Record of the Week

Jonathan Bree “After The Curtains Close”

Jonathan Bree
“After The Curtains Close”
Lil’ Chief Records / Cargo

Angesichts dieser Veröffentlichung liegt die Frage nahe, ob sich die Euphorie, die Brees letztem Album „Sleepwalking“ entgegenschlug, in vollem Umfang aufrechterhalten lässt, wenn, wie in diesem Fall, das künstlerisch-musikalische Konzept nur sehr moderat verändert wurde. Immer noch croont sich Bree mit der valiumartigen Verve einer männlichen Variante Lana Del Reys durch verhallte Songs voller gebrochenem Kitsch.
Was auf den ersten Blick wie eine Reminiszenz an Easy Listening erscheint, kann gleichermaßen als Offenlegung der Abgründe gelesen werden, die im suburbanen Heile-Welt-Pop (wir denken an die Carpenters) immer schon auf unterschwellige Weise angelegt waren. Die Tendenz, good clean fun in kaputten Spaß zu transformieren, die auch auf diesem Album wieder vorgeführt wird, verweist auf die Art, in der sich David Lynch unbelastete, „unschuldige“ Popsongs der frühen 60er aneignete, um sie umzuwandeln in Soundtracks der enthemmten Dekadenz.

Da ist es nur konsequent, wenn in dem bereits doppeldeutig betitelten „Happy Daze“ die sonnendurchflutete Beach-Boys-Hymne „Fun, Fun, Fun“ zitiert wird, um sie zu integrieren in die entschieden schattige Welt des Jonathan Bree. Dass sich Lee Hazlewood und Serge Gainsbourg als Souffleure im Hintergrund bewegen, verwundert in diesem Zusammenhang kaum. Analog zu diesen, zelebriert Bree die Kunst des Anti-Liebeslieds, das das Ideal der Harmonie mit Zynismus und Trennungsschmutz konfrontiert. Damit diese Gemengelage der Verworfenheit erträglich wird, muss die Musik umso stärker mit Lieblichkeitsreizen ausgestattet werden. Die Streicher sowie der mit dem Plektrum gespielte Bass, der nicht nachschwingt, tragen ihren Teil zu diesem Eindruck bei, dem dabei gleichsam Momente der Dissonanz und Verschachtelung entgegenstehen (Vergleich„No Reminders“). In diesen Augenblicken mutet Brees Perspektive auf Easy Listening an wie die Saccharin-Variante von Progrock (um auf die eingangs gestellte Frage zurückzukommen: all das mag keine Euphorie mehr auslösen, aber die Stücke und der sie umgebende Nimbus bleiben faszinierend).

Die sich hier andeutende Nähe zum Konstrukt bestimmt Jonathan Brees Ansatz in hohem Maße. Als er mit seiner Band vor zwei Jahren, bei circa 30 Grad Außentemperatur, im gewohnten Look inklusive Masken und Perücken im Bumann & Sohn auftrat, war in jedem Augenblick das Gefühl gegenwärtig, Bree würde lieber tot um- als aus der Rolle zu fallen. Wie die Band es geschafft hat, unter den Masken nicht zu schwitzen, wird für immer ihr Geheimnis bleiben. Das Spiel mit Künstlichkeit, das diesem Projekt ganz offensiv innewohnt, hebt Jonathan Bree von anderen zeitgemäßen Darstellungsformen von Popmusik ab (wobei gewisse Parallelen mit Yves Tumor nicht ganz von der Hand zu weisen sind, auch wenn es bei diesen eher um Gendermodelle geht). So wurden beim Konzert Authentizität und Musikertum hinterfragt, indem unklar blieb, ob die Musik live gespielt wurde oder aufgezeichnet war. Jonathan Bree bewegt sich in der Tradition gestischer Verfeinerung, wie sie schon die Modszene und Glam auszeichnete. Trotz aller Verweise, die die Musik aufruft, kann er als einzigartige Figur in der Musikszene von heute gelten.

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