Sarah Szczesny Crayola Talks (You Ought To Be in Pictures)

In der Ausstellung von Sarah Szczesny sind großformatige Malereien, Animationen sowie Arbeiten auf Papier zu sehen. Darunter befinden sich Motive aus der frühen Disney Real-Life-Cartoon-Serie „Alice Comedies“ ebenso wie anthropomorphe Zeichenstifte, die Szczesny seit einigen Jahren unter dem Titel „Crayola Talks“ als Serie zum Leben erweckt.
Ich erinnere mich gut daran, dass ich als Kind nur sehr limitierten Zugang zum Fernsehsender Super RTL hatte. Der Kanal, auf dem Werbung und vor allem amerikanische Cartoons zu sehen waren, war meinen Eltern suspekt. Womöglich war es der Wunsch, das eigene Kind vor einer Welt mit unbegrenzten Möglichkeiten zu schützen, die die kleinbürgerliche Realität in Frage stellen könnte. Verlockend warteten dort fragmentierte Körper, Nicht-Souveränität und Mischwesen wie „CatDog“.
Die Illusion der Bewegung im Animationsfilm entsteht, wenn Einzelbilder mit einer Geschwindigkeit von 24 Frames pro Sekunde abgespielt werden. Die Abfolge ist so schnell, dass die einzelnen Bilder für uns zu einer kontinuierlichen Bewegung verschmelzen. Die Welt der unbegrenzten Möglichkeiten des Cartoons basiert also auf einer Leere zwischen den Bildern, die unser Gehirn mit Bewegung füllt. Und schaut man in diese Leere, sieht man: Da ist nichts! Zwischen den Bildern klafft eine Lücke.
Den Zugang zu diesem „Nichts“, das potenziell unkontrollierbar und monströs ist, kann man versuchen zu limitieren, wie meine Eltern es getan haben. Oder man kann ihn zum Ausgangspunkt einer künstlerischen Praxis machen, wie Sarah Szczesny es tut.
In der dreiteiligen Malerei „Sarah Loses Out (Factory)“ zeigt Szczesny, wie man diese Lücke als malerische Geste aktiviert. Denn „Nichts“ ist nicht gleich nichts. Jede Lücke ist besonders und wird durch das figuriert, was sie umgibt. Das sind unter anderem die handgemalten Blätter von Szczesnys erster Animation; man erkennt sie an den Ziffern. Anders als in ihrer Arbeit „Crayola (Factory Edit)“ – einer projizierten Animation, die ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist – sehen wir die Einzelbilder hier nicht hintereinander, sondern nebeneinander. Sie werden Teil der Malerei. Die Querformate sind um 90 Grad gekippt, und erinnern mich an eine Art Notation. Ein visueller Rhythmus, der meinen Blick animiert, als würde eine Sprudelflasche beim Aufdrehen explodieren, weil ich vergessen habe, dass sie die ganze Zeit geschüttelt wurde.
Und gleichzeitig schreibt sich hier der Körper der Malerin ein, in einer ganzen Menge von Rhythmen, die hingelegt und aufgelegt werden. Die Lücken und „Nichtse“ werden gestapelt und geschichtet. Aber das ist kein authentischer Körper, sondern ein monströser Körper, der sich hier einschreibt. Sarah Loses Out eben. Sarah verliert.
Auf diese Idee komme ich, wenn ich mir die Arbeit „Crayola (Factory Edit)“ anschaue. Sie beginnt und endet mit derselben zitternden, endlos fließenden Farbschliere. Sie hilft mir, die „painterly marks“ in der Malerei zu verstehen. Das sind ja gar keine „positiven“ Zeichen, die auf eine klare Autorin verweisen. Vielmehr sind es Spuren einer geisterhaften Subjektivität – that don’t add up.
Ganz andere Strategien kommen bei den in der Ausstellung gezeigten Aquarellen „Crayola Talks“ zum Einsatz. Uns begegnen dieselben Elemente wie in Sarah Szczesnys Malerei und Animation. Aber im Unterschied zur collagierten Malerei, die die Brüche und Lücken betont, scheinen sich die Bilder aus einer flüssigen Bewegung zu materialisieren – so wie der „Dip“ im Film „Who Framed Roger Rabbit“, auf den sich Szczesny schon in früheren Arbeiten bezogen hat. Der „Dip“ ist dort eine ambivalente Materie, der die Körper und Formen des Cartoons endgültig zersetzten kann. Szczesny erhält diese Ambivalenz, wendet sie aber in etwas produktives. Der „Dip“ wir zur Sprechblase. Aus Anti-Materie wird Artikulation.
Im Unterschied zu den Figuren in der großformatigen Malerei, deren Körper bis auf wenige Ausnahmen von malerischen Gesten fragmentiert werden, kann man die Crayolas schon fast als unversehrt bezeichnen. Auch der dramatische Unterschied im Maßstab (die Arbeiten auf Papier sind „nur“ 18 cm x 20 cm groß) zeigt an, dass es sich hier um einen anderen Symbolisierungsmodus handelt. Wird man als Betrachter*in von den großformatigen Arbeiten ganz eingenommen (man kann fast körperlich erleben, wie es sich anfühlt in das „Nichts“ zwischen den Einzelbildern der Animation zu fallen) kehrt sich dieser Effekt hier um. Ganz „handlich“ stellen die Papierarbeiten das Instrument in den Mittelpunkt, das mit den unterschiedlichen Lücken und „Leeren“ arbeitet.
Dieses gleichwertige Nebeneinander der malerischen Modi und Medien lese ich als Beharren auf der Ambivalenz zeichnerischer Gesten. Die „Crayolas“ sind Werkzeuge und Figuren zugleich, sie zeichnen und werden gezeichnet, artikulieren und bleiben dabei selbst Teil der malerischen Bewegung. „You Ought To Be in Pictures“:
Die Dinge sind bereits in Bewegung, und die Frage ist nicht, wie wir sie kontrollieren, sondern welche monströsen, produktiven Abweichungen wir in ihren Flow einschreiben können.
Philipp Joy Reinhardt
SARAH SZCZESNY
„CRAYOLA TALKS
(You Ought To Be in Pictures)“
Eröffnung im Rahmen der Hamburg Art Week
3. September 2026 von 18 – 21 Uhr








