Insolvenz & Pop – der Roundtable „Die soziale Mischung der Kulturbranche löst sich auf“

Insolvenz & Pop – der Roundtable
„Die soziale Mischung der Kulturbranche löst sich auf“
Zu Gast: Gudrun Gut, Laureen Kornemann, Christin Nichols, Anton Teichmann – Moderation: Thomas Venker, Linus Volkmann
Photos: Marisa Eul Bernal
Als das Kaput-Magazin 2015 als Webseite startet, sind wir uns selbst nicht ganz so sicher: was soll „Kaput“ eigentlich bedeuten? Überzeugt hat uns der Name dennoch, sein Sound und dieses Eckige haben einfach was. Weniger Rätsel umranken dagegen die Unterzeile: „Insolvenz & Pop“. Dieser Zweiklang beschreibt bis heute, worum es dem Magazin geht. Den Glamour, die Utopie aber eben auch die ökonomischen Rahmenbedingungen abbilden. Wie funktioniert ein Leben als Künstler:in im unwirtlichen Kapitalismus der Gegenwart? Diese Frage stellen wir hier nun vier sehr unterschiedlichen Protagonist:innen des Popbetriebs. Gibt es dort wirklich noch etwas zu holen – außer einem Rentenbescheid über 347 Euro monatlich?

Gudrun Gut
Say my name
Linus Volkmann (Kaput): Könnt ihr kurz sagen, wer ihr seid, was ihr macht, wie lange ihr schon im Pop-Betrieb tätig seid?
Gudrun Gut: Ich bin Gudrun Gut, seit den späten 70ern beziehungsweise frühen 80ern im PMusikbusiness tätig – mit Bands, Musikverlag, meinem Label und diversen Veröffentlichungen. Dieses Jahr schreibe ich mit Tim Ra ein Buch über mein Label Monika Enterprise und oceanclub. Wir haben viele Interviews geführt, hauptsächlich mit den Künstlerinnen. In der Vergangenheit zu wühlen, liegt mir eigentlich gar nicht, aber es wird, glaube ich, super.
Laureen Kornemann: Ich bin seit 15 Jahren in der Musikbranche tätig. Angefangen habe ich als Journalistin bei motor.de in Leipzig. Danach bin ich nach Berlin gezogen und habe bei Sinnbus angefangen, einem Label mit angeschlossenem Verlag. Mittlerweile bin ich dort Gesellschafterin. Bei uns veröffentlichen beziehungsweise veröffentlichten Acts wie Odd Beholder, Painting, Me And My Drummer, Hundreds oder Body Bill. Hauptberuflich bin ich beim VUT (Verband unabhängiger Musikunternehmer:innen) als Referentin für Öffentlichkeitsarbeit und Diversität angestellt. Ehrenamtlich organisiere ich noch Festivals wie das Immergut Festival und das alínæ lumr Festival in Storkow. Außerdem sitze ich in der Jury der Künstler:innenförderung der Initiative Musik.
Anton Teichmann: Ich bin ebenfalls seit etwa 15 Jahren in der Branche. Mein erster Job war übrigens .in Praktikum bei Sinnbus! Vor gut zehn Jahren habe ich mein eigenes Label gegründet: Mansions and Millions. Das Label spezialisiert sich auf Underground-Pop aus Berlin. Vor sechs Jahren kam die Management-Agentur A-Okay Management dazu. Große „Money Maker“ sind beide nicht. Das sind meine Hauptbeschäftigungen. Schön wäre es, wenn ich von beidem leben könnte; aktuell brauche ich aber noch Nebenjobs.
Christin Nichols: Ich bin Musikerin und seit etwa acht Jahren im Business. Ich habe zwei Solo-Alben veröffentlicht, mein drittes erscheint bald und heißt einfach „Christin Nichols: “. Darüber hinaus bin ich Schauspielerin, habe an der Ernst Busch studiert, am Berliner Ensemble und an der Volksbühne gespielt und drehe regelmäßig für ZDF und ARD, man kann mich zum Beispiel auch in der queeren Serie „All You Need“ auf Netflix sehen. Außerdem arbeite ich als Synchronsprecherin.

Anton Teichmann
347 EURO — Nebenjobs & Rente
Linus Volkmann (Kaput): Eine „softe“ Frage zu Beginn: Wie läuft es gerade mit der Kunst, wie ist eure Stimmung?
Gudrun Gut: Meine persönliche Stimmung ist gar nicht so entscheidend, aber die allgemeine Stimmung in der Musikbranche ist so weit am Boden, dass es eigentlich nur besser werden kann. Alle sind am Ende oder in irgendeiner Form verzweifelt. So etwas gab es schon mal, Ende der 90er, da wurde die eigentlich stattfindende Musik auch nirgendwo mehr abgebildet, gerade im Radio nicht. In der Folgen haben sich dann viele neuen Labels gegründet – und es ist plötzlich wieder unheimlich viel passiert, umheimlich viel möglich gewesen. Musik hat diese Kraft. Mein Gefühl ist, dass die nächsten Jahre super interessant werden.
Christin Nichols: Na, das würde ich mir wünschen.
Anton Teichmann: Meine Stimmung hängt stark vom Gemütszustand ab. Das letzte Jahr war total frustrierend. Ich arbeite Vollzeit an meinen Projekten und musste dann trotzdem einen Nebenjob anfangen. Das nervt. Ich bin der Meinung, dass die gesamte Ökonomie im Indie-Bereich komplett kaputt ist. Das System funktioniert nicht mehr. Dann gibt es aber immer wieder Momente – ein Sync-Deal kommt rein, oder ein Release läuft besser als gedacht –, die mir Hoffnung geben. Im Moment versuche ich vor allem, die Stärken auszuspielen, die KI nicht bieten kann: Konzerte veranstalten, Szenen abbilden, Community-Building.
Laureen Kornemann: Ich bin eigentlich ganz guter Dinge. Ich war am Wochenende auf dem „One of a Million“ Festival. Ich kannte fast niemanden im Line-up, aber am Ende dachte ich: Selbst wenn alles beschissen ist, haben wir immer noch die Musik. Sie findet ihre Leute. Die Menschen kommen und interessieren sich dafür, sie wollen Neues entdecken. Das hat mich positiv gestimmt. Wenn die Leute wissen, dass die Kuration gut ist, kommen sie, egal wer spielt. Auch wenn ich das natürlich auch schon anders erlebt habe. Aber die Festivals, auf denen man niemand kennt, sind doch die besten. Hier kannst du noch was entdecken.
Christin Nichols: Das kann ich total nachvollziehen, aber es gibt, wie du ja schon sagst, auch die andere Seite gerade. Touren werden abgesagt, selbst von „Household Names“. Die Livebranche ist längst nicht mehr so aufgestellt wie vielleicht noch vor der Pandemie. Selbst bin ich gerade aber trotzdem wieder ganz guten Mutes. Ich habe ein Album fertiggestellt und hatte das Privileg, durch Förderungen von beispielsweise der Initiative Musik Ressourcen zu haben.
Gudrun Gut: Als Musiker:in muss man heutzutage aber echt auch genügsam sein. Man steckt so viel Energie in ein Album und weiß: Es passiert vielleicht gar nichts damit.
Christin Nichols: Oh je! Was meinst du mit nichts?
Gudrun Gut: Man bekommt drei Interviews, verkauft 300 Platten. Man weiß nicht einmal, ob eine Tour stattfinden kann. Das ist kein richtiges Business mehr. Man muss es wirklich unbedingt wollen, sonst hält man das nicht durch.
Anton Teichmann: Früher wusste man: Wenn ich investiere, bekomme ich Aufmerksamkeit und etwas Geld zurück. Heute ist jedes Release wie würfeln. Manchmal entscheidet sich der Algorithmus für dich, manchmal nicht. Du kannst dir eine PR-Agentur ranholen und noch in Marketing investieren – und das Ergebnis, auf das du kommst, steht dann in keiner Relation mehr zu den Kosten.
Thomas Venker (Kaput): Gudrun war vor zehn Jahren die Erste, die Kaput in einem Interview über ihren Rentenbescheid berichtet hat. Damals hattest du eine Prognose von 350 Euro. Wieviel sind es geworden?
Gudrun Gut: 347 Euro!
Linus Volkmann: Bist du jetzt schon in Rente?
Gudrun Gut: Ich bin jetzt 68 und hatte eigentlich kein Interesse an Rente. Ich wollte noch warten, mit der Hoffnung, vielleicht wird es noch mehr. Aber eine Freundin sagte mir: „Mach es sofort! Haben oder nicht haben – mehr wird es nicht.“ Jetzt bekomme ich über die Künstlersozialkasse jeden Monat 347 Euro.
[Ungläubiges Gemurmel im Raum]
Gudrun Gut: Wieso, ist doch super, oder?
Thomas Venker: Ich sage den Künstler:innen, mit denen ich arbeite, immer: Gebt eure Beiträge für die KSK realistisch an. Es setzt sonst ein Bumerangeffekt ein. Da die KSK die Renteneinzahlung verdoppelt, macht es keinen Sinn, dort zu versuchen zu sparen.
Christin Nichols: Krass, dass selbst jemand wie du nur auf so einen Betrag kommt. Ich mache mir als Künstlerin natürlich auch Sorgen um die Rente, obwohl ich gefühlt acht Standbeine habe.
Gudrun Gut: Ich habe mir nie Gedanken darüber gemacht.
Christin Nichols: Aber selbst Leute, die heute relativ viel verdienen, sogar welche, die angestellt sind, bekommen am Ende oft nicht genug raus, um sich in Berlin eine Wohnung leisten und würdevoll leben zu können. Selbst bei 6000 Euro brutto kommt am Ende nicht viel rum, ich habe das zum Spaß mal durchgerechnet. [verschwörerisch] Hast du einen Tipp, Gudrun?
[Gelächter]
Gudrun Gut: Wir haben vor fast 20 Jahren ein Haus in der Uckermark gekauft. Damals stand dort alles leer, niemand wollte dorthin. Ich war allerdings schockverliebt, wollte unbedingt raus aus Berlin. Es war noch wahnsinnig günstig weil alles leer stand. Heute ist es auch da leider alles sehr teuer geworden.
Linus Volkmann: Du sagst das so entspannt, aber von dem Rentenbescheid, den du erwähnt hast, kann man doch gar nicht leben?
Gudrun Gut: Ich könnte damit keine 1000 Euro Miete zahlen, nein. Aber als Künstlerin habe auch noch GEMA- und Verlagseinnahmen – ich habe meinen eigenen Verlag. Es ist nicht die Welt, aber es geht.
Thomas Venker: Und du arbeitest einfach weiter?
Gudrun Gut: Ich arbeite weiter und ich mache das gerne. Dazu kommen Einladungen zu lukrativen Talks wie diesem hier [lacht]. Als Freiberuflerin hat man am Ende eh immer was zu tun.
Laureen Kornemann: Aktuell sollte man doch eh nur noch in Gold anlegen, oder?
Gudrun Gut: Ja, aber was denn! [Gelächter] Auf dem Land gibt man zumindest viel weniger Geld aus als in der Stadt. Wir haben noch die Wohnung in Berlin, und wenn ich dort bin, fließt das Geld nur so dahin. Auf dem Land kochen wir selbst, ich backe Brot. Man geht nicht für fünf Euro einen Kaffee trinken, man macht ihn zu Hause. Das ist ein totaler Unterschied.

Laureen Kornemann
Wer ist betrunken, wer ist nüchtern? – Streamingdemonetarisierung
Linus Volkmann: Dass Streaming zur vorherrschenden Art wurde, wie Musik gehört wird, war ein langer Prozess, der sich weit über zehn Jahre zog. Heute hat er sich aber komplett erfüllt. Wie ist eure Beziehung zum Streaming – und dem Branchenriesen Spotify?
Christin Nichols: Den größten „Gamble“ stellen für mich die Playlisten dar. Komme ich rein oder nicht? Bei Print und Presse habe ich noch einen Überblick, aber bei Playlisten weiß ich nicht: Wer lost da was aus? Wer ist betrunken, wer ist nüchtern? Bei manchem Song dachte ich, warum ist der jetzt auf keiner Playlist drauf, der ist doch so gut – und umgekehrt funktioniert es genauso, du hast ein Stück, bei dem du denkst „naja“ und das findet sich dann überall wieder. Man fühlt sich ohnmächtig und das ist ja das Gruselige an dem Beruf – diese ständige Abhängigkeit. Gleichzeitig ist es das Reizvolle, warum wir keinen Nine-to-Five-Job wollen: Weil eben doch immer noch etwas Unerwartetes passieren kann.
Anton Teichmann: Letztes Jahr hat mich einmal völlig fertig gemacht wegen der ganzen Streaming-Sache und speziell wegen Spotify. Ich war bei meinem Nebenjob und bekam eine E-Mail von meinem Vertrieb. Ich sollte Spotify zehn Euro Strafe pro Song zahlen wegen „Fraud Detection“. Ein Song von mir mit ein paar tausend Streams wurde demonetarisiert, weil mir vorgeworfen wurde, Streams gekauft zu haben.
Christin Nichols: Krass.
Anton Teichmann: Genau, da stehst du bei deinem Nebenjob und die Firma, die dir eigentlich Geld zahlen sollte für deinen Content, schickt dir eine Rechnung. Das ist absurd und man kann das nicht wirklich anfechten. Spotify hat sich da ein System ausgedacht, um den Leuten noch mehr Geld aus der Tasche zu ziehen. Ich habe meinem Vertrieb gesagt: Ich kann das nicht guten Gewissens zahlen, zumal es nicht stimmt.
Thomas Venker: Worum ging es da genau bei dem Vorwurf?
Anton Teichmann: Es gibt Playlisten, die von Bots erstellt werden. Damit die echt aussehen, packen die Bots auch „echte“ Songs rein. Spotify sieht: „Oh, der Song wird von Bots gestreamt“ und bestraft daraufhin den Künstler. Man kann damit sogar Leute sabotieren: Wenn ich jemanden nicht mag, kaufe ich ihm ein paar Bot-Streams, sein Song wird demonetarisiert, im Algorithmus runtergestuft und er muss auch noch Strafe zahlen. Ein geniales System, um neben den Marketing-Tools wie Showcase, Marquee und Discovery Mode noch mehr Geld abzugreifen.
Christin Nichols: Und was ist dann passiert?
Anton Teichmann: Ich musste zahlen. Der Vertrieb sagt: „Was willst du machen?“
Linus Volkmann: Man kann ja auch nirgendwo anrufen, man kommunziert bei diesen Unternehmen eben nur noch mit Bots.
Laureen Kornemann: Wir haben deinen Fall damals beim VUT auch aufgenommen. In unseren Papieren zur Verbesserung des Streamings fordern wir Änderungen, wir versuchen das zu lobbyieren, aber es ist sehr schwer, denn Spotify redet mit niemandem. Das Schlimme ist, dass sie die Kosten einfach an die kleinen Labels weiterreichen. Zehn Euro, völlig random. Dabei ist es doch ihre Plattform, die sie aufräumen müssen und von Bots befreien sollten.
Anton Teichmann: Ich bin jetzt auf jeden Fall jetzt bei Tidal, nach dieser Aktion mit den Strafzahlungen habe ich sofort mein Abo gekündigt. Das ganze System von Spotify ist so rigged.
Linus Volkmann: Wir wollen mit diesem Artikel ja keinen Aktivismus betreiben, aber …
Christin Nichols: … aber eigentlich doch! [lacht]
Linus Volkmann: Wir wollen aber auch nicht nur daneben stehen – zumindest sollten die Leser:innen gut hinschauen: welche Streamingplattformen wollen sie unterstützen und was bedeutet das für die Musiker:innen?
Thomas Venker: Ein unfairer Aspekt ist ja auch, dass die Berufe drum herum oft gut verdienen. Techniker:innen oder große Konzertveranstalter:innen können Inflationsausgleiche fordern. Bei kleinen Labels oder Künstlern gibt es das nicht. Da existieren keine Tarifverhandlungen. Bei Autor:innen auch nicht. Meine Honorare wurden teilweise seit der Euro-Umstellung nicht erhöht.
Anton Teichmann: Früher haben sich die Preise im Laden auch angepasst. Wenn die Presskosten steigen, wenn man den Leuten für PR, Artwork und Mastering mehr zahlen muss, sagt dir Spotify heute aber eben nicht: „Ja, alles wird teurer, also schütten wir mehr aus.“ Mit wem willst du da auch reden? Beim physischen Tonträger musste ich zuletzt meine Preise erhöhen, obwohl die Marge in Summe für mich weniger geworden ist, weil seit sechs Jahren die Pressung von Platten in den Kosten um ein Drittel gestiegen ist. Selbst dieser Hebel fehlt bei Spotify.
Gudrun Gut: Wer ist denn heute aber noch bei Spotify? Viele sind doch weg.
Linus Volkmann: In bewussten Bubbles ist das Geschäftsgebaren von Spotify sicherlich sehr präsent und viele haben da auch Konsequenzen gezogen, aber das darf man in der Summe nicht überschätzen.
Anton Teichmann: Wenn das Gespräch auf dieses Thema kommt, zeige ich gern meine DSPs …
Linus Volkmann: Deine was?
Anton Teichmann: Damit kann ich sehen, wie die Verteilung der Streams meines digitalen Katalogs auf welcher Plattform ist. [zeigt sein Handy] Hier kann man es sehr schön sehen … 92 Prozent meines Katalogs werden über Spotify gehört. Das ist eine Zahl, die mich rasend macht.
Thomas Venker: Das ist vor allem auch eine Zahl, bei der du deinen Künstler:innen nicht sagen kannst, „wir gehen da raus“.
Anton Teichmann: Genau, dann könnte ich gleich dichtmachen.
Laureen Kornemann: Alles wird teurer, nur das Spotify-Abo kaum. Aber dieser geringe Preis entwertet die Musik.
Anton Teichmann: Die könnten natürlich die Abopreise erhöhen und das auf die Acts auszahlen – als wenn sie das je machen würden. Außerdem dann haben sie Angst, dass die Leute einen höheren Preis nicht mehr mitgehen. Man bekommt jetzt ja schon mit, dass viele keine Lust mehr, diesen geringen monatlichen Betrag zu zahlen und die Piraterie wieder zunimmt.
Laureen Kornemann: Dieser geringe Abopreis hat ja auch etwas mit dem Wert von Musik gemacht.
Anton Teichmann: Auf jeden Fall. Aber als ich vor zehn Jahren mit meinem Label angefangen habe, da waren wir erstmal noch nicht etabliert genug, um physische Tonträger abzusetzen, ansonsten gab es nur Soundcloud, die haben eh gar nichts ausgeschüttet – und dann gab es noch digitale Downloads, das spielte auch überhaupt keine Rolle. Erst als dann Spotify aufkam, habe ich zum allerersten Mal Geld mit meinem Label verdient.

Christin Nichols
Festplatte kaputt, Website abstellt — Zurück zum Vinyl und an den Merchstand
Linus Volkmann: Wie ist euer Verhältnis zu physischen Tonträgern? Vinyl, CDs – ist das nur noch für Liebhaber oder noch ein valider Faktor?
Christin Nichols: Die, die sich für mich und meine Musik interessieren, kaufen tatsächlich noch Vinyl – und auch CDs. Beim letzten Album dachte ich, CDs braucht niemand, aber alle haben danach gefragt. Vinyl ist oft zu teuer geworden, also greifen die Leute wieder zur CD.
Linus Volkmann: Und da bleibt auch was hängen?
Christin Nichols: Ja, das ist nicht bloß für unter’s Sofa. Ich verkaufe die Auflage über die Zeit ab, sie werden auch bestellt – aber ich auch jemand, die freut sich, wenn bei einem Konzert acht Platten und fünf CDs verkauft werden. Von all dem kann ich nicht leben, aber es ist schön.
Linus Volkmann: Sind Tonträger heute nicht ohnehin eher Werbung? Dass man was zum Zeigen hat, was um auf Tour zu gehen, aber dass sich das eigentliche Geschäft, die Mehrheit des Musikhörens im Streaming abspielt.
Laureen Kornemann: Eine Vinyl ist heute schon eher ein Luxus- oder Merch-Item. Es macht deine Veröffentlichung trotzdem immer wertiger als einen rein digitalen Release.
Anton Teichmann: Heute ist die Vinyl das Luxusprodukt für diejenigen, die mehr wollen als nur den Stream. Aber da ich aus dem Punk komme, ist es für mich schon auch eine Frage, wer kann sich das noch leisten? Denn oft weisen die Preise Vinyl eben schon als Luxus aus. Für all die, die das Geld dann aber einfach nicht haben, machen wir Tapes, die sind günstiger.
Gudrun Gut: Das Ganze Digitale hat auch so eine Flüchtigkeit. Wir arbeiten jetzt an diesem Buch und dadurch dass es damals alles noch in physischer Form gab, sichten wir ganz viel Pressematerial. Da kam die Frage auf, sollen wir das jetzt wirklich alles scannen und dann … wegwerfen? Das will ich aber auch nicht.
Anton Teichmann: Bloß nicht wegschmeißen. Das ist gerade ja ein riesiges Problem: Digitale Archive verschwinden oft einfach, Festplatten gehen kaputt, Webseiten werden abgeschaltet. De:Bug ist weg, Spex und Intro sind weg.
Linus Volkmann: Ich wurde noch ausgelacht, als ich zur Hochzeit der Webseite intro.de alle Hefte weiterhin zuhause gesammelt habe. Und heute ist die Seite längst abgeschaltet, weil der ehemalige Herausgeber die Servergebühren und Wartung nicht mehr zahlen wollte. Über 25 Jahre Musikjournalismus, fast 300 Ausgaben voller Texte – alles weg.
Gudrun Gut: Ja das ist schlimm. Ich bin gar kein Sammlertyp, es muss doch nicht immer überall was rumliegen. Man kann doch auch mal was fortwerfen. Aber…
Anton Teichmann: Aber ist es nicht schön, einen Platz im Regal zu haben mit all deinen Veröffentlichungen? Das ist doch schöner anzusehen als ein Link im Internet. Hast du nicht so ein Fach bei dir für deine Platten?
Gudrun Gut: Ich habe einen ganzen Keller voll damit!
Christin Nichols: Ich besitze nichts von mir selbst. Keine CD, keine Platte.
Laureen Kornemann: Aber was ist, wenn Spotify irgendwann mal den Stecker zieht oder gezogen bekommt? Dann ist alles weg.
Linus Volkmann: Wie wichtig ist Streaming für euer Label, Laureen?
Laureen Kornemann: Leider sehr wichtig. Bei uns sieht die Verteilung dabei kaum anders aus als bei Anton. Spotify ist der mit Abstand größte Posten. Wir machen auch Platten, kleine Auflagen, aber der Hauptabsatz findet live am Merchtisch statt. Die zehn Minuten nach dem Konzert sind entscheidend.
Christin Nichols: Seit Tag Eins gehe ich sofort von der Bühne zum Merch, meistens mit einem Fanny Pack für das Geld und einer Bürste zum Frischmachen. Mir macht das total Spaß.
Gudrun Gut: Ich hasse es!
Christin Nichols: Ich bin dann noch in einer Euphorie, da bin ich noch nicht so vulnerabel. Wenn ich erst eine Stunde im Backstage war, müsste ich mich überwinden, überhaupt wieder rauszugehen.
Laureen Kornemann: Dann sind die Leute ja auch alle schon weg. Man muss den Moment nutzen, wo die Leute noch euphorisch von dem Konzert sind. Denn man kennt es ja von sich selbst, wenn man hinterher was bestellt und dann kommt ein Paket an, das ist ja kein Vergleich zu dieser direkten Begegnung nach einer guten Show.
Christin Nichols: Und natürlich muss die Show auch wirklich gut gewesen sein. Nach einer schlechten gehe ich sehr ungern an den Merch-Tisch.
[Gelächter]

GEMA, TikTok und Malaria
Gudrun Gut: Ich habe gerade eine Lizenzierung für Japan. Die wollen alle Malaria-Sachen auf CD wiederveröffentlichen. In Japan war die CD nie tot. Aber am Ende ist es ein Sammlermarkt, unheimlich viel von den physischen Verkäufen ist ein Collector’s Ding.
Thomas Venker: Du hast ja den Vorteil, dass du mit deiner Musik nicht auf den deutschen Markt beschränkt bist.
Gudrun Gut: Ja, das ist natürlich toll, dass ich an so vielen Orten mit meiner Musik stattgefunden habe – und noch immer stattfinde. Aber wirklich viel Geld bleibt dir auch vom internationalen Markt am Ende nicht. Daher bin ich froh, dass es die GEMA gibt und dass die die Gelder für die artists sammelt. Früher haben wir sie manchmal gehasst, aber sie ist die einzige konstante Einnahmequelle. Labels gehen pleite, aber die GEMA zahlt immer.
Laureen Kornemann: Das kann ich nur unterstreichen. Bei aller Kritik auch an sowas wie dem Verteilungsschlüssel, sind Verwertungsgesellschaften einfach essenziell. In Deutschland funktionieren sie, in anderen Ländern gibt es sie gar nicht.
Anton Teichmann: Die Kritik führt bei manchen Künstler:innen dann dazu, dass sie in keiner Verwertungsgesellschaft sind. Das kann auf keinen Fall die Alternative sein. Das Geld, das dir dadurch nicht ausgeschüttet wird, das nutzt ja keinem – das geht dann in seltsame Pools und wird an sonst wen verteilt. Ich muss oft Überzeugungsarbeit leisten: Meldet euch bei GEMA und GVL an! Das ist ein No-Brainer.
Gudrun Gut: Warum sollte man sich da nicht anmelden wollen?
Anton Teichmann: Nicht nur im Punk-Bereich galt das lange als uncool. „GEMA-frei“ war ein Slogan, gerade zu der Zeit, wo diese Auseinandersetzung mit YouTube lief und ganz viel Musik dort gesperrt war. Aber nicht in der GEMA zu sein ist dumm, man verschenkt buchstäblich Geld.
Laureen Kornemann: Das war damals ja auch nicht mal schlecht, dass sie sich gegen einen Multi wie YouTube gestellt haben mit allen Konsequenzen.
Anton Teichmann: Auf jeden Fall, man ist damals den Großkonzernen auf dem Leim gegangen, weil man deren Narrativ hinsichtlich der fehlenden Musikvideos übernommen hat.
Laureen Kornemann: Die GEMA hat jetzt auch gerade gegen eine große KI-Firma geklagt, die sind mittlerweile ziemlich „badass“.
Thomas Venker: Gudrun, bedeutet so ein Verwertungskatalog für dich eine Art Zweitrente? Oder ist das sehr in Wellen, mal mehr, dann auch mal wieder deutlich weniger?
Gudrun Gut: Da gibt es schon Schwankungen, aber letztlich ist es im Jahr doch gleich, es kommt regelmäßig was rein – und es ist ein bisschen mehr als meine staatliche Rente.
Anton Teichmann: Aber als in den 90ern über den Remix des Malaria-Songs „Kaltes klares Wasser“ nochmal der Bandkatalog so richtig hochgespült wurde, hast du schon ordentlich was verdient?
Gudrun Gut: Ja, „Chicks on Speed vs. Malaria“, das war ein Zufallserfolg aus dem Underground. Keiner wusste, wieso das jetzt so durch die Decke geht.
Anton Teichmann: Erzähl doch noch mal, das ist ja ein gutes Beispiel, weil es eigentlich genauso ist wie heute, wenn alle rätseln, warum ein Song plötzlich über TikTok ein Hit wird.
Gudrun Gut: DJ Hell sollte eigentlich den Remix machen, wurde aber nicht fertig. Also haben wir den Mix von Chicks on Speed und Barbara Morgenstern als 10-Inch rausgebracht. Der Vertrieb war dagegen, aber in den Clubs wurde es ein Hit. Plötzlich rief mich die Musikerin Chica Paula an und sagte, „Leg das auf, das geht was, das ist fett.“ Das habe ich gemacht – und du spürst es ja sofort, wenn die Leute plötzlich kollektiv denken „booahh“. Das war ein toller Moment.
Christin Nichols: Das Lied haben Jasna Fritzi Bauer und ich sogar bei unserer Abschlussprüfung an der Ernst Busch Schauspielschule benutzt!

Überall umsonst reinwollen, aber für einen Cocktail 15 Euro zahlen – wenn das System strukturell ungerecht ist
Linus Volkmann: Ich möchte noch mal auf einen weiteren Aspekt kommen. 2026 sind die Hörgewohnheiten ja ganz andere als früher. Vieles hat sich weg bewegt von einer solitären Albumveröffentlichung alle anderthalb Jahre, heute soll am liebsten jeden Monat eine Single kommen. Wie geht ihr damit um?
Christin Nichols: Ich finde das gar nicht schlecht. Ich habe viel Output und bringe gerne alle sechs bis acht Wochen einen Song raus. Am Ende kommt dann das Album.
Anton Teichmann: Wir machen das auch, um Pausen zu überbrücken. Aber das Album bleibt als Statement wichtig, besonders für Presse und Booking. In Genres wie HipHop reichen Singles, aber im Indie-Bereich geht die Reichweite erst mit dem Album richtig hoch.
Laureen Kornemann: Ein Track nach dem anderen ist wie ein Glücksspiel um Playlisten. Wenn man drin ist, entdecken die Leute vielleicht den ganzen Katalog.
Christin Nichols: Ja, und wenn es um die eigenen Sachen geht, die man liebt, dann ist es prima. Du kommst mit viel Output in Playlisten, es baut sich was auf. Wenn dich das Ganze nicht mental unter Druck setzt, würde ich jedem dazu raten, sich darauf einzulassen.
Laureen Kornemann: Ich glaube, viele Hörer:innen fahren heute ohnehin auch eine Doppelstrategie: Sie haben ein Streaming-Abo und kaufen zusätzlich Merch oder Platten ihrer Lieblingsacts.
Thomas Venker: Womit wir bei der Dualität aus Mikro- und Marko-Ökonomie wären. Die Leute kaufen zum Beispiel was bei bandcamp aus Respekt für ihre Lieblings-Acts – auch obwohl sie es eigentlich streamen könnten. Aber das funktioniert nur, solange die eigene Kaufkraft, die eigene Mikro-Ökonomie das zulässt. Wenn alles teurer wird, sparen die Leute zuerst bei solchen „Unterstützungskäufen“.
Anton Teichmann: In Berlin ist es mit Unterstützung nicht so weit her. Und dafür müssen die Leute gar nicht mal ökonomisch schlechter gestellt sein – im Gegenteil. „Bloß nichts zahlen, lieber auf die Gästeliste“, ist die Devise. Ich veranstalte selbst Konzerte und biete „subventionierte“ Tickets an – fünf Euro günstiger für Leute, die weniger haben und welche, die fünf Euro teurer sind für all jene, die es sich leisten können und die damit denen helfen, die nicht so viel Kohle für’s Ausgehen zur Verfügung haben. Die subventionierten Tickets waren sofort weg – gekauft von Leuten, von denen ich weiß, dass sie gute Jobs haben. Ich habe mich dazu schon mit Leuten aus Paris oder Kopenhagen ausgestauscht, die haben das Problem nicht, das ist ein Berliner Ding: Überall umsonst reinwollen, aber für einen Cocktail 15 Euro zahlen. Der Wert von Kultur ist im Arsch.
Christin Nichols: Wenn ich sehe, wie viele Freunde von mir gute Jobs haben und trotzdem nach Gästeliste fragen … ich sage dann immer: „Wenn du das Geld wirklich nicht hast, okay. Aber wenn doch, dann kauf ein Ticket. Das Geld geht doch direkt an die Band.“
Laureen Kornemann: Tristan Brusch macht das ja auch, weil er selbst eher aus ärmlichen Zusammenhängen kam und ihm daher das Thema Teilhabe wichtig ist. Bei ihm sehe ich, dass er bei seinen Konzertankündigungen immer schreibt, meldet euch bei mir per DM, wenn ihr es euch nicht leisten könnt. Wenn du das auch machst, Christin, möchte ich dann mal fragen, wenden sich die Leute dann auch an dich?
Christin Nichols: Nee, die können sich das dann plötzlich alle doch leisten…
Anton Teichmann: Ja, bei mir trauen sich das Leute eben, weil sie den Eindruck haben, das sei anonym. Da wird dann gespart, weil es natürlich leichter ist, sich einfach das günstige Ticket zu holen, anstatt eine Nachricht zu schreiben und zu begründen, dass man tatsächlich nicht so viel Geld hat – was bei den Leuten in diesem Fall aber eben auch gar nicht der Fall war. Aber man darf bei all dem auch nicht unterschätzen, dass eine große Stigmatisierung herrscht, wenn du wenig Kohle hast. Vielen ist es peinlich, runtergesetzte Artikel zu kaufen. Sich als Bürgergeld-Empfänger_in zu outen, ist nichts, was in dieser Gesellschaft leicht fiele. Die Leute sind ja auch nicht das Problem.
Christin Nichols: Das erlebe ich ähnlich. Die Leute, die bei mir auf die Liste wollen, könnten es sich alle eigentlich leisten, aber haben einfach Bock, auf Gästeliste. Mann, das sind 20 Euro für ein Ticket, da kaufst du dir zwei Schachteln Kippen von, wo ist das Problem, dass in eine Band zu investieren?
Gudrun Gut: Die Entourage verdient oft mehr als die Schöpfer. Der Künstler bekommt am Ende am wenigsten. Deshalb sind Honoraruntergrenzen so wichtig, wie sie jetzt bei Förderungen der Initiative Musik gefordert werden. Das ist wie ein Mindestlohn für Künstler.
Weil es uns wirklich gibt
Thomas Venker: Aber damit einher geht auch die damit verknüpfte Frage: wer kann sich dann noch eine fünfköpfige Band leisten? Wenn ich jedem einen fairen Satz zahlen muss, benötige ich ein riesiges Funding.
Christin Nichols: Die Kosten sind überall gestiegen. Wir sind mit meiner Band jetzt nur noch zu viert statt zu fünft, weil wir uns die fünfte Person auf Tour nicht mehr leisten können. Das bricht mir das Herz.
Anton Teichmann: Viele Acts, die man heute sieht, haben reiche Eltern. Wenn es heute ein Act mit fünfköpfiger Band aus Amerika zur ersten Platte nach Europa schafft, dann guckst du im Internet und siehst, dessen Eltern haben beide einen Wikipedia-Eintrag. Viele, die sich für Musik entscheiden, können auf ein Erbe hoffen. Nepo-Babies und reiche Erben gibt es in der Branche mehr, als man denkt. Die haben Immobilien und Anlagetipps für dich. Unser System ist strukturell ungerecht. Wer hat, dem wird gegeben. Wer wenig hat, kann nichts zurücklegen. Das ist ein großes Thema: Die soziale Mischung in der Branche löst sich auf.
Christin Nichols: Deshalb ist Zusammenhalt so wichtig. Geht auf die Shows, kauft das T-Shirt der Supportband, teilt die Links! Es geht ja nur gemeinsam.
Anton Teichmann: Wir müssen Kultur wieder wertschätzen. Und das Thema KI kommt jetzt noch obendrauf. Wir müssen unsere Stärke ausspielen: Dass wir echte Menschen sind. Echte Communities, echte Emotionen. KI kann vieles kopieren, aber nicht die echte Begegnung.
Christin Nichols: Ich bin neulich selbst auf einen KI-Song reingefallen, ich dachte immer, ich bin eine Schlaumaus – aber von wegen. Erst nach einer Weile habe ich gemerkt, dass das Pattern nicht stimmt. Es war mir total peinlich, aber wenn mir das passiert, wo ich mich ja quasi beruflich mit Musik beschäftige, wie soll das da jemand gehen, der einfach Hörer:in ist?
Anton Teichmann: Ich habe von einer Studie gelesen, dass die Mehrheit KI-Musik nicht mehr von menschlicher Musik unterscheiden kann. Ich war total unter Schock danach …
Laureen Kornemann: Das habe ich auch gelesen und mir ging es genauso. Einfach erstmal im Schock.
Anton Teichmann: Ich habe mich dann sofort hingesetzt und eine Rundmail an all meine Labelkünstler geschrieben: Die Zeiten, wo man sich irgendwie ausruhen und hoffen kann, dass das Schlimmste nicht passiert, die sind vorbei!
[Gelächter]
Linus Volkmann: Das sind diese berüchtigten Rundmails, die man nachts nicht so gern von seinem Plattenboss bekommt …
Anton Teichmann: Jetzt lasst mich doch mal ausreden. Ich habe danach gesagt, das ist für uns eine Chance, weil wir haben ja eine Stärke: Und zwar dass es uns wirklich gibt. Und diese Stärke müssen wir jetzt ausspielen. Klar, die werden in Zukunft alles Mögliche probieren, mit Avataren, mit Hologrammen auf der Bühne, so dass von Social Media über die Musik bis zur Liveshow wirklich gar nichts mehr echt ist, aber gleichzeitig wird es immer echte Menschen geben, die sich kennen, die sich kennenlernen wollen, die Communities bilden. Das müssen wir jetzt nach vorne bringen. Einfach nur alle paar Monate eine Single rausbringen und mal einen Post auf Instagram raushauen, das wird nicht mehr reichen.
Christin Nichols: Und wir müssen uns soweit zusammenfinden, dass klar ist, wir dürfen unsere Preise nicht selbst dumpen. Keine Shows mit fünf Leuten spielen ohne Anfahrt für 250 Euro. Das Angebot hatte ich letztes Jahr und wenn ich es nicht mache, macht es jemand anders. Und auch heute hatte ich schon wieder eine Anfrage im Postfach. Ich sage jetzt nicht von welcher Firma, aber sie ist fucking groß und da meinte jemand: „Ey, bald ist Frauentag, du bist doch so eine Powerfrau, dürfen wir deine Fotos umsonst für unsere Kampagne nutzen? Es ist für den Feminismus.“ Da werde ich wahnsinnig. Milliardenschwere Firmen wollen „Feminismus“ feiern, indem sie Künstlerinnen nicht bezahlen – und ich weiß, irgendwer steigt selbst darauf noch ein. Aber sowas geht einfach nicht mehr, das muss sich durchsetzen.
„Ich hatte so ein gutes Abi, warum mache ich diesen Bums hier?“
Thomas Venker: Habt ihr über Vorsorge nachgedacht? Oder ist das eine reine Luxusfrage?
Gudrun Gut: Ich bekomme ja schon Rente. Aber Kranksein ist zum Beispiel ein Riesenproblem. Letztes Jahr musste ich ein Konzert wegen Fieber absagen und die Gage zurückzahlen. Man schleppt sich oft krank auf die Bühne, weil man das Geld braucht.
Christin Nichols: Ich gebe immer brav meine korrekten Einkünfte bei der KSK an. Ich bin teilweise durch Drehs fest angestellt und zahle in die Pensionskasse. Außerdem teile ich mir die Fixkosten mit meinem Mann, das hilft enorm.
Thomas Venker: Zum Abschluss: Bereut ihr euren Lebensweg manchmal?
Anton Teichmann: Ich kann nichts anderes. Ich will das machen.
Christin Nichols: Es schwankt. Es gibt Tage, da denke ich: „Ich hatte so ein gutes Abi, warum mache ich diesen Bums hier? Warum bin ich falsch abgebogen?“ Aber dann gibt es die Momente, in denen ich weiß: „Das ist mein Herz, das liebe ich.2 Aber jungen Leuten rate ich oft ab: „Don’t do it.“ Es ist ein sehr harter Weg!
Gudrun Gut: Ich hätte einen Nine-to-Five-Job im Büro vielleicht doch gar nicht mal so schlecht gefunden, zumindest jetzt, wo ich die andere Seite kenne … [lacht]
Danke, und gute Nacht.

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