Cinematic Feeling: „Dopamine Chamber“ von Fontaines D.C.

Fontaines D.C. (Photo: Ewen Spencer)
Fontaines D.C.
„Dopamine Chamber“
(32 County Love Train / XL Recordings / Beggars Group)
Ich glaube ja, man merkt das… wenn eine Band scheinbar unendliche Möglichkeiten vorweist, sich diverse Routen offenhält, womöglich sogar bewusst auf das „long game“ zielt. Bei Fontaines D.C. hatte man von Anfang an das Gefühl, die Gruppe könnte sich in dreitausend verschiedene Richtungen weiterentwickeln. Ihr Sound war immer schon klar definiert, gleichzeitig wusste man, dass Fontaines D.C. auch zu diesem oder jenem im Stande wären. Das unterschied sie sofort von anderen Post-Punk-Bands aus der gleichen Welle wie IDLES, Shame, The Murder Capital, deren Klangästhetik anfangs zwar ähnlich aufregend war, aber festgefahrener, eindimensionaler wirkte. Fontaines D.C. hingegen: sie sollten noch lange spannend bleiben – und auch heute ist diesbezüglich kein Ende in Sicht.
Trotzdem: Dass das irische Quintett mal zu den wichtigsten Rockbands der Welt gehören würde, hätte ich noch vor wenigen Jahren nicht gedacht. Spannend zu bleiben ist das eine, doch Fontaines D.C. sind – zumindest in ihrem Kosmos – Superstars. Wer die prägendsten (also nicht unbedingt erfolgreichsten, sondern relevantesten) Rockbands sind, das ist aktuell so eindeutig wie lange nicht mehr. Hier die TOP-3, in keiner bestimmten Reihenfolge: Geese, die NYC-Coolkids mit omnipräsentem Hype und Cameron Winter als Meme-haften Frontmann, über den es mittlerweile sogar einen Konzertfilm von Paul Thomas Anderson gibt; dann natürlich Turnstile, die das Hardcore-Genre in den Mainstream katapultiert haben und einen gewaltigen Crossover-Appeal vorweisen können; und eben Fontaines D.C. – die interessanteste Rockband Europas.
„I’m gonna be big“, hieß es bereits im ersten Song auf dem ersten Album von Fontaines D.C. – und tatsächlich hielt Frontmann Grian Chatten sein Wort: Heute poppen Gespräche zwischen ihm und Schauspieler Cillian Murphy in meinem YouTube-Feed auf. Er wurde zur Stilikone. Gefühlt jeder aufstrebende Newcomer-Sänger will Chattens unverwechselbaren Vokalstil kopieren. Mittlerweile werden Fontaines D.C. auch von unzähligen Leuten gehört, die eigentlich nichts mit Rockmusik zu tun haben. Ja, kaum eine Indie-Band hat die 2020er Jahre bisher so intensiv geprägt.
In jener angesprochenen Post-Punk-Welle, die Ende der 2010er Jahre mit Bands wie den (mittlerweile unerträglichen) IDLES für Furore sorgte, stachen Fontaines D.C. durch einen gewissen Traditionalismus heraus; sie wirkten auf ansprechende Weise oldschool, gar altmodisch. Die fünf Iren sprachen in Interviews über ihre Liebe für Poesie, für Gedichte, und konnten dann tatsächlich herausragende Lyrics vorweisen, um das Ganze zu untermauern:
„You’re a cluster of nothing / You are a beauty for the sake / How dare you go about living / As a relic from a dream / As the sky shutters down / On the antiquated scene / On the room full of mirrors / On the television screen“.
Doch noch vielmehr war es die Vortragsweise von Grian Chatten, die schon zu Beginn so dermaßen aufregend war. Zwischendurch rappte er geradezu, fiel eher durch ungewöhnliche Patterns als durch klar definierte Melodien auf (mein Favorit: „The Lotts“). Ich erinnere mich gut, wie ich 2019 auf einem Kölner Konzert der Band war und sie trotz ihres damals limitierten Repertoires – nur ihr Debüt „Dogrel“ war damals erschienen – eine umwerfende Show hinlegten. Wie ein aufgeschrecktes Reh huschte Chatten über die Bühne.
Mit dem Nachfolger „A Hero’s Death“ wurden Fontaines D.C. finsterer; die Referenzpunkte schienen nun Düsterboys wie Nick Cave, Leonard Cohen oder Tom Waits zu sein. Auch das Drittwerk bescherte wieder Wendungen: Auf „Skinty Fia“ erforschte die Band ihre irische Herkunft, verlieh ihrer Kunst eine noch emotionalere Tiefe. Im Jahr 2022 sorgten Fontaines D.C. also für einen weiteren Aha-Moment, als Gruppen wie IDLES bereits zu Karikaturen ihrer selbst geworden sind. So konnte die Gruppe problemlos neben einer neuen Post-Punk-Welle an Bands wie Black Country, New Road oder Dry Cleaning existieren. Gleichzeitig lässt sich „Skinty Fia“ als organsicher Schluss einer Trilogie beschreiben – die Platte sorgte für einen Karrierehöhepunkt, ohne sich zu weit vom eigentlichen Sound der Band abzuwenden. Das geschah erst zwei Jahre später…
„Romance“, das einschneidende Viertwerk aus dem Jahr 2024, brach die gesamte Ästhetik dieser Band auf. Nachdem Irland zur Genüge betrachtet wurde, floh die Gruppe an einen neuen Ort – ein Ort namens: Romantik. Die Bedeutung dieses Wortes wurde hier allerdings (und glücklicherweise) sehr breit gefasst: „Romance“ ist futuristisch, beeinflusst von Shoegaze, TripHop und Lana Del Rey. Fontaines D.C. waren immer schon eine Groove-basierte Band, doch in Songs wie dem ultrafetten Highlight „Starbuster“ – Chattens Semi-Rap-Vortragsweise wurde hier auf die Spitze getrieben – dachte man die Idee dieser Gruppe nochmal völlig neu. Es war ihr Durchbruch: Auf sämtlichen Großstadtstraßen sah man plötzlich ebenso viele Leute mit Fontaines-Shirts wie solche, die sich wie die Band kleideten. Fontaines D.C. waren nun in jeglicher Hinsicht gigantisch: Im Sinne ihrer kulturellen Relevanz und des Respekts, den sie von Kritikern erlangten, sowie hinsichtlich tatsächlich Streaming-Zahlen und der Größe ihrer Konzerte. Richtige Rockstars halt – so groß, wie man in diesem Genre heutzutage sein kann, ohne an Coolness zu verlieren.
Aaaaaber: Ich fand „Romance“ gar nicht so supergut. Für eine Platte, die sich zu großen Teilen auch als gewaltiger Level-Up-Moment verstand, als großer Schritt in Richtung Stadionband, fehlte es mir (stellenweise) an packenden Highlights. Ich hatte das Gefühl, Fontaines D.C. verloren sich hier zwischenzeitig in ihrer eigenen Grandeur, ohne dabei tatsächliche Banger zu produzieren. Schön ist „Romance“ in jeder Sekunde, doch das letztendliche Gesamtprodukt fühlt sich seltsamerweise dünn und unausbalanciert an. Die Platte verliert immer wieder an Dampf, obwohl sie genau das benötigen würde. Ich höre sie nur selten am Stück.
Um es gleich vorwegzunehmen: Mir gefällt „Dopamine Chamber“, das neue, fünfte Album von Fontaines D.C., wesentlich besser. Es ist erneut von James Ford produziert worden, und sollte – wie das Albumcover schon deutlich macht – als Aufrechterhaltung der „Romance“-Ära verstanden werden; als Fortführung jenes Albums, das Fontaines D.C. endgültig zu Indie-Stars machte. In dieser Hinsicht fühlt man sich an das Album „Never Enough“ (2025) von Turnstile erinnert, was ja ebenfalls eine Fortführung des einschlagenden Vorgängers „Glow On“ (2021) sein sollte. Das hat bei Turnstile sehr gut funktioniert, und ist auch bei Fontaines D.C. der schlauste Move, den die Band hätte machen können. Ich dachte mir schon vorab, dass ein Abwenden von der „Romance“-Ästethik zu diesem Zeitpunkt komisch gewesen wäre, sich zu voreilig angefühlt hätte. Ich sag’s, wie es ist: Meinetwegen können Fontaines D.C. auch noch ein drittes Album mit dieser Herangehensweise und diesem Vibe machen, sodass daraus eine weitere Trilogie entsteht. (Nur so als Tipp.)

Fontaines D.C. (Photo: Elizaveta Porodina)
Etwas anders ist „Dopamine Chamber“ natürlich trotzdem: Das Album dehnt den „Romance“-Sound in frische Richtungen aus, klingt ausgewogener, tatsächlich waghalsiger – und das bedeutet hier vor allem: elektronischer. Das Album beginnt mit digitalem Gebrubbel, Grian Chatten singt von einer „beautiful world“, die im selbstbewussten, trotzdem besinnlichen Breitmachen dieses Albums immer wieder durchschimmert; trotz der offensichtlichen Finsternis hat „Dopamine Chamber“ etwas Wohltuendes, Berührendes. Im Opener „Six Shot Morning“ scheint es jedenfalls keine Gitarren zu geben – so elektronisch waren Fontaines D.C. noch nie –, was ja erstmal ein altbekannter Karriereschritt, den schon unzählige Acts zuvor gemacht haben. Von David Bowie („Low“) bis Radiohead („Kid A“). Doch „Dopamine Chamber“ ist weniger als „Kid A“- und mehr als „Achtung Baby“-Move im U2-Stil zu verstehen, also weniger als radikales Abwenden, und mehr selbstbewusstes Aufstocken mit allen Mitteln, die man hat. Ähnlich wie damals bei U2 – das sag ich nicht nur, weil beide Bands aus Irland stammen – ist der Schritt zu experimentellen Elektro-Sounds hier keineswegs als Schlag ins Gesicht der Fans gemeint. Nein, die Band will weiterhin Stadien füllen, weniger verwirren als schlichtweg wachsen. „Dopamine Chamber“ ist ein Level-Up-Moment, obwohl die Platte selbstsicherer als „Romance“ wirkt, weniger zwanghaft versucht, zu überwältigen – und das funktioniert ganz hervorragend.
Interessant ist, dass ich „Dopamine Chamber“ nichtmal mögen wollte. Wie gesagt: „Romance“ find ich gar nicht so toll, außerdem halte ich die politischen Gesten der Band für stellenweise unausgereift, und die vorab veröffentlichten Singles waren ebenfalls – sagen wir – durchwachsen: Bei „Marianne“ störte mich anfangs die (im wahrsten Sinne des Wortes) eintönige Gesangsmelodie; und die Chipmunk-Vocals im merkwürdig produzierten „Tongue“ nahm ich zuerst als unelegantes „Wir sind jetzt experimentell“-Statement war. Beide Songs waren jedoch Grower: Von dem pulsierenden Synth-Rocker „Marianne“ hab ich nun regelmäßig einen Ohrwurm – die verträumte Gesangsmelodie ändert sich ja ständig, stellte ich fest –, und die fragmentierte Spooky-Nummmer „Tongue“ offenbart nach mehreren Hördurchgänge eine derart eigenwillige Melodiestruktur, dass man sich fragt, wie man ohne darunterliegende Akkordverläufe darauf kommen kann. Das explosive Horrorfilm-Ende von „Tongue“ ist weniger als aufgesetzter Avantgarde-Move und vielmehr als nötiger Bruch im Albumverlauf zu verstehen.
Rosalía macht als Duettpartnerin im herzzerreißenden „Where Is Gone?“ unglaublich viel Sinn – ihr Album „Motomami“ schien schon bei „Romance“ ein Einfluss auf die futuristische Neuerfindung von Fontaines D.C. zu sein –, und generell sind die schwermütigen Slow-Mo-Balladen auf „Dopamine Chamber“ wesentlich eindrucksvoller als jene auf dem Vorgängeralbum „Romance“; so fühlen sich die Shoegaze-Explosionen im sonst übermelancholischen „Happy For You“ total verdient an, und ja: nie zuvor hat Grian Chatten so engelsgleich gesungen. „Dopamine Chamber“ könnte neben „Skinty Fia“ den Höhepunkt der bisherigen Diskografie von Fontaines D.C. darstellen. Die Platte macht süchtig: Hier schwingen Melodien mit, die gar nicht da sind. Alles schimmert, glänzt, begeistert. Wir haben es hier mit einem der Alben des Jahres zu tun.
Inhaltlich stellt die opulente Streicher-Ballade „One Man“ das klare Highlight dar, wenn Grian Chatten die Grenzen seines eigenen Einflusses anerkennt („I’m ooooonly one maaaaan“). Wenn ich ehrlich bin, dann stört mich eigentlich, dass „Dopamine Chamber“ in vielen Artikeln als ‚Album für unsere turbulente Gegenwart‘ bezeichnet wird, oder als ‚dystopischer Rock für diese Zeiten‘. Das wollte ich hier bewusst vermeiden, weil ich die Platte so überhaupt nicht wahrnehme. (Wo wir gerade schon bei Vergleichen mit Turnstile und Geese waren: In dieser Hinsicht fand ich „Getting Killed“ wesentlich aufschlussreicher.) Fontaines D.C. waren sprachlich immer schon besser darin, Worte ansprechend klingen zu lassen, als mir neue Perspektiven auf irgendetwas zu geben. Deshalb ist die akustische Psych-Pop-Perle „Japan“ – eine Mischung aus John Lennon und Mazzy Star – auch der stärkste Song des Albums, weil Chatten hier greifbare, gefühlsbetonte Bilder malt:
„Well, you know she is the mime, got a boyfriend in Japan / And he’s better than his word or, at least, that’s what I heard / When they fuck, she leaves her body for a while / And she pays for all his shit ‚til he says thanks without a smile“.
Dass diese Wortfolge mehrmals auftaucht, ist eine schlaue Entscheidung – weil sie immer wieder Neues hervorruft. Eingebettet in solch eine liebevolle Melodie ist das einer der Höhepunkte der gesamten Fontaines-Diskografie.
Besonders interessant ist „Dopamine Chamber“ vor allem als logisches Kapitel in einer Kette an Alben. Fontaines D.C. werden mehr und mehr zu ihrem eigenen Universum – mit verschiedenen Platten, die man erforschen kann –, und es gibt doch wirklich nichts Geileres. Sie entfalten ihre Karriere auf unglaublich sinnvolle Weise und haben auch für die Zukunft noch unendlich viele Möglichkeiten – Wege, die sie gehen können, die cool und logisch wären. So soll’s sein.
Kommen wir zum Ende… Ein besonders brachialer Übersong heißt „Demolition“ – ein fetter Rockbanger, der mit seinen toll gesetzten Pausen immer wieder für, ja: Dopaminausschuss sorgt. Und damit wären wir beim Albumtitel: Das Album stellt – ähnlich wie „Romance“ – einen Ort dar. Ein Ort der Ablenkung, der Unendlichkei: „Live forever this way“, heißt es in „Demolition“. Wer sich hier hineinlegt und der Platte genügend Zeit gibt, wird belohnt. Ich hatte schon oft gruselige Gedanken drüber, wie schlimm es wäre, wenn Musik nicht mehr als Spaßquelle für viele Leute ausreichen würde. Wer kann sich heutzutage eigentlich noch hinsetzen und nichts anderes machen, als nur ein Album zu hören? Das ist das, was wir letztlich hieraus mitnehmen können: Wer das mit „Dopamine Chamber“ nicht machen kann, der ist tatsächlich verloren. In dieser Kammer will man bleiben. Da will man nicht weg. „Colorful ending, so pretty in the final scene“, heißt es im Closer „Intimate“. Also geht der Film von vorne los. Immer wieder.
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Kopf und Herz – ein Easter-Egg-Lektüreschlüssel von Marcus Can’t Dance
„Beim Hören des Albums fiel mir auf, dass einige Songs der zweiten Hälfte zum Genre Chamber Pop gehören. Dann stutzte ich: Chamber, das steckt ja im Albumtitel, Dopamine Chamber. Und auf dem Cover stehen die beiden Wörter in unterschiedlichen Schriftarten. Dopamin sitzt im Kopf, Chamber ist die Herzkammer. Kopf und Herz.
Nun gibt es unter spirituellen Menschen (zu denen ich nicht zähle) die Vorstellung von der Distanz zwischen Kopf und Herz: 18 Inches, knapp 46 Zentimeter. Als Insta-Kachel liest sich das so: „Die längste Reise der Welt sind die 18 Inches zwischen Kopf und Herz.” Oft steht noch dabei: „Genau in der Mitte liegt die Zunge.” Anatomisch ist das großzügig gerechnet, aber geschenkt.
Dann fiel mir auf: Das Album hat elf Songs, und der sechste heißt „Tongue”, exakt in der Mitte.
In diesem Moment, glaube ich, habe ich es verstanden.“







