Videopremiere

P.A. Hülsenbeck & Michael Schönheit “Now Smile (Live)”

6.845 Pfeifen – die Schuke Orgel im Gewandhaus Leipzig

P.A. Hülsenbeck bei der “Two Play To Play”-Uraufführun

Philipp, Michael, mit »Reaping from the conflux« erforscht ihr das klangliche Potenzial der Schuke Orgel im Spannungsfeld elektronischer Musik. Wie kam es dazu?
Und was sind bis dato Eure auffälligsten Erlebnisse miteinander dabei? Könnt ihr sagen, was ihr am jeweils anderen in der Zeit zu schätzen gelernt habt und was Euch am meisten am anderen fasziniert?

P.A. Hülsenbeck: Anfang 2019 fragten mich die Initiatoren von Two Play To Play ob ich mir vorstellen könne, zusammen mit Michael Schönheit über den Zeitraum einer Spielzeit am Gewandhaus in Leipzig ein Stück mit dem Fokus auf die Schuke Orgel im Konzertsaal zu komponieren. Ich war zu der Zeit schon eine ganze Weile interessiert an zeitgenössischen Orgelkomponistinnen wie Kara-Lis Coverdale, Kali Malone oder Ellen Arkbro und auch Orgelmusik wie der von Messiaen oder etwas neuer, den Kompositionen von Philip Glass. Für mich war also klar, dass ich das machen möchte.
Als Michael und ich uns dann recht schnell kennen lernen konnten, hat sich meine erste Euphorie auch direkt bestätigt. Was für mich an Michael von vorne rein sehr spannend war, war die Offenheit und Leichtigkeit, die er mir gegenübe, im Bezug auf unsere Zusammenarbeit und die Idee etwas neues zusammen zu komponieren an den Tag gelegt hat.
Wir beiden haben völlig unterschiedliche musikalische Hintergründe. Als ich zur Welt kam war Michael bereits fünf Jahre Gewandhausorganist. Trotzdem hat uns direkt eine sehr offene Herangehensweise verbunden. Wo ich mir anfangs noch Gedanken gemacht habe, dass es anders werden könnte als in vorhergegangen Konstellationen, hat mir Michael diese Bedenken sofort genommen, indem er so intuitiv mit meinen Ideen umging. Von Anfang an gab es da zwischen den unzähligen Registern der Orgel und der elektronischen Musik sehr viele Schnittstellen und Möglichkeiten eine gemeinsame Klangsprache zu entwickeln. Wir beide hatten Spaß daran zu improvisieren und zu sehen, wie wir uns klanglich aneinander annähern.

Inwieweit hat sich Corona denn auf Eure Zusammenarbeit ausgewirkt?
Für unsere Zusammenarbeit hatte das keine negativen Auswirkungen. Im Gegenteil hatten wir dadurch die Möglichkeit ein paar zusammenhängende Tage im großen Saal zu arbeiten und Aufnahmen zu machen. Die größte Herausforderung an der Zusammenarbeit war wahrscheinlich die Tatsache, dass wir dafür Zugang zur Orgel brauchten und der Saal normalerweise quasi durchgängig bespielt oder für Orchesterproben genutzt wird. Durch Corona konnten leider keine Orchesterproben mit so vielen Leuten auf engstem Raum stattfinden und wir hatten als Duo quasi den Joker gezogen.
Der ursprüngliche Termin am 01. Juni musste wie alles andere natürlich auch abgesagt werden, aber mit dem Nachholtermin am 09. Oktober hatten wir großes Glück.

Und abseits davon, wie erlebt ihr das Jahr bis dato?
Ich glaube für uns beide ist das, sowie für alle andere Künstlerinnen, keine leichte Situation. Wir wollen natürlich Konzerte spielen und momentan momentan ist das ja auch für das kommende Jahr noch völlig unklar ob und unter welchen Bedingungen das möglich sein wird. Allerdings war das erste Halbjahr 2020 für mich größtenteils sowieso mit unserem Stück verplant, weshalb ich glücklicherweise nicht viel absagen musste. Die Grundstimmung ist allerdings schon sehr seltsam und alles was um die Pandemie passiert und die politischen Unruhen, von denen man quasi im Sekundentakt liest beschäftigen uns beide sehr. Glücklicherweise sind wir hier in Deutschland so privilegiert, dass es in den letzten Monaten sogar neue Möglichkeiten auf Förderungen gab, wodurch ich weiter an neuen Sachen arbeiten kann. Aber die Ungewissheit, die sie sich durch alles zieht, lässt sich dabei nur schwer ausblenden.

Die Orgel ist ja nicht irgendeine, sondern eine sehr mächtige mit 6.845 Pfeifen. Das klingt zumindest imposant, was bedeutet es aber für die künstlerische Arbeit damit?
Wie ich schon erwähnte ist es natürlich nicht einfach den Fokus auf ein Instrument zu legen, zu dem man nur sehr begrenzt Zugang hat. Vor allem wo ich es gewohnt bin, sehr schnell Ideen zu skizzieren, sie auf zu nehmen und mir sie endlos an zu hören. Bei der Orgel mussten wir schnell Entscheidungen treffen und sie in einer Form festhalten, die für uns beide auch mit zeitlichem Abstand noch verständlich ist.
Die 6846 Pfeifen sind tatsächlich auch sehr beeindruckend. Was ich allerdings besonders interessant finde, ist die Tatsache, dass der Konzertsaal trotz seiner Größe durch seine akustischen Eigenschaften einen sehr großen dynamischen Umfang zulässt. In einer Kirche oder einem Dom ist das anders. Während der Zusammenarbeit konnten wir im Merseburger Dom auch an Ideen arbeiten, das hat das Stück verändert und funktioniert dann auf eine andere Weiße. Wir hoffen sehr das Stück in 2021 in anderen Räumen und an anderen Orgeln spielen zu können, auch um zu sehen was es sein kann.

Orgeln sind ja in letzter Zeit plötzlicher häufiger ein Thema. Zum Beispiel muss ich sofort an das Modular Organ System von Phillip Sollmann und Konrad Sprenger denken. Woher kommt das? Und wie seht ihr andere Positionen in dem Feld?
Ich seh die Orgel ein Stück weit ähnlich wie andere Instrumente wie Schlagzeug, Klavier usw., eben Instrumente, die von ihrer Natur her einen großen Klangkörper haben. Solche Instrumente haben oft selbst bei dem leisesten Ton sehr dramatische klangliche Eigenschaften alleine durch die Mechanik die sich dahinter verbirgt. Ein einzelner Ton kann da schon sehr vielschichtig sein. Bei der Orgel ist das natürlich durch die Größe und die Masse an bewegter Luft extrem.
Warum das zurzeit so ein Thema ist kann ich nicht sagen. Allerdings ist es es für mich als jemand der beim Musik machen sehr viel Zeit am Computer verbringt sehr wertvoll mit echten Instrumenten und Räumen zu arbeiten. Dazu kommt, dass die Orgel und meist auch die Orte, an denen Orgeln stehen eine sehr altertümliche Atmosphäre umgibt. Damit zu brechen und die klanglichen Möglichkeiten, die damit einhergehen für die eigene Musik herzunehmen, ist ziemlich spannend.

Nun seid ihr anlässlich der Uraufführung des »Reaping from the conflux« Materials vor zwei Wochen in Leipzig im Gewandhaus aufgetreten, dabei ist auch das Video entstanden, das wir auf Kaput premieren. Wie habt ihr den Auftritt empfunden?
Das Konzert war super. Zum Glück ist der große Saal tatsächlich so groß, dass auch unter Coronabedingungen ziemlich viele Leute zum Konzert kommen konnten. Wir hatten Unterstützung von Michaels Frau Katharina Dargel an der Viola, Tsepo Kolitsoe Pooe am Cello und Johannes Weber am Kontrabass und konnten unsere Zusammenarbeit und den Abschluss im Saal definitiv ganz gut feiern.

Gibt es Pläne für weitere Auftritte?
Es gibt einige Ideen und Gespräche und wir hoffen auch, dass sich das ein oder andere davon verwirklichen lässt, wie auch immer sich 2021 entwickelt. In Köln gibt es ja zum Beispiel in der Peterskirche eine ganz interessante Orgel.

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