Sonntag, 16.12.2018
Record of the Week

Dirty Projectors “Lamp Lit Prose“

dpcDirty Projectors
“Lamp Lit Prose“
(Domino Records)

Auf seinem inzwischen achten Studioalbum findet David Longstreth wieder zurück zum Glück: War der grandiose Vorgänger „Dirty Projectors“ (2017) noch merklich von der Trennung von Ex-Dirty Projectors-Mitglied Amber Coffman geprägt und somit musikalisch wie textlich eher dunkel und wenig optimistisch gehalten, zeigt sich der Nachfolger „Lamp Lit Prose“ bunt und voller Lebensfreude. Hießen auf „Dirty Projectors“ die Songs noch „Winner Take Nothing“ oder „Death Spiral“, liest man auf „Lamp Lit Prose“ Songitel wie „I Found It In U“ oder „You‘re the One“.

Der sperrige Glitch-Pop des selbstbetitelten 2017er Albums verschwindet dennoch nicht komplett, es gesellt sich aber eine breitere Instrumentierung dazu. So tauchen Folk-Gitarren, Flöten oder die für Longstreth so typischen, krachigen Gitarrenriffs auf. Schließlich wurde „Lamp Lit Prose“ auch wieder mit einer kompletten, fünfköpfigen Band aufgenommen.

Als Paradebeispiel für den positiven Sound von „Lamp Lit Prose“ kann man die erste Single des Albums, „Break-Thru“ nehmen, ein sommerlicher Pop-Song, mit catchiger Gitarren-Hook und voller popkultureller Anspielungen: „She is so dreamy, that she has got features on Fellini“ singt Longstreth, oder auch „Archimedes Palimpsest, hanging out all Julian Casablancas“.
Doch Longstreth referenziert nicht nur italienische Filmregisseure oder Indie-Rock-Kollegen, er verweist auf „Lamp Lit Prose“ auch oft auf seine eigene Bandgeschichte, am deutlichsten auf dem Cover, das offenbar sowohl eine Referenz an das Cover des 2004er Albums „Slaves‘ Graves and Ballads”, wie auch an das Cover des bandeigenen Meisterwerks „Bitte Orca“ aus dem Jahr 2009 darstellt.

Zusätzlich durch die bereits bekannten, abgerundeten rot-blauen Elemente ist das Artwork dieses Mal auch mit Blumen angereichert – offensichtlich ein Hinweis auf das, ja: blumige Wesen des Albums, wie auch eine Vorwegnahme darauf, dass hier ein positiveres Album als noch der Vorgänger vorliegt. Ein Paradeexempel für den helleren Sound von „Lamp Lit Prose“ ist der Song „You’re the One“, ein zart-harmonischer Folksong über die Liebe, bei dem Robin Pecknold (Fleet Foxes) und Rostam (Ex-Mitglied bei Vampire Weekend) mitwirken. David Longstreth singt von der Schönheit des Hier und Jetzt: „I’m here with you now/I know that you’re the one“. Das klingt sehr schön heimelig – und ist schon fast an der Grenze zum Folk-Kitsch.

Mit „Dirty Projectors“ legte Longstreth ein textliches Gesamtwerk über eine vergangene Liebe vor. „Lamp Lit Prose“ wendet sich hingegen dem Hier und Jetzt zu – der Album-Opener heißt passenderweise „Right Now“.  Doch seine Ideen wirken im Gegensatz zum retrospektiven Vorgänger nicht so ausgegoren, es fehlt an Kohärenz. „Lamp Lit Prose“ mäandert irgendwo zwischen schrammeligem Sound (das sehr tolle Empress Of-Feature „Zombie Conqueror“) und dem eher glatt produzierten, an Justin Timberlake-erinnernden Funk-Song „I Feel Energy“, einem der schwächsten Songs der Platte. Durch die vielen verschiedenen Gäste, die Longstreth auf dem Album einbaut, wie auch durch die breit gestreuten musikalischen Anleihen, die er versucht zu inkorporieren, wirkt „Lamp Lit Prose“ eher wie eine Songsammlung als ein Gesamtkunstwerk. Das war auf dem in Glitch-Pop gehaltenen und von R&B-beeinflussten Vorgänger „Dirty Projectors“ noch anders.

Die Qualität einzelner Songs vom neuen Album ist dennoch nicht von der Hand zu weisen; allen voran überzeugt der dringliche Indie-Rock-Song „That’s A Lifestyle“, bei dem der Sänger im Refrain zu wundervollen Harmonien ansetzt, die man noch auf ewig im Ohr haben wird.

„Lamp Lit Prose“ ist ein blumig-süßes Album geworden – ein Songalbum, das sehr schnell seine Message, aber nur schwer eine musikalische Struktur offenlegt. Es ist sozusagen der Gegenpart zu dem Vorwerk „Dirty Projectors“. Wer das Vorgängeralbum liebte, muss nicht zwangsläufig die neue Platte mögen. Und umgekehrt. Was daran liegt, dass Longstreth „Lamp Lit Prose“ als Neuanfang versteht – nachzuhören auf  „Blue Bird“. „You and me, me and you. Something sweet, something new. Fresh and clean, like the beginning. Blue bird sing your tune, from the lilacs in bloom“.
Der Text fasst es zusammen, die Dirty Projectors haben viel Neues gefunden seit dem letzten Album, sich aber trotzdem musikalisch oft auf eigene Band-Historie zurückbesonnen. Ein Spagat, der stellenweise funktioniert, aber oft zu uninteressant bleibt, als dass das Album in der Liga der drei großartigen Vorgängeralben „Bitte Orca“ (2009), „Swing Lo Magellan“ (2012) und „Dirty Projectors“ (2017) mitspielen könnte.

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