Sonntag, 16.12.2018
Record of the Week

Iceage “Beyondless”

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“Beyondless”
(Matador/Beggars Group)

Eigentlich ist Iceage eine unmögliche Band. Die Vorstellung, dass vier junge Dänen, die mit ihrer sperrigen Version von Punk, dem das Kotzen hörbar im Hals steckenbleibt, internationale It-Boys des Pop werden, scheint aus den utopischen Tagträumen eines jeden Teenagers zu stammen. Doch dank Pitchfork-Promo öffnete sich 2011 ein klitzekleines Zeitfenster, in der sich die stilsicher abgemagerten Jungs rund um Nihilist und Sänger Elias Bender Rønnenfelt plötzlich auf einem amerikanischen Markt statt im ewiggleichen Autonomen Zentrum etablieren konnten.

Hört man heute das Debüt »New Brigade« möchte man sich den Erfolg damit erklären, dass es erst eine Band aus Kopenhagen gebraucht hat, um Punk auch international wieder eine hymnische Lakonie einzutrichtern. Ihr Debüt platzte vor Energie, aber eine, die sich gegen sich selbst richtet. Das Romantische an Iceage ist genau dieses selbstzerstörerische In-Sich-Sacken gegenüber allem und jedem, das man den fiependen Songs entnehmen kann. Dabei simulierte Iceage Punk bloß. Sie haben die verrotzten Gesten und Mythen des Punk schon fast zu formvollendet internalisiert, um wirklich Punk zu sein. Müde war der Skandal um die faschistische Symbolik, die sie zur Provokation benutzten, aufgesetzt ihr bewusst ambivalent in Szene gesetztes Verhältnis zu Politik. Sie zehren am Schicksal der Spätgeborenen: Weil Bands vor ihnen dies alles schon durchexerzierten, kennen Rønnenfelt und Co. in- und auswendig, wie man sich als Musikgruppe edgy inszeniert. Bewusst oder unbewusst werden sie zur Pastiche, in ihrer misanthropischen Sonnenbrillen-Coolness schon fast wieder nostalgisch, auch wenn sie dies natürlich niemals zugeben würden. Und da die Band Iceage dieses Karussell, das sich Pop nennt, allzu gut kennt, weiß sie auch, dass sie sich immer wieder neu erfinden muss, um nicht langweilig zu werden.

Nachdem sie auf ihrem letzten Album »Plowing Into the Field of Love« ausgedörrte Country-Anleihen adaptierten, scheint es, als wären sie mit ihrem vierten Album »Beyondless« nun bei ihrer großen Pop-Platte angelangt. So existenzialistisch wie nie lallt sich Rønnenfelt ins eigene Aus, diesmal begleitet von Big-Band-Grandeur und exakteren Songstrukturen. Vom Iceage-Punk übriggeblieben ist der Selbstzweifel und der Heroin-Ethos, während der Sound und die plärrende Gebärde des allseits verschmähten Britpop nun die Ästhetik der Dänen unterwandert. Was auf Papier äußerst hassenswert klingt, gelangt auf Albumlänge zur Erkenntnis, dass in einer gerechten Welt der Britpop der Arbeiterjugend so hätte sein können: grobschlächtig und doch verspielt, hymnisch, aber nicht anbiedernd.

»Beyondless« wirkt wie jede gute Platte wie in Stein gemeißelt, ein miesgelauntes und übergeschnapptes Stück Musik, das sich um nichts als um sich selbst dreht. Wenn Rønnenfelt »And I’m hoping that the end is nigh / I’m waiting for the day the music dies« rausposaunt, ärgert man sich, dass man diese Band gar nicht so unsympathisch finden kann, wie sie es gerne hätte.

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