„Monarchie und Alltag. Ein Fehlfarben-Songcomic“

„Monarchie und Alltag“ – Das sind Geschichten und sie sind illustriert


Das Debütalbum der Fehlfarben ist über vierzig Jahre alt und hat Musikgeschichte geschrieben. Nun ist ein Comic-Band über „Monarchie und Alltag“ erschienen. Jeder der elf Comics widmet sich einem Song der Platte. Der Ventil Verlag hat zuletzt zwei Comic-Bände über Tocotronic und Stereo Total veröffentlicht. Die in Frankreich schon bekanntere Kombination Comic und Musik erfreut sich jetzt auch hier großer Beliebtheit. Während die bisherigen Bände diverse Songs aus der Diskographie von Stereo Total und Tocotronic bebilderten, entschied man sich beim neuen Comic-Band über die Fehlfarben gezielt für ein Album.
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Philipp Kressmann sprach mit Jonas Engelmann, einem der zwei Herausgeber des Bands, sowie mit der beteiligten Zeichnerin Tine Fetz.

 


Die Songtexte der Fehlfarben sind oft Beschreibungen der damaligen BRD-Gegenwart. Aber manche Songzeilen sind in ihrer Ambivalenz offen für neue Kontexte. War das der Grund, dass auch Zeichner:innen beteiligt sind, die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung noch gar nicht geboren waren? Andere wiederum haben die ersten Konzerte gesehen. Habt ihr euch so unterschiedliche Ansätze versprochen?

Jonas Engelmann: Die Idee war schon auch, verschiedene Generationen auf die Platte gucken zu lassen. Die einen waren tatsächlich dabei und kennen vielleicht auch dieses Gefühl. Ich bin Ende der Siebziger geboren und habe – obwohl ich da Kind war – noch so eine Restahnung von diesem Gefühl der Achtziger Jahre. Dieses leicht Apokalyptische, dieses irgendwie Bedrohliche, aber auch dieses eine Freiheit in sich Tragende, was ja auch in diesen Texten vorkommt – eine komische Ambivalenz. Aber die anderen, die Ende der Achtziger oder erst in den Neuzigern geboren sind, kennen diese persönliche Involviertheit gar nicht. Es sind ja auch junge Zeichner dabei, sie haben darauf einen anderen Blick. Ich fand es spannend zu schauen, ob die Songtexte auch für die Gegenwart noch etwas aussagen. Oder ob man in der Gegenwart als Zeichner, der diesen historischen Hintergrund nicht hat, trotzdem etwas mit den Texten anfangen kann. Es ist ja offensichtlich so, dass die Texte recht zeitlos sind, obwohl sie Zeitkommentare waren.

Der Band enthält auch Liner-Notes, unter anderem von Peter Hein. Wie hat die Band die Idee für den Comic-Band denn aufgenommen?

Zuerst ein bisschen ambivalent, im Sinne von: „Schon wieder dieses eine Album?“ Das ist ja etwas, was für eine Band durchaus auch ein Problem sein kann, dass man mit einem Album verbunden wird. Vor allem für eine Band, die es in der Gegenwart noch und mit Peter Hein auch wieder gibt: Der will natürlich nicht nur in den Rückspiegel gucken, sondern auch als gegenwärtiger Künstler wahrgenommen werden. Aber letzten Endes fanden wir es dann trotzdem eine gute Idee, zudem bei der Band eine gewisse Comic-Affinität vorhanden ist. Die Kombination Comic und Musik ist nicht weit draußen gewesen für sie. Und das Ergebnis fanden sie gut – auch wenn die Liner Notes manchmal etwas grummelig daherkommen. Aber das wiederum ist ja auch typisch Peter Hein: Es gehört zu so einer Künstler-Persona, dass er eine gewisse Abwehrhaltung gegen alles Mögliche hat, – auch gegen die Verwertung seiner eigenen Künstler-Biographie, was der Comic letztendlich auch ist. Es passt gut zusammen, dass er da eine gewisse Reibung reinbringt.

Das soll nun nicht nostalgisch klingen, aber das Album ist mittlerweile – auch technisch bedingt – ein Format, das nicht mehr so konsumiert wird wie früher. Schon bei dem Comic-Band über Tocotronic fiel mir aber auf, dass bestimmte Motive sichtbar wurden, obwohl mehrere Zeichner:innen beteiligt waren. Ist das nicht ein Potential von Comic-Bänden über Musik, solche roten Fäden darzustellen?

Letztendlich stimmt das. Wenn man sich dann den Comic durchblättert, sieht man durchaus, dass sich bestimmte Motive immer wieder finden und sich bestimmte Bilder in verschiedenen Formen immer wieder neu zusammensetzen. Man sieht, dass ein Album ein Konzept hat und dass es nicht beliebig ist, in welcher Reihenfolge die Songs erscheinen – wie zum Beispiel, dass „Paul ist tot“ als letzter Song kommt. Das sind alles bewusste Entscheidungen. Das holt man wieder an die Oberfläche, wenn man das Album als Comic umsetzt. Frank Witzel hat etwa einen sehr sperrigen und auch recht umfangreichen Beitrag gemacht. Mit dem steigt man sozusagen ein. Das fand ich schön, dass der erste Comic gleich ein Beitrag ist, der einen nicht sofort abholt. Denn das Album funktioniert ja auch nicht so. „Monarchie und Alltag“ will ja auch ein wenig sperrig sein und dagegen halten. Der Comic fängt nicht nostalgisch mit einem schönen Comic über die Achtziger Jahre an, sondern mit einem eher spröden Beitrag, wo man erstmal gefordert wird. Das überträgt die Idee des Albums auf den Comic.

Comic-Experte Jonas Engelmann verweist auf eine Parallele zwischen Songs und Comics: Songs bestehen aus Text und Musik, Comics wiederum aus Text und Bildern. Es seien im Gegensatz zu reinem Text also zwei Ebenen, die sich gegenseitig beeinflussen. Die Musik erzeugt zum Beispiel Stimmungen, die den Songtext tragen oder im Widerspruch zu den lyrics stehen. Solche Widersprüche können auch Comics generieren, die eine Geschichte zwangsläufig anders erzählen müssen als Journalist:innen. Die Zeichner:innen standen bei diesem Projekt vor der Wahl, ob und wie weit sie die Metaphern eines Songs wörtlich nehmen. Gerade „Monarchie und Alltag“ ist für ein Musik-Comic-Projekt ideal, denn das Album besteht aus starken Metaphern und Bildern. Das fangen die Comics gekonnt ein:
Anke Kuhl hat sich etwa „Das sind Geschichten“ für ihren Comic vorgenommen. Hier sieht man zwei androgyne Wesen, jeweils mit Tier- und Gespensterelementen, vor einem Telefon und in einer Regionalbahn. Das Songthema Scheitern zwischenmenschlicher Kommunikation wird hier perfekt eingefangen.

Ein weiteres Highlight: In Karolina Chyzewskas Comic zum Song „Apokalypse“ geht es um Konsumkritik und einen karrieristischen Hund, der in einem Sportauto über eine Protestbewegung fliegt. Songzeilen wie „Was übrig bleibt, wird Entwicklungshilfe genannt“ oder „Ernstfall, es ist schon längst soweit “ wirken mit Blick auf den menschengemachten Klimawandel unvermindert aktuell, eben wie aus dem Hier und Jetzt 2022. Andreas Michalke verfolgt hingegen eher einen dokumentativen Ansatz, er illustriert „Das war vor Jahren“. Seine realistisch und aufwendig gezeichneten Figuren tanzen euphorisch im Ratinger Hof, jenem legendären Ort in Düsseldorf, der die Punk-Szene sowie die Fehlfarben prägte.

Tine Fetz

Zum Song „Angst“ gibt es detailreiche Schwarz-Weiß-Zeichnungen von der Comic-Zeichnerin und Illustratorin Tine Fetz. Sie veröffentlichte unter anderem schon in der Süddeutschen Zeitung und im Missy Magazine. Auch für den Band über Tocotronic hat sie einen Song-Comic gezeichnet, der die Langeweile in westdeutschen Städten einfängt. Der Song „Angst“ erzählt aber eine andere Geschichte: Fehlfarben-Gitarrist Thomas Schwebel erinnert sich in den Liner Notes an „Paranoia in der Großstadt“ und „eine aggressive Grundstimmung“. Beim Themenkomplex Paranoia denkt man heute wohl auch an gefährliche Verschwörungsmythen und Impfgegner:innen, die seit der Pandemie im Umlauf sind. Doch konkret zum Comic, wie hat Fetz „Angst“ umgesetzt? Zeit und Ort bleiben unbekannt, die Kulisse ist eine Stadt ohne Ortsschild. Handys gibt es schon, anfangs sieht man einen Imbiss mit Döner Kebab (was auf den Song „Militürk“ anspielen könnte, der im geteilten Berlin spielt). Wie manche Songs der Fehlfarben entzieht sich dieser spannende Comic jedoch einer finalen Auflösung. In unheimlicher Szenerie begegnen wir „lauter vereinzelten Personen“ mit zum Teil paranoiden Zügen. Die meisten Ängste der Figuren wirken irrational, andere aber auch nachvollziehbar: Ein Panel zeigt eine Frau, die in der Dunkelheit von einem Mann beobachtet wird und Angst hat.

Du bist 1984 geboren, das Debütalbum der Fehlfarben erschien 1980. Was sind Deine Berührungspunkte mit der Band?

Tine Fetz: Es gibt da keinen besonderen Moment, an den ich mich erinnere. Aber ich bin auf jeden Fall irgendwann so mit Anfang zwanzig auf das Buch und den Sampler von „Verschwende Deine Jugend“ aufmerksam geworden. Ich kannte sie schon vorher. Aber dann habe ich die Band sehr viel gehört, vor allem „Monarchie und Alltag“. Das fand ich großartig. Das Album ist gut gealtert!

Du hast einen Comic zum Song „Angst“ gemalt. Hast Du Dir den selbst ausgesucht?

Es war so, dass ich mit dem Auswählen relativ spät dran war. Mein Favorit war nicht mehr übrig. Aber ich fand „Angst“ dann tatsächlich sehr passend. Der Song spricht zu mir.

In „Angst“ heißt es: „Angst, junge Frau, um diese Zeit allein im Dunkeln zu stehen?“. In einem Panel Deines Comics sieht man eine geballte Hand mit einem Schlüsselbund, eine Frau ist unterwegs. Gibt es bestimmte Songzeilen und Szenen im Song, die Dir besonders gegenwärtig erscheinen?

Ich finde, der Song hat auf jeden Fall etwas total Paranoides, etwas übertrieben Ängstliches. Das ist auf jeden Fall immer noch da oder ist in den letzten zwei Jahren bei uns angekommen oder wieder aktiviert. Aber natürlich gibt es ja auch Gefahren. Das verschwimmt so bei mir: Alle sind so ein bisschen durchgeknallt und machen komische Sachen in ihrer Paranoia. Aber ein Stück weit ist es eben auch gerechtfertigt. Das soll im Comic ein wenig hin und her gehen.

Manchmal kann Angst ja auch vernünftig sein. Du schreibst im Vorwort zu Deinem Comic aber auch, dass die Paranoia heute mehr Internet und weniger Saxophon hat. Mit Angst kann man Politik machen. Ist es diese Ambivalenz, die Du meinst?

Ja. Ich glaube schon, dass Angst gerade auch sehr stark instrumentalisiert wird. Und so angebracht sie in manchen Bereichen vielleicht ist, ich finde das momentan echt extrem. Ich merke das auch an mir, dass ich teilweise paranoid werde. Wenn ich dann rauszoome, denke ich mir: Was ist hier eigentlich los? Ich glaube, das sollte auch mit in den Comic rein.

Es gibt ein Panel im Comic, wo man ein Handy im Kühlschrank sieht. Da habe ich an die NSA gedacht, Edward Snowden hat das mal empfohlen. Wie ergeben sich solche Assoziationen? Kam das spontan oder hast du länger über die Bebilderung vom Songtext nachgedacht?

Die Grundstruktur, dass der Songtext ganz viele verschiedene Szenen durchwandert und unterschiedliche Menschen diesen Song durchleben, stand schon relativ früh. Die Details haben sich im Machen entwickelt, wie etwa das Handy im Kühlschrank. Ich weiß nicht, ob man das mit Alufolie abgeklebte Fenster erkennt – das gibt es im Comic jedenfalls auch.

Ich finde, Dein Beitrag hat auch eine surreale Note. Man kann im Alltag das Unheimliche wiederfinden. Wie würdest du es selbst beschreiben?

Ich habe mich von dem Ansatz verabschiedet, das realistisch darstellen zu wollen. Ich wollte zumindest versuchen, ein Gefühl auszulösen, dass man beim Anschauen denkt: „Häh, was ist hier los?“ Es sollte ein wenig verstörend sein. Zum Beispiel dieser Typ auf dem Baum: Den fand ich auch persönlich am unheimlichsten. Und diese ganze Szenerie: Man weiß nicht, wo man sich befindet. Es war schon Absicht, dass das verwirrend wirkt.

Du malst sehr oft schwarz-weiß. Wieso?

Es ist praktisch, es geht schnell. Ich finde es vor allem ästhetisch, weil es kontrastreich ist. Diese Klarheit mag ich daran. Ich experimentiere aber in letzter Zeit auch immer öfter mit Farben und Grautönen.

Was glaubst Du als Zeichnerin: Was kann ein Comic anders oder vielleicht sogar besser über Musik ausdrücken als zum Beispiel eine persönliche Anekdote oder ein musikjournalistischer Text?

Gute Frage. Das finde ich ganz schwer, zu beantworten. Ein Song besteht aus Text und Musik. Beim Text geht das relativ leicht, aber die Musik im Comic auszudrücken, das ist schon eher tricky. Ich weiß gar nicht, ob das geht. Eigentlich denke ich immer, dass jedes Medium für sich schon genug und gerechtfertigt ist. Comics zu Songs oder Gedichten sind Neuinterpretationen, die vielleicht ganz spannend sind…

Ein ausführliche Besprechung des Comic von Luca Glenzer findet sich ebenfalls auf Kaput. 

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