Record of the Week

The Lemon Twigs „Look For Your Mind!“

The Lemon Twigs  „Look For Your Mind!“  (Captures Tracks) 

 

Text: Marcus Can’t Dane

 

Hey, wisst ihr, wer eine gute Band ist? Die Beatles. Ich weiß: Stoppt die Druckmaschinen, Eilmeldung, weißer Mann Mitte 30 hat eine Meinung zu den Beatles. Aber jetzt festhalten, jetzt wird’s wild — wisst ihr, was ein gutes Album ist? „Pet Sounds“ von den Beach Boys. Ich spüre regelrecht, wie eure Synapsen unter der Wucht dieser brandheißen Erkenntnis kollabieren. Eine Review mit derart wagemutigem Hot-Take-Geballer zu eröffnen — das traut sich heute ja kaum noch jemand.

Ich muss es einmal klarmachen: Wer keinen Bezug zu den Pop-Rock-Größen der 1960er hat, braucht hier gar nicht erst weiterzulesen. Das Album, das ich hier bespreche, bedingt zumindest eine vorhandene Wertschätzung für die beiden großen Bands mit B. Wir haben es hier auch nicht mit Acts wie Oasis zu tun, denen man ja gerne mal eine allzu große Nähe zu den Fab Four unterstellt, deren Einflüsse aber unter anderem auch Punkrock und Rave zulassen. Oder mit einer Band, die — analog zu etwa Amy Winehouse — eine in die Jahre gekommene Ästhetik durch originäre Handschrift in ein neues Jahrtausend überführt. Nein: Alles, was die Lemon Twigs mittlerweile produzieren, hätte genauso schon 1973 erscheinen können — und neben „Dark Side Of The Moon“ ziemlich retro geklungen. Will sagen: Wer Musik sucht, die am Puls der Zeit ist oder spannende neue Klänge erwartet — auf dieser Webseite stehen noch viele andere schöne Artikel. Lest die doch.

So, liebe Freund:innen der gut gemachten Retro-Popmusik, wir sind unter uns. Und jetzt kann ich es endlich sagen: Wie schön, dass es die Lemon Twigs gibt. Die beiden D’Addario-Brüder, Söhne eines New Yorker Songwriters, gehören unter Menschen, die psychedelische Popmusik schätzen, schon länger zum Kreis der Großen. Als vor mittlerweile zehn Jahren ihr Debüt „Do Hollywood“ erschien, auf dem sich mit dem unwiderstehlichen „I Wanna Prove To You“ einer der schönsten Songs der 2010er findet, war ich sofort schockverliebt. Die Twigs passten damals auch sehr schön in den Zeitgeist, fügten sie doch dem sich schon in der Auslaufrille befindlichen Popsych-Revival um Tame Impala, Temples und ihre Entdecker Foxygen eine virtuose Progressivität hinzu.
Danach erschienen einige solide, sehr viel 70s-Glam versprühende Alben, bis sich 2023 der Sound der Band grundlegend veränderte: Auf ihrem vierten Studioalbum „Everything Harmony“ bekam die immer schon bestehende Melodieseligkeit plötzlich diese sanfte 60s-Schlagseite. Ihre bis dahin progressive Kantigkeit wich seidigen, rührenden Arrangements, ganz klar von Weyes Bloods vier Jahre zuvor erschienenem Neo-Baroque-Meilenstein „Titanic Rising“ informiert — an dem die beiden auch mitgearbeitet haben. Es sei nebenbei erwähnt, dass ich sowohl „Titanic Rising“ als auch „Everything Harmony“ für zwei der besten Alben aller Zeiten halte. Die Songwriting-Klasse auf dieser Platte sucht für mich in diesem Jahrzehnt ihresgleichen. Track für Track liefern die D’Addarios Hit um Hit und gehen dabei so erfahren wie ambitioniert zu Werke.

Umso überraschender war es dann, als bereits ein Jahr später, an Neujahr 2024, das fantastisch treibende „My Golden Years“ ein neues Album fürs folgende Frühjahr ankündigte. Ihr fünftes Album „A Dream Is All We Know“ war wiederum toll und enthielt einige ihrer besten Songs. Und doch sah sich die Band plötzlich zum ersten Mal Kritik ausgesetzt: Der Vorwurf der Pastiche steht seither im Raum. Tatsächlich wirkte es bisweilen so, als würden sich die Brüder mehr und mehr an Beatles und Beach Boys orientieren — „In The Eyes Of The Girl“ könnte man auch locker unauffällig auf „Summer Days (And Summer Nights!!)“ platzieren, dem letzten Studioalbum vor „Pet Sounds“.

2025 war dann ein Jahr ohne neues Lemon-Twigs-Album. Brian D’Addarios Solo-Debüt (sehr folkig), ein von den Brüdern produziertes Album ihres Vaters und zwei Standalone-Singles (insbesondere „I’ve Got A Broken Heart“ war super, aber eben auch wieder sehr beatlesk) sowie unermüdliches Touren warfen aber durchaus die Frage auf, wie diese Band ihr brutales Arbeitspensum eigentlich aufrechterhalten — und dabei noch hochwertige Musik produzieren — soll.
Und so packte mich vor dem Erscheinen der ersten Single „I Just Can’t Get Over Losing You“ der Zynismus: „Das kann doch unmöglich schon wieder gut werden“, dachte ich. „Die schon wieder mit ihren Akkorden und Harmonien — diesmal werden sie mich nicht um den Finger wickeln. Nein, DIESMAL werde ich dem beatlesken Charme dieser Band nicht erliegen. Das ist hier alles nur zusammengeklaubte 60s-Pastiche. So!“
Ich drückte schlecht gelaunt auf Play und grummelte genau 14 Sekunden lang vor mich hin, bis dieser unverschämt kitschige B-Teil sich emporhob und einen achtfachen Rickenbacker-Rittberger in mein Herz machte. Und schon wieder schwebte ich beseelt ein paar Zentimeter über dem Boden auf diesen possierlichen, bittersüßen zwei Minuten Retro-Pop.

Es war klar: Mit ihrem neuen Album würden die Brüder die Pastiche-Vorwürfe nicht zum Schweigen bringen. Am vergangenen Freitag erschien „Look For Your Mind!“ und klingt größtenteils wie erwartet. Schon der Titelsong als Opener macht mit seinen dengelnden Byrds-Gitarren klar, wo die Band soundtechnisch zuhause ist: in den Sechzigern und Siebzigern. „2 Or 3“ leiht sich aus dem Beach-Boys-Repertoire das Tambour-Corps-artige Arrangement von „Sloop John B“, die charakteristischen Gesangsharmonien sowie den von Brian Wilson so verehrten „Be My Baby“-Drumbeat samt passendem Orgel-Stakkato. „Nothin’ But You“ könnte locker auf Big Stars „Radio City“ passen, von Paul und Linda McCartneys „Ram“ trennt „Gather Round“ nur noch ein schmissiges „Haaaaaands across the water“. Das surfige „Bring You Down“ lässt uns an eine kleine Honda denken, „You’re Still My Girl“ ist eine lupenreine Merseybeat-Nummer, Closer „Your True Enemy“ eine Verbeugung vor Todd Rundgren. Beim ersten Durchlauf kann ich nachvollziehen, wie der Eindruck entsteht: alles schon gehört, alles schon mal dagewesen. Langweilig?
Keinesfalls. Was „Look For Your Mind!“ zu einem der spaßigsten Retro-Pop-Alben der jüngeren Vergangenheit macht, sind die Details. Bei allem soundtechnischen

Konservatismus erschließen sich bei mehrmaligem Hören kompositorische Feinheiten. Die beginnen bei der durchgehend virtuosen Musikalität der beiden Brüder, die sich auf diesem Album übrigens brav beim Songwriting und Leadgesang abwechseln. Naturgemäß gibt es hier keine Gniedel-Soli, sondern cleveres Spiel mit Harmonien. Die Akkordstrukturen basieren zwar auf bekannten Mustern, brechen diese aber auf subtile Art und Weise auf. Genau das macht den Unterschied aus zwischen einer Band, die den Geist der 60er bloß reproduziert, und einer wie den Lemon Twigs, die den Anything-goes-Spirit dieses Jahrzehnts tatsächlich verinnerlicht haben. Beispiel: Bereits auf dem Opener gesellt sich zu den dengelnden Gitarren plötzlich ein supertrampiger ARP-Synthesizer, der durch seine Rechteckschwingung an eine Fuzz-Gitarre erinnert und dadurch nicht deplatziert wirkt. „Your True Enemy“ lässt das Album in psychedelischer Kakophonie enden, die im krassen Gegensatz zu den vorangegangenen 40 Minuten purer Harmonie steht. Solche Momente finden sich über das gesamte Album verstreut: kleine Easter Eggs, die in aller Vertrautheit Überraschungsmomente setzen.

Außerdem haben Brian-Wilson-Epigonen in der Vergangenheit oft eine wichtige Sache vergessen: Was die Beach-Boys-Meisterwerke zu Meisterwerken machte, war meist ein beeindruckend komplexer Refrain, der auf eine zuckrig-simple Strophe folgt. Diesen Trick haben die Lemon Twigs nicht nur verinnerlicht, sondern auf die Spitze getrieben. Was bei Songs wie „You’re Still My Girl“ und „My Heart Is In Your Hands Tonight“ in den Chorus-Passagen harmonisch passiert, daran werden sicherlich einige YouTube-Musikanalysten ihre diebische Freude haben. Es sei ihnen dieses eine Mal gegönnt.
„Look For Your Mind!“ ist nicht das beste Album der Lemon Twigs. Mehr noch: Es ist bisher das Album, das am wenigsten nach ihnen selbst klingt. Dennoch findet sich hier eine wunderschön gearbeitete Liebeserklärung an die Helden der Band, die das richtige Signal sendet: Die Lemon Twigs haben das klassische Pop-Handwerk nicht nur studiert — sie haben es verstanden.

Text: Marcus Can’t Dane

 

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