Critics

Das Vermächtnis Martin Büssers: „Lazy Confesssions“

Martin Büsser
„Lazy Confessions“
Ventil Verlag, Mainz, 352 Seiten

Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Im Jahr 2010 hatte die deutsche Öffentlichkeit von NSU-Morden noch nichts gehört, der deutsche Bundespräsident hieß Horst Köhler, der Arabische Frühling und die mit ihm verbundenen Hoffnungen auf ein neues Zeitalter der Demokratie waren noch Zukunftsmusik und nicht zuletzt waren „wir“ dank Benedikt noch Papst. Wer kühn genug war, das Radio einzuschalten, konnte landauf, landab Shakiras „Waka Waka“ hören oder „Satelite“ von Lena, und im Kino liefen in jenem Jahr „Black Swan“ und „Inception“. All das verdeutlicht, wie lang zehn Jahre mitunter sein können 

Ebenfalls im Jahr 2010 endete das Leben von Martin Büsser, Autor und Mitbegründer des Mainzer Ventil Verlages. Er erlag im Alter von 42 Jahren einer Krebserkrankung. Doch im Gegensatz zu den vorher genannten Ereignissen und Gegebenheiten war das nicht ein mal eine kleine Randnotiz in einer durchschnittlichen deutschen Tageszeitung wert und doch hatte es für viele jener, die Büssers
Texte in den vergangenen Jahren genauer studiert hatten, durchaus einschneidenden Charakter. Büsser war ein getriebener, heimatloser Theoretiker – heimatlos insofern, als dass er Punk und Hochkultur gleichermaßen liebte und verabscheute. „Nestbeschmutzer“ hat er sich selbst ein mal in einem seiner Texte genannt, in dem er dem zeitgenössischen Punk zurecht vorhielt, in Posen erstarrt zu sein.

Zehn Jahre sind eine lange Zeit, und doch: Wenn man Büssers Texte heute liest, beschleicht einen das Gefühl, dass zehn Jahre dann doch wieder gar nicht so viel sind – als würden es seine Texte schaffen, die Zeit für einen kurzen Moment anzuhalten, Struktur in das Chaos zu bringen und Unverständliches verständlich zu machen, ohne dabei Einfachheit zu suggerieren. Oder anders gesagt: Büssers aufgeworfene Fragen waren abstrakt genug, um auch zehn Jahre später noch relevant zu sein, und konkret genug, um nicht in den Verdacht intellektueller Selbstbespaßung zu geraten.
Dass seine Texte, die er ab Anfang der 90er Jahre bis zu seinem Tod in verschiedensten Kontexten veröffentlicht hat, auch heute noch von Relevanz sind, war in den vergangenen Jahren für Büssers Weggefährten und Kollegen Jonas Engelmann Grund genug, als Nachlassverwalter auf Spurensuche zu gehen und seine Texte in mehreren Sammelbänden neu zu veröffentlichen. „Lazy Confessions“ heißt der nun vierte Sammelband mit Texten von Büsser, den Engelmann posthum veröffentlicht hat, und er vereint Texte aus den Bereichen Musik, Kunst, und Literatur.

So weit, so gut, so bekannt. Doch am Ende geht es bei Büsser natürlich immer um die Frage nach Grenzverschiebungen, Irritationen und Dekonstruktion. Die Pose war ihm ein Graus, denn sie war für ihn stets Ausdruck von Erstarrung, und nur ständige Bewegung bot ihm zufolge das Potenzial, Verkrustungen aufzubrechen und Neues, Utopisches zum Vorschein zu bringen. Mit den Zeilen „Bitte oszillieren sie/ Zwischen den Polen/ Bums und Bi“, haben Tocotronic diese Geisteshaltung mal zum Ausdruck gebracht. Insofern war das Schreiben über Kultur für ihn im weitesten Sinne immer auch ein Schreiben über Politik, auch wenn ihm (explizit) politische Kunst zuwider war.

Martin Büsser hatte einen hohen Anspruch an künstlerischen Ausdruck jeglicher Art und scheute sich (und das macht ihn im Kontext der Poptheorie so besonders!) auch nicht davor, Säulenheilige von ihrem Sockel zu schlagen, sofern er dies aus dem Blickwinkel seiner Kulturkritik für angebracht hielt. Andererseits liebte er auch die ganz einfache, profane Rockmusik, wie beispielsweise ein Text über Pavement aus dem Jahr 1992 verdeutlicht. Nicht die Profanität als solche stellte also ein Problem für ihn dar, sondern nur dann, wenn sie mit der weitverbreiteten Pose einherging, etwas außergewöhnlich Exquisites zu sein. „Der Unterschied zwischen uns Musikdeppen und Briefmarkensammlern ist ja der, dass kein Briefmarkensammler auf die Idee käme, seine Leidenschaft würde die Welt verändern oder ihr von Nutzen sein“, schrieb er auf dem Höhepunkt des Grungehypes – in einer Zeit, in der Nirvana-Fans glaubten, härter, besonderer und cooler zu sein als die Fans von anderer durchschnittlicher Popmusik. Manchmal erschrickt man fast im Angesicht der Klarheit, mit der er so manchen persönlichen „Liebling“ zerrissen hat (wie im Jahr 1992 Die Sterne und ihre damals frisch erschienene EP „Fickt das System“) und dann offenbart sich im nächsten Moment wieder die überaus  sympathische Seite an Büsser, der nichts so sehr liebte wie Entwaffnung und Naivität. Das erklärt seine Affinität zu einem Schriftsteller wie Ronald M. Schernikau, der kitschigen Schlager eben so sehr liebte wie den real existierenden Sozialismus, Marilyn Monroe ebenso so wie Heiner Müller. „ich glaube nicht, dass man recht haben muss“, schrieb Schernikau einst im Angesicht des Versuchs, die Welt über Worte zu ändern.

Nein, Worte können die Welt wohl nicht ändern, aber sehr wohl die Art zu denken. Martin Büsser hat das mit seinen Texten geschafft, und das ist ein Grund, „Lazy Confessions“ ebenso wie seine
zahlreichen anderen Bücher zu lesen.
Text: Luca Glenzer

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