Daniela Drösche / Julia Friese / Jean Stafford

“We’re A Happy Family, Me And Mum And Daddy” (The Ramones, 1977)

Der Themenkomplex Familie bestimmt Millionen Bücher – drei aus unterschiedlichen Gründen herausragende sind im vergangenen Halbjahr erschienen. Christina Mohr hat sie gelesen und empfiehlt alle drei uneingeschränkt.

Wie wenig man sich als Ehefrau und Mutter selbst gehört, ist Thema von Daniela Dröschers Roman „Lügen über meine Mutter“. Der üppige und wie aus Protest immer ausladender werdende Körper der Mutter ist vor allem dem selbstsüchtig und doch hilflos agierenden Gatten und Familienvater ein Dorn im Auge. Er verdonnert seine Frau zu Diäten, droht, schreit, tobt. Seine Anschuldigungen gehen so weit, das Dicksein der Mutter für seinen ausbleibenden beruflichen Erfolg verantwortlich zu machen. Die Tochter und Erzählerin will uneingeschränkt zur Mutter halten, fühlt sich aber von deren Heimlichkeiten („Erzähl das bloß Vati nicht!“) betrogen. Denn: Lügen ist dem Mädchen absolut verboten, gilt als „Todsünde“ neben Weinen und mit-dem-Essen-spielen. Der Roman spielt in den Achtziger Jahren in einem Dorf im Hunsrück, In jeder Zeile ist die bedrückende Enge des Landlebens spürbar, der häusliche Streit kaum auszuhalten. Die junge Familie wohnt im Haus der Eltern des Mannes, ehemalige Bauern, die sich stets für ihre Herkunft schämen und diese doch nie verbergen können. Die angeblich zu dicke Frau stammt aus einer schlesischen Flüchtlingsfamilie, deren Wohlstand permanent Anlass zu Streit und Unterstellungen gibt. Die Mutter agiert paradox und nachvollziehbar zugleich, halst sich Care-Arbeiten auf, die als Ablasshandlungen lesbar sind, (fr)isst heimlich und unterläuft damit jegliche Abnehm-“Erfolge“. Zum Clou am Ende möchte man ihr applaudieren, und doch bleibt ein unbehagliches Gefühl, das nichts mit Schuldzuweisung zu tun hat: Die eigentlichen Themen des Romans sind Überforderung und das falsche Leben im Falschen. Die Rebellion der Mutter ist ihre scheinbare Unvernunft. Dröscher schreibt rückblickend aus Sicht des Kindes, fügt am Ende jedes Kapitels aber eine aktuelle Bestandsaufnahme ein: Gespräche mit der Mutter oder psychologisch motivierte Reflexionen. Dieses Stilmittel gibt dem Roman etwas Hyperreales und auch Hoffnung, denn die Mutter scheint sich aus Enge und Erwartungshaltungen befreit zu haben. Wie tief die Spuren sind, die dieses Familienleben bei der Tochter hinterlassen hat, lässt die Autorin cliffhangermäßig offen: „Denn längst schon hat auf einem anderen Platz, einer anderen Seite, ein neues Spiel begonnen. Und was für eines. Vater, Mutter und zwei Kinder. Meine eigene Familie. Aber das, das ist eine andere Geschichte.“ Man wünscht ihr Glück, und, um einen modischen Begriff zu bemühen, Resilienz.

Daniela Dröscher, “Lügen über meine Mutter”
(Kiepenheuer & Witsch, ISBN: 978-3-462-00199-0)

Große Lesereise ab 18.1.2023, Termine siehe kiwi-verlag.de

Julia Frieses Roman „MTTR“ ist in der Wahrnehmung so mancher Leser- und Kritiker:in hart und brutal – und ist doch eines der wichtigsten Bücher über Mutterschaft, die in letzter Zeit erschienen sind. Unwillkürlich liest man die Buchstaben des Titels als „MUTTER“, doch das Gehirn performt über. Das Kürzel MTTR steht für „Mean Time To Recover“, die der Computer nach einem Systemabsturz benötigt. Eine Erholungszeit, die Mütterkörpern nicht bedingungslos zugestanden wird, zählen Geburt und alle körperlichen und psychischen Anstrengungen davor und danach noch immer zu den größten Tabus der Gegenwart. Niemand will etwas von Kotze, Angst und Schmerz hören, wenn es um die wichtigste und schönste Sache der Welt, die eigentliche Berufung der Frau geht! Frieses Sprache ist drastisch, knapp und schnörkellos, das Verkürzte scheint so gar nicht der „freudigen Erwartung“ zu entsprechen, in der man sich als werdende Mutter zu befinden hat: „Mach dir keine Sorgen. Ich passe auf dich auf. Beschütze dich. Klöße. Hasenbraten. All das wirst du nie müssen. Meine Kotze hat Schlieren in die Toilette gemalt. Du wirst mich verlassen dürfen.“ So schreibt Musikjournalistin Friese über eine traumatisch verlaufende Essenseinladung bei den Eltern des werdenden Vaters Erk, Lebensgefährte von Erzählerin Teresa, keine Spur von heiler Welt in hellblau oder rosa. Die Eltern des Protagonistenpaares tragen die Verhärtungen und Forderungen der (Nach-)Kriegszeit in sich und geben sie an die nächste Generation weiter, ob sie wollen oder nicht. Die Eltern haben sich in ihren Deformierungen eingerichtet und halten diese für „normal“. Teresas Verhalten ist nicht normal. Oder doch? „Meine Schwelle zu Tränen ist niedriger. Sehr viel niedriger. Das ist normal, sagt die Gynäkologin. Ganz normal. Das erleben fast alle.“ Das stimmt, doch wenige reden darüber, jedenfalls nicht mit Frieses/Teresas Klarheit, die stets den Zweifel am eigenen Zustand/Umstand thematisiert. Die Mutter- bzw. Elternrolle muss jede:r neu für sich definieren, was denjenigen leichter fällt, die Gegebenheiten hinnehmen. Teresa will nichts hinnehmen, nicht das scheinbare Vorherbestimmtsein von Mutter-/Elternschaft, zu Beginn des Romans noch nicht einmal die Schwangerschaft. Den bereits vereinbarten Abtreibungstermin bricht sie ab. Der Start ins Leben voller Widersprüche, die Geburt als Alptraum und Moment der Erkenntnis: „Angst vor dem noch größeren Schmerz, dem Platzen der Ballonhülle, die ich bin, dass sie in Fetzen fliegt, aber mein Körper hat keine Angst. Er weiß, was zu tun ist – was die Aufgabe der Menschheit als Ganzes ist. Zerstörung, jetzt.“ So schonungslos hat noch niemand über Geburten geschrieben – Julia Friese gebührt größter Respekt dafür, dass sie es getan hat.

Julia Friese: “MTTR”
(Wallstein Verlag, ISBN 978-3-8353-5257-5)
Lesungen: Berlin, 26.1.2023,  Frankfurt, 31.1.2023, Potsdam, 8.2.2023,  Köln, 13.2.2023

Familien geben in Jean Staffords Stories meist kein gutes Bild ab. Oder gar keins, wie in „Ein Sommertag“, der Geschichte vom Waisenjungen Jim, der zwar mal (indigene) Eltern hatte, sich aber kaum an seine junge, am Wechselfieber gestorbene Mutter erinnern kann. Auch Vater und Großmutter sind tot, der Prediger des Ortes kümmert sich eine Weile um Jim, schickt ihn aber schließlich in ein kirchliches Heim. Von der Mutter ist Jim nur ein Paar roter Schuhe geblieben, an die er sich am Schluss der Geschichte schmiegt. Das ist traurig, aber immer noch hoffnungsspendender als das Setting der Titelstory des hier vorgestellten Buchs: Die einstmals wohlhabende Isobel Carpenter verbringt den Rest ihres Lebens im Armenhaus – um die restliche Familie zu demütigen. Geld und Unterstützungsangebote ihrer Cousins nimmt sie aus Trotz nicht an. Ehe sie sich derart erniedrigenden Wohltaten aussetzen würde, bleibt sie lieber in Gesellschaft verlassener und in jeder Hinsicht heruntergekommener alter Frauen. Ihre blinde Schlafsaalnachbarin singt den lieben langen Tag den höhnisch anmutenden

„Titelsong“ der Textsammlung: „Just remember this / Life is no abyss / Somewhere you’ll find the bluebird of happiness“. 
Die kalifornische Autorin und Pulitzer-Preisträgerin Jean Stafford (1915 – 1979) kannte sich mit dysfunktionalen Familien bestens aus: sie kam aus einer. Schon früh entdeckte Jean das Schreiben als Mittel, ihren drei streitsüchtigen Geschwistern und den zerstrittenen Eltern zu entkommen. Einsame, nachdenkliche, auf sich allein gestellte Kinder sind zeitlebens ihre Lieblingsprotagonist:innen, deren erratischen Spuren sie mit Interesse und Akribie nachgeht. Der Dörlemann Verlag hat nun elf von Staffords Stories aus den Jahren 1944 – 1978 wiederveröffentlicht, jede einzelne ein merkwürdiges Kind, das eine/n fortan begleiten wird.

Jean Stafford, “Das Leben ist kein Abgrund. Stories”
(Dörlemann, ISBN 978-3-038-20111-3, Deutsch von Adelheid und Jürgen Dormagen)

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