiert den Kitsch dann direkt wieder, mit der Zeile: “Yeah, you’ve heard that one before”. 

Seiner Traditionslinie ist sich MJ Lenderman also angenehm bewusst, was ihn zu einem so ansprechenden Künstler macht. Auf wohltuende Weise ist er mal wieder ein lebender Beweis dafür, dass der Typus des gitarrespielenden, langhaarigen Singer/Songwriters mit ebenso wohlüberlegten wie dahingerotzten Lyrics und einer – im positiven Sinne! – schluffigen Stimme wohl niemals aussterben wird. Irgendjemanden wird’s immer geben, der das wieder frisch und modern klingen lässt. (Wer sowas für Altbacken hält, darf an dieser Stelle aufhören zu lesen.)

Etwas Bestehendes wieder aufzufrischen, das ist ja – und damit kommen wir zu “And the Wind (Live and Loose!)” – passenderweise auch der Sinn von Live-Alben. Wie zwei der absoluten Meister dieses Formats, Bob Dylan und Neil Young, sind es bei MJ Lenderman häufig nur kleine Abwandlungen in der Betonung oder Instrumentierung, die seine Songs in ein neues Licht stellen. So wird die Zeile “on the sidewalk”, aus dem ganz deutlich von Neil Young & Crazy Horse inspirierten Highlight “Taste Just Like It Costs”, zu “ooooooon the sidewalk”. Und die schwermütige Ballade “Toontown” zu einem Duett mit seiner Freundin Karly Hartzman, der Frontfrau von Wednesday. Überrageende Band, in der Lenderman außerdem Gitarre spielt.

Die meisten Lieder auf “And the Wind (Live and Loose!)” stammen von Lendermans 2022er Studioalbum “Boat Songs”, doch ein paar seiner älteren Lo-Fi-Veröffentlichungen bekommen ebenfalls ein willkommenes Update. So hat zum Beispiel der schwummerige Song “Catholic Priest” erst hier seine optimale Form angenommen. “Used to believe/I wanted to be a catholic priest/I would never have to worry/About the girls/Tryin’ to break my heart”, heißt es darin. Selten ist Musik so funny und sentimental zugleich. 

Auf seinen Studioalben spielt MJ Lenderman fast alle Instrumente selbst ein – ziemlich talentierter Typ, so war er auch Drummer auf der großartigen Platte “Any Shape You Take” von Indigo De Souza –, doch “And the Wind (Live and Loose!)” ist nun ein von Gemeinschaft geprägtes Bandalbum. Musiktheoretisch ist das alles super simpel, allerdings steckt so viel Swag in diesen kollektiven Performances, dass man das keineswegs einfach nachahmen kann. Man hört förmlich, wie die Musiker sich auf der Bühne zugrinsen. Wie sie sich freuen, wenn eine Note leicht abgewandelt eingeworfen wird und man neu darauf reagieren kann. Zusammen ist immer besser. Immer. 

Lenderman ist ein fantastischer Gitarrist – das durfte ich erster Hand bei einem Wednesday-Gig im Buhmann & Sohn erleben –, würde aber niemals flexen. Eben dafür hat er sich im Livekontext den ultra-sympathischen Jon Samuels an die Seite gestellt (Mitglied der Band 2nd Grade, die mit “Easy Listening” ein urspaßiges Power-Pop-Brett veröffentlicht haben). Wie die E-Gitarren immer wieder aufs Maul geben, während die Lap-Steel-Gitarre unbekümmert nach Nashville rüberschaut, ist schlichtweg supertoll. Voll mit brutaler Verzerrung ist das Ganze, klingt aber auch nach dem groovigen Country-Rock von Creedence Clearwater Revival oder The Band. Irgendwo in mir existiert einer dieser biertrinkenden „Rock-Dads“, man kennt sie. Er steht vorm Grill, hört diese Musik und denkt sich: Das ist, wofür ich lebe. Peinlich und ein kleines bisschen wahr.

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