Hanitra Wagner – Vaovao – Videoclip-Premiere

Vaovao „Weiße Steppe“

Vaovao (Photo: Anna Jaissle)

„Sie glitzert rot, ist fast verdorrt.
Ein schöner Ort, die triste Wüste

(aus „Weiße Steppe“ von Vaovao)


Die Kölner Musikerin Hanitra Wagner 
debütiert heute mit ihrer Single „Weiße Steppe“ und zugehörigen Videoclip unter dem Signet Vaovao auf Staatsakt. Ein Album ist für den September angekündigt.
Kaput freut sich sehr Song & Clip präsentieren zu dürfen. 


Hanitra, verbindest du einen konkreten Ort mit der „Weißen Steppe“?

Und wo liegt dieser?

Der konkrete Ort der Weißen Steppe ist Lanzarote, wo im Spätsommer 2018 zusammen mit Oliver Bersin das Projekt Vaovao entstanden ist. Weiß ist die Landschaft dort allerdings nicht, sondern vielmehr eine schwarze Kraterlandschaft. Der Song „Weiße Stepp“e darf aber unbedingt auch einen Nicht-Ort beschreiben, der überall sein könnte. Ich mag die Nicht- Zuordenbarkeit von Farben und Orten, von Bildern und Emotionen, die immer in einem spezifischen Moment heraus entstanden sind und entstehen und aber auch universell verstanden werden wollen.


Kannst du verraten, welche Person im Text angesprochen wird?

Das Du im Song ist niemand im Speziellen. Vielmehr ein Außen, das mich wahrnimmt und ich es. Vielleicht ist es eine wolkenartige Gestalt, aber keine reale Person. Ich adressiere gerne die Universalität, in der jede Person angesprochen werden kann.

Apropo Text. Lyrisch arbeitest du mit Fragmenten – sind diese das Ergebnis eines Verdichtungsprozesses?, reduzierst du also vorher umfangreichere Textentwürfe, oder legst du deine Worte von Anfang an so reduziert an?
Für mich ist es extrem kompliziert, Texte zu schreiben. Ich habe oft spontane Ideen in absolut willkürlichen Situationen und schreibe die auf. Manchmal kommt es einfach aus mir raus und im Bestfall finde ich Verwendung für diese Zeilen. Oft ist aber das Gegenteil der Fall; ich bin dann blockiert und finde manchmal wochenlang nicht die Worte, die ich gerne finden wollen würde. Aber wenn ich sie mal gefunden habe, passe ich sie dem Gefühl an, in dem ich mich in dem Moment befinde. Das kann dann auch schon mal Reduktion sein, manchmal schmücke ich aber auch noch weiter aus.

Gibt es ein Role Model für das Schreiben von Texten?
Und für deine Musik generell?
Role Models.. puh. Die leider viel zu früh verstorbene beste Freundin meiner Mutter, die Schriftstellerin und Poetin Monika Kafka, war und ist ein großes Vorbild für mich. Sie schrieb immer sehr eklektisch und benutzte sprachliche Bilder, auf die ich selbst niemals kommen würde. Für sie haben meine Schwester und ich 2010 oder 2011 auch einmal eine Lesung vertont. Das war extrem beeindruckend, wie ihre eklektischen Texte zu unserer ebenfalls sporadisch vorgetragenen Musik gepasst haben. Vielleicht erinnert sich Vaovao auch gerne an Monika zurück.

Du bist im April im Rahmen der c/o pop in größerer Bandbesetzung mit Streichern und unterstützt von deiner Schwester aufgetreten. Corona bedingt leider nicht vor Publikum, sondern im vorher aufgezeichneten Stream.
Wie hat sich das für dich angefühlt?
Denkst du es war von Vorteil, sich nicht gleich live vor Publikum präsentieren zu müssen?
Im Angesicht der Pandemie nicht vor Publikum spielen zu können, ist in erster Linie frustrierend für eine Person wie mich, die schon über 20 Jahre auf Bühnen spielt. In der Konstellation mit dem Streichensemble war es dann aber so, dass wir dieses Set-Up wirklich nur schwerstens in der Form live hätten aufführen können, wie wir es für den Stream getan haben. Streichinstrumente sind einfach extrem kompliziert und in so klassischen Pop-/Rock- Kontexten muss man sich dann erstmal darauf einstellen, was da klanglich alles passiert.
Ich habe aber auch gemerkt, dass es mir gut getan hat, als „erstes“ Konzert nicht live zu spielen. Ich war immer in Orchestern oder Bands, konnte mich hinter Anderen verstecken. Bei Vaovao geht es um mich und ich bin im Fokus. Diese Fokusverschiebung ist für mich neu und ich bin ehrlich gesagt noch etwas schüchtern, aber die Kunstfigur Vaovao springt über den Schatten und stellt sich hin und spielt. Das ist mir auch ganz wichtig, mich als Privatperson von der Kunstfigur Vaovao zu trennen, weil wir ganz unterschiedliche Charaktere sind.
Insgesamt war das Format des vor-aufgezeichneten Konzerts für mich eine Bereicherung, wenngleich ich in Zukunft gerne mit Vaovao vor echtem Publikum auf Bühnen spielen will.

Der wirklich sehr tolle Clip von Janosch Pugnaghi verbindet real gefilmte Bilder mit Computeranimationen. Was zunächst einen irritierenden Effekt auf mich als Betrachter hat, da die Bilder sich gegen die emotionale Nähe der Musik legen und so für eine abstrakte Distanz sorgen.
Wie kam es zu dem Konzept?
Wie empfindest du das Zusammenspiel von Bild und Musik selbst?
FreundInnen sagen mir nach, ich hätte einen Blick fürs Ästhetische. Sowohl in der Bildsprache, als auch in der Musik. Für mich gehen beide Formen Hand in Hand: Ich kann nicht eklektische Musik machen wollen und dann ein Musikvideo produzieren, das super kitschig ist. Naturbilder sind ja gerne entweder total cheezy oder es sieht aus, als habe man
einen Reise-Blog gemacht, der dann am besten noch mit Fahrstuhl-Tech-House unterlegt ist. Da bekomme ich unangenehme Gänsehaut. In der Zusammenarbeit mit Janosch war besonders er es, der die Naturbilder verfremden und diese mit Computeranimationen brechen wollte. Die Gefahr, dass Musikvideos, die aus Material bestehen, die man bei Reisen gemacht hat, schnell kitschig werden, darauf hat er mich immer wieder hingewiesen. Deswegen ist die Mixtur schlussendlich so geworden, wie sie ist. Ich liebe die Arbeit von Janosch ja sowieso und er war die erste Person, die Vaovao für ein Musikvideo engagiert hat – mit dem Ergebnis sind wir alle zufrieden und ich finde, Janosch hat es geschafft, das Video genauso entrückt aussehen zu lassen, wie es der Song „Weiße Steppe“ musikalisch-inhaltlich vorgibt.

Dein Name Vaovao bedeutet auf madagassisch neu.
Welche Neuigkeiten hat zuletzt dein Leben bereichert?
Neu ist für mich vieles. Das Corona-Jahr 2020 war bei Weitem nicht nur schlecht, zumindest für mich. Mit meinem Partner Oliver Bersin haben wir im Frühjahr 2020 das Album von Vaovao aufgenommen und sind damit bei Staatsakt gelandet, wo das Album im Herbst 2021 erscheinen wird. Ich studiere seit dem Wintersemester 20/21 den Master „Populäre Musik“ in Bochum und bin begeistert über die neuen musikalischen und intellektuellen Herausforderungen. Seit Anfang 2021 sitze ich im Beirat Popkultur der Stadt Köln und habe Anfang Mai einen Job an der Akademie der Künste der Welt angefangen. Ich habe das Gefühl, es passiert gerade sehr viel und das fühlt sich alles gut und neu an. Ich mag Herausforderungen und hasse es, zu stagnieren. Obwohl auch das unbedingt ok ist. Aber ich möchte mit Vaovao weiterkommen – sowohl persönlich als auch musikalisch.

Im September erscheint dein Debutalbum „Vaovao“ auf Staatsakt . Ich weiß, eine brutale Frage, aber kannst du deinen Staatsakt Lieblingssong nennen?
Puh, mein liebster Staatsakt-Song? Da sind so viele gute Leute, die Frage ist echt gemein. Im Zweifel ist es „Appeliere“ von Chris Imler. Mit dem Song verbinde ich einen tollen Konzertabend im Frühling 2019 im Kölner Acephale, wo Albrecht Schrader (Ex-Staatsakt- Artist, funny) Support gespielt hat und ich Albrecht sogar bei ein paar Songs am Gesang unterstützen durfte. Aber ich bin kein Fan von Held*Innen-Verehrung oder Monolith- Instanzen. Ich finde glaube ich einfach zu viele Sachen gut und will mich nicht festlegen (müssen).

„Weiße Steppe“ ist via Staatsakt erschienen. 

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