Record of the Week

Die Sterne „Wenn es Liebe ist“ (PIAS)

Hamburg Symbolbild, Golden Pudel Club im Sommer des Conrad Schnitzler Festivals (Photo: Thomas Venker)

Die Sterne
„Wenn es Liebe ist“
(PIAS)

Methoden der Lebensbewältigung

Wenn es Liebe ist … tja, was ist dann? Dafür müsste zunächst geklärt werden, was „es“ überhaupt ist. Freunde verraten? Ein Tier anschaffen? Klingt nach typischen Methoden der Lebensbewältigung. Und wenn das alles mit moralisch richtiger Intention geschieht, kann man schließlich nichts dagegen sagen. Oder? Genauso argumentieren doch alle, wenn sie „in Länder einmarschieren und Gebiete annektieren“. Man setzt die eigenen Interessen einfach in ein vermeintlich legitimes Recht.

Spilker ist zum Glück clever genug, die Ausführungen nicht ausschließlich im Sprachbild der Liebe zu belassen. Im Song „Wenn es Liebe ist“ tauchen dann auch Unsinn und Scheiße auf. Sich dem zu stellen und nicht nur ignorant die Achseln zu zucken („Will ich mal nichts gesagt haben“), wenn „beim Impfzentrum gezündelt und anschließend laut gelacht“ wird, wäre die eigentliche Maßnahme. Die Message: Es sollte uns wieder mehr angehen!

Die Sterne gehören zu den Dinosauriern der deutschsprachigen Popmusiklandschaft. Auf ihrem neuen Album klingen sie jedoch aufregender denn je. Paradoxerweise sind es hypnotische Krautrock-Anleihen, die den Texten von Frank Spilker (und auch von Dyan Valdés, die gleich mehrfach in Erscheinung tritt) einen neuen, spannenden Anstrich verleihen. Spoken-Word-Einschübe, die zwischen eindringlichen Bewusstseinsströmen und situativen Alltagsszenarien vermitteln, erzeugen den Eindruck: Frank Spilker, Dyan Valdés, Jan Philipp Janzen und Phillip Tielsch wollen wieder ins Gespräch kommen. Kein Detachment von der Gesellschaft. Zurück zum Diskurs!

„Ich habe nichts gemacht (außer weiter)“ ist keine obligatorische Durchhalteparole. Der Song spitzt vielmehr die Widersprüche zu, in die man sich ein Leben lang unweigerlich verstrickt. So ist es völlig normal, mal „gerade heraus zu sein“ oder auch „in Rätseln zu sprechen“. Geschweige denn „die Wahrheit zu sagen“ und „zu lügen“. Da soll bitte erst mal einer den ersten Stein werfen. Am Ende bleibt einem nichts anderes übrig, als daraus zu lernen und weiterzumachen. Auch wenn das ein unfassbar beschissener, beschwerlicher Prozess ist.
Sehr intensiv wird es auf dem Album, wenn Valdés in „Open Water“ eine missbräuchliche Beziehung thematisiert. Völlig ungeschönt beschreibt sie Tatbestände, die Personen bekannt vorkommen dürften, die in ähnlichen Partnerschaften gesteckt haben: Gewaltausbrüche, Angst, Schuldzuweisungen („Bin ich etwa das Problem?“) und Machtansprüche. Das ist harter Tobak und zugleich das künstlerische Highlight des Albums. Vor allem, wenn Valdés am Ende darin mündet: „I made a decision, I made a choice / I’m gonna keep fucking swimming“. Das könnte kein Wandtattoo und kein Lifecoach der Welt besser formulieren.

Die Sterne – „Ich nehme das Amt nicht an“ (der Film)

„Fan von Irgendwas“ ist zunächst eine willkürliche Assoziationskette von Aktivitäten gegen die Volkskrankheit Langeweile („Langeweile ist ein Pulverfass“). Obacht ist dabei nur geboten, dass man nicht bloß etwas tut, um es zu tun. Oder in Dinge versinkt, die einem mental gar nicht guttun — etwa stundenlang auf TikTok beziehungsweise Instagram abzuhängen. Ich meine, wer hat sie mittlerweile nicht, diese Freund:innen, die einem über den Tag verteilt 34 Reels schicken? So bekommt man wenigstens die Bahnfahrten schnell rum, und der Brainrot ist vorprogrammiert. Content, Content, Content: Jeder setzt sich vor die Kamera und glaubt, etwas ultimativ Wichtiges zu erzählen. Daraus zu filtern, was inhaltlich stimmt, Bilder einzuordnen — welches Hirn soll das alles noch bewerkstelligen? Kein Wunder also, dass man sich an ChatGPT wendet und sich den Kram brühwarm zusammenfassen lässt. Ein guter Kniff des Songs „Fan von Irgendwas“ ist es, dass Roboterstimmen einem die Sachlage vorerzählen.

Damit das Ganze nicht komplett im Kulturpessimismus versinkt: Social Media, KI und all das sind Mittel. Letztlich hängt es davon ab, wie der Mensch sie benutzt. Zurzeit ist der Effekt allerdings primär Verblödung. Warum das so ist, muss aus den gesellschaftlichen Verhältnissen heraus erklärt werden. Diese sind zum Glück veränderbar, sodass KI irgendwann tatsächlich ausschließlich hilfreich genutzt werden kann — und nicht für militärische Drohnenflüge oder als Einsamkeitsverstärker.

So ist es gut, dass „Wenn es Liebe ist“ als Album vieles aufwirft und erst einmal stehen lässt. Denn diese Dinge müssen im Argument ausgefochten werden. Oder wie Frank Spilker selbst sagt:„Vielleicht wäre es gut und die Vernunft würde siegen.“

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