Records of the Week Spezial 


Bartees Strange / Perfume Genius / Soccer Mommy

Bartees Strange
„Farm to Table“
(4AD)

Direkt mal was Grundsätzliches: Im Indie-Rock (was auch immer das mittlerweile ist) wird zu selten geflext. Heißt, dass nur die Wenigsten mit ihrem Erfolg angeben oder ihre eigene Genialität auch mal als solche benennen. Schade eigentlich.

Gestatten: Bartees Strange. Auf „Cosigns“, einem der vielen Highlights auf seinem zweiten Studioalbum „Farm to Table“, prahlt er nicht nur damit, dass er deutlich bekanntere Indie-Größen wie Phoebe Bridgers oder Justin Vernon (Bon Iver) zu seinen Freunden zählen kann, sondern bezeichnet sich außerdem als Genie und droht den hochgelobten Kritiker-Lieblingen Big Thief damit, ihnen die Fans zu klauen: „I’m a thief, when things get big, look, I’mma steal your fans.“
Seine gigantischen Ambitionen lässt er auf der gesamten Platte immer wieder raushängen, und mal ganz ehrlich: Warum auch nicht?

Bartees Strange hat keine Angst vor großen Gesten – der Refrain im Opener „Heavy Heart“ ist so stadionreif, dass so ziemlich jeder andere Indie-Act davor zurückschrecken würde („I never wanna miss you this bad/I never wanna run out like that/Sometimes I feel just like my dad/Rushing around“) –, was ihn tatsächlich auf die großen Bühnen katapultieren könnten, die er schon seit seinem Debütalbum „Live Forever“ anstrebt. Das Ziel wird greifbarer, zumindest gefühlt. Daher auch der Albumtitel: “I used to be on a farm, but now I’m at the table“, erklärt er im Interview mit dem amerikanischen Rolling Stone.

Sein Trick: Ein wild zusammengewürfeltes Post-Genre-Mischmasch aus verschiedenen Stileinflüssen. Der Song „Wretched“ beginnt beispielsweise mit aufgestapelten Synths und verwandelt sich danach in ein schimmerndes Disco- Feuerwerk, bis anschließend eine seicht angeschlagene Akustikgitarre in den Vordergrund rückt. Ebenfalls auf der Platte vertreten: Protziger Autotune-Rap, eingängige Pop-Punk-Hooks, introvertierte Folk-Balladen, arpeggierte Emo- Gitarren – und dabei ist das Album nur 34 Minuten lang. Klar, so ein Gehüpfe kann plakativ sein, doch bei Bartees Strange wirkt das Vermischen von Stilen nicht wie ein erzwungenes Gimmick, sondern wie überaus sympathisches Flexen.

Perfume Genius
„Ugly Season“
(Matador)

Wer seine Songwriting-Tricks perfektioniert und damit bereits mehrere Platten gefüllt hat, macht früher oder später irgendwas, das nach Filmmusik klingt. Hat’s in der Popgeschichte zumindest schon dreitausendmal gegeben (siehe Post-„OK Computer“-Radiohead, Nick Caves Werk der vergangenen zehn Jahre, vieles von Sufjan Stevens).

Angefangen bei den intimen Piano-Balladen seiner frühen Home-Recordings bis hin zu seinem körperlichen Fünftwerk „Set My Heart On Fire Immediately“ (2020), das dem eigenen Titel alle Ehre gemacht hat, ist Mike Hadreas (aka Perfume Genius) von Album zu Album selbstbewusster in seiner Ästhetik und pompöser in seinen Arrangements geworden. Alles wurde immer voller, rhythmischer, poppiger auch. Das manchmal instrumentale, fast immer aber Raum lassende „Ugly Season“ ist nun größtenteils frei von klassischem Songwriting – ein Schritt in die andere Richtung, der irgendwie Sinn macht. Mit anderen Worten: „Ugly Season“ ist die mittlerweile sechste Platte von Perfume Genius und klingt auch so.

Meistens singt Hadreas in einem so sphärischen Falsetto, dass der Mann dahinter nur noch schwer zu erkennen ist. Hier und da gibt’s mal eine eindeutige Melodieführung (zum Beispiel auf „Pop Song“, passenderweise), doch hauptsächlich erinnert das Ganze eher an Weltmusik, Arnold Schönberg oder die zweite Hälfte von Bowies „Low“ – oder eben an Filmmusik. Könnte daran liegen, dass ursprünglich mal eine visuelle Ebene zu den Stücken gehörte, denn die Musik wurde als Untermalung für das Contemporary-Tanzstück „The Sun Still Burns Here“ der Choreografin Kate Wallich komponiert. Bei der Frage, was die merkwürdigen Reggae-Einflüsse im Titeltrack zu suchen haben, bin ich hingegen ratlos.

Soccer Mommy
„Sometimes, Forever“
(Loma Vista)

Andere Möglichkeit, die eigene Musik in ein neues Licht zu rücken: neue/r Produzent/in. Hat’s auch schon dreitausendmal gegeben, häufig mit Erfolg. Für „Sometimes, Forever“, dem dritten Album der 24-jährigen Sophie Allison, alias Soccer Mommy, wurde nun also Daniel Lopatin rekrutiert. Unter dem Namen Oneohtrix Point Never hat er bereits einige hochgelobte Alben veröffentlicht, letztens noch auf „Dawn FM“ von The Weeknd mitgearbeitet und in den vergangenen Jahren ein paar großartige Film-Soundtracks komponiert („Good Time“, „Uncut Gems“). Die Erwartungen für eine Allison/Lopatin-Kollaboration sind dementsprechend hoch und – Trommelwirbel – werden teilweise erfüllt. Mehr leider nicht.

Schlicht und einfach, weil Lopatins Ergänzungen häufig zu subtil sind. Die chaotischen Sci-Fi-Synths in „With U“, die fragmentierten Drum-Computer im shoegazigen „Darkness Forever“ und der blubbernde Trip-Hop in „Unholy Affliction“ gehen in die richtige Richtung, doch größtenteils fehlt ein ausgeprägterer Wille zur Abenteuerlustigkeit, den man sich von Lopatin gewünscht hätte. Erwartungen können fies sein.

Als Meisterin darin, kompakte Wortketten in klare Bubblegum-Melodien einzubetten, hat Soccer Mommy andere Songs (vor allem „Shotgun“!) so verdammt catchy arrangiert, dass man die fehlenden Produktionsrisiken dann doch nicht mehr vermisst. Ihre „90er-Jahre-Indie-Rock-trifft-auf-Avril-Lavigne“-Ästhetik wird auf „Sometimes, Forever“ glücklicherweise um neue Thematiken ergänzt: Zu viel Erfolg nimmt dir die Menschlichkeit, Künstler werden von der Musikindustrie ausgenutzt, Depressionen in jungen Jahren sind heutzutage keine Seltenheit mehr. Im Closer „Still“ singt sie weinerlich: „But I miss feelin’ like a person/‘Cause I read those things people have to say“.

Ich bin besser ruhig jetzt.

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