Record of the Week

Helen „Linda’s Head” (Kranky/Cargo)

Helen
„Linda’s Head”
(Kranky/Cargo)

Liz Harris‘ Musik als Grouper und Nivhek hat mich sowohl auf der Bühne als auch auf Alben schon lange in den Bann gezogen . Da konnte sie mitunter noch so griesgrämig wirken, was ja auch viele Musiker*innen mal mehr, mal weniger bewusst tun, die damit ihr Image anbieten. Egal wie sie es meinte, es geht um ihre Songs und Performances, und die bleiben mir v.a. auf dem leider beendeten „Madeiradig“-Festival in tränenrührender Erinnerung. Diese beiden Projekte von ihr sind sehr entrückt, intelligent und elektronisch, teilweise experimentell. Aber mit ihrer Band Helen wird mir klar, warum Harris‘ Klänge mich so tief berühren: Es schwingen nämlich ganz alte Synapsen in Sachen Shoegaze, Dream Pop und Post-Punk, eher die rumpelig-bitterschöne Variante wie frühe Mecca Normal, Come, Dave Kusworth/Nikki Sudden, Harry Crews, Spacemen 3, Thick Pigeon, frühe Primitives oder Lush als etwa die auch tollen, opulenteren Slowdive, Mazzy Star oder My Bloody Valentine, Low oder This Mortal Coil. Helen sind Harris, Scott Simmons (Bass, sonst auch The Lavender Flu, The Supreme Reality) und Jed Bindeman (Schlagzeug, sonst auch Eternal Tapestry und Co-Chef des Labels „Little Axe Records“).

Und stellt euch vor, sie sind nicht nur wundervoll glitzernd schrammelig, verstrahlt und krachig, sondern haben Humor, siehe das Pressefoto. Harris bleibt verwaschen, wird hier aber in eine Art schuheglotzend herumspringenden Indie-Jangle und Kiwi-Pop gezogen, mit gelegentlichen hochgeschwindigen Garagen-Ausbrüchen wie auf „Dead shark II“ (schreibt sich so). Irgendwie hatte ich das leiernde „Original Faces“-Debüt von Helen aus 2015 etwas vergessen , so sorry! Gleich mal auch wieder anhören. Ihr Zweitling ist nicht nur ähnlich low-fi und wie aus dem Nebenraum gespielt, sondern etwas fluffiger und einfach extraordinär herbstlich. Bei Dauerregen („…ist echt gut für die Natur“) zieht es komplett runter, weinen zu einer Minute „Faraway“ oder sechs Minuten „darkblue“ (auch bewusst so geschrieben). Ebenso anschließend auf „Starline“ und „endless Sky“ (auch so geschrieben) verblassenden Sonnenstrahlen („…der letzte Sonnentag“).

Es wird hier eher permanent kathartisch. „Canyon“ schließt den Kreis, alles hier ist indie und wirkt zeitlos, ich weiß nicht, ob ich im Blind Reviewing das Jahr 2026 geschätzt hätte. Sogar Joy Division lassen dunkel-reduziert grüßen. Eigentlich wollte ich immer mal einen ganzen Abend nur solche Musik vor Pathos, Sakralität und Emotionen, ohne gleich kitschig oder gruftig zu sein, auflegen mit dem Motto „Heulen hilft“. Grouper, Nivhek wären sowas von ausgewählt. Und Helen die einzige Uptempo-Version von Harris. Die Gesamt-Ästhetik von Helen reicht von den Schreibwiesen der Songtitel, den Titeln selbst, dem Cover, dem Promo-Bild bis zum Klang: Kathedralen voller Palimpseste voller Hall voller Melancholie voller Liebe.

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